16.09.1953

WAHL-ANALYSEDer Adenauer-Sog

In den ersten Septembertragen hatte sich in Lausanne am Genfer See eine Reihe von Leuten getroffen, die für die Großen dieser Zeit etwa das ist, was Seni für Wallenstein war. Es war der Kongreß 1953 der "World Association of Public Opinion". Prominentester Teilnehmer war George H. Gallup aus Amerika, der das System populär gemacht hat, einen ausgesuchten Bruchteil der Bevölkerung zu befragen und aus den Antworten Rückschlüsse auf die Meinung der Gesamtheit zu ziehen.
Was Wunder, daß sich in jenen letzten Tagen vor der Bundestagswahl zwei Kongreß-Teilnehmer, die aus Deutschland gekommen waren, im Hotel Beau Rivage zusammensetzten: Dr. Leo Crespi vom US Reactions Analysis Staff in Bonn-Mehlem, der die alliierten Hochkommissare durch Bevölkerungsumfragen unterrichtet, und Dr. Elisabeth Nölle-Neumann, 36, vom Institut für Demoskopie in Allensbach am Bodensee,
deren Institut Konrad Adenauer schon seit langem demoskopisch berät.
Leo Crespi und Elisabeth Nölle-Neumann verglichen ihre Prognosen für den Ausgang der Bundestagswahlen. Die Allensbacherin hatte sich schon ziemlich festgelegt. Bereits am 8. August, also rund vier Wochen vor dem Wahltag, waren durch das Institut für Demoskopie der deutschen Redaktion von Henry R. Luces "Time"-"Life"-Konzern auf Anfrage diese "Forecasts" übermittelt worden:
"Die CDU/CSU gewinnt die Wahl eindeutig. Ihr Vorsprung vor der SPD wird erheblich größer sein als bei der letzten Bundestagswahl 1949. Nach dem Anteil der abgegebenen Stimmen für die Landesliste folgt dann an dritter Stelle wiederum die FDP. An vierter Stelle wird jetzt der Gesamtdeutsche Block (BHE) stehen, der bei der letzten Wahl zum Bundestag noch nicht kandidierte. Die Deutsche Partei nimmt den fünften Platz ein. Die bisherigen Regierungsparteien werden die absolute Mehrheit der gültigen Stimmen auf sich vereinen."
Diese Prognose schien nicht nur "Time" zu optimistisch; selbst im sonst siegessicheren Umkreis Konrad Adenauers gab es deswegen etwas Unbehagen. Am Genfer See jedoch mußte Elisabeth Nölle-Neumann feststellen, daß Leo Crespis US-Stab für den Kanzler Adenauer noch günstigere Prognosen zusammengefragt hatte:
Allensbach US-Mehlem Tatsäch liches Ergebnis
CDU/CSU 36,5% 48% 45,1%
SPD 29,5% 36% 28,9%
FDP 10,0% 6% 9,8%
BHE 8,0% 3% 5,7%
DP 4,5% 2% 3,3%
Sonstige 11,5% 5% 7,2%
100,0% 100% 100,0%
In einer letzten, am Samstag vor der Wahl veröffentlichten Prognose hatten die Demoskopen der CDU/CSU eine Chance für 38,5 Prozent aller Stimmen eingeräumt. "Wir haben immer auf die Bedeutung des Wetters hingewiesen. Das Schönwetter hat die hohe Wahlbeteiligung verursacht. In unserer letzten Umfrage hatten wir nur noch fünf Prozent unentschiedener Wähler. Diese haben offenbar ausnahmslos dem Adenauer-Sog nachgegeben."
An Hand von mancherlei Fragen, die nicht unmittelbar auf die Wahl Bezug haben und die in bestimmten Zeitabständen immer wieder an 2000 Testpersonen gestellt wurden, hat der Gatte von Dr. Elisabeth Nölle-Neumann und Leiter der politischen Abteilung von Allensbach, E. P. ("Bubi") Neumann, 41, Konrad Adenauers Wahlsieg analysiert und diese Anhaltspunkte gefunden:
* Adenauers Sieg sei entscheidend auf das Nachlassen der wirtschaftlichen Existenzfurcht in der westdeutschen Bevölkerung zurückzuführen.
Die Opposition habe den entscheidenden psychologischen Fehler gemacht, in ihrer Wahlpropaganda soziale Thesen herauszustellen, die sogar nur noch von einem Teil ihrer Anhänger bejaht wurden. Neumann fragte im Oktober 1952 und im Juli 1953 einen Repräsentativquerschnitt: "Manche Leute sagen, Westdeutschland ist für die Reichen ein Paradies und für die Armen eine Hölle. Was meinen Sie dazu: stimmt das, oder stimmt das nicht?"
