02.09.1953

INTERNATIONALES / BUNDESKANZLERCäsar mit Knöpflschuhen

(s. Titel)
Zur gleichen Stunde etwa, in der Dr. Konrad Adenauer dem "New York Times"-Korrespondenten, Cyrus L. Sulzberger, die apokalyptische Vision eines von den Vereinigten Staaten verlassenen Europa ins Stenogramm diktierte*), erklärte in Wien der Bundeskanzler-Kollege und christlich - katholische Gesinnungsfreund Julius Raab: "Die österreichische Regierung und das österreichische Volk sind weder für eine rußlandfreundliche noch für eine amerikafreundliche Politik, sondern sind entschlossen, eine rein österreichische Politik zu verfolgen."
Und ein wenig später noch deutlicher: "Das Land Österreich verlangt den Frieden und hat nichts dagegen einzuwenden, wenn der Staatsvertrag ihm eine große Wehrmacht und Allianzen mit anderen Staaten verbietet."
In der gemeinsamen und wichtigsten außenpolitischen Frage ihrer Völker bedienen sich die Kanzler der beiden deutschsprachigen Bundesrepubliken durchaus verschiedener Taktiken. Der Österreicher ist, jedenfalls in der Form, den Russen gegenüber konziliant: "Wer mir die Hand bietet, dem komme ich entgegen." Oder: "Ein Walzer (mit dem russischen Bären) wird doch wohl erlaubt sein." Der Deutsche erwartet alles von der Macht: "Am Tage der Verhandlungen mit der Sowjetunion - und der Tag wird kommen - müssen wir so stark sein wie möglich, weil der totalitäre Staat nicht mit dem Schwächeren verhandelt, sondern über ihn hinweggeht."
Das geistige Klima der synthetischen Hauptstadt Bonn - sofern man davon sprechen will - ist anders als im traditionsgesättigten, selbstbewußten Wien. Entsprechend
differenziert ist die russische Politik.
Am 29. Juli bat der Leiter der Europa-Abteilung im sowjetischen Außenministerium, Georgij Puschkin, den österreichischen Missionschef in Moskau zu sich. Botschafter Norbert Bischoff konnte zur Kenntnis nehmen, daß die Sowjetunion ab 1. August auf die rund 151 Millionen Schilling verzichtet, die sie bisher alljährlich als Besatzungskosten beanspruchte*).
Am gleichen Tage überreichte Rußlands Hochkommissar und Botschafter in Wien, Iwan Iwanowitsch Iljitschow, im Bundeskanzleramt
am Ballhausplatz eine Note seiner Regierung. Inhalt: Die von den drei Westmächten vorgeschlagene Kurzfassung des Staatsvertrages über die Räumung Österreichs stelle ein Hindernis für die Lösung des österreichischen Problems dar**).
In der Note steckte ein Pferdefuß. Die Absicht der Russen war offensichtlich, Österreichs Regierung zu einer Äußerung zu veranlassen, in der sie selbst auf die an sich für Österreich vorteilhafte Kurzfassung verzichtet. Eine solche Stellungnahme wäre eine flagrante Kränkung der Westmächte gewesen.
Das war für Julius Raab eine Nuance zuviel "Neutralismus". Er reagierte auf den plumpen sowjetischen Versuch, einen Keil zwischen Österreich und die Westmächte zu treiben, mit Verzögerungstaktik und schickte die sowjetische Note zur Stellungnahme in die langsam mahlende Mühle der Nationalversammlung. Das gab den Westmächten Gelegenheit, ihrerseits zu dem sowjetischen Verlangen auf Zurückziehung der Kurzfassung Stellung zu nehmen. Am 17. August verzichteten sie in einer Note an die Sowjetregierung auf die Erörterung des Kurzvertrages.
Anschließend konnte Raab erklären, eine österreichische Stellungnahme zum Kurzvertrag erübrige sich, da sie durch die Note der westlichen Alliierten vom 17. August gegenstandslos geworden sei.
Nun allerdings stehen die österreichischen Staatsvertrags - Verhandlungen wieder da, wo sie im März 1952 vor dem
westalliierten Kurz-Vorschlag standen, das heißt an einem Punkt, von dem niemand außer den Russen sagen kann, wie weit er vom Ziel entfernt ist. Ohne genau anzugeben, welches ihre Wünsche sind, lehnten die Russen damals einige Punkte des Vertragsentwurfs der Westmächte ab - Punkte, die sich mit international so nichtigen Gegenständen befaßten wie der Regelung der österreichischen Vorkriegsschulden und dem Status der in Österreich aufgenommenen Ostflüchtlinge.
Dahinter mußte man andere Gründe vermuten. Anfangs hatten die Russen zu erkennen gegeben, daß sie die Regelung der Österreichfrage mit einer Lösung der Triestfrage gekoppelt haben wollten. Neuerdings jedoch deutete Georgij Malenkow in der Note über die Abhaltung einer Viererkonferenz vom 4. August an, daß er für den österreichischen Staatsvertrag eine vorherige Lösung der deutschen Frage als wünschenswert ansehe.
Endgültiges wird man vielleicht erfahren, wenn sich die Russen doch noch einmal zur Fortsetzung der Londoner Staatsvertrags-Verhandlungen bereit finden sollten. Letzte Woche noch lehnten sie allerdings eine von den westlichen Besatzungsmächten für den 31. August geplante Konferenz ab.
Für diese Konferenz hatte Julius Raab seinem russischen Oberbesatzer Iwan Iljitschow vorsorglich Mitte August ein - laut Raabs eigenen Worten - "watscheneinfaches (ohrfeigen-einfaches) Kalkül mit auf den Weg gegeben.
Der Artikel 35 des Staatsvertrag-Entwurfes verlangt, daß das deutsche Eigentum in Österreich von der Wiener Regierung mit einer Pauschalsumme von 150 Millionen Dollar frei gekauft werden soll:
Raab zu Iljitschow: "Des müssn''s doch einsehen, Herr Botschafter, daß nur das eine oder das andere geht. Entweder wir zahlen - dann müssen wir uns das Geld wo verschaffen, weil wir''s nicht haben. Und umsonst ist nix auf dieser Welt. Da müssen wir schon was tun dafür. Oder wir bleiben neutral - dann können wir nicht zahlen."
Diese biedermännisch formulierte Alternative - entweder österreichische Neutralität und keine 150 Millionen Dollar oder die 150 Millionen Dollar und österreichische Westallianzen - ist typisch für den Mann, der seit Anfang April in der Bundeskanzlei am Wiener Ballhausplatz residiert. Als Politiker kommt er einer Kreuzung von Konrad Adenauer und Gustav Heinemann nahe. Als Mensch ähnelt er - wenn man im Revier der westdeutschen Politik nach einem Vergleich sucht - Württembergs geliebtem Herrn Reinhold Maier.
Jeden Sonntagmorgen hält auf der Wiener "Freyung" vor der Schottenkirche ein alter Chevrolet. Der Wagenschlag öffnet sich, und es erscheint zunächst ein
Paar Knöpflschuhe, dann folgt ein massiger Körper und schließlich ein Kopf - von dem manche sagen, er sei "cäsarisch". In der Schottenkirche, in deren Gruft Wiens Befreier von den Türken, Rüdiger von Starhemberg (1638 bis 1701), ruht, nimmt Wiens Möchte-gern-Befreier von den Russen, Julius Raab, am Hochamt teil.
In der dann folgenden sonntäglichen Vormittagsstunde, die Konrad Adenauer zwischen den Rosenbeeten seines Gartens im Zwiegespräch mit sich selbst zu verbringen pflegt, geht Kollege Raab zum Lueger-Ring hinüber. Im Café Landtmann am Burgtheater erwarten ihn Freunde aus Österreichs CDU, der Österreichischen Volkspartei (ÖVP), deren Obmann er ist.
Nach einem Plausch, bei dem der Kanzler meistens nur behäbig zurückgelehnter Zuhörer ist, fährt er zurück in die Zweiundeinhalb-Zimmer in der Sauerburggasse in Döbling.
Österreichs Cäsar in Knöpflschuhen hat andererseits auch manches mit dem "Alten von Rhöndorf" gemeinsam - vor allen Dingen die Neigung zu eigenwilligen Entschlüssen und den Sinn für unbedingte Autorität.
In der Bundeskanzlei, deren Herr Julius Raab jetzt ist, erzählt man sich folgendes
Modell-Gespräch zwischen dem Kanzler und seinem von ihm wenig geschätzten Außenminister und Parteifreund Karl Gruber:
Raab: "Der Gruber soll kommen ... Servas Gruber! Also der Bobleter fahrt nach Luxemburg zur Montanunion."
Folgen Einwände Grubers: Ein anderer sei bereits vorgesehen, "der Bobleter" sei zu jung und so weiter.
Nach Verlauf einiger Minuten ruhigen Anhörens Raab: "Alstern (alsdann), der Bobleter fahrt morgen. No was? Na, dann Servas!"
Seit "dear little Figl", der in Amerika und bei den amerikanischen Besatzern in der Boltzmanngasse so beliebte Vorgänger Raabs, nicht mehr Bundeskanzler ist, ist man am Ballhausplatz (im Hofratsjargon ausgedrückt) "unerhört expeditiv". Lange theoretische Expertisen, an denen der "Poldi" Figl bis tief in die Nacht hinein zu sitzen pflegte, läßt der neue Chef zurückgehen. Mit dem leisen Ressentiment des "Mannes vom Bau" gegen Intellektuelle (Raab stammt aus einer alten St.-Pöltener Baumeisterfamilie und ist selber Hoch- und Tiefbaufachmann) dekretiert er: "Die Herren soll''n z''erscht amal vierzehn Tag a G''schäft führn." Besonders zuwider sind ihm die "Pflausler", die Schwätzer. Er selber ist für bündige Formulierungen. Während der Herbstkrise der Regierung Figl im vergangenen Jahr wünschte Raab die Aufnahme des ÖVP-Professors Kamitz in das Kabinett. Die Mehrheit der ÖVP meuterte - während Raab zu einer Wirtschaftskonferenz in Lissabon war. Raab kehrte zurück, erfuhr von der Revolte, fuhr vom Flugplatz schnurstracks zur Fraktionssitzung. Er öffnete die Tür: "Meine Herrn! I kumm grod von Lissabon. I wüll ihnen nur sog''n, der neie Finanzminister heißt Kamitz!" Sprach''s und ging. Kamitz wurde Finanzminister.
Trotz der allgemein anerkannten "Verkümmerung seiner demokratischen Ader" rühmen ihm aber seine Freunde Charme, Menschlichkeit und Witz nach.
Eines Tages war er von Sir Harold Caccia, dem britischen Botschafter, zu einem offiziellen Empfang eingeladen. Es gab Whisky. Raab lauthals zu dem "unabhängigen" Parlamentarier Hartleb: "Hartleb, trink das, das trinkt in England nur a Luard (Lord)." Der 2-Zentner-Parlamentarier Hartleb fistelte mit stammverwandter Unbekümmertheit zurück: "I bin aber ka Luard, i will a Bier."
Die "Neue Wiener Tageszeitung" (Organ des "Wirtschaftsbundes", dessen Präsident Raab ist) verstieg sich vor zwei Jahren sogar zu folgender byzantinischen Huldigung "des echten Julius": "... Seine stahlblauen Augen leuchten wie zwei gütige Sterne. Sie sind als väterlich streichelnd, aber auch als züchtigend bekannt ... Sein trockener, aber reiner Humor gleicht einem geistigen
Hochstrahlbrunnen, der oft schon manche Situation erhellt hat, und der es verdienen würde, der Nachwelt gebunden erhalten zu werden."
Die Gegner selbst können nicht leugnen, daß der "geistige Hochstrahlbrunnen" von Raabs behäbig - resolutem Temperament für die Erhellung der österreichischen Situation nütze gewesen ist - und das von einer politischen Ausgangsposition aus, die schwieriger und komplizierter war, als die irgendeines anderen namhaften österreichischen Politikers.
Als Leopold Figl im Jahre 1945 den Vorsitzenden des Wirtschaftsbundes, Julius Raab, in sein Kabinett als Handelsminister aufnehmen wollte, sagten die Russen "njet". Sie hatten in Raabs Personalakte dessen austrofaschistische Vergangenheit entdeckt. Auch Freund Figl, dem Raab zu Zeiten des großdeutschen Reiches in einer Wiener Baufirma über Schwierigkeiten hinweggeholfen hatte, konnte nicht ausradieren, daß Raab in der Heimwehr des Fürsten Rüdiger von Starhemberg ein "Großkopfeter" gewesen war und den berühmten Korneuburger Eid ("Wir schwören ab dem westlichen demokratischen Parlamentarismus ...") mitgesprochen hatte. Noch weniger halfen Persil-Scheine, die bezeugten, daß Raab von dem "großen alten Mann der Christlich-Sozialen Partei (jetzt ÖVP), Dr. Ignaz Seipel, in die Heimwehren hineingeschickt worden sei, um einen allzu faschistischen Kurs des Wehrverbandes zu verhindern.
Noch als Raab im April dieses Jahres Bundeskanzler wurde, verkündete Österreichs KP-Intellektueller Nummer eins, Ernst Fischer, den Beginn einer neuen Epoche des Austrofaschismus.
