18.11.1953

GEHEIMDIENSTEEin Heldenlied

Geht es um des Reiches Größe,
Geht es um des Volkes Ehre,
Fraget nicht, ob gut, ob böse,
Nicht ob grausam unsere Wehre,
Fragt nicht nach geschrieb''nen Rechten:
Heilