05.08.1953

NAUMANN-ENTLASSUNGDas Angebot der CDU

Seit letzten Donnerstag geben sich Dutzende von Besuchern die Gartenpforte des einzelstehenden Villengrundstücks in der Lörickerstraße Nr. 33 in Büderich bei Düsseldorf in die Hand. Dr. Werner Naumann, Zentralfigur der britischen Besatzungsaktion vom 14. Januar gegen den "Gauleiterkreis", ist aus dem Untersuchungsgefängnis des Obersten Bundesgerichts in Karlsruhe wieder in sein Domizil bei der Im- und Exportfirma H. S. Lucht zurückgekehrt.
In dem Briefkasten seiner Chefin und Gönnerin, der belgisch geborenen Lea Lucht, häufen sich Briefe und Telegramme. Und das Haustelephon, von dem durch das Material der Naumann-Affäre alle Welt weiß, daß es abgehört wird, steht nicht still.
Die Affäre Naumann ist durch diesen Andrang im Begriff, auf ein neues Gebiet zu rutschen. Rund 18 000 Mark wurden allein von einer Illustrierten (unter anderem) dem durch die Polemik zum Prototyp des nachkriegsdeutschen Neofaschisten gestempelten Goebbels-Staatssekretär geboten für eine Serie über seine Erlebnisse von der Reichskanzlei im Kampf um Berlin über Werl bis Karlsruhe.
Neben der Sensationspresse sind es auch die Splitterparteien der Rechten, die in Naumann offensichtlich ein Geschäft wittern. Die Deutsche Reichspartei, mit deren Bundestagsabgeordneten von Thadden (einem Opfer des 20. Juli 1944) Naumann befreundet ist, hat die Absicht, ihn für sich im Rennen um ultrarechte Stimmen im Wahlkampf laufen zu lassen.
Der DRP-Redner Wilhelm Grapenpeter überraschte die Zuhörer einer Diskussion nach einer FDP-Veranstaltung in Kiel mit der Mitteilung, die DRP habe Naumann als Spitzenkandidaten auf ihre Landesliste gesetzt. Auch "Volk-ohne-Raum"-Hans Grimm sei in Schleswig-Holstein für die DRP aufgestellt worden. Beide Nennungen sind nach Grapenpeter "bereits erfolgt, als Naumann noch in Haft war".
Theoretisch kann Naumann durchaus Bundestagsabgeordneter werden. Er hat anderen ehemaligen NS-Funktionären voraus, daß er bis heute noch durch keine Entnazifizierungsmühle gedreht worden ist. Nach dem bundesdeutschen Wahlgesetz können in die Entnazifizierungsgruppen I und II Eingestufte nicht ins Bonner Plenum gewählt werden. Naumann gehört in Ermangelung eines Verfahrens gar keiner Gruppe an.
Die Gesetzesmacher hatten an diese Möglichkeit bei der Verabschiedung des Wahlgesetzes nicht gedacht. - Naumann sagt selber, daß er durch Anrufe und Briefe geradezu erpreßt werde, sich - ähnlich wie Remer von der SRP verheizt wurde - zur Verfügung zu stellen. Täte er es nicht, so wolle mancher seiner neuen und alten politischen Freunde darin einen Akt der Feigheit erblicken.
Nach sechseinhalb Monaten Untersuchungshaft erscheint der Mann, der von den Briten und einem Teil der Bundesregierung als eines der stärksten potentiellen Gefahrenmomente in der Bundesrepublik
bezeichnet wurde, für einen solchen Gewaltstart allerdings etwas mitgenommen. Der bereits in drei Kriegsjahren viermal Verwundete sitzt mit eingefallenen Wangen, erheblichen Tränensäcken unter seinen dunklen Augen und einem zu weit gewordenen Anzug in den rheinischen Repräsentationsgemächern der Frau Lucht. Rodins Statue "Ehernes Zeitalter" steht en miniature mit einer geballten Faust auf dem Fensterbrett.
