23.09.1953

ELIOT / TheaterWie merkwürdig ist das

Als die letzten Smokings und Abendkleider sich im Gefühl, einen großen Abend mitgemacht zu haben, aus den Wandelgängen und dem Foyer des Londoner "Lyric"-Theaters verlaufen hatten, drückte sich eine massige Figur durch eine Seitentür des Hauses und tauchte sofort in einem Taxi unter: Autor Thomas Stearns Eliot, Nobel-Preisträger und Besitzer eines einsamen Dichter-Olymps, hatte sich, im Dunkel einer Loge versteckt, vom zweiten (britischen) Premieren-Erfolg seines jüngsten Theaterwerks "Der Privatsekretär" (Confidential Clerk) überzeugt.
Trotz seiner traditionellen Publikumsscheu, die er auch vierzehn Tage vorher bei der Edinburgher Premiere programmgemäß zeigte, hatte es ihn aus seinem Schweizer Urlaub nach London gezogen. In Edinburgh war Eliot, kaum daß der Vorhang gefallen war, diesmal hinter Regisseur Henry Sherek als Bahnbrecher, schleunigst durch die Menge der Autogrammjäger gerudert, in sein kleines Hotel gegangen, hatte dort mit einem Glas Champagner seine Premiere begossen und sich ins Bett gelegt.
Aber am nächsten Morgen saß er neben der jungen Margaret Leighton, der Darstellerin der Lucasta, auf einem Sofa den Kritikern gegenüber. Weit entfernt, den aufschlußhungrigen Herren sein Stück zu deuten, warf er ihnen im Gegenteil eine neue Rätselnuß vor: "Wenn ein Stück nur etwas taugt, so muß es viel in sich haben, das der Autor selbst nicht versteht."
Damit hatte Eliot als sein höchstpersönliches Orakel das allgemeine Intellektuellen-Gerätsel kräftig verstärkt. Das "Wenn" und das "Vielleicht" und das "Aber" - drei Attribute aus einem lyrischen Selbstporträt des Dichters - spielen denn auch seitdem die Hauptrollen in der lebhaften Diskussion um den jüngsten Eliot.
Die Dramatik dieser sehr ernsthaften Komödie besteht eigentlich nur im Entwirren der sehr verwirrten Familienverhältnisse der Familie Mulhammer. Sir Claude Mulhammer hat einen Privatsekretär namens Colby Simpkins engagiert. Colby ist jedoch nicht nur der neue Privatsekretär, er ist außerdem - so jedenfalls meinen Colby und Mulhammer - der Sohn des Bankiers, eine Jugendsünde gewissermaßen, da die Mutter nicht die jetzige Lady Mulhammer ist.
Aber auch diese etwas am Rande des Psychopathischen stehende Dame, die noch im ersten Akt - nach dem Willen des Autors - einen Tag zu früh wieder von einer psychoanalytischen Kur aus Lausanne in England eintrifft (weil sie statt des Flugzeugs die Eisenbahn benutzt hat und so schneller war - was vom englischen Publikum offenbar für eine glänzende Pointe gehalten wurde, denn es lachte schallend) - auch diese Dame also hat ihre Jugendsünde hinter sich. Sie hat ebenfalls ein uneheliches Kind, von dem sie aber nichts weiß, es ist sozusagen verlorengegangen - der Vater ist in Ostafrika von einem Rhinozeros "überfahren" worden.
Im Hause Mulhammer leben noch drei Personen. Der frühere Privatsekretär Eggerson, der während des Stückes die richtigen Personen an die ihnen zustehenden verschiedenen Fäden des Knotens führt, damit sie ihn lösen. Ferner ein junges Mädchen namens Lucasta und noch ein junger
Mann namens Kaghan, die beide offenbar im Geschäft Sir Claudes als Hilfskräfte fungieren. Daß auch sie verwandt, also Familienmitglieder sind, weiß man im ersten Akt noch nicht. Im zweiten jedoch erfährt man gelegentlich einer Szene zwischen Colby und Lucasta (beide haben sich ein wenig ineinander verliebt - diese Szene ist vom Wort her die schönste und dichteste des Stückes), daß auch Lucastas Vater offenbar Sir Claude ist.
