23.09.1953

RADIGUET / LITERATURDer Teufel im Leib

Ausgerechnet mit seinem dreizehnten Griff in seine bibliophile Bücherkiste, aus der er seine Kleinbuch-Reihe "Bibliothek Suhrkamp" speist, hatte Verleger Peter Suhrkamp bei der Presse viel Glück. "Es ist verwunderlich, warum kein Verleger sie bislang neu herausgebracht hat", regte noch im Juni dieses Jahres die "Neue Zeitung" eine deutsche Neuausgabe der einzigen beiden Romane des Franzosen Raymond Radiguet an.
Der eine, "Le Diable au Corps", war wenigstens in der Filmfassung (mit Gérard Philipe) in Deutschland wieder aufgetaucht. Vor kurzem hat nun Peter Suhrkamp den "Ball des Comte d''Orgel" neu verlegt.*)
Die zweihundertundzwei Seiten des Buches machen bereits fast die Hälfte des Radiguetschen Oeuvre aus. Der andere Teil: eben jene Roman-Vorlage des Gérard-Philipe-Films "Stürmische Jugend" und ein paar Gedichte, nichts sonst. Und doch zählen zumindest die Franzosen ihren früh verstorbenen Landsmann zu den wesentlichsten Erscheinungen unter den zeitgenössischen Schreibern.
"Er überragte uns alle", rief Jean Cocteau ihm ins Grab nach, "durch sein Wissen, seine souveräne Sicherheit und durch die Hellsichtigkeit seines nach innen gekehrten Blicks." Cocteau hatte den Frühreifen entdeckt, der, Sohn eines Karikaturisten mit vielköpfiger Kinderschar, sich an der väterlichen Handbücherei mit moderner französischer Literatur vorzeitig die Augen verdorben und schriftstellerisch infiziert hatte.
Als Halbwüchsiger kritzelt er in Schulhefte erste Gedichte, wie andere auch, aber mit siebzehn hat er mit dem Roman "Le Diable au Corps" (Der Teufel im Leib) sein Thema bereits gefunden: tragisches Einander-Verfallensein, das uralte Tristan-Motiv.
"Das Lebensalter will nichts besagen", hat Radiguet einmal geäußert. "Alle großen Dichter haben als Siebzehnjährige schon geschrieben. Die größten aber sind jene, die es fertigbrachten, das Alter vergessen zu lassen."
"Der Teufel im Leib", der erste Roman des siebzehnjährigen Radiguet, weist seinem Autor diesen Rang zu. Rückschlüsse auf das Alter ermöglicht allenfalls die autobiographische Einkleidung dieser Erzählung.
Es ist die Geschichte einer Schülerliebe, genauer: die story eines vom Kriege gleichsam genährten Verhältnisses zwischen einem Primaner und der Frau eines Frontsoldaten. Ungehemmt wie die Leidenschaft bricht die poetisch artikulierte Konfession Radiguets heraus. Das Ende ist tragisch: Der Krieg holt sich seine Opfer nicht nur mit Waffengewalt, die Geburt des gemeinsamen Kindes bringt der Mutter den Tod.
Damit hatte Radiguet sein Grundthema angeschlagen und zugleich schon bewältigt. Sein bald folgendes nächstes und bereits letztes Buch konnte nur noch eine Variante dazu bringen, eine Neuformung diesmal auf einer anderen Ebene.
Wie in der musikalischen Variationskunst der Alten sich "Maggiore" und "Minore" ablösen, so folgt auch in Radiguets Metamorphosen eines zwischenmenschlichen Konflikts auf die Moll-Partie des "Diable au Corps" mit der Dämonie des Einander-Verfallenseins ein - allerdings eingedunkeltes - Dur: die Geschichte einer reinen Liebe, die aber, wie Radiguet selbst bemerkt hat, "ebenso heikel wie die Schilderung einer unkeuschen" ist.
In dieser Liebesgeschichte mit dem Titel "Der Ball des Comte d''Orgel" sind die autobiographischen Bezüge bis zur Unkenntlichkeit kaschiert Radiguet verwendete ein klassisches Schnittmuster: das Dreiecksverhältnis zwischen zwei Freunden und der Frau des einen, die gleichzeitig Geliebte des anderen ist.
