09.09.1953

WAFFENHANDELKanonen für Lehr

Spielt das Amt Blank mit Rüstungs-Internationale?" Karl Gerold, Mitherausgeber und einer der beiden Chefredakteure der "Frankfurter Rundschau", hatte noch am Donnerstag vor der Wahl diese interessante Frage in einer dreispaltigen Überschrift gestellt.
Gerold hielt sich an einen Artikel der Basler "Nationalzeitung". Dort war von westdeutschen Plänen die Rede gewesen, die neutrale Schweiz zu mißbrauchen, "um im Schutz ihrer Freiheit Waffengeschäfte zu besorgen, die andernorts der (alliierten) Kontrollen wegen nicht abgewickelt werden können".
Die Basler "Nationalzeitung", einerseits ernsthaft um die Schweizer Neutralität besorgt, andererseits freudig die Gelegenheit beim Schopfe packend, dem Chef des eidgenössischen Militärdepartements, Bundesrat Kobelt, eins auswischen zu können, hatte den Schweizer Bundesrat gefragt, "wieweit ihm die Machenschaften des internationalen Waffenhandels rund um die deutsche Wiederaufrüstung bekannt sind und was er dagegen zu tun gedenkt?"
Karl Gerold in der "Frankfurter Rundschau", ähnlich ernsthaft um die deutsche Neutralität bemüht und drei Tage vor der Wahl ebensogern bereit zu einem Angriff gegen das deutsche Militärdepartement, das Amt Blank, fragte konkreter:
"Ist der Bundesregierung oder ihrem zuständigen Büro bekannt, daß im Fürstentum Liechtenstein ein 'Octogon-Trust' gegründet wurde, dem als Gesellschafter unter anderem die Direktoren der in Frankreich bekannten Firma 'Hispano-Suizza' (Genf), Herr Rudolf Ruscheweyh (Schaan) und Herr Klein (Luzern) angehören?
"Stimmt es, daß in diesem, mit einer anderen Schweizer Firma konkurrierenden Trust ein deutscher Beobachter in den Vorstand abgeordnet wurde?
"Stimmt es, daß dieser Beobachter ein Herr Major Oster vom Büro Blank in Bonn ist?"
So also fragte Karl Gerold in seiner "Frankfurter Rundschau" und fügte hinzu: "Wir sind uns des Ernstes dieser Fragen bewußt."
Nicht bewußt war sich Karl Gerold offenbar der Tatsache, daß er und seine Zeitung damit in den Konkurrenzkampf zweier Schweizer Rüstungsfirmen um das Amt Blank eingespannt worden war.
In dem roten Backsteinbau des Amtes Blank, Ecke Ermekeilstraße-Argelander Straße in Bonn, hatte sich eines Tages im Jahre 1951 der Zigarrenfabrikant Dr. Werner Plappert aus Konstanz melden lassen. Plappert war nach dem Krieg Oberbürgermeister von Heidenheim und Präsident der dortigen Industrie- und Handelskammer gewesen, bevor er sich auf seine Zigarettenfabrik am Bodensee zurückzog. An jenem Tage, im Jahre 1951, hatte er sich im Amt Blank, wie schon zuvor im Bundeskanzleramt, im Innen- und im Wirtschaftsministerium, als Vertreter Schweizer Waffenfirmen vorgestellt.
Dr. Werner Plappert bot sich an, das Amt Blank über den waffentechnischen Fortschritt und die Weiterentwicklung in der Schweiz auf dem laufenden zu halten. Das Amt Blank verzichtete, weil es glaubte, bessere Beziehungen zur Schweiz zu haben als sein Besucher Werner Plappert.
In der Ermekeilstraße trafen wenig später Nachrichten ein, bei Schweizer Rüstungsfirmen sei der gleiche Werner Plappert aufgetaucht, um sich seiner guten Beziehungen zum Amt Blank zu rühmen und so ins Geschäft zu kommen. Theo Blanks Offizierssoldaten glaubten, den Namen Plappert damit zum letzten Male gehört zu haben. Sie hatten sich verrechnet.
