19.08.1953

NS-LITERATURDes Teufels Großmutter

Nun hat auch der dritte der drei Freigesprochenen des ersten Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses gegen "Göring und Genossen" seinen umfassenden postkatastrophalen Bericht gegeben. Die Münchner Illustrierte "Revue" ist dabei, die Erinnerungen von Dr. Horace Greeley Hjalmar Schacht in Fortsetzungen zu drucken, und es wird nicht lange dauern, dann werden "76 Jahre meines Lebens" als Buch zu haben sein, wie heute schon jedermann Franz von Papens "Der Wahrheit eine Gasse" oder Hans Fritzsches "Das Schwert auf der Waage"*) kaufen kann.
Mit weit weniger Aufwand an Propaganda und Kritik als die Rechtfertigungen der drei Nürnberger Davongekommenen ist bisher ein Buch bedacht worden, das von einem Angeklagten stammt, der vor Papen, Schacht und Fritzsche, die auf der zweiten Bank der Box saßen, in der ersten Reihe auf dem schmalen, unbequemen Sitzbrett zwischen Rosenberg und Frick placiert worden war: das Buch des Reichsministers Dr. Hans Frank, des ehemaligen Chefs der deutschen Zivilverwaltung in Polen, der am 16. Oktober 1946 im Turnsaal des Nürnberger Justizgefängnisses hingerichtet worden ist. Das Manuskript war in der Nürnberger Haft 21 Tage vorher fertig geworden, und so erhielt das Buch den passenden, wenn auch nicht eben sehr zurückhaltenden Titel: "Im Angesicht des Galgens"**).
Der Autor Frank unterscheidet sich von seinen ehemaligen Mitangeklagten Papen, Schacht und Fritzsche unter anderem dadurch, daß er seine Arbeit eigentlich gar nicht für eine post-mortem-Veröffentlichung bestimmt hat. Sie war als ein Vermächtnis an seine Kinder gedacht, ein "Erfahrungsbericht, das heißt eine Darstellung von wirklichen Erkenntnissen, die ich selbst unmittelbar oder zuverlässig mittelbar von Handlungen, Unterlassungen, Meinungsäußerungen und tatsächlichen Anschauungen Adolf Hitlers in bezug auf einige bedeutsame Bereiche seiner Wirksamkeit im Laufe der Jahre 1920 bis 1945 gewonnen habe ... Ich gebe keinerlei Wertungen, weder im positiven noch negativen Sinn."
Frank war in der Nürnberger Haft zur römisch-katholischen Kirche übergetreten. Der amerikanische Armeepfarrer Franziskaner-Pater Sixtus O''Connor, der für die
Nürnberger zuständig war, hat die Niederschrift des Textes im Gefängnis ermöglicht. Frank schenkte dem Geistlichen sein handschriftliches Skript und bat ihn, es seinem Klosterarchiv zu übergeben.
Eine von Frank durchgesehene und unterfertigte Maschinenabschrift kam in Frau Brigitte Franks Hände. Der Herausgeber Oswald Schloffer strich die rein privaten Hinweise an die Frank-Kinder und auch sonst einige Teile ganz heraus, verbesserte Stil und Form und hängte einen ausführlichen textkritischen Apparat an. So kam "Im Angesicht des Galgens" sieben Jahre nach Franks Hinrichtung in die Buchläden.
Bei der Werbung für das Buch gab es gleich eine Kontroverse. Der Verlag hatte eine Postwurfsendung "An alle Rechtsanwälte" versandt, in der sich über das Buch des "Polenschlächters" die Worte fanden: "Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt! ... der Autor dieses einmaligen und unter außergewöhnlichen Umständen entstandenen Dokuments war ein Rechtsgelehrter und Rechtspraktiker wie Sie!" - Ein Frankfurter Rechtsanwalt und Notar fühlte sich dadurch beleidigt, er empfand die Sendung als "Unverschämtheit". Der Verlag mußte beruhigen, er habe nur an eine "rein formale Gemeinsamkeit" gedacht. Der spätere Herr über Polen war nämlich wirklich der Rechtsanwalt Frank II aus München.
Hans Frank hatte den Adolf Hitler zum erstenmal als 19jähriger Student der Rechtswissenschaft und Volkswirtschaft im Münchner Mathäser-Bräuhaus erlebt, im Jahre 1920, und er hatte ihn zum letztenmal gesehen im Februar 1944 in der "Wolfsschanze". Damals war Frank Generalgouverneur in Polen. Dazwischen liegt die lange Zeit, die von Frank in die Buchteile gegliedert wird:
* "Der unfaßbare Aufstieg";
* "Die unbegrenzte Macht";
* "Die unheimliche Katastrophe".
Sein eigenes "Wirken" auf der Burg zu Krakau streift Frank eigentlich kaum. Sein Nürnberger Todesurteil wirft ihm vor, daß er "ein williger und wissender Mitarbeiter sowohl bei der Anwendung von Terror in Polen war, wie bei der wirtschaftlichen Ausbeutung Polens auf eine Art und Weise, die zum Hungertod einer großen Anzahl Menschen führte; ferner bei der Deportation von mehr als einer Million Polen als Sklavenarbeiter nach Deutschland und, in Ausführung eines Programms, das den Mord von mindestens drei Millionen Juden zur Folge hatte".
Der Autor Frank geht über diese Dinge hinweg und verbreitet sich nicht darüber. Der einsame Mann in der Zelle berichtet dafür ausführlich - zuweilen sentimental - über die "Kampfzeit", die treuen alten Kameraden und über seinen Weg zur NSDAP. Er hatte als junger Anwalt Mitte der zwanziger Jahre mit Erfolg einige Verteidigungen von "Parteigenossen" übernommen und wurde so allmählich Hitlers Leibjurist in den vielen Beleidigungsprozessen der turbulenten Zeit. Dabei ist er auf ganz amüsante Tatbestände gestoßen, wie etwa diesen:
"Eines Tages, etwa Ende 1930 muß es gewesen sein, wurde ich zu Hitler gerufen. Er war in seiner Wohnung am Prinzregententheater. Er sagte mir unter Vorlage eines Briefes, daß hier eine ''ekelhafte Erpressergeschichte'' eines seiner widerlichsten Verwandten vorliege, die seine. Hitlers, Abstammung betreffe.
"Wenn ich nicht irre, war es ein Sohn seines Stiefbruders Alois Hitler (aus der anderen Ehe von Hitlers Vater), der leise Andeutungen machte, daß sicher ''im Zusammenhang mit gewissen Presseäußerungen ein Interesse daran bestünde, sehr gewisse Umstände unserer Familiengeschichte nicht an die große Glocke zu hängen''. Diese Presseäußerungen, auf die hier angespielt wurde, lauteten dahin, daß ''Hitler Judenblut in seinen Adern hätte und er daher eine geringe Legitimation hätte, Antisemit zu sein ...''
"Ich ging im Auftrag Hitlers der Sache vertraulich nach. Insgesamt habe ich zu alledem folgendes aus allen möglichen Quellen festgestellt: Der Vater Hitlers war das uneheliche Kind einer in einem Grazer Haushalt angestellten Köchin namens Schickelgruber aus Leonding bei Linz. Er trug daher, entsprechend dem Gesetz, wonach das uneheliche Kind den
Familiennamen der Mutter führt, bis etwa zu seinem vierzehnten Lebensjahr auch den Namen Schickelgruber.
"Als nun seine Mutter, also Adolf Hitlers Großmutter, heiratete, nämlich einen Herrn Hitler, wurde ihr uneheliches Kind, der Vater Adolf Hitlers, durch Rechtsakt per matrimonium subsequens als eheliches Kind der Ehe Hitler-Schickelgruber legitimiert. Insoweit ist alles klar und eigentlich durchaus nichts Ungewöhnliches.
"Aber das ganz über alle Maßen Merkwürdige an der Geschichte ist folgendes: Diese Köchin Schickelgruber, Großmutter Adolf Hitlers, war in einem jüdischen Familienhaushalt mit Namen Frankenberger bedienstet, als sie ihr Kind gebar. Und dieser Frankenberger hat für seinen damals - die Sache spielt in den späten dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts - etwa neunjährigen Sohn, mit der Geburt beginnend, bis in das vierzehnte Lebensjahr dieses Kindes der Schickelgruber Alimente bezahlt. Es gab auch einen jahrelangen Briefwechsel zwischen diesen Frankenbergers und der Großmutter Hitlers, dessen Gesamttendenz die stillschweigende gemeinsame Kenntnis der Beteiligten war, daß das uneheliche Kind der Schickelgruber unter den Frankenberger alimentenpflichtig machenden Umständen gezeugt worden war.
"Dieser Briefwechsel war es vor allem, der manch minderwertiges Glied aus der weitverzweigten Verwandtschaft Hitlers zu scheußlichen Briefen, wie einer der oben von mir erwähnten, veranlaßte.