Aber schon wenige Wochen später verstummten diese Rufe. Statt dessen beklagte sich der oberste Publizist der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ), Dr.
Oskar Pollak, in der von ihm geleiteten "Arbeiterzeitung": "Je mehr die Kommunisten sagen: Raab - choroscho!, desto mehr empfindet das österreichische Volk: Raab - nix gut!"
Überhaupt ist der Frontenverlauf in der Frage der Rußlandpolitik in Österreich genau umgekehrt wie in Westdeutschland. Während in Bonn Erich Ollenhauers Sozialdemokraten sauer dreinblicken, wenn von amerikanischer Europapolitik die Rede ist, sind es in Wien der sozialdemokratische stellvertretende Bundeskanzler Adolf Schärf und noch mehr dessen Parteigenosse, Innenminister Oskar Helmer, die mit dem amerikanischen Hochkommissar, Botschafter Llewellyn E. Thompson, besonders gut können.
Helmer zeigte sich denn auch höchst unzufrieden, als sich Raab in einer öffentlichen Rede für den russischen Verzicht auf die Besatzungskosten bedankte. Und zu dem Raabschen Techtelmechtel mit den Sowjets meinte er warnend: "Wenn wir in diesem ungleichen Spiel gut abschneiden wollen, dann müssen wir nach wie vor mit der Unterstützung der Westmächte rechnen. Die Vergangenheit hat bewiesen, daß wir allein viel zu schwach sind, um uns durchsetzen zu können."
Ein episodisches Solo im Rahmen von Raabs "allianzfreier" Politik versuchte Außenminister Karl Gruber zu spielen. Der Verlauf und zuguterletzt klägliche Ausgang des Gruber - Solos zeigte, was Raab mit seiner Politik nicht meint, nämlich jenen rückgratlosen "Neutralismus", den ahnungslose Intellektuelle gern mit der Person des indischen Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru in Verbindung bringen.
Vom 17. bis zum 19. Juni tagten in dem Urlaubsrefugium Konrad Adenauers auf
dem Bürgenstock bei Luzern elf indische Botschafter unter dem Vorsitz ihres Regierungschefs Nehru.
Am letzten Tag der Konferenz fand sich dort Österreichs sportlicher Außenminister Gruber ein und trug dem in der Anwendung von Mahatma Gandhis Lehren äußerst vorsichtigen Inder den Wunsch vor, die Regierung der südasiatischen Republik möge wegen der Österreichfrage in Moskau intervenieren.
Zwei Tage später versicherte die Wiener Tageszeitung "Neues Österreich", Nehru habe dem Gruber Indiens "gute Dienste" zugesichert. Einen weiteren Tag später aber meldete die französische Nachrichtenagentur AFP das genaue Gegenteil: Nehru habe abgelehnt, sich in die Österreichfrage einzumischen.
Als nun Grubers Außenamt dementierte, war der Ehrgeiz der AFP geweckt: Am 26. Juni erwischte ihr ägyptischer Korrespondent den nach Indien enteilenden Nehru und ließ sich folgende Erklärung in die Feder diktieren: "Es war niemals die Rede von einer Vermittlung, und es ist auch jetzt nicht die Rede davon."
Anderntags plakatierte Raabs Leiborgan die "Neue Wiener Tageszeitung" das Nehru-Dementi in vollem Wortlaut, und gegenüber einem Vertreter der offiziösen österreichischen Nachrichtenagentur APA erklärte der Kanzler auf die Frage, ob man die Äußerung des Inders bringen solle: "Ja, warum net? Sonst heißt''s gleich, die APA ist gelenkt."
Am Ballhausplatz läßt man keinen Zweifel darüber, daß sich Raab mit diesem Verhalten von Grubers abenteuerlicher Exkursion in den ideologischen Neutralismus distanzieren wollte. Des Kanzlers "Neutralitäts"-Politik ist in der Methodik und im Ziel nichts anderes als ein Geschäft. Es kommt ihm darauf an, in einer gegebenen - und zur Zeit verhältnismäßig günstigen - Lage so viel an politischen und wirtschaftlichen Zugeständnissen bei den Russen herauszuschlagen, wie nur irgend möglich.
Diese Politik schließt offensichtlich auch den Versuch ein, trotz amerikanischer Warnungen Österreichs alten Osthandel wieder aufleben zu lassen. Jedenfalls unterstrich der Sprecher von Raabs ÖVP-Fraktion, Rupert Roth, in der Nationalversammlung eindeutig den Willen seiner Partei, mit dem Osten Handel zu treiben.