Kurze Zeit nach seinen Besuchen in Bonn und Bern saß dem Werner Plappert die deutsche Zollfahndung wegen des Verdachts des "Devisenvergehens mit Zigarrenbanderolen" im Nacken. Plappert reiste in die Schweiz und schrieb von dort einen Brief an den ihm aus seiner württembergisch-badischen Zeit bekannten Bundespräsidenten Theodor Heuss; über die patriotischen Zwecke seiner Devisenvergehen, so hieß es da, wisse nur das Amt Blank Bescheid
Seit jenen Tagen wartet auf Plappert in Deutschland ein Devisenverfahren. Seit jenen Tagen, so heißt es in der Bonner Ermekeilkaserne, habe Plappert dem Amt Blank den Kampf angesagt.
In dieser Situation kamen Werner Plappert seine guten Kenntnisse der Lage auf dem internationalen Waffenmarkt zugute. Zwei große europäische Waffenfirmen sind nämlich schon seit Jahr und Tag die naturgegebenen Konkurrenten im Kampf um den zu erwartenden fetten Brocken der westdeutschen Wiederaufrüstung: die Hispano-Suizza in Genf und Bührle in Zürich-Oerlikon.
Mit Bührle-Oerlikon war Plappert von früher her flüchtig bekannt. So gab er dieser Firma eine Reihe von Informationen, aus denen man bei gutem Willen den Schluß ableiten konnte, die Konkurrenz Hispano - Suizza sei mit dem Amt Blank schon groß ins Geschäft gekommen. Plappert wies dafür folgende Indizien vor:
Am 24. Januar 1952 wurde in Liechtenstein der "Octogon-Trust" gegründet, mit Sitz in Schaan. Chef der "Octogon" wurde Rudolf Ruscheweyh.
Dieser Rudolf Ruscheweyh hatte sich als Junge, als preußischer Kadett, ein schweres Gichtleiden zugezogen, das ihn dazu zwang, sein Leben lang an Stöcken zu gehen. Ruscheweyh nahm seinen Abschied, noch ehe er Offizier wurde, ging zwischen den beiden Weltkriegen nach Holland und verdiente dort an der Erfindung und Herstellung beschußsicherer Reifen Geld. Denn überall brauchte man Autoreifen in der Welt, und fast überall in der Welt wurde in jenen Tagen geschossen.
Als wohlhabender Nazigegner nahm Ruscheweyh in den 30er Jahren Kontakt mit Admiral Canaris auf. Canaris hielt dafür seine schützende Hand über Ruscheweyh, als Hitlers Armeen bis zum Atlantik vorstießen, und steckte ihn als Wirtschaftsexperten der deutschen Abwehr nach Frankreich.
Noch ehe die befreiten Franzosen 1944 den Namen Rudolf Ruscheweyh auf ihre meterlangen Auslieferungslisten setzen konnten, war der beschußsichere Autoreifenfabrikant über die Grenze in die Schweiz entwichen.
Dort verkaufte er für den Rest des Krieges als Repräsentant für Bührle-Oerlikon Waffen en gros an Hitler-Deutschland. Dort erlebten er, seine reizende Frau und zwei Kinder den Zusammenbruch des Dritten Reiches.
Das große Geschäft war aus. Zurück blieb eine Unstimmigkeit zwischen Ruscheweyh
und Bührle, die zu ihrer Trennung führte. Inzwischen bedauern beide ihre Trennung, doch den Weg zueinander fanden sie bis heute noch nicht wieder.
Nach der Gründung des "Octogon-Trusts" im Januar 1952 also berichtete Plappert dem Bührle weiter:
Ruscheweyh war als Chef des "Octogon-Trust" gleichzeitig Repräsentant für Hispano-Suizza geworden, denn der "Octogon-Trust" übernahm für diese Gesellschaft die Vermittlung von großen Waffengeschäften.
Ruscheweyh kannte aber auch von seinen Beziehungen zu Admiral Canaris und der deutschen Abwehr her den General Oster und dessen Sohn, den Major Achim Oster, im jetzigen Amt Blank.