Eine Entscheidung, ob er diesen Sirenenklängen aus Politik und Presse folgen soll, hat er noch nicht getroffen. Auch ist er noch nicht ganz sicher, ob jene Gerüchte über eine erneute britische Verhaftung, die ihn noch in Karlsruhe erreichten, nicht Gestalt annehmen können. Dem Rat überängstlicher Freunde, nicht in die Britische Zone zurückzukehren, ist er aber nicht gefolgt. Ein Sprecher der britischen Hohen Kommission sagte auf eine Frage nach diesen Gerüchten: Alles sei möglich, eine neue Verhaftung erscheine jedoch unwahrscheinlich, nachdem der Naumann-Fall an die deutschen Behörden abgegeben wurde.
Was die konkreten Erfahrungen Naumanns mit seiner Haftzeit im "Kriegsverbrecher"-Gefängnis der Haftanstalt Werl angeht, so hat er aus dieser Zeit verschiedene Eindrücke wiederzugeben. Der Gefängnis-Kommandant habe sich ihm gegenüber sehr korrekt verhalten. Andersartige Erlebnisse habe er mit den Vernehmungsmethoden der politischen Untersuchungsbeamten gehabt.
In einem Disput über die Behinderung in seiner Verteidigung sei ihm damals geantwortet worden: Für Nazis gebe es auch im Jahr 1953 keine Verteidiger, und die Briten hätten schon Männer anderen Formats nach Elba gebracht.
Als nicht weniger unfein empfand Naumann damals die Ankündigung seiner Vernehmungsbeamten, sie würden dafür
sorgen, daß er keine Freunde mehr habe, wenn er aus dem Gefängnis komme. Diese Antwort erhielt er auf die konstante Weigerung, über seine Unterredungen mit amtierenden deutschen Politikern Auskunft zu geben, um seine Gesprächspartner nicht zu belasten. Zu diesem Punkt schweigt Naumann auch heute noch, wenn er nach dem Inhalt seiner Gespräche etwa mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Kurt-Georg Kiesinger gefragt wird, jenem Mann, der im ersten Bundestag als außenpolitischer Sprecher der Koalition auftrat und während des Krieges Verbindungsmann zwischen Ribbentrops und Goebbels' Ministerium gewesen ist.
Trotz allen Lärms in Bonn nach seiner Verhaftung bleibt Naumann heute noch dabei, daß eines der wenigen konkreten Angebote für eine parteipolitische Aktivität an ihn aus den Reihen der Partei des Bundeskanzlers herangetragen worden sei. Derart weitestgehende Angebote an ihn in dieser Richtung seien bisher in den amtlichen Veröffentlichungen aber nicht genannt worden.
In der Tat befürwortete Naumann im Widerspruch zu vielen seiner Freunde die Westverträge und des Bundeskanzlers Integrationssystem. Darum kann es der noch von der Haftpsychose Befangene auch in seinen ersten Freiheitstagen schwer begreifen, daß Adenauer als "profilierte Persönlichkeit" nach wie vor von der Naumannschen Schuld überzeugt ist und so wenig menschliche Größe besitze, einen Irrtum einzugestehen, für den ihn nach der fehlerhaften Unterrichtung durch Kirkpatrick niemand verantwortlich machen könne.
Schon sind verschiedene Veröffentlichungen in Vorbereitung, sowohl von Verteidiger Friedrich Grimm als auch von einem Naumann-Freund, der schon ein ganzes Buch über die Hafterlebnisse im Druck hat. Naumann, dessen Name vor seiner Verhaftung für kaum noch jemand ein Begriff war - ausgenommen vielleicht alte Nazis und die Politiker, die mit ihm sprachen, wie zum Beispiel FDP-MdB Onnen, BHE-Chef Kraft oder CDU-MdB Kiesinger - hat nun alle Voraussetzungen, eine Rolle spielen zu können.

DER SPIEGEL 32/1953
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