09.09.1953

BUNDESGRENZSCHUTZBitte Einmarsch

(s. Seite 35)
"Und um die Ecke brausend bricht''s
Wie Tubaton des Weltgerichts,
Voran der Schellenträger ..."
(Detlev von Liliencron: "Die Musik kommt")
Bürgermeister Dr. Schmiedeberg war im Zylinder erschienen.
Der würdige, 72jährige Herr, Oberstudiendirektor a. D., hat eines Gebrechens wegen nie einen preußischen Kasernenhof mit seinem Schweiße benetzt, noch ist er je im Felde gestanden. Und so schaute sein spitzes, pergamentenes Gelehrtengesicht erstaunt dem martialischen Schauspiel zu, das sich seinen Augen bot.
Auch Stadtdirektor Raatz, in feierlichem Schwarz zu silberfarbenem Binder, schien, obgleich gedienter Jahrgang und Oberzahlmeister der Reserve a. D. und obgleich dieser Tag hauptsächlich sein Werk war, nicht recht zu wissen, ob er das verblüffende Klischee vergangener Rekruten-Angstträume, das er zu sehen bekam, nicht doch lieber für einen Spaß halten sollte.
Es war ein Sonnabend. Aus Hannover waren Niedersachsens BHE-Wirtschaftsminister Dr. Ahrens und aus Bonn Ministerialdirektor Egidi, Abteilungsleiter VI (Öffentliche Sicherheit) im Bundesinnenministerium, trotz unbeständigen Wetters in ihrem Kraftwagen nach Clausthal-Zellerfeld
gekommen, um neben Raatz und Schmiedeberg und inmitten einer aus Zivil und Uniform gemischten Prominenten-Wolke zuzuschauen, wie 230 stramme 20jährige Grenzjäger in Stahlhelmen, bewaffnet mit Karabinern, das alte Bergstädtchen bei Goslar auf friedliche, wenn auch geräuschvolle Weise okkupierten.
Nach einer noch zaghaften schwachen Generalprobe im Februar vorigen Jahres in Dannenberg an der Elbe, wo eine Hundertschaft einrückte, war es das erstemal, daß eine Bundesgrenzschutz-Einheit derart eng an die alte Wehrmacht-Tradition, einen neuen Standort zu übernehmen, anknüpfte: mit Vorbeimarsch, Großem Zapfenstreich, Garnisonball und allen Schikanen. Der Geist der alten Goslarer Jäger spukte.
14.15 Uhr, beim Wolfschen Gasthof am Stadteingang von Clausthal-Zellerfeld: "Achtung, Augään rechts!" Hackenknall. Des Hauptmanns Kullmann (Gregory-Peck-Gesicht) Arm zackte zum Helmrand: "Erste und zwote Hundertschaft der Bundesgrenzschutzabteilung Nord II zum Einmarsch in den Standort Clausthal-Zellerfeld angetreten."
Die Meldung war an den Abteilungskommandeur, Oberstleutnant i. BGS Willi Langkeit, 46, gerichtet, einen Offizier, der es gewohnt ist, größere Truppenmassen zu überblicken. Der im Krieg mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz und dem rumänischen "Michael dem Tapferen" ausgezeichnete ehemalige Generalmajor und Kommandeur der Division "Kurmark", nach Kriegsende Autovertreter, kann allerdings erst hoffen, seinen früheren Dienstgrad wieder zu erreichen, wenn der Bundesgrenzschutz weiter verstärkt wird. "Bitte Einmarsch!" sagte er beinahe verbindlich.
Stadtdirektor Raatz verbeugte sich: "Ich heiße den Bundesgrenzschutz willkommen." Renate Raatz, 4, knickste und überreichte Blümchen.
Oberleutnant Kothe, Spielleiter des Musikkorps, riß den Stock hoch. Die traditionellen Luftwaffen-Saxophone quäkten, und der deutsche Muskote fiel nach achtjähriger Marschpause hinter dem
blechernen Geschmetter des Bayerischen Avanciermarsches wieder schwerfällig in Gleichschritt.
Noch vor zwei Jahren, als der Bundesgrenzschutz anfing Soldat zu spielen, hätte niemand dem empfindlichen deutschen Ohr ein militärisches Tschingtara, geschweige einen Marschtritt, Tempo 118, zugemutet. Nun rasselten die Trommeln schon wieder herausfordernd los, und die Clausthal-Zellerfelder Bergbewohner nahmen, ähnlich wie ihre beiden Stadtoberhäupter, das aufrüttelnde Geräusch etwas überrascht, etwas ungläubig, aber, als der Traum nicht verflog, mit der gelassenen Ergebenheit eines schußfesten Artilleriegaules hin, den kein Granateinschlag mehr erschüttert. Hinter den Fenstern des Altersheimes zeigte sich in den blitzenden Augen altgedienter Veteranen echte Begeisterung.
Seit der jahrhundertealte Silberbergbau im Jahre 1928 eingestellt und der letzte Schacht ersäuft wurde, nagt Clausthal-Zellerfeld am Hungertuch. In den Wintermonaten, zwischen Oktober und April, wenn die Stadt bis über die Ohren im Schnee steckt, ist jeder sechste Bewohner erwerbslos.