Ruscheweyh hatte es so über die "Octogon" schon fertiggebracht, der Hispano-Suizza einen ersten großen Auftrag für Deutschland zu verschaffen. Allerdings nicht für das Amt Blank, sondern für das Bundesinnenministerium. Lehrs Haus kaufte mit Plazet der zuständigen Bundestagsausschüsse und des Alliierten Sicherheitsamts seine 2-cm-Kanonen für den See-Grenzschutz via Ruscheweyh bei der Hispano-Suizza ein.
Um diesen tatsächlichen Beweisen nun den letzten Pfiff zu geben, berichtete Plappert schließlich noch, daß die Bonner Bundesregierung in den Vorstand des "Octogon-Trusts" Abgesandte geschickt habe, die mit vier Prozent an allen "Octogon"-Waffengeschäften verdienten. Damit wäre das Komplott zwischen der Hispano-Suizza und Bonn tatsächlich perfekt gewesen. Seine Behauptungen stellte Werner Plappert schriftlich in Briefen an Bundeskanzler Dr. h. c. Adenauer und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard auf.
Der Brief an den Bundeskanzler erreichte Konrad Adenauer nicht einmal. Er wurde nach eingehender Überprüfung durch Theo Blank schon im Vorzimmer in den Papierkorb geworfen. Der Plappert-Brief
an Ludwig Erhard erreichte den Empfänger. Wie bei Theodor Heuss konnte sich Plappert als ehemaliger Präsident der Industrie- und Handelskammer aus Heidenheim auch diesmal wieder auf eine Bekanntschaft aus früheren Tagen berufen. Aber wie Theo Blank war auch Ludwig Erhard der Ansicht, daß Plapperts Angaben im entscheidenden Punkt nicht stimmten.
Plappert begann nun mit offiziellen Rückzugsgefechten. Er entschuldigte sich schriftlich in einem Brief bei Major Achim Oster wegen der Behauptung von der Vier-Prozent-Beteiligung beim "Octogon-Trust". Waffenmann Bührle fuhr nach Deutschland und stieg im Kölner Excelsior-Hotel Ernst ab, um in Bonn eine Versöhnung einzuleiten.
Werner Plappert bot verschiedenen deutschen und Schweizer Zeitungen sein Material über die angeblichen Verbindungen des "Octogon-Trusts" mit dem Amt Blank an. Die Basler "National-Zeitung" griff den Fall schließlich auf, um an die Schweizer Neutralität zu erinnern, und Karl Gerold von der "Frankfurter Rundschau" übernahm das Wesentliche.
Es war für das Amt Blank diesmal mit gutem Gewissen leicht, die Fragen der "Frankfurter Rundschau" zu verneinen. Der EVG-Vertrag verbietet alle nicht vom Kommissariat genehmigten Waffenkäufe und -produktionen. Der einzige EVG-Partner, der noch unbeirrt am Vertrag festhält, hat keinen Grund, der erste zu sein, der gegen den Vertrag verstößt.
Am Donnerstag letzter Woche mittags um 2 Uhr, am Tage des "Frankfurter Rundschau"-Artikels, lief im Bundespresseamt außerdem auch noch prompt ein Dementi aus Liechtenstein ein: "Die Fürstliche Regierung stellt fest, daß weder von Liechtenstein aus noch durch eine Liechtensteinische Gesellschaft Waffen nach Deutschland ausgeführt wurden." Unterschrieben: "Fürstliche Regierung: Nigg."
Bührle-Oerlikon und Ruscheweyh vom "Octogon-Trust" haben nun beschlossen, ihre Unstimmigkeiten aus den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs nicht mehr lauthals und auf dem Prozeßwege, sondern durch einen privaten Vergleich beizulegen.
Es setzte sich die Ansicht durch, daß es besser ist, sich die Absatz- und Produktionsgebiete zu teilen, statt sich öffentlich zu befehden, was nur unliebsame Aufmerksamkeit erregt.
Werner Plappert verließ inzwischen die Schweiz und Liechtenstein und reiste nach Österreich weiter.

DER SPIEGEL 37/1953
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