07.10.1953

DYSTROPHIE / MEDIZINDie Krankheit der Heimkehrer

Äußerlich ist es oft das gleiche Bild: Nach totalem Krieg, dem Schock der Gefangennahme und dem Hungererlebnis der Arbeitslager steht der Heimkehrer endlich am Ziel seiner Wünsche. Mit dem Entlassungsschein in der Hand klettert er am Heimatort selig aus der Eisenbahn, wird von seiner Familie mit Tränen der Rührung und der Freude empfangen und im Triumph an die Willkommens-Kaffeetafel geführt.
Aber nach ein paar Wochen wird allen schmerzlich bewußt, daß er den Zugang zur alten bürgerlichen Umwelt nicht finden kann. Er rennt offene Türen ein, stürmt gegen unsichtbare Wände und bleibt schließlich ermattet vor dem Paragraphenwall eines soliden Staatsgefüges liegen, verbittert in seiner Überzeugung, daß die Umwelt sich gegen ihn verschworen hat.
Nicht selten hat sich auch das Schutzgitter seines ethischen Denkens geweitet, seine moralischen Entgleisungen und sittlichen Verfehlungen empören eine Welt, die er nicht begreift und die ihn nicht versteht.
Juristen und Soziologen studieren verblüfft die Zahlen der Spätheimkehrer, die sich in den Maschen der Sittlichkeitsgesetze fangen. Die Kriminalität unter Menschen, die Jahre hinter Stacheldraht zugebracht haben, ist ungewöhnlich hoch (zum Beispiel waren im Herbst 1949 in Niedersachsen 41 Prozent aller Strafgefangenen Spätheimkehrer).
Mit juristischen Erwägungen ist das Problem nicht zu klären. Jetzt legt ein Arzt, der selbst einmal Kriegsgefangener war und später Hunderte von Heimkehrern betreute, in schonungsloser Analyse die Ursache für das Versagen der Heimkehrer frei*). Dr. med. et phil. Kurt Gauger in Düsseldorf, bis 1950 ärztlicher Leiter der einzigen deutschen Heimkehrerklinik Fischerhof bei Uelzen, erleuchtet das Heimkehrerrätsel von der medizinischen und psychologischen Seite: die nichtverstandenen und nicht verstehenden Heimkehrer sind keine Verbrecher, sondern Kranke.
Ihr Leiden ist eine neue Krankheit, deren Symptombild man erst im Laufe der letzten Jahre deutlich herausarbeiten konnte. Sie wird mit einer von russischen Ärzten eingeführten Bezeichnung charakterisiert: Dystrophie heißt soviel wie Ernährungsmangelkrankheit.
Die Rückkehr ins bürgerliche Leben wird den dystrophischen Heimkehrern nach Gaugers Erfahrungen deswegen so erschwert, weil sie nicht als Kranke erkannt und behandelt werden. Ihr generelles Leiden bleibt in seiner ganzen Schwere und Vielschichtigkeit verborgen, da auch die meisten Ärzte nicht wissen, was Dystrophie eigentlich ist.
Gauger definiert in seinem Buch: Dystrophie ist ein "artifizielles Krankheitsbild" und entgegen der anfänglich von den Ärzten vertretenen Meinung nicht nur der Zustand bloßer Erholungsbedürftigkeit. Dystrophie ist oft schwerster Krankheitszustand im Sinne einer schweren, chronisch gewordenen Stoffwechselstörung bzw. Stoffwechselentgleisung. "Früher mag es Dystrophien
in Einzelfällen gegeben haben, als Zeiterscheinung sind sie aber erst eine Folge der totalen Kriegführung und der erbarmungslosen Massenbestrafung."
Die Dystrophie hat eine ganz banale Ursache: quantitative (zuwenig Kalorien) und qualitative (zuwenig Eiweiß) Unterernährung. Die sichtbaren Folgen sind Abmagerung, Abbau der Fettpolster und der Muskulatur, Ödeme, Wasseransammlungen in den Beinen, in der Bauchhöhle und im Kopf.