"Zu alledem möchte ich folgendes feststellen: Adolf Hitler selbst wußte, daß sein Vater nicht von dem geschlechtlichen Verkehr der Schickelgruber mit dem Grazer Juden herstammte. Er wußte es von seines Vaters und der Großmutter Erzählungen. Er wußte auch von den vorehelichen geschlechtlichen Beziehungen seiner Großmutter mit ihrem späteren Mann. Aber diese beiden waren arm. Der Jude zahlte die Alimente als höchst erwünschte jahrelange Zulage zum armseligen Haushalt. Man hatte ihn als den Zahlungsfähigen als Vater angegeben, und ohne Prozeß zahlte der Jude, weil er wohl einen prozessualen Austrag und die damit zusammenhängende Öffentlichkeit scheute ...
"Ich muß also sagen, daß es nicht vollkommen ausgeschlossen ist, daß der Vater Hitlers demnach ein Halbjude war, aus der außerehelichen Beziehung der Schickelgruber zu dem Grazer Juden entsprungen. Demnach wäre dann Hitler selbst ein Vierteljude gewesen. Dann wäre sein Judenhaß mitbedingt gewesen aus blutempörter Verwandtenhaßpsychose. Wer mag das alles ausdeuten können!"*)
Derartige - auch wesentlichere - Bezeugungen über Hitlers Person und manche seiner Äußerungen mögen für die Historiker von Wert sein. Sie müssen aus einem Wust von Gedanken herausgelesen werden, in die Frank sie in seiner Nürnberger Zelle "Im Angesicht des Galgens" eingepackt hat. Nur streckenweise berichtet er über die Fakten: wie er 1927 der NSDAP beitrat und sein Anwaltsbüro aufmachte; wie er 1930 MdR und Leiter des Rechtsamtes der NSDAP wurde; 1933 bayrischer Justizminister; 1935 Reichsminister ohne Portefeuille; 1939 Herr über
Polen; wie er 1942 als Reichsleiter abgesetzt wurde, weil er auch im Kriege gewisse Rechtsgrundsätze beachtet wissen wollte; und wie er immer wieder mit Hitler zusammentraf, zunächst von ihm fasziniert, dann, als er mit seinen Rechtsideen nicht so zum Zuge kam, wie er wollte, skeptisch und schließlich voller Wut auf die "Clique", die den "Führer" umgab. Dazwischen stehen Ansichten, die heute als Binsenwahrheiten gelten können und von denen beachtlich bleibt, daß sie 1946 der "Generalgouverneur" Frank hatte.
Frank hat sich in seinem Buch zu seiner Schuld bekannt, wenn auch in einer seltsamen Haß-Liebe und Haß-Treue zu Hitler: Obgleich er ihn zutiefst verdammt, hat es den Anschein, er sei auch 1946 noch - bewußt oder unbewußt - in seinem Banne und fühlte sich als Kampfgenosse. Das liest sich etwa so:
"Mir bleibt als Mitkämpfer des Führers nur eines: nun, da er in entsetzlichstem Schuldbewußtsein sein Testament geschrieben hatte, beging er Selbstmord und floh vor der irdischen Gerechtigkeit. So trat ich in Nürnberg an seiner Statt vor die Richter und sagte, daß ich die Schuld bekenne ... Ich handelte dabei vor allem auch deshalb so, weil man nicht die Handlanger Hitlers bestrafen, seine Mitführer aber sich entschuldigen lassen kann ...
"Als führender Nationalsozialist habe ich an Hitlers Stelle die Schuld klar übernommen und auch mein eigenes Verhalten, Reden, Wirken gegen mich selbst ausgedeutet. Ich weiß alles, was ich für mich hätte mit Recht geltend machen können. Aber es gibt eine Pflicht, die lautet: wer die Ehren eines Regimes teilte, hat auch die Schuld dieses Regimes zu teilen. Jedes weitere Wort dazu wäre von Übel."
*) Franz von Papen: "Der Wahrheit eine Gasse" Paul List Verlag, München, 687 Seiten, 23,80 Mark (SPIEGEL 31/1952). - Hildegard Springer: "Das Schwert auf der Waage", Kurt Vowinckel Verlag, Heidelberg, 271 Seiten, 12,50 Mark (SPIEGEL 18/1953).
**) Dr. Hans Frank: "Im Angesicht des Galgens", Friedrich Alfred Beck Verlag, München-Gräfelfing, 479 Seiten. 19,50 Mark
*) Kurioserweise war auch Hans Franks Vater Jude. Vater Frank wurde allerdings von dem Bischof von Bamberg getauft und trat später zum altkatholischen Glauben über. Hitler hatte 1933 diese Tatsachen erfahren und den Photographen Heinrich Hoffmann wissen lassen, daß ihm an einer Beseitigung entsprechender Urkunden über die Herkunft seines Verteidigers Frank gelegen sei.

DER SPIEGEL 34/1953
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