(s. Titel)
In einem kleinen Bauernhof lebte eine Frau, deren Mann, damals ein junger Soldat, während des ersten Weltkrieges in russische Gefangenschaft kam. Da sie nach vielen Jahren immer noch mit der Rückkehr ihres Mannes rechnete, galt die Frau als verrückt; die Nachbarn erzählten sich, daß sie sein Bett immer wieder mit frischer Wäsche bezog, und obschon sie durchaus kein Zeichen von ihm hatte, war sie von der Überzeugung, daß er immer noch lebte, nicht abzubringen, zehn Jahre nach dem ersten Weltkrieg, zwanzig Jahre.
"Dann kam der zweite Weltkrieg. Die Frau überlebte ihn; in allen Dingen, die nicht ihren verschollenen Mann betrafen, wirkte sie durchaus vernünftig. An ihrem stillen, unausgesprochenen, nur durch ihr Verhalten bezeugten Wahn, daß ihr Mann
eines schönen Tages zurückkehren würde, änderte auch der zweite Weltkrieg nichts.
"Wieder gab es Hunderttausende von Frauen, die auf ihre Männer aus Rußland warteten, gläubig oder ungläubig. Unter den ersten, die wirklich wiederkehrten, war ein sehr alter Mann, den die Nachbarn, als er sich bei ihnen meldete, tatsächlich als den Mann jener Verrückten erkannten; er erkundigte sich, ob seine Frau noch lebte und erfuhr, daß sie nie an seinen Tod geglaubt hätte.
"Erst nach dieser Kundschaft wagte er es, sich dem Hause zu nähern. Die Nachbarn warteten bis zum anderen Morgen, ehe sie hinübergingen, um zu sehen und zu hören, wie die Frau mit dem unwahrscheinlichen Ereignis fertig würde.
"Man traf sie gänzlich in Ruhe, unverändert, wobei sich zeigte, daß sie von dem Mann, der gestern gekommen war, überhaupt nichts wußte. Sie glaubte ihren Nachbarn nicht ein Wort, bis die Nachforschungen ergaben, daß die Nachbarn sie nicht zum Narren hielten und daß sie, die achtundzwanzig Jahre lang an seine Rückkehr geglaubt, sich nicht verstiegen hatte: man fand seine Leiche in der Jauchegrube, die sich beim hinteren Eingang befindet."
Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch wird, wenn er eben jetzt die Berichte von den unerwartet wieder in Gang gekommenen Rußland-Rücktransporten liest, vielleicht noch mehr als bisher an diese Geschichte glauben. Er hat sie schon 1949 in seinem "Tagebuch 1946 - 1949"*) dem Hörensagen nacherzählt und sie damals, ohne Kommentar, einfach als "Story" verzeichnet. Man möchte sogar meinen, der Dramatiker Frisch werde nunmehr sein Urteil korrigieren, Westdeutschland sei als Stoffquelle für ihn uninteressant geworden.
"Natürlich liegt für mich als deutsch schreibenden Dramatiker hier mein eigentliches Wirkungsfeld", gibt Frisch gleich zu. Er wird gegenwärtig von den westdeutschen Sendern mit Hörspiel-Aufträgen fast überfordert, außerdem figuriert er mit seinem neuesten Stück, der Komödie "Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie", unter den ersten Anwärtern auf breiten Bühnenerfolg in der angelaufenen Spielzeit.
Wie alle seine bisherigen Stücke*) kam dieser neueste Frisch zuerst in Zürich (gleichzeitig mit Berlin) heraus. Frisch: "Es ist ein enormer Vorteil für einen Dramatiker, wenn er ein Theater hat, an dem er seine Sachen praktisch erproben kann." Den Münchner Kammerspielen und der Düsseldorfer Gründgens-Bühne war das neue Stück einen Wettlauf um den Premieren-Termin wert, und unter den übrigen Bühnen, die Frisch aufführen, sind so prominente Spielstätten wie das Darmstädter Landestheater und das Hamburger Schauspielhaus.
Frischs Bühnenerfolg in Westdeutschland scheint damit bei Beginn der Spielzeit bereits festzustehen, obwohl oder vielleicht gerade weil diese Komödie von allen Stücken des Schweizers die geringste Beziehung zu Deutschland unter oder nach Hitler aufweist. Die übrigen Bühnenwerke Max Frischs sind Zeitstücke mit einer politisch moralisierenden Tendenz, mehr ("Nun singen sie wieder") oder weniger ("Als der Krieg zu Ende war").
Als der Krieg noch nicht zu Ende war, sondern eben erst begann, entdeckte Max Frisch, daß der einzelne Mensch, also auch er, Teil eines Volkes ist, daß die Völker Teile von Kontinenten sind und die Kontinente Teile von Machtorganisationen. Vorher war Frisch ein Super-Individualist
gewesen, der viel reiste und schrieb, nicht, um die Welt, sondern um sich selbst zu finden.
Ein Schweizer aber, der sich 1939 plötzlich für seine politische Umwelt zu interessieren begann, mußte bald bemerken, daß er im Welttheater auf einem sonderbaren Platz saß, dem Platz in der Rampenloge: so nahe bei den Schauspielern, daß er sie fast anfassen konnte, aber doch durch eine goldene Brüstung von ihnen getrennt.
Dieses Verschontbleiben vom Schicksal bedeutete zugleich ein Ausgeschlossensein. Der Schweizer Frisch, begierig nach Erlebnissen, sah das bald ein. Sobald er erkannt hatte, daß er in einer politischen Welt lebt als ein deutschsprechender Mensch, der dennoch vom deutschen Schicksal ausgeschlossen bleibt, weil er ein Schweizer ist, ging er daran, sich durch Gewissenserforschung den Platz auf dem Polsterstuhl in der Loge so unbequem wie möglich zu machen.
Einem Obergefreiten, der vor Stalingrad war, und der dem Autor des literarischen Requiems "Nun singen sie wieder" geschrieben hatte, es empöre ihn, "daß ein Ausländer, ein verschonter, vom Tode schreibt", versuchte Max Frisch in dreimaligem Ansatz zu antworten. Unter den Entwürfen - "Was kann ich Ihnen antworten?" beginnt ganz unsicher der erste - steht im "Tagebuch" der lakonische Vermerk: "Nicht abgeschickt."
Dieser ganz ungewöhnlich unruhige Schweizer hatte auch vorher ziemlich unschweizerisch
gelebt. Im Elternhaus - der Vater war Architekt in Zürich - herrschte nie Wohlstand, und manchmal ging es dürftig her. Als Gymnasiast beginnt er zu schreiben, Stücke vor allem, eines davon, mit dem Titel "Stahl", bietet er dem damals (1927/28) großmächtigen Berliner Theaterpapst Max Reinhardt an. "Die Karte mit fremder Marke, wo höflich und knapp um Einsendung des genannten Werkes ersucht wurde, war das erste Schriftstück, das mich als Herr anredete. Ich war sechzehn." (Weder diese Karte noch das Stück, noch andere frühe Arbeiten blieben erhalten. Mit 28 Jahren wirft Frisch alle bis dahin aufgehäuften Manuskripte ins Feuer.)
Als der Junge 22 Jahre alt geworden ist, stirbt der Vater, die Not ist da. Ein Verlegenheitsstudium, Germanistik, muß aufgegeben werden. Journalismus bietet sich als Ausweg. 1933 startet der Ex-Student zu einer Reporterfahrt zu den Eishockey-Weltmeisterschaften in Prag, und als er bemerkt, daß er vom Zeitungsschreiben zur Not leben kann, fährt er weiter: nach Jugoslawien, Griechenland, in die Türkei. Er schreibt darüber für die drei damals besten Zeitungen Europas: Die "Neue Zürcher Zeitung", die "Frankfurter", die "Kölnische".
Nach ein paar Jahren Journalismus überkommt ihn Ekel an diesem Handwerk, er will nicht mehr, aber es ist auch kein Geld da, etwas anderes anzufangen. Er glaubt, was sein großer Landsmann Gottfried Keller in diesem Alter geglaubt hat: eine gescheiterte Existenz zu sein. Aber dieses Leben ist ebenso wie Kellers Leben voller Überraschungen, und wie diesem plötzlich eines der höchstbezahlten Staatsämter zugeschanzt worden ist, so bietet ein Freund aus seinem Erbe Max Frisch 16 000 Franken als Geschenk an, damit er neu beginnen könne.
Von diesem Geld lebt Frisch mit seiner Mutter vier Jahre lang in bescheidenem Stil und folgt dem Beispiel des Vaters. Er geht auf die eidgenössische Technische Hochschule und bildet sich zum Architekten aus.
Während des Studiums und dann, als er Angestellter eines Architekturbüros ist, entwickelt er sich aus einem romantischen Poeten zu einem Bürger - wenn man unter einem Bürger einen Menschen versteht, der sich der Gemeinschaft verpflichtet fühlt. Aber der Schweizer Bürger Max Frisch begnügt sich nicht damit, die bestehende Ordnung anzuerkennen. Er will immer eine neue Ordnung für diese Gemeinschaft mitschaffen helfen, er ist ein geistig militanter Mann.
Berufsleben und Schriftstellerschaffen laufen dabei synchron. Erkennt Frisch durch seine Architektenarbeit die Umwelt
als soziales Gebilde, weil man nicht einmal ein Einfamilienhaus bauen kann, ohne das Problem des Zusammenlebens zu lösen, so treibt ihn diese Entdeckung zugleich an die Schreibmaschine. Hierüber spürt er zum erstenmal deutlich, daß er doch mehr Schriftsteller als Architekt ist. Zu der Erneuerung der Ordnung glaubt er mehr durch Schreiben als durch Plänezeichnen beitragen zu können. Aber als Schweizer ist das in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts eben nicht so leicht.
"Das Schreibrecht", sagt Frisch im Vorwort zu seinem "Tagebuch", "kann niemals in der Person des Schreibenden, sondern nur in seiner Zeitgenossenschaft begründet sein, vielleicht auch in seiner besonderen Lage als Verschonter, der außerhalb der nationalen Lager steht ..."
Hier wird der Schweizer Standort einmal als Vorteil hingestellt, als müßte gerade das von dorther Geschriebene für die übrigen Deutschen besonders interessant sein. Häufiger aber sind in Frischs Werk Stellen zu finden, aus denen hervorgeht, daß er als "Verschonter" sich in einer besonders schwierigen Lage fühlt: "Alles Leben wächst aus der Gefährdung", schreibt der nicht gefährdete Max Frisch in einer Art Schweizer "Kriegs"-Tagebuch, "Blätter aus dem Brotsack", geschrieben, als der Verfasser bei Kriegsausbruch zum Grenzschutz einberufen wird.
Bis heute hat Frisch etwa 1000 Tage Militärdienst hinter sich, und erst kürzlich stellte Frau Frisch das sorgsam eingeölte Gewehr und die eingemottete Uniform wieder bereit für eine 14tägige Übung bei Andermatt, durch die ihr Mann das Bohren von Sprenglöchern erlernte, um im Ernstfall beim Rückzug der Schweizer Armee auf das Alpen-"Reduit" die Brücken und Tunnel seiner Heimat zerstören zu können. Für den eigentlichen Frontdienst ist der Zweiundvierzigjährige nach dem Schweizer Reglement zu alt geworden.
Er empfand die Einberufung 1939 als eine befreiende Unterbrechung des ereignislosen Schweizer Alltags: "All diese vergangenen Jahre, wer sehnte sich immer nach Wandlung des Lebens? Vielleicht kommt sie stets von anderer Seite. Weil es stets den Schrecken braucht, damit es uns weiterbringt."
Darin ist eine Spur von Sehnsucht nach Krieg, eine nihilistische Sehnsucht des "Verschonten", aber schon auf der nächsten Seite heißt es: "Wo man hinhört, man ist
nicht der einzige, der sich in diesen Tagen wie ein armseliger Käfer vorkommt, von einer großen und scheinbar mutwilligen Hand zurückgeworfen, wo man sich eben, nach jahrelangem Mühen, endlich einem Ausweg nahte." Und weiter: "Es gibt doch keinen Urlaub von der Zeit."
Diese schlichten "Blätter aus dem Brotsack" sind von einem Schweizer für die Schweizer geschrieben. Frischs Landsleute empfanden sie "als Dokument einer Wehrhaftigkeit, die durchaus zivilistisch bleibt und bleiben will, die sich nur aus Zweckmäßigkeitsgründen der Uniformierung bediente und die an sich keineswegs geliebt oder gar wertmäßig übersteigert, aber doch selbstverständlich anerkannt und erfüllt wurde" - aber für deutsche Augen lesen sie sich merkwürdig, weil deutsche Kriegserlebnisse eben so eine völlig andere Quantität haben.
Der Koloß Hitler, seine Macht, die eine Autostunde von Zürich entfernt beginnt und von der jahrelang ungewiß ist, ob sie nicht plötzlich die Schweiz erobert - das ist die Konstellation, die Frischs Denken ganz mit Beschlag belegt nach dem kurzen Zwischenspiel seines gedämpften Schweizer Nationalismus bei Kriegsbeginn. "Deutschland" heißt fortan das große Thema Frischs.