In den ersten Nachkriegsjahren beschränkten sich die meisten Ärzte darauf, die sichtbaren Folgen dieser neuen Hungerkrankheit nach der Heimkehr durch eine aufbauende Diät zu beseitigen. Die Ödeme schwinden, der Körper legt wieder Fettreserven an - aber damit ist die Krankheit längst nicht geheilt. Die Dystrophie ist für den Arzt und Psychotherapeuten Gauger keine Stacheldrahtkrankheit, die für den Heimkehrer endet, sobald sein Wasserbauch verschwindet. Ihre Folgen können sich noch Jahre nach der Entlassung auswirken.
Gauger ist überzeugt, daß man soziologisch überhaupt nicht abzuschätzen vermag, "wie unübersehbar viel objektives Unrecht und wie unübersehbar viel persönliches Unglück durch Fehlbeurteilungen aus reiner Unkenntnis des Dystrophieproblems entstanden sind".
Die Dystrophie sei bisher fast nur als körperliche, nicht aber als körperlichseelische Krankheit angesehen worden. Die seelischen Schäden scheinen ihm aber zumindest ebenso bedeutsam. Schon die Ursache dieses Leidens, die Mangelernährung, müsse sich seelisch auswirken. Aber: "Das Hungergefühl und ein objektives Defizit an vitalen Nahrungsstoffen korrespondieren keineswegs immer."
Den Weg des hungernden Gefangenen sieht der Arzt Gauger als kollektives Schicksal mit fast immer den gleichen Stadien. Es beginnt mit der Gefangennahme
als psychischem Schock. Er ist so stark, daß alle vitalen Lebensäußerungen verdeckt werden. Der Gefangene ist in den ersten Stunden und Tagen "wie gelähmt".
"Bei Menschen, die noch keine Erfahrung in der Lebensform der Gefangenschaft haben, tritt im allgemeinen erstaunlich lange Zeit von der Gefangennahme an kein Hungergefühl auf ... Auch die sogenannten ''Hungermärsche'' zu Sammellagern nach Massengefangennahme verdienen diesen Namen eigentlich nicht. Die Unzahl der Opfer solcher Hungermärsche ist nicht eigentlich eine Folge der fehlenden Nahrung, sondern der Depression der Opfer."
Die zweite Phase beginnt für den Gefangenen nach dem ersten Essenfassen. "Sowie durch die ersten Nahrungsrationen sein Hunger geweckt wird, erwacht er aus dem anfänglichen Stupor und wird damit zum ''Gefangenen'', dessen Triebkraft sich nun allein auf das Am-Leben-Bleiben konzentriert."
Der Trieb zur Stillung des Hungers nimmt groteske Formen an: "Alle Begriffe und Möglichkeiten von Sitte und Sittlichkeit, von Moral und Recht, von Sauberkeit und Korruption, von Kameradschaft und Verrat, ja sogar von Religiosität und Bestialität kreisen so in einer schauerlichen, tierhaften Umwertung um das Essen."
Die Folge ist krasser Egoismus, medizinisch gesprochen: Autismus*). Der einzelne Gefangene denkt nur noch an sich und an die Rettung seines Lebens. Alle Gedanken sind auf dieses Problem gerichtet. Alle anderen Triebe treten hinter dem Sättigungstrieb zurück.
Der Dystrophiker lebt nur noch in der Gegenwart, "wie es dem Triebcharakter des Hungers entspricht". Er ist, wie Gauger sagt, im eigentlichen Sinne kein Mensch mehr, er ist "Teil eines hungernden Kollektivs".
Jeder Gefangene sei überzeugt, daß ihn in schwersten Zeiten "nur der Gedanke an Frau und Kinder" am Leben erhalten habe, sagt Gauger. "Die zahllosen Ehekatastrophen der Heimkehrer ... erweisen aber, daß nicht erst bei der Heimkehr, sondern bereits in Gefangenschaft sehr oft etwas nicht gestimmt haben kann - mit dem lebenswichtigen Denken des Dystrophikers an Frau und Kinder ... Der Dystrophiker bezog sich nicht auf die Frau, er bezog vielmehr die Frau auf sich."
Alle diese krankhaften Veränderungen in der Psyche des Gefangenen sich nach Gauger mit dem Tage der Heimkehr nicht ausgelöscht. Sie tragen einen Teil der Schuld an den Kontaktschwierigkeiten mit früheren Freunden und selbst mit der Ehefrau. Der Heimgekehrte muß sich deshalb unverstanden fühlen.
"Seine Problematik als Heimkehrer veraltete in wenigen Jahren zu einer Michael-Kohlhaas-Problematik. Daher sind sachliche Erörterungen mit dystrophischen Heimkehrern so schwierig. Der Dystrophiker sieht nicht das sachliche Thema, nicht die Realität, sondern sich! Er greift an oder verteidigt sich, wo ihn niemand angegriffen hat. So verwandeln sich tragischerweise zum eigenen Schaden seine berechtigten Forderungen in oft unberechtigte Vorwürfe."
Körperliche Mängel und seelische Verkrampfung können sich in verhängnisvoller Weise verzahnen. Zu den häufigsten körperlichen Krankheitszeichen des Dystrophikers gehören neben Muskelschwund,
Herzschrumpfung ("bis auf den Umfang einer Kinderfaust"), Blutdruckniedrigung, Gefäßschwäche, Magen- und Darmstörungen und Knochenveränderungen auch der Keimdrüsenschwund. Dieses Symptombild gibt die somatische Erklärung für die häufigen und oft jahrelang andauernden Potenzstörungen vieler Heimkehrer.
Unkenntnis über die dystrophische Ursache der Potenzstörungen und gleichzeitig die krankhafte seelische Verkrampfung der Heimkehrer haben manche Ehe zerbröckeln lassen und sind auch schuld an sittlichen Entgleisungen, die ohne Kenntnis des Dystrophie-Problems unerklärlich bleiben müssen.
"Da Dystrophie ein krankhafter Zustand ist", folgert Gauger, "ist es in der Tat auch erst einmal Sache der Ärzte, den Soziologen und Juristen die erforderlichen Unterlagen vorzulegen." Die Ärzte haben die Dystrophie bisher aber fast nur als körperliche Krankheit angesehen und sich auf Diätvorschriften beschränkt.
Gauger dagegen ist überzeugt, daß viele Opfer "des größten barbarischen Massenexperiments, der systematischen Dystrophisierung von Millionen und ihrer Ausnutzung als gefügige Arbeitssklaven" bis heute ihre Dystrophie noch nicht überstanden haben. Als Arzt sieht er das an einigen typischen Restzeichen der Krankheit: Druckschmerzhaftigkeit der Knochenhaut, krankhafte Reaktionen der Hautgefäße, vibrierendes Zittern der ausgestreckten Finger, Neigung zu Schwindel, übertriebene Reflexreaktionen und ähnliche Erscheinungen.
Bei Heimkehrern mit diesen leichten Krankheitszeichen seien fast immer die seelischen Begleiterscheinungen der Dystrophie noch anzutreffen. Auch wenn die Heimkehr schon viele Jahre zurückliege, könne die seelische Einstellung des ehemaligen Kriegsgefangenen noch durchaus dystrophisch sein.
In seiner Heimkehrerklinik Fischerhof bei Uelzen hat der Psychotherapeut Gauger bis 1950 über 750 ehemalige Kriegsgefangene körperlich und seelisch wieder gesund gemacht. "Zum Glück ist die Dystrophie heilbar", verkündet er in seinem Buch. Aber sie könne nur psychosomatisch, also durch gleichzeitige Einwirkung auf Körper und Seele behandelt werden.
*) Kurt Gauger: "Die Dystrophie als psychosomatisches Krankheitsbild". Verlag Urban und Schwarzenberg. München. 228 Seiten, 14,80 Mark.
*) Autismus: übersteigerte Selbstbezogenheit; krankhaft einseitiges Sichisolieren.

DER SPIEGEL 41/1953
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