Dies ruft große Bestürzung bei Colby, dem unehelichen Sohn Mulhammers, hervor, der ja nun glauben muß, er liebe seine Schwester. Der zweite Akt endet in großer Verwirrung, um so mehr, als nun Lady Mulhammer aus einer neurotischen Zwangsvorstellung heraus darauf schwören möchte, daß Colby ihr verlorenes Kind ist. Der dritte Akt bringt die Auflösung in Gestalt der Mrs. Guzzard. Sie ist die Pflegemutter sämtlicher unehelichen Kinder der Familie gewesen.
Sie klärt die Verhältnisse: Lucasta ist in der Tat die Tochter Sir Claude Mulhammers, während Lady Mulhammers Sohn Kaghan ist. Colby hingegen ist nicht Sir Claudes Sprößling, sondern der Sohn der Guzzard. Sie hat diesen Jungen zur gleichen Zeit geboren, in der auch das Kind Sir Claudes, der damals nicht in England war, zur Welt kommen sollte. Mutter und Kind starben jedoch bei der Geburt des Kindes, und Mrs. Guzzard gab ihr eigenes Kind als Sir Claudes Sohn aus, weil sie ihm eine bessere Zukunft sichern wollte als jene, die er als ihr Sohn haben würde.
Das einzige Problem der Komödie wird von Eliot nur an- und nie ausgedeutet: das Problem der Identität ("Wer bin ich eigentlich?").
Indem Eliot die Identität des Menschen im Alltag fraglich macht (denn keiner weiß in diesem Stück ja so recht, wer seine Eltern sind), deutet er vorsichtig an, daß die Übereinstimmung des Menschen mit sich selbst aber auch dann nicht beantwortet werden kann, wenn man weiß, wessen Sohn oder Tochter man ist. Menschliche Herkunft ist nur zu begründen, wenn man sich auf Gott als unser aller Vater beruft. Dies kommt am schönsten heraus in den Gesprächen zwischen Sir Claude und Colby, in denen Sir Claude seinem vermeintlichen
Sohn gesteht, daß er Töpfer werden wollte. In dieser Welt holen wir uns selbst nie recht ein, die Formel "ich = ich" stimmt eben nie ganz.
Auf der Bühne flattert zwar zuweilen noch ein metaphysisches Spruchband aus diesem oder jenem Munde, das an die Reden aus dem "Mord im Dom" oder der "Cocktail-Party" erinnert. So sagt Colby über den "inneren Garten" seiner Seele:
"Was ich meine, ist, mein Garten
ist für mich nicht weniger unwirklich
als die Welt da draußen; wenn man zwei Leben hat,
die überhaupt nichts miteinander zu tun haben,
na ja, dann sind sie beide unwirklich.
Aber für Eggerson ist sein Garten
Teil einer einzigen Welt."
Aber das nimmt Eliot dann sofort mit einem banalen Witz zurück und ertränkt aufkommende Nachdenklichkeit im Publikumsgelächter.
Den eigentlichen tieferen Sinn souffliert Autor Eliot von einem unsichtbaren Platz im Parkett her den Zuschauern: "Wie merkwürdig ist das, worüber wir gemeinhin lachen, und wie todernst ist das Komische."
Auf die Frage: "Ist 'Der Privatsekretär' eine Tragödie, eine Komödie - oder was?" lächelte Eliot: "Eine Komödie, und ich will Ihnen sagen, warum. Wenn Sie wirklich etwas in diesen Zeiten sagen wollen, läßt sich das leichter in einer Komödie als in einer Tragödie sagen. Die Leute nehmen die Tragödie an der Oberfläche ernst. Andererseits nehmen sie eine Komödie auf der Oberfläche leicht, aber im Untergrund ernst."
Das "Lyceum"-Theater, Edinburgh, erhielt den "Privatsekretär" um 9.55 Uhr vormittags für die Festspiele angeboten. Um 10.35 Uhr war das Stück angenommen. Die Manager wußten, was sie taten. Magnet Eliot hat sich für sie gelohnt.
Ob aber Gustaf Gründgens, der die Rechte der deutschen Erstaufführung für Düsseldorf erwarb, auch wußte, was er tat, steht dahin. Er dürfte das Stück, im Gegensatz zu seinen schottischen Kollegen, gekauft haben, ohne den Inhalt zu kennen, im Vertrauen auf die obligate Gründgens-Rolle bei Eliot.
Für Gründgens ist diesmal nichts dabei.

DER SPIEGEL 39/1953
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