Nach Roths Rede tuschelte man in den Wandelgängen des Wiener Parlamentsgebäudes, daß dieser Tage der Direktor der Stahlwerke Schoeller und Bleckmann AG., Wien, nach Moskau gereist sei und dafür vorher ausdrücklichen Zuspruch des Ballhausplatzes eingeholt und erhalten habe.
Raabs außenpolitische Meinungsverschiedenheiten mit seinem Außenminister Gruber sind vorwiegend persönlicher Natur. Aber auch die außenpolitischen Meinungsverschiedenheiten mit seinen sozialdemokratischen Koalitionspartnern haben häufig den Anschein bloßer Spiegelfechterei.
Wenn man die Kontroverse der beiden Wiener Regierungsparteien genauer studiert, so kann man sich tatsächlich kaum des Eindruckes erwehren, daß es sich dabei um eine äußerst behutsam, aber gleichwohl erkennbar gesteuerte "Schau" handelt, deren Ziel es ist, die Brücken
zu beiden Lagern der zweigeteilten Welt offenzuhalten. Im Ernst dürften die außenpolitischen (wie übrigens auch sehr häufig die innerpolitischen) Ansichten der beiden großen Parteien sehr viel weniger auseinandergehen, als sie sich meistens in der Öffentlichkeit den Anschein geben.
Als besonders glücklich muß man die Rollenverteilung innerhalb dieser "Schau" bezeichnen. Sie weist der sozialistischmarxistischen Zwillingsschwester der KPÖ - also der SPÖ - die Rolle entschiedener Sowjetfeindlichkeit zu, während die über jeden Zweifel marxistischer Fraternisation erhabene katholische ÖVP die Rolle des "fellow-traveller" zu spielen hat.
Diese Taktik ist nicht im entferntesten ein Verdienst von Julius Raab. Ihre Tradition geht vielmehr auf den Altmeister der österreichischen Sozialdemokratie und ersten Nachkriegsbundeskanzler Karl Renner zurück. Sie wurde - fast acht Jahre lang - geachtet und gepflegt von dem ÖVP-Kanzler Leopold Figl.
Als im März 1953 der ehemalige Heimwehr-Mann Raab den Auftrag zur Regierungsbildung annahm, bangte man in Wien um die Fortsetzung der Rennerschen Tradition und fürchtete, daß der neue Mann die 74 ÖVP-Stimmen in der Nationalversammlung mit den 14 des rechts stehenden Verbandes der Unabhängigen (österreichisches Pendant zur FDP) zu einer Koalition nach Bonner Muster in einen Topf werfen werde. Nach parlamentarischen Spielregeln hätte er das tun können: Gegen ihn hätten dann 73 Sozialdemokraten und vier Kommunisten gestanden.
Raab tat es nicht. Er schloß nur mit den Unabhängigen einen parlamentarischen Abstimmungs-Handel, der ihm in Notfällen die Mehrheit gegen die Sozialdemokraten sichert, im übrigen gab er den roten Koalitionspartnern zwei Staatssekretärs-Posten mehr als sein Vorgänger Figl.
Daß Raab - trotz der mit seiner Person zwangsläufig verbundenen Verstärkung der Kanzler-Autorität - diese Lösung zustande gebracht hat, unterscheidet ihn wahrscheinlich am stärksten von seinem bundesdeutschen Kollegen Adenauer: Raab versteht die Kunst dessen, was man in Wien "Packeln" nennt.
Es läßt sich am ehesten mit "Kuhhandeln" übersetzen, wobei man allerdings den Schuß Anrüchigkeit, den das deutsche Wort hat, ausfiltrieren müßte und dafür eine Prise von jener "Resig-nation" hinzuzufügen hätte, von der der Wiener Komödiendichter Ferdinand Raimund meinte, sie sei die einzig wahre "Nation" - eine Prise also von echt Wiener Heurigen-Melancholie über das Allzumenschliche, unter anderem auch in der Politik.
Sogar die Russen merkten sehr bald, daß sich mit dem "klerikalen Austrofaschisten" Raab reden läßt. Allerdings taten sie auch was dafür. Sie hoben die Zonengrenzen-Kontrolle auf, gaben das Verfügungsrecht über ein Donaukraftwerk zurück, ließen den Segelflug zu, öffneten für einige politische Häftlinge die Gefängnistore, stellten die Briefzensur ein, versprachen die Rückkehr österreichischer Kriegsgefangener und so weiter.