In dieser Auseinandersetzung mit Deutschland überwindet Frisch die Grenzen und Gefahren des Individualismus endgültig und beginnt gegen das eigene schlechte Gewissen anzukämpfen: ein Schweizer zu sein in einer Zeit, in der die meisten Menschen in Europa leiden.
"Menschen eines Kleinstaates, was haben wir denn in der Welt zu erobern, wenn nicht die Weite des Herzens, die Reinheit und den Adel einer Gesinnung?", steht schon in den "Blättern aus dem Brotsack". Im Vorwort zu dem im Januar 1945 geschriebenen Stück "Nun singen sie wieder", das Frisch den "Versuch eines Requiems" nennt, in dem die Toten aller Lager und aller Parteien sich zur Trauerklage über die Verbrechen der Lebenden vereinigen, entschuldigt sich Frisch, nicht "dabei" gewesen zu sein:
"... es muß (bei der Aufführung) der Eindruck eines Spieles durchaus gewahrt bleiben, so daß keiner es am wirklichen Geschehen vergleichen wird, das ungeheuer ist. Wir haben es nicht einmal mit Augen gesehen, und man muß sich fragen, ob uns ein Wort überhaupt ansteht. Der einzige Umstand, der uns vielleicht
zur Aussage berechtigen könnte, liegt darin, daß wir, die es nicht am eigenen Leibe erfahren haben, von der Versuchung aller Rache befreit sind. Der Zweifel bleibt dennoch bestehen."
Der Zweifel nämlich, ob er das Recht habe, über das "ungeheure Geschehen" zu schreiben. In Deutschland, wo "Nun singen sie wieder" eines der ersten nach dem Kriege aufgeführten Stücke gewesen ist, wurde es, obwohl es nicht nur "von der Versuchung aller Rache" frei ist, sondern auch - im Gegensatz zu fast allen Äußerungen, die in jenen Jahren von außen nach Deutschland gedrungen sind - nicht richten will, vielfach als Provokation empfunden. Die Wunden waren zu frisch.
Aber Frisch, magisch angezogen von dem Schauplatz der Untaten während der Despotie, beschafft sich unter großen Schwierigkeiten bereits im Frühjahr 1946 eine Reiseerlaubnis für Deutschland, dann auch für Polen und für die Tschechoslowakei und ist damit unter den ersten neutralen Zivilisten, die jene Länder wieder bereisen. Im "Tagebuch", das im wesentlichen eben von diesen Reisen berichtet sowie einige novellistische und dramatische Entwürfe enthält, darunter fast das ganze Schauspiel "Graf Öderland", steht:
"Wenn man an die einzelnen Begegnungen (in Deutschland) zurückdenkt, ist die Kluft doch größer, als man erwartet und erhofft, und zugleich überbrückbarer, sobald man auf der anderen Seite ein menschliches Gesicht sieht. Es gibt einzelne, die uns jede Grenze vergessen lassen; man sitzt sich nicht als Deutscher und als Schweizer gegenüber; man ist dankbar, daß man die gleiche Sprache hat, und schämt sich jeder Stunde, da man diese einzelnen vergessen hat. Die Mehrzahl freilich sind solche, die diese Versuchung wieder beschwören, die sich rechtfertigen und uns, ob wir wollen oder nicht, zum Richter setzen, der freisprechen soll ..."
Während der ganzen Kriegszeit und dann bis etwa 1950 kommt Frisch nicht von Deutschland los. Er schreibt "Als der Krieg zu Ende war" nach einer wahren Begebenheit in Berlin: Agnes, eine deutsche Offiziersfrau, im Keller ihrer Villa mit ihrem Mann lebend, der sich nicht sehen lassen darf, tritt in eine Liebesbeziehung zu dem russischen Oberst, der sich im ersten Stock einquartiert hat. "Stepan Iwanow: gekommen als Krieger, gehaßt und gefürchtet als Feind, langsam erkannt als einzelner Mensch, vertraut und für immer geliebt ..."
Das ist das Rezept, als Schweizer legitim mitzureden: nicht die Deutschen, die Schweizer, die Russen, die Amerikaner, sondern "langsam erkannt als einzelner Mensch" - aber die Bindung an das Volk, an seines Volkes Schicksal, ist eben auch für einen Schweizer nicht ganz abzustreifen, und was die anderen betrifft, so wollen sie sie gar nicht abstreifen. Frisch bleibt der breite Erfolg versagt. Aber er schreibt sich doch allmählich nach vorne mit seinen Theaterstücken, auch mit dem dickleibigen "Tagebuch".
Zugleich macht er in Zürich sprunghaft Karriere als Architekt. Es ereignet sich in seinem Leben ein zweiter großer Glücksfall: Frisch, gerade fertig mit seinem Studium, beteiligt sich an dem Wettbewerb für ein großes Freibad in Zürich und geht
unter den 82 Architekten, die sich ebenfalls beteiligt haben, darunter die ersten der Schweiz, als Sieger hervor.
Schriftstellertum und Baumeisterei laufen wieder in eins. Was der Denker und Schreiber erkannt und definiert hat, was der Architekt bestätigt fand, wirkt auf die Bauplanung zurück und bewährt sich dort: Der einzelne Mensch gehört in den Mittelpunkt des Ganzen - nach diesem Gesichtspunkt ist das Züricher Volks-Freibad "Letzigraben" gebaut. Es ist eine fröhliche Anlage für Großstadtmassen, die vom Eingang an listig und unmerklich aufgeteilt werden, bis rings um die drei großen Schwimmbecken in vielen Wiesenwinkeln, hinter Stauden, Blumen und Bäumen der einzelne Mensch zu sich selbst kommt.
Wegen Materialknappheit wird das 4,5-Millionen-Franken-Projekt erst nach dem Krieg, von 1947 bis 1949, ausgeführt. Das Honorar des Architekten, dem auch die Ausführung übertragen wird, beträgt rund 150 000 Franken. Damit richtet sich Frisch ein eigenes Architektenbüro ein und gründet eine Familie: Eine seiner ersten Mitarbeiterinnen wird seine Frau. Er baut jedoch nach diesem glänzenden Start die Laufbahn als Architekt nicht aus. "Mit 40 Jahren muß sich der Mann entscheiden, was er will", und Frisch will Schriftsteller und Dramatiker sein.
Aber nicht nur, weil er nicht energisch genug hinter Aufträgen her ist, bleibt "Letzigraben" Frischs bisher einzige wirklich große Architektenaufgabe. Wie er deshalb kein typischer Schweizer ist, weil er auf eine produktive Art mit seinen Minderwertigkeitskomplexen als Schweizer fertig zu werden versucht ("Andorra ist ein kleines Land, sogar ein sehr kleines Land, und schon darum ist das Volk, das darin lebt, ein sonderbares Volk, ebenso mißtrauisch wie ehrgeizig, mißtrauisch
gegen alles, was nicht aus den eigenen Tälern kommt. Ein Andorraner, der Geist hat und daher weiß, wie sehr klein sein Land ist, hat immer die Angst, eine lebenslängliche Angst, daß er die Maßstäbe verliere", steht im "Tagebuch"), - ebenso ist er auch kein typischer Europäer.
Er entdeckt nämlich vorwiegend die Haare und nicht die Fettaugen in der westlichen Suppe. Deshalb drängt es ihn nach Warschau, nach Prag. Er hält es nicht für gleichgültig, was da drüben geschieht, und er sagt es nachdrücklich.
"Das Ost-West-Schema ruiniert uns geistig. Das Hemmnis jeder Kritik bei uns am Bestehenden ist der Kommunismus. Niemand will sich beunruhigen lassen durch eigenes Versagen, weil er bereits durch den Kommunismus beunruhigt genug zu sein glaubt."
Frisch aber will beunruhigen. Er traut dem Frieden nicht. In der Schweiz gerät Frisch nach und nach in den Verdacht, mit dem Osten mindestens zu sympathisieren, und als er vom Friedenskongreß in Breslau zurückkommt, ist es den Schweizern zuviel. Es beginnt gegen Frisch ein stiller Boykott, der zwar nicht verhindern kann, daß seine Stücke aufgeführt werden, wohl aber, daß er als Architekt zu breiter Wirksamkeit kommt.
Da geschieht, was man nach den 16 000 Franken, nach dem 1. Preis im Freibad-Wettbewerb, das dritte Wunder in diesem Leben nennen könnte: Ein Fährtensucher der Rockefeller-Stiftung kommt nach Europa mit der Absicht, einen jungen Autor ausfindig zu machen, der eines Stipendiums würdig sei.
Zum allgemeinen Erstaunen ist schließlich Frisch der Auserkorene, und diese Bevorzugung durch eine amerikanische Institution macht die Leute ganz irre an seinem Kommunismus, dem er natürlich
nie angehangen hat. Das Stipendium bestand aus 330 Dollar (knapp 1400 Mark) pro Monat auf ein Jahr, aus freien Reisen nach und in Amerika und war sonst an keinerlei Bedingungen geknüpft.
Frisch lebt in Frisco in einem Häuschen mitten in einem Negerviertel, er geht bis nach Mexiko hinunter, und das zweite halbe Jahr verbringt er in New York. In dieser Zeit schreibt er einen Roman, der so ins Autobiographische gerät, daß er mißlingt.
Zehn Monate Amerika sind schon vorbei. Frisch hat nichts Produktives geleistet. Da überfällt ihn die lebenslang begleitende Furcht, die Zeit zu versäumen, er greift den Don-Juan-Stoff auf, mit dem er sich in Gedanken schon lange beschäftigt. In zwei Monaten ist das Stück fertig: "Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie".
Ihm wie allen Stücken fehlt, was sein Volksbad auszeichnet: die absolut gekonnte Mache. Es hat Schwächen im Aufbau, und es ist auch nicht ganz klar in der Absicht. Nicht jeder, der es sieht, bemerkt, daß es das Stück eines Moralisten ist.
Der Don Juan Max Frischs, ein sehr intellektueller Erotiker, liebt nur das, "was stimmt". Was die Liebe betrifft, so findet er heraus, daß sie "nicht stimmt": In der Nacht vor der Hochzeit merkt er, daß die Geliebten austauschbar sind, ohne daß man es merkt. Dann bleibt er dabei, obwohl er viel lieber Geometrie treiben würde, eine Wissenschaft mit fixen, zuverlässigen Größen, in der alles "stimmt".
Um das Leben des Don Juan aufgeben zu können, inszeniert er seine Höllenfahrt selbst - der vierte Akt ist der bühnenwirksamste des ganzen Stückes - , und obwohl ein betrogener Ehemann die versammelten Geliebten aufklären möchte, daß die Sache mit dem Komtur, mit Blitz und Schwefelgestank aufgelegter Schwindel ist - vergebens, die Menschheit will ihre Legende, im Bewußtsein der Allgemeinheit fährt Don Juan zur Hölle.
In Wahrheit aber bedenkt ihn der Schweizer Autor mit der härtesten Strafe, die er sich vorstellen kann: Er läßt ihn ein recht eigentlich schweizerisches Schicksal erleiden und sperrt ihn mit einer reichen Frau in den goldenen Käfig einer Ehe.
Deutschland als Thema ist also überwunden, der Ost-West-Weltkonflikt als Thema zwar gefunden, aber noch nicht bewältigt. Das Amerika-Jahr scheint der nächste Gegenstand dieses Schriftstellers zu werden. Bis jetzt liegt eine Schilderung Mexikos vor und ein großer Aufsatz "Von der Arroganz des Europäers gegen Amerika". Wie Thomas Mann hält Frisch diesen Hochmut für ungerechtfertigt.
Ob ihm mit seiner "Don-Juan"-Persiflage der Durchbruch zum Publikum hin geglückt ist, wird die kommende Spielzeit erweisen. Die Kritik war nicht ganz einverstanden und nahm das neue Stück zwiespältig auf. Frisch ist in diesem Punkte nicht unempfindlich. Unter dem Stichwort "Rezensionen" hat er im "Tagebuch" bissig bemerkt:
"Nichts leichter als das: man schneidet eine Kartoffel zurecht, bis sie wie eine Birne aussieht, dann beißt man hinein und empört sich vor aller Öffentlichkeit, daß es nicht nach Birne schmeckt, ganz und gar nicht!"
Der vielaufgeführte, ein wenig kritisierte Schweizer Schriftsteller hat zunächst verletzt die Schreibfeder wieder aus der Hand gelegt und den weißen Ateliermantel angezogen. Während sein "Don Juan" munter über die Bühnen läuft, bastelt der Architekt Max Frisch an eigenen Gipsmodellen von der Züricher Universität. Der Preisträger vom Bau-Projekt "Letzigraben" möchte wissen, ob es noch einmal klappt.
DER SPIEGEL 41/1953
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