11.11.1953

TAUCHEN / FORSCHUNGDer Rausch der Tiefe

Wer mit den Hummern auf dem Meeresboden lebt, hat bestimmt eine andere Lieblingsspeise, schloß der Berliner Verleger Lothar Blanvalet messerscharf und telegraphierte an Madame Cousteau nach Marseille: "Was ißt Ihr Mann am liebsten?" Die Antwort kam auch postwendend: "Geflügel."
So wurde Kapitän Jacques-Yves Cousteau, Jahrgang 1910, französischer Unterwasserforscher, der seit 1947 den Tieftauchrekord mit 90 Metern hält, in Berlin mit Geflügel empfangen, das von einem ehemaligen Adlon-Koch mit allen Raffinessen zubereitet worden war.
Verleger Blanvalet hatte guten Grund, den Gaumen des bescheidenen, Publicityscheuen Franzosen zu kitzeln. Im Rennen mit mehreren deutschen Verlegern hatte er den Sieg davongetragen. Siegeslorbeer waren die Rechte für Cousteaus Buch "Schweigende Welt", das soeben bei Blanvalet erschienen ist*).
Die erste Auflage wurde schon beim Erscheinen verkauft, die zweite befindet sich im Druck. Nachdem die amerikanische Ausgabe bereits im Frühjahr bei Harper in New York erschienen ist, kommt jetzt im Herbst die "Schweigende Welt" in 12 Sprachen heraus. Blanvalet geflügelknabbernd zu Madame Cousteau: "Bis
Weihnachten 1954 mache ich 100 000 Auflage."
Geflügel und Sekt waren gewissermaßen die Marschverpflegung, mit der Verleger Blanvalet seinen deutschsprechenden Gast auf die Walze schickte: Cousteau hielt Filmvorträge in Berlin, Hamburg, Düsseldorf und München. Blanvalet: "Bücher werden gemacht."
Niemand, der in diesen vier Tagen Kapitän Cousteau hörte, konnte enttäuscht sein. Seine Filme - zum Teil in vierzig Meter Tiefe gedrehte Farbfilme - brachten Beifall auf offener Szene. Cousteau hat auch - genau wie Hans Hass - Haifische aus der Nähe photographiert, ohne allerdings so viel Reklamewirbel zu machen wie der knebelbärtige "Unterwasser - Old - Shatterhand" ("Die Tat", Zürich).
Dabei steigt Cousteau nicht des Filmens wegen in das Meer hinab: seine 40 000 Meter Unterwasser-Aufnahmen sind nur Nebenprodukt. Hauptaufgabe bleibt die wissenschaftliche Forschung, was ihn allerdings nicht hinderte, einen 1948 bei Auguste Piccards ersten Tauchversuchen in der Nähe der Kapverdischen Inseln gedrehten Film über die atlantische Fauna mit Jazz-Musik zu untermalen. Tintenfisch und Oktopus tanzen, Rochen und Mantas von acht Meter Spannweite schwingen in der kühlen Tiefe nach heißen Bebop-Rhythmen.
Zwischen all diesen seltsamen und bizarren Lebewesen in 30, 40 oder auch 60 Meter Tiefe schwebt der Mensch, wie von der Schwerkraft befreit.
Die Reise in die atlantische Fauna und Flora begann Kapitän Cousteau im Jahre 1936. An einem Sonntagmorgen watete der damalige Flottenkanonier bei Le Mourillon
in der Nähe von Toulon in das Mittelmeer hinaus. Mit einer wasserdichten Brille vor den Augen steckte er seinen Kopf unter Wasser.
Die neue Welt voller glitzernder Fische zwischen grünen, braunen und silbernen Wäldern von Algen faszinierte den Kanonier, Sproß eines alten französischen Marineoffizier-Geschlechts. "Ich war in einem Dschungel, der noch nie von allen denen erblickt worden ist, die sich auf der undurchsichtigen Erdoberfläche bewegen. In manchen Augenblicken unseres Lebens haben wir das große Glück, einen völligen Wandel festzustellen, das alte Leben abzuwerfen, ein neues zu umfassen und voll Ungestüm und unwiderstehlich einen neuen Kurs einzuschlagen. Das geschah mir an jenem Sommertag in Le Mourillon, als mein Auge sich für die Wunder des Meeres öffnete."