Trotzdem dürfte sich Raab darüber im klaren sein, daß die überschwenglich freundlichen Wodka-Prosts, die ihm der stellvertretende Hochkommissar Kraskewitsch kürzlich bei einem Empfang Botschafter Iljitschows gönnte, vorwiegend Gründe hat, die mit dem Wohlergehen und der Freiheit Österreichs wenig zu tun haben.
Möglicherweise hat ihn über einen Teil dieser Gründe Frankreichs Wiener Botschafter und Hochkommissar, der Liebhaber
österreichischer Folklore Jean Payart, aufgeklärt. Payart nämlich dürfte im Besitz von Informationen der französischen Botschaft in Moskau sein, wonach der sowjetische Generalstab zu der Auffassung gelangt ist, daß die Räumung Österreichs durch alliierte Truppen die strategische Lage Rußlands in Osteuropa nur erleichtern könnte.
Nach diesen Informationen, die im übrigen am 3. August auch vom Nato-Hauptquartier als stichhaltig anerkannt wurden, betrachten die Russen als günstigsten Paß für einen eventuell notwendigen Einbruch nach Norditalien die Linie Salzburg-Bischofshofen-Innsbruck-Brenner. Diese Auffassung, die sich mit der des zaristischen Feldherrn Alexander Suworow (1729 bis 1800) deckt, hat die These des Sowjetmarschalls Konjew abgelöst, der gegebenenfalls mit zwei Kolonnen nach Norditalien einzumarschieren beabsichtigte: eine Kolonne über Südsteiermark-Cilli-Julische Pforte, die andere über Klagenfurt-Tarvis.
Der Plan Konjews setzte die Anwesenheit russischer Truppen im Burgenland und Niederösterreich voraus. Der Plan Suworows jedoch nicht.
Im Nato-Hauptquartier ist man sicher, daß der russische Generalstab nicht nur mit der Räumung Österreichs einverstanden ist, sondern sie geradezu wünscht. Als mit hoher Wahrscheinlichkeit sicher bezeichnen die Strategen von Marly-le-Roi die Annahme, daß der russische Generalstab auch an dem deutschen Raum westlich der Oder-Neiße-Linie strategisch nicht interessiert ist - jedenfalls insoweit, als er eine Aufrechterhaltung der Besetzung Mitteldeutschlands aus militärischen Gründen nicht mehr für erforderlich hält.
Folglich betrachten die Russen den Raum zwischen Ostsee und Alpen als eine strategische Einheit, woraus wiederum folgt, daß sie auch die Lösung der österreichischen und der deutschen Frage in einem Zusammenhang sehen. Einen Hinweis in dieser Richtung gab Georgij Malenkow, als er in der russischen Note vom 4. August anregte, die deutsche Frage vor der österreichischen zu regeln.
Man muß annehmen, daß Julius Raab sich über diese Zusammenhänge Gedanken gemacht hat. Eine Äußerung von ihm liegt allerdings nicht vor. Sie wäre auch bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge sinnlos: Zwischen der Bonner und der Wiener Rußlandpolitik klafft ein unüberbrückbarer Spalt.
So hat Raabs "Walzer mit dem Bären" - unter deutschem Aspekt gesehen - vorläufig keine andere Bedeutung als diese: daß nämlich Bundeskanzler "auch anders können" - selbst christlich-katholische Bundeskanzler.
*) Vgl. "Deutsche Legion". Seite 20.
*) Die Vereinigten Staaten hatten bereits im Jahre 1947 auf die Bezahlung ihrer Besatzungskosten verzichtet. England verzichtete im Anschluß an die sowjetische Erklärung Mitte August ebenfalls auf ihre 151 Millionen Schilling. Allerdings erst ab 1. Januar 1954. Nur Frankreich hat sich noch nicht in diesem Sinne geäußert.
**) Nachdem die vier Besatzungsmächte in 259 Sitzungen über 56 Artikel des österreichischen Staatsvertrages Einigkeit erzielen konnten, stagnierten die Verhandlungen. Vermutlich aus rein taktischen Gründen präsentierten die drei Westmächte im März 1952 eine Kurzfassung des Vertrages. Seither weigerten sich die Russen, die Verhandlungen wieder aufzunehmen. ohne allerdings ihre Forderungen zu präzisieren.

DER SPIEGEL 36/1953
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INTERNATIONALES / BUNDESKANZLER:
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