Der junge Franzose hat freimütig auch die direkte Vorlage genannt: den in der französischen Literatur berühmten Roman "La Princesse de Clèves" der Comtesse de La Fayette. Aber die Quelle ist ganz unwichtig, und - nach dem "Teufel im Leib" - beinahe auch das wiederum Tristan-artige Thema. Die Ausführung nur ist ganz und gar ungewöhnlich, diese Beschreibung einer unendlich zart gedachten Zuneigung zwischen zwei Figuren der Pariser müßiggehenden Gesellschaft zwischen den beiden Weltkriegen mit den Sprachmitteln unserer alles andere als romantischen Zeit, in einem untertreibenden, auf weite Strecken hin geradezu banal wirkenden Stil.
Radiguet bevölkert den Schauplatz der Handlung mit Figuren, die der Phantasie
eines Balzac entstammen könnten: die Blinde, die zu ihrem Pflegesohn sagt: "Wie schlecht du heute wieder aussiehst!"; der versoffene preußische Krautjunker, "der Kommata sammelte. Die Sammlung bestand darin die Kommata einer bestimmten Danteausgabe festzustellen. Das Ergebnis war nie das gleiche. Unermüdlich begann er von neuem. ..."; die liebestolle Amerikanerin: "Sie prägte ''neue Ausdrücke'', die er für Fehler im Französischen hielt ... Sie glaubte ihm zart zu verstehen zu geben, daß er ihr nicht mißfiele, indem sie ihm die Mischung des Trankes ins Ohr flüsterte, der Tristan auf ewig an Isolde gebunden hatte, sowie die anderer Cocktails aller Zeiten und Völker, die Liebe erwecken können ..."
Nicht überall klingt das ostinate Tristan-Motiv so laut an. Einen "Watteau des Herzens" nannte "Time" den jungen Franzosen. In der Tat sind die Hauptfiguren und ihre Beziehungen zart, aber immer präzis gezeichnet: der Comte, Spätling einer ganzen Dynastie von Höflingen ("Er besaß nicht mehr als die guten Eigenschaften seiner Abstammung und gesellschaftliche Begabung"); der Freund und Nebenbuhler François de Séryeuse ("Er war geschaffen, um glücklich zu sein, und selbst widrige Umstände wurden für ihn eine Quelle der Freude"); Mahaut, die Comtesse aus uraltem, zur Zeit Ludwigs XIII. nach Martinique emigriertem Adel ("Man muß einsehen, daß Mademoiselle Grimoard de la Verberie unter einem milden Himmel und für die Hängematte geboren war und daher die Waffen nicht besaß, die keiner Pariserin, ja keiner Frau fehlen, woher sie auch stammen mag")
Nichts geschieht, als daß François im Wagen versehentlich seinen Arm unter den von Mahaut schiebt; daß die Comtesse unter den Augen des Gatten dem heimlich Geliebten Briefe schreibt, die alles verbergen sollen und doch alles enthüllen; daß endlich die beiden auf der Flucht voreinander sich doch immer wieder begegnen und sich verzweifelt gegenseitig verletzen.
Das Ende bleibt dunkel, die Geschichte bricht so jäh ab, daß die Deutungen auseinanderlaufen: "Von dem Sturz selbst aber erfährt der Leser nur so viel, daß er bei dem Ball, den die d''Orgels zu geben gedenken, unvermeidlich sein wird", glaubte die "Zeit". Dagegen die "Züricher Zeitung": "Der Ball, welchen der Titel verspricht, findet nicht statt, und die Liebenden werden, da die Ordnung nicht gebrochen werden darf. einander nie angehören."
Wie das Finale auch gemeint sei: die Wirkung dieses ganz ohne Leidenschaft und wie nebenbei gegebenen Berichts einer tragischen Liebe auf einem Schauplatz, über dem die Schlagschatten zweier Kriege liegen - diese Wirkung ist unbestreitbar ohne Beispiel.
Radiguet las die Korrekturen zum "Ball des Comte d''Orgel" auf dem Sterbebett. Drei Tage vor seinem Tod sagte er voraus, daß am übernächsten Tag "die Soldaten Gottes ihn füsilieren würden". Der Tod war pünktlich. Radiguet starb am 12. Dezember 1923, ein Zwanzigjähriger - "der alterslose Erzähler einer zeitlosen Geschichte". wie Cocteau ihn genannt hat.
*) Raymond Radiguet: "Der Ball des Comte d''Orgel". Suhrkamp Verlag Berlin und Frankfurt a. M., 202 Seiten. 4,80 Mark.

DER SPIEGEL 39/1953
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