Die Antworten:
Oktober 1952 Juli 1953
Stimmt nicht 53 % 62 %
Stimmt 27% 20%
Weiß nicht 20% 18%
100% 100%
Neumanns zweite These für den Kanzlererfolg bei den Massen der Wählerschaft:
* Die allgemeine Angst vor einem neuen Krieg habe merklich nachgelassen.
Das führe zu einer wachsenden Bereitschaft, die Adenauersche Wiederbewaffnungspolitik zu tolerieren. Da nach den Umfragen mehr als die Hälfte der Bevölkerung entweder der Beteiligung deutscher Truppen an einer Europa-Armee oder einer selbständigen deutschen Armee zustimme, habe die Propaganda gegen einen Wehrbeitrag von vornherein nur bei einer Minderheit Echo finden können.
Diese politisch-psychologische Disposition der öffentlichen Meinung hat - nach Neumann - mit Sicherheit erwarten lassen, daß die Gesamtdeutsche Volkspartei des Bundesinnenministers a. D. Gustav Heinemann Schiffbruch erlitt.
Neumanns diesbezügliche Umfrage im Juli 1953: "Wissen Sie zufällig, wie die Partei heißt, die vor einiger Zeit von dem ehemaligen Innenminister Heinemann und von Helene Wessel gegründet worden ist?" Richtige Angaben machten fünf Prozent der Befragten, falsche Angaben zehn Prozent, von der GVP nie etwas gehört hatten 85 Prozent.
1951 und 1952 hatte die Mehrheit der Befragten von der Bundesregierung - nach Neumanns Unterlagen - in erster Linie erwartet, daß sie die wirtschaftliche Lage verbessere. 1953 meinten die meisten, die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands
sei am wichtigsten. Die Zuversicht, daß dies ohne Krieg möglich sei, wuchs.
Das Verdienst an dieser Entwicklung habe die öffentliche Meinung ausschließlich der Regierung, nicht der Opposition zugeschrieben. Die in den politischen Kreisen immer wieder diskutierte Auffassung, der Bundeskanzler sei ein Gegner der Einheit, habe in den breiten Schichten der Bevölkerung niemals Widerhall gefunden.
Das persönliche Prestige Dr. h. c. Adenauers habe den Wahlausgang indessen am stärksten beeinflußt. Die Masse der Bevölkerung habe einen direkten Zusammenhang zwischen der Person des Kanzlers und der Mehrung ihres Wohlstands gesehen. Auch die Annahme, Adenauer werde als "zu klerikal" empfunden, ist nach E. P. Neumann "eine intellektuelle Konstruktion ohne Verankerung nach unten".
Auf die Frage: "Glauben Sie, daß Adenauer in erster Linie das Beste für Deutschland will, oder hat er andere Interessen, die ihm wichtiger sind?", haben im Juli 1953 66 Prozent gemeint, er wolle das Beste für Deutschland, und nur drei Prozent, er vertrete die Interessen der katholischen Kirche (der Rest wußte nichts oder machte andere Angaben).
Zusammenfassend und unter Hinweis auf rund tausend politische Fragen, die das Allensbacher Institut untersucht hat, meinen die Demoskopisten, es werde spannend sein, den weiteren Verlauf der öffentlichen Meinung zu verfolgen.
Nach den Wahlen von 1949 habe für die CDU/CSU ein scharfer Stimmungsabfall eingesetzt. Auch im Moment interessiere sich die überwiegende Masse der Wählerschaft nicht für die Probleme, die in Bonn zwischen den Fraktionen erörtert werden. So werde sich die Stimmung danach richten, wie es im Portemonnaie des kleinen Mannes aussehe.
"So ist Adenauer", sagt des Kanzlers Demoskop E. P. Neumann, "ein Mann, der zur Wirtschaftspolitik kaum ein Verhältnis besitzt, von der Leistung seines Ökonomisten Ludwig Erhard abhängiger, als er es weiß und wahrhaben will."
Bundestag 1953<
CDU 50%<
Reichstag 1933<
NSDAP 45%<
Reichstag 1874<
NATIONALLIBERALE 39%<

DER SPIEGEL 38/1953
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