Als er noch mit einfachen Brillen-Tauchversuchen beschäftigt war, stießen Leutnant zur See Philippe Tailliez und Frédéric Dumas, der Sohn eines Physikprofessors, zu ihm. Die drei bildeten fortan eine Tauchermannschaft, um mit Armbrust, Speeren, Schleudern, Pfeilen mit Patronenantrieb oder der eleganten Technik des amerikanischen Schriftstellers Guy Gilpatric, der Fische mit einem Degenstoß durchbohrte, auf die Unterwasserjagd zu schwimmen.
Doch auf die Dauer wollten die drei es nicht nur den Perlen- und Schwammtauchern nachmachen. Zwei Minuten in 20 Meter Tiefe befriedigten sie nicht, "denn das Meer barg für uns noch Rätsel, die wir bei diesem Blitztauchen nur mit einem flüchtigen Blick erhaschen konnten".
Die Strapazen solcher Tauchversuche kann auch nur ein ungewöhnlich widerstandsfähiger Mensch aushalten. Beim Tauchen in immer stärkere Druckschichten schrumpft die Luft in der Lunge zusammen: Die menschlichen Lungen sind Ballons in einem biegsamen Käfig, der unter Druck zusammengepreßt wird. Bei 30 Meter Tiefe nimmt die Luft in den Ballons nur noch ein Viertel des Raums ein, den sie an der Wasseroberfläche hat. Noch tiefer kommen die Rippen in eine Lage, in der sie nicht mehr elastisch sind und zusammenbrechen können.
Nach mehreren vergeblichen Versuchen, diese Schwierigkeiten durch eine geeignete künstliche Lunge zu überwinden, gelang Cousteau 1943 eine Erfindung, die ihm die Unterwasserwelt erschloß. Gemeinsam mit dem Ingenieur Emile Gagnan, einem Fachmann für Industrie-Gasausrüstungen, konstruierte er seine "Aqua-Lunge" (die er für so narrensicher hält, daß er für Unterwasser-Spaziergänge sogar seine Frau und seine Söhne Jean Michel und Philippe damit ausstattete).
Die "Aqua-Lunge" ist eine Preßluft-Anlage, die es einem Schwimmer ohne Taucheranzug ermöglicht, bis zu zwei Stunden unter Wasser zu bleiben und Tiefen zu erreichen, denen nur die menschliche Natur eine Grenze setzt.
Cousteaus Aqua - Lunge besteht aus einem Satz von drei mittelgroßen Zylindern, die mit Preßluft auf 150 Atmosphären Druck gefüllt und an einen Regulator von der Größe einer Weckuhr angeschlossen sind. Der Regulator paßt den Luftdruck jeweils genau den Bedürfnissen des Körpers an. Bei zunehmendem Wasserdruck versorgt die Aqua-Lunge den
Taucher automatisch mit mehr Preßluft, um den zunehmenden Druck auszugleichen.
Der menschliche Körper wird durch die eingeatmete Preßluft außerordentlich druckwiderstandsfähig. Die Lunge und alle großen Körperhöhlen stecken dann innen genau unter dem gleichen Druck, den das Wasser auf den Körper von außen ausübt. Damit nicht genug: Auch das Blut bindet die Preßluft, so daß sämtliche Gefäße des Körpers selbst stärkstem Außendruck mit gleichem Gegendruck widerstehen.
Vom Regulator der Aqua-Lunge gehen zwei Schläuche aus, die sich an einem Mundstück vereinigen. Eine wasserdichte Maske aus Glas über Augen und Nase sowie Gummi-Schwimmflossen ergänzen die Ausrüstung. Cousteaus Atmungsgerät unterscheidet sich nur wenig von dem Tauchgerät, das Hans Hass mit Oberingenieur Stelzner und den Drägerwerken in Lübeck entwickelte und auf seiner Expedition in Griechenland 1942 erprobte. Doch nie hat Hass Tiefen wie Cousteau erreicht.
Im Sommer 1943 buchte Cousteaus Mannschaft 500 Tauchmanöver mit der Aqua-Lunge. "Je mehr wir uns an sie gewöhnten, desto mehr fürchteten wir eine plötzliche Katastrophe. Die Sache schien uns zu einfach. Jeder Instinkt sagte uns, so leichtfertig könne man sich nicht ins Meer wagen. Sicher erwartete uns dort unten irgendeine unvorhergesehene Falle - heute oder morgen; Dumas, Tailliez oder mich."
