21.10.1953

CHIROPRAKTIK / MEDIZINPatient im Doppelnelson

Seit in Johann Wolfgang von Goethe der Naturforscher erwachte und er 1784 den Zwischenkieferknochen als "246." menschlichen Knochen fand, hat das Interesse der Mediziner für den Knochenbau des Menschen stetig abgenommen: Es gibt nichts mehr zu entdecken in einer Zeit, in der präzise Nachbildungen des Skeletts im Lehrmittel-Zimmer jeder Oberschule stehen.
Anatomische Studien sind selten nobelpreiswürdige Forschungsobjekte gewesen, und der Wissenschaftler, der sich Ruf und Ansehen erarbeiten wollte, mußte schon Mikroben, Drüsenpräparate oder Nervenstränge auf den Mikroskopierteller legen. So kam es, daß selbst der wichtigste Teil des Skeletts, die Wirbelsäule, Generationen lang im Hinterland des medizinischen Forschungsgebietes lag. Seit kurzem aber befassen sich Ärzte auf allen wichtigen medizinischen Kongressen mit ihr: wegen der immer häufiger auftretenden Bandscheibenvorfälle*).
Wegen der zunehmenden Bandscheibenvorfälle haben sich die Ärzte darangemacht, Wirbelsäulen öfter zu röntgen. Das verblüffende Resultat: Auf den Schattenrißbildern ließ sich erkennen, daß auch bei vielen Menschen, die nicht an einem Bandscheibenvorfall leiden, der eine oder andere Wirbel aus seiner normalen Stellung gerutscht ist. Der Bayreuther Professor Gutzeit schätzt sogar, daß 80 Prozent aller Menschen über 60 Jahre eine defekte Wirbelsäule haben. Unter den jüngeren sollen Wirbelschäden erschreckend zunehmen.
Wie alle unerklärlichen Krankheiten, die früher unbekannt waren, weil sie unerkannt blieben, werden die Veränderungen der Wirbelsäule als Zivilisationserscheinungen gedeutet. Kliniker Gutzeit macht dafür zwei Kardinalsünden verantwortlich:
* Falsche Behandlung der Wirbelsäule durch zu langes Sitzen oder Stehen, Haltungsfehler und mangelndes Körpertraining.
* Störungen im vegetativen Nervensystem, das mit der Wirbelsäule in enger Verbindung steht, zum Beispiel durch Hast, nervöse Unruhe und aufregendes Leben.
Verklemmte Wirbel sind eine potentielle Gefahr. Sie können Rückenschmerzen auslösen oder - weil das Rückenmark in einem Kanal innerhalb der Wirbelsäule liegt - langandauernde Lähmungen verursachen. Zwar sind solche ernsten Schäden relativ selten, aber häufig beobachten die Ärzte, daß Menschen mit Wirbelsäulendefekten gleichzeitig unter Krankheiten stöhnen, die nicht mit dem Rückgrat in Verbindung zu stehen scheinen. Migräne, Kopfschmerzen, chronischer Schnupfen,
Asthma, Rheumatismus, Gelenkentzündung, Herzfehler, Magenleiden, erhöhter Blutdruck, nervöse Erscheinungen und Schmerzen verschiedenster Art treten gleichzeitig mit Veränderungen an bestimmten Wirbeln auf.
Seltsamerweise verschwinden viele dieser häufigen Leiden, wenn der Arzt einen verklemmten Wirbel mit geübtem Handgriff wieder in seine normale Stellung rückt. Solche Manipulationen an der Wirbelsäule stammen aus der Volksmedizin. Der rührige Arzt Dr. Karl Sell, der medizinische Apostel der neuen Lehre, verlegt ihren Ursprung ins alte Griechenland und nach China.
"Wenn chinesische Reisbauern abends müde und zerschlagen aus den Feldern kamen, legten sie sich flach auf den Bauch", berichtete er seinen Kollegen. "Die Kinder mußten dann auf ihren Rücken krabbeln, mehrmals über die Wirbelsäule spazieren und knack, knack, knack - saßen die ausgerenkten Wirbel wieder in ihrer richtigen Lage."
Die Fußtritte der Chinesenkinder sind heute durch ruckartige Handgriffe erfahrener Spezialisten ersetzt worden. Daher hat die Methode ihren Namen: Chiropraktik, wörtlich übersetzt: Be-handlung.
Chiropraktik ist
* nach Meyers Kleinem Lexikon, 1933: "eine kurpfuscherische Laienbehandlung, die durch Händedruck auf die Wirbelsäule (angebliches Zurechtrücken verschobener Wirbel) Krankheiten heilen will";
* nach Professor Gutzeit auf dem Kieler Internisten-Kongreß 1953: eine ernst zu nehmende Behandlungsmethode, deren Erfolge durch die enge Verflechtung zwischen vegetativem Nervensystem und Wirbelsäule erklärbar sind.
Die eklatante Wandlung in der medizinischen Auffassung hat sich innerhalb weniger Jahre vollzogen, und es war noch eine Sensation, als Professor Zukschwert aus Göppingen es 1950 und 1951 auf Ärztekongressen wagte, die Chiropraktik als Behandlungsform zu empfehlen.
In der Chiropraktik sind verschiedene Handgriffe üblich. Standardgriff zur Lockerung der Halswirbelsäule ist der Doppelnelson. Der Patient stellt sich dazu vor den Arzt und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Durch einen Zangengriff von hinten erreicht der Arzt einen kräftigen Ruck an den Halswirbeln, aber auch andere Handgriffe vermitteln den Eindruck von Akrobatik und von Ringkämpfen zwischen Arzt und Patient.
Die medizinische Erklärung für den Nutzen dieser Behandlungsform ist sinnfällig: Entlang der Wirbelsäule ziehen sich die Nerven des vegetativen Systems*). Werden sie durch verkantete oder nicht eingerastete Wirbel gedehnt, gepreßt oder eingeklemmt, so können sich diese Störungen als Krankheitssymptome bemerkbar machen. Sie müssen verschwinden, wenn Wirbel und Nerven wieder in ihre richtige Lage gebracht werden. Das ist die Auffassung, die heute von mehreren deutschen Klinikern vertreten wird.
Als Professor Zukschwert für das wenig bekannte Verfahren einzutreten begann, hatte er Mühe, die akademische Vergangenheit der Chiropraktik mit Blickrichtung auf einen halbvergessenen schweizerischen Landarzt namens Otto Naegeli zu beschwören. Dr. Otto Naegeli in Ermatingen (1843-1922) hat als erster Mediziner bestimmte Krankheiten mit ruckartigen Bewegungen an der Halswirbelsäule in Sekunden verschwinden lassen. Seine Griffe sind als "Naegelische Handgriffe" in die Fachliteratur**), aber kaum in die Praxisräume eingegangen.
Naegeli ist der einzige Name, auf den sich die Medizin berufen kann, und auch seine Handgriffe machten nur einen Teil der vielseitigen Therapie aus: Der Erfinder der Chiropraktik ist ein Mann, dessen zweifaches D. vor dem Namen nicht den doppelten Doktorgrad amerikanischer Universitäten bedeutet. D(aniel) D(avid) Palmer war ein schlichter Heilkundiger in Davenport (USA), als er 1895 seine Lehre aufstellte und eine Schule für Chiropraktoren gründete.
Schon dadurch, daß Palmer kein studierter Arzt war, galt die Chiropraktik in der Medizin als unwissenschaftliches Verfahren. D. D. Palmer stellte darum seinerseits der Schulmedizin eine Schulchiropraktik gegenüber und machte seinen Jüngern eine vierjährige Fachausbildung mit 4480 Unterrichtsstunden zur Bedingung. Nur wer Palmers Schule absolviert hatte, sollte sich D. C. (Doctor of Chiropractic) nennen dürfen.
Davenport im Staate Iowa (66 039 Einwohner) wurde so zum Zentrum der Chiropraktoren in aller Welt. In der letzten Augustwoche jedes Jahres feiert das Städtchen mit Jazz-Musik und großen Shows das "home coming", eine Art Pilgerzug
der Chiropraktoren-Sekte an die Stätte ihrer Ausbildung. Musik und Stimmungsmache gibt es dabei für die Chiropraktoren gratis, denn die Palmer-Schüler behandeln ihrerseits die Künstler Amerikas seit Jahrzehnten unentgeltlich. Unter Führung cleverer Publicity-Leute veranstalten die Chiropraktoren mit Reklame-Raffinement auch jedes Jahr eine "Correct posture week" (Woche der guten Haltung) und wählen ihre "Miß Posture", die Dame mit der besten Körperhaltung.
All dieses aufsehenheischende Brimborium aber blieb, zum Vorteil der Chiropraktik, auf Nordamerika beschränkt. Die aus europäischen Staaten stammenden Palmer-Schüler haben sich zumeist eine stille Praxis aufgebaut. Die vier in Deutschland lebenden Chiropraktoren aus der Schule Palmers (Martin Erwin Müller in Westberlin, Kurt Stein in Dresden, F. A. Bielefeld in Frankfurt am Main und Werner Peper in Hamburg) sind bisher nur wenig an die Öffentlichkeit getreten.
Außer diesen vier Jahre lang ausgebildeten Chiropraktoren gibt es eine Reihe von Heilkundigen, die ebenfalls chiropraktische Griffe kennen und anwenden, aber im strengen Sinn nicht zur Zunft gehören. Sie werden von ihrer clientèle Gliedsetzer, Knochendoktoren oder Streichelmeier genannt, und bei einem von ihnen hat der Wetzlarer Arzt Dr. Karl Sell als Patient die wichtigsten Handgriffe gesehen.
Der weltgewandte Dr. Sell beschloß darauf, die chiropraktische Therapie für die streng wissenschaftliche Medizin zu erobern. In der Sportschule für Versehrte in Isny (Allgäu), die er seit Ende 1952 leitet, wendet er die Chiropraktik neben Massage, Gymnastik und Diät an. 1952 und 1953 führte er auf der Therapie - Woche in Karlsruhe die von einem Heilkundigen erlernten Griffe Interessenten unter den 6000 anwesenden Ärzten vor.
Sells chiropraktischer Paradefall des letzten Jahres ist die Heilung des Zollbeamten Emil Becker aus Ettlingen in Baden. Die Krankheitsgeschichte des 37jährigen Becker begann am 12. Februar 1942, als ihm bei Wjasma ein Geschoß das Schultergelenk zertrümmerte. Die Wunde wurde sofort operiert, begann aber bald zu eitern. Eine fortschreitende Zellgewebsentzündung breitete sich aus, Feldchirurgen operierten einmal über das andere, mußten aber immer wieder mit Phlegmonen und Thrombophlebitis kämpfen*). Genau 18 Monate brauchten sie, um alle Wunden vernarben zu lassen.
Als die Chirurgen den Landser Becker endlich aus dem Lazarett entlassen wollten, wand er sich schon mit gekrümmten Gliedern vor Schmerzen im Bett. Einwandfreie Diagnose am Morgen des 30. August 1943: Gelenkrheumatismus. Zehn Wochen dauerte es, bis auch diese Krankheit ausgeheilt zu sein schien.
Doch knapp sechs Jahre später entzündete sich das linke Kniegelenk. Es schwoll an und wurde steif; später griff das Rheuma auch auf andere Gelenke über. Alles, was bisher gegen die Chamäleon-Krankheit Rheumatismus geholfen hat, wurde bei Becker versucht: Tabletten, Moorbäder, Gymnastik, Goldspritzen. Verdächtige Zähne wurden gezogen, die Mandeln herausgeschält. Es nützte wenig.
Im März 1953 war für Becker wieder eine Badekur fällig. Aus unerforschlichen Gründen beorderte die Landesversicherungsanstalt ihren Patienten aber nicht wieder ins nahe Baden-Baden, sondern nach Isny im Allgäu zu Dr. Karl Sell.
Als Sell mit den ersten drei Griffen die Wirbelsäule knetete, hörte es sich jedesmal wie ein Trommelschlag an, ein Zeichen, daß die Wirbelsäule stark geschädigt war. Nach dem dritten Trommelschlag spürte Becker keine Gelenkschmerzen mehr.
Wie den kranken Zollbeamten hat Dr. Sell bisher auch tausend gesunde oder fast gesunde Ärzte behandelt. Alle empfanden danach - wie Sell berichtete - ein "volleres Lebensgefühl" und die Lust, "mal einen draufzumachen". Sell findet es dabei ganz natürlich, daß Chiropraktik auch bei Gesunden Wirkungen erzielt: "Fünf bis sechs anatomische Schwächen der Wirbelsäule hat jeder."
Tausend der Chiropraktik zugewandte Ärzte hat Dr. Sell schon in Schnellkursen mit seinen Handgriffen bekannt gemacht. Gegen eben diese Schnellkurse aber wenden sich die Chiropraktoren, die bei Palmer 4480 Unterrichtsstunden abgesessen und seitdem nichts als Chiropraktik betrieben haben. Auch besonnene Ärzte wie der frühere Assistent Professor Zukschwerts, der jetzt in Stuttgart frei praktizierende Dr. Freimut Biedermann und der Hamburger Arzt Dr. Albert Cramer, meldeten gegen die Massenausbildung im Schnellverfahren Bedenken an. Sie fürchten, die Chiropraktik könnte im Ordinationsraum eines nicht fachlich ausgebildeten Arztes zur Farce und zur Karikatur entarten.
Die artistischen Leistungen während der Behandlung sind auch der Grund, weshalb noch viele Ärzte zögern, die etwas komplizierte Technik dieser Muskelarbeit zu erlernen. Sie arbeiten, wenn die Halswirbelsäule gestreckt werden soll, lieber mit der 300 Jahre alten Glisson-Schlinge*), auch auf die Gefahr hin, daß naive Patienten nach der Behandlung verbreiten, sie seien von ihrem Arzt "aufgehängt" worden.
*) Ein Bandscheibenvorfall entsteht, wenn eine der als Polster zwischen den einzelnen Wirbeln sitzenden Bandscheiben einreißt und der gallertartige Bandscheibenkern nach hinten in den Wirbelkanal eintritt, wo er auf Nervenstränge drücken kann.
*) Der Sympathicus, ein Teil des vom Willen unabhängigen Nervensystems
**) Otto Naegeli, "Nervenleiden und Nervenschmerzen", neu herausgegeben von Dr. F. Biedermann. Karl F. Haug Verlag. Saulgau/Württ.
*) Phlegmone ist eine zu Eiterung führende Zellgewebsentzündung. die Thrombophlebitis eine Entzündung der Blutgefäßwände, die eine Thrombose, die Bildung eines manchmal tödlichen Blutpropfes, zur Folge haben kann.
*) Eine von dem Londoner Arzt Francis Glisson (1597-1677) erfundene Streckvorrichtung.

DER SPIEGEL 43/1953
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