Es waren daher hauptsächlich wirtschaftliche Gründe, aus denen heraus sich vier BHE-, acht SPD-, ein FDP-, drei CDU- und drei parteilose Ratsherren (19 von insgesamt 21) in überparteilicher Einmütigkeit zur örtlichen Remilitarisierung bekannten. Im Hinblick auf die 120 Mark, die jeder Grenzjäger monatlich frei auf die Hand bekommt, und in der sicheren Erwartung fetter Kantinen-Aufträge hatten vor allem die Wirte und der Lebensmittelhandel die schwarzgelbgrünen Harzfahnen zur Begrüßung aus den Fenstern der verwitterten Holzhäuser gehängt.
Erst in zweiter Linie hatte ein gewisses Bedürfnis nach "Schutz vor Überfall", wie sich Bürgermeister Dr. Schmiedeberg im Hinblick auf die nur 19 Kilometer entfernte sowjetdeutsche Zonengrenze ausdrückte, eine Rolle gespielt. In zähem, fast zweijährigem Wettbewerb um die Ehre, Garnisonstadt zu werden, mußten erst die Städte Osterode und Duderstadt aus dem Felde geschlagen werden, bevor das "Amtliche Kreisblatt" verkünden konnte: "Für die Bergstadt beginnt ... ein neuer Abschnitt in ihrer Geschichte."
Die 230 Grenzschutz-Beamten nur spartanisch in Baracken - auf dem Gelände einer demontierten Dynamitfabrik, in der Nähe eines Galgenberges - unterzubringen, hatte 1,3 Millionen Mark gekostet. Auf einen Kasernenhof wurde verzichtet.
Der gummibesohlte, weiche Stiefel, in dem der Grenzjäger nach amerikanischem Vorbild im Gegensatz zum genagelten Knobelbecher heute einhersteigt, steht vorerst noch symbolhaft für die ängstliche Rücksichtnahme dieser militärähnlichen, international bewaffneten Polizeitruppe*) auf die Empfindsamkeiten des demokratischen Christenmenschen. Dies drückt sich rein äußerlich bereits in den Kommandos aus.
Statt des peitschenden "Richt euch!" heißt es beispielsweise fast k. u. k. österreichisch gemütlich: "Einrichten!", statt "Rührt euch!" - "Rühren!" und statt des einstigen, aufreizenden: "Das G''wärr - ü ..!" beinahe friedfertig: "Karabiner - auf Schulter!" beziehungsweise: "Karabiner bei Fuß!", "Stillgestanden!" ist durch das neutralere "Achtung!" ersetzt.
An dienstlichen Bezeichnungen wurde aus dem gefürchteten "Hauptwachtmeister" oder "Spieß" ein harmlos erscheinender
"Innendienstleiter" und aus einem "Panzerspähwagen" ein nichtssagender "SW" ("Sonderwagen").
Aber es wird wieder, obgleich in den Ausbildungsrichtlinien nicht vorgesehen, Präsentiergriff geübt ("auf Wunsch der Männer"), der Haarschnitt ist kurz ("weil die Männer selbst nicht wollen, daß die Fransen unterm Helm hervorhängen"), und bei den Offizieren setzt sich statt der knappen amerikanischen Feldbluse als erste Ausgeh-Garnitur wieder die alte lange Wehrmacht-Feldbluse durch.
Inwieweit der Häutungsprozeß weiter voranschreitet, hängt nicht zuletzt davon ab, wann die alten Polizei-Offiziere im Bundesgrenzschutz von ehemaligen Militärs majorisiert sein werden. Bis jetzt sind noch zwei Drittel der Stabsoffiziere ehemalige Polizisten; bei den Hauptleuten kommt nur noch ein Drittel von der Polizei, und die Bundesgrenzschutz-Offiziere unter Hauptmannsrang stammen schon sämtlich aus der Wehrmacht.
Der Offizier erlaubt es sich noch, gelegentlich die Hand in die Hosentasche zu schieben, der Mann hingegen muß schon wieder seine "Knochen zusammenreißen", wenn er einen Vorgesetzten passiert.
Mit gezogenem Zylinder schritt der eingefleischte Zivilist Dr. Schmiedeberg am Nachmittag des großen Tages neben den goldgeflochtenen Schulterstücken und dunkelgrünen Biesen des Bundesgrenzschutz-Kommandeurs und ehemaligen Flakgenerals Giese in einem Pulk anderer Prominenter die Front der unbeweglich wie ein Lattenzaun aufgestellten Hundertschaften entlang. Etwas eilig, wegen einer über den Platz heraufziehenden Regenwolke.
"Mal wieder ein schönes Bild", sagte Ministerialdirektor Egidi angesichts der vorgereckten Soldatenbrüste befriedigt zu Minister Ahrens.
Ahrens, niedersächsischer Wirtschaftsminister: "Ja, so muß es auch sein."
*) Der Bundesgrenzschutz verfügt über deutsche MG 42 und Karabiner 98 K, spanische Pistolen "Astra" und italienische Maschinenpistolen "Beretta".

DER SPIEGEL 37/1953
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