Diese Falle hält das Meer auch bereit. Es macht den Taucher, der die 40-Meter-Grenze überschreitet, trunken. Cousteau nennt das den "Rausch der großen Tiefe". Wahrscheinlich handelt es sich um eine Nitrogen-Narkose*). "Das erste Stadium ist
eine leichte Anästhesie, nach der sich der Taucher wie ein Gott fühlt. Wenn er glaubt, ein vorbeischwimmender Fisch brauche dringend Luft, ist er in seinem Wahnsinn imstande, sich die Luftleitung aus dem Munde zu reißen und sie ihm großmütig anzubieten."
Der Vorgang selber ist undurchsichtig und wird noch immer von den Tauchphysiologen diskutiert. Mit der Caisson-Krankheit*) hat er nichts zu tun, eher könnte man ihn als Gasangriff auf das zentrale Nervensystem bezeichnen. "Ich selber bin sehr anfällig für den Nitrogen-Rausch", berichtete Cousteau. "Ich liebe ihn und fürchte ihn zugleich wie das schlimmste Verhängnis. Er zerstört den Lebensinstinkt. Das angenehme Leuchten des Tiefenrausches gleicht den Auswüchsen mancher exzentrischen Gesellschaft in den zwanziger Jahren, als leichtfertige Mädchen und ihre Kumpane sich durch Einatmen von Nitrogen-Protoxyd berauschten. Immer, wenn ich einen Bericht über einen Tauchrekord lese, möchte ich am liebsten den Taucher fragen, wie betrunken er war.
"Der Tiefenrausch war für uns nach wie vor ein großes Rätsel. Wir fühlten uns herausgefordert, immer tiefer zu gehen. Im Sommer 1947 bereiteten wir uns auf eine Reihe von Tauchversuchen in größerer Tiefe vor."
Die Tauchtiefe wurde durch eine schwere Lotleine gemessen, die von der "Elie Monnier" herabhing. An der Leine befanden sich in Abständen von fünf Metern weiße Täfelchen. Die Taucher hatten wasserbeständige Bleistifte bei sich, um auf das tiefste Täfelchen, das sie erreichten, ihren Namen schreiben zu können und dazu eine Bemerkung über ihre Gefühle in dieser Tiefe.
Um Energien und Luft zu sparen, gingen die Versuchstaucher ohne unnötigen Kraftaufwand, mit zehnpfündigen Schrottgewichten beschwert, an der Lotleine hinab. Durch Festhalten an der Leine konnten sie ihren Abstieg bremsen.
"Ich ging ins Wasser und hielt mit der Linken das Eisengewicht; den rechten Arm schloß ich um die Lotleine. So ging es mit großer Geschwindigkeit hinab. Als ich mit dem Kopf in die zunehmenden Drucklagen kam, hörte ich von oben geradezu aufdringlich das Geräusch des Dieselmotors der ''Elie Monnier''. Es war hoher Mittag und Juli, aber das Licht schwand bald. Ich fiel in die Dämmerung hinab, allein mit meinem weißen Tau, das sich in eintöniger Perspektive mit seinen blanken, weißen Wegmarken unter mir erstreckte."
Bei siebzig Meter spürte Cousteau den metallischen Beigeschmack von komprimiertem Nitrogen. Im selben Augenblick bemerkte er den Tiefenrausch. "Ich schloß meine Hand fest um das Seil und hielt an. Mein Kopf steckte voll eitler und grotesk
übermütiger Gedanken. Ich gab mir alle Mühe, mich auf die Realität zu konzentrieren und versuchte, die Farbe des mich umgebenden Meeres zu bestimmen. Damit geriet ich in einen Konflikt zwischen Marineblau, Ultramarin und Preußischblau und konnte zu keiner Entscheidung kommen. Einzig bewußt war mir die Tatsache, daß es in diesem blauen Raum weder Dach noch Fußboden gab. Das entfernte Surren des Dieselmotors legte sich mir aufs Gemüt, schwoll zu einem gewaltigen Dröhnen an und klang mir in den Ohren wie der Herzschlag der Welt."
Cousteau nahm seinen Bleistift und schrieb auf das Täfelchen: "Nitrogen hat einen häßlichen Geschmack." Er hatte kaum noch den Eindruck, daß er den Bleistift hielt. "Alpträume aus meiner Kindheit überfluteten mich. Ich war krank und im Bett, gepeinigt von der Vorstellung,
alles in der Welt sei ganz dick. Meine Finger waren prall wie Würste. Meine Zunge war ein Tennisball. Meine Lippen schwollen grotesk um das Mundstück herum an. Die Luft war wie Sirup. Das Wasser gelierte um mich, als habe man mich in Aspik gesetzt.
"Ich hing ohne Sinn und Verstand an dem Tau. Neben mir stand ein lächelnder Mann, mein zweites Ich, das sich völlig in der Gewalt hatte und teuflisch über den armen Taucher grinste. Als so die Sekunden verrannen, versuchte dieser muntere Mann, sich an meine Stelle zu versetzen, und befahl mir, das Tau loszulassen und weiter hinabzugehen."
Langsam sank Cousteau durch eine Periode dichter Visionen. Von der Achtzig-Meter-Marke an machte sich im Wasser ein unterirdisches Glühen und Leuchten bemerkbar. "Ich kam aus der Nacht in eine
Andeutung von Dämmerung. Was mir als Sonnenaufgang erschien, war das Licht, das vom Grund reflektiert wurde, nachdem es ungehindert durch die dunklen, transparenten Schichten hindurchgegangen war. Unter mir erblickte ich am Ende der Lotleine das Gewicht, das nur sieben Meter über dem Meeresboden schwebte. Ich hielt am vorletzten Täfelchen, fünf Meter tiefer. Ich raffte alle meine Geistesreserven zusammen, um die Situation ohne alle Selbsttäuschung abzuschätzen. Dann ging ich zur letzten Tafel in neunzig Meter Tiefe."
Der Grund war dämmerig und kahl, bis auf einige Muschelschalen und See-Igel. Cousteau war noch genügend bei Bewußtsein, um sich zu erinnern, daß in dieser Zone mit einem zehnmal so großen Druck wie an der Oberfläche jede unnötige physische Anstrengung äußerst gefährlich
sei. Er atmete langsam die Lungen voll und schrieb sich auf dem Täfelchen ein.
"Doch was ich in neunzig Meter Tiefe wirklich fühlte, konnte ich nicht aufschreiben. Ich war der tiefste unabhängige Taucher. In meinem zweigeteilten Hirn war diese Genugtuung durch eine satirische Selbstverachtung gedämpft. Ich ließ mein Eisen fallen und schnellte wie abgeschossen nach oben, wobei ich im ersten Schwung gleich zwei Etappen nahm. Dort, in achtzig Meter Tiefe, verflog mein Rauschzustand und war plötzlich auf unerklärliche Weise ganz verschwunden. Ich fühlte mich leicht und klar, wieder als Einzelwesen, und genoß es, wie die leichtere Luft sich in meinen Lungen ausdehnte. Ich stieg mit hoher Geschwindigkeit durch die dämmerige Zone empor und sah das Oberflächenmuster wie ein Auflodern goldener Luftblasen und tanzender Prismen. Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, daß ich geradeswegs in den Himmel flöge."
Dieser Rekord ist bis heute noch nicht gebrochen. Zwar unternahm die Tauchergruppe Cousteau im Herbst 1947 eine weitere Serie von Tauchversuchen mit Markierungstäfelchen, die über die Neunzig-Meter-Grenze hinausgingen. Maurice Fargues schrieb dabei seinen Namen auf das Täfelchen in 120 Meter Tiefe. Doch er kehrte nicht lebend an die Oberfläche zurück. "Der Tiefenrausch hatte ihm den Luftschlauch aus dem Mund gewunden und ihn ertränkt."
Cousteau, der während des Krieges für den Geheimdienst der französischen Marine arbeitete, überzeugte nach Kriegsende Admiral André Lemonnier und seinen Stab, daß die Tauchversuche für die Marine nützlich seien.
Die Tauchergruppe erhielt ein Amtszimmer im Büro des Hafenmeisters von Toulon, mit dem Schild an der Tür: "Groupe des Recherches Sous-Marines", und unterstand fortan dem Marineministerium. Inzwischen ist aus dem Amtszimmer ein regelrechtes Hauptquartier der unterseeischen Forschungsgruppe geworden, mit einem dreistöckigen Gebäude auf dem Marinegelände im Hafen, mit physiologischen, physikalischen und chemischen Laboratorien, Kompressorraum, Druckkammern, Tauchvorrichtungen und zwei Schiffen.
Cousteaus Aufgabenkreis hat sich ebenfalls vergrößert: Wracks, Minen und U-Boot-Sperren wurden untersucht, zahlreiche unterseeische Höhlen entdeckt und erforscht, eine Reihe ozeanographischer Expeditionen unter seinem Kommando auf der "Elie Monnier" durchgeführt. Nur vom Schatztauchen hält er nichts: "Legenden über unterseeische Schätze sind zu 99 Prozent Märchen und Schwindel."
Dafür sucht er fasziniert im Mittelmeer nach klassischen Wracks, Lastschiffen der Phönizier und Griechen, Karthager und Römer, die seit zweitausend Jahren auf dem Meeresboden liegen. Fünf hat er schon gefunden und zahllose Amphoren, Kapitelle und Säulen aus dem "Museum auf dem Meeresgrund" ans Licht geholt.
Demnächst will er mit seinen Tauchern ein römisches Wrack heben, das sich im Schlamm so gut gehalten hat, daß der gelbe Firnis auf dem Libanon-Zedernholz noch unbeschädigt ist. "Ich möchte gern wissen, wie man einen Schiffsfirnis herstellt, der zwanzig Jahrhunderte unter Wasser hält."
Über tausendmal ist Fischmensch Cousteau bis heute mit seiner Aqua-Lunge in unbekanntes Gebiet vorgestoßen. Sein Cheftaucher Frédéric Dumas hat sogar 2500 Tauchunternehmungen hinter sich. Sie beobachteten die gespensterhaften Kraken, die sich aus Steinen Häuser auf dem Meeresgrund bauen; Rochen und Mantas, die wie riesige Vorweltvögel durch das Wasser schwingen und den sagenumwobenen Muränenaal, der eine Terrorpropaganda mit seinen bösen Augen und nackten Fängen verbreitet. Sie sahen, wie die Fische bei Regenstürmen wie wahnsinnig unter dem warmen Regenvorhang umherschießen und studierten den unglaublichen Orientierungssinn der Delphine.
Cousteau weist auch sarkastisch alle Schauergeschichten über Kraken, Conger-Aale, Muränen, Stechrochen, Mantas, Tintenfische und Barracudas als Ammenmärchen zurück. Selbst der Hai ziehe es vor, dem silberne Luftperlen spuckenden Menschen auszuweichen. Bei über hundert Begegnungen war nur einer bereit, den Kampf aufzunehmen.
In wenigen Wochen startet Cousteau mit seinem neuen Forschungsschiff "Calypso" zu einer sechsmonatigen Reise in den Indischen Ozean. Zwei Monate sollen geophysikalischen und drei biologischen Untersuchungen gewidmet werden.
Zuvor aber wird er Piccards Tauchgerät bei Dakar besteigen. Mit Nicolas Houot als Kommandanten will er je 24 Stunden in 1000, 2000 und 4000 Meter filmen (Piccard erreichte am 30. September 3150 Meter).
"Noch bevor ein Mensch den Mond oder Mars betritt, werde ich in die größte Meerestiefe*) hinabsteigen. Vielleicht in sechs, spätestens aber in zehn Jahren."
*) Jacques-Yves Cousteau und Frédéric Dumas: "Die schweigende Welt". Lothar Blanvalet Verlag, Berlin. 232 Seiten, 15,80 Mark.
*) Nitrogen: Stickstoff.
*) Die Caisson- oder Senkkastenkrankheit ist im Gegensatz zum Tiefenrausch eine schmerzhafte Verkrüppelung der Taucher. Sie wurde zum erstenmal medizinisch an den Unterwasserarbeitern beim Bau der Brooklyn - Brücke beobachtet. Sie wird dadurch hervorgerufen, daß der Taucher unter starkem Druck sehr viel Stickstoff einatmet. Der Stickstoff entweicht beim Ausatmen nicht ganz, geht ins Blut und in die Gelenke und löst sich dort. Wenn der Taucher in schwächere Drucklagen aufsteigt, läßt die Kompression des Stickstoffes nach, er perlt und schäumt nach dem gleichen Prinzip wie der Sekt beim Öffnen der Flasche. In schweren Fällen können die Stickstoffblasen die Adern verstopfen oder zur tödlichen Herzembolie führen.
*) Im Pazifik: 10 899 Meter.

DER SPIEGEL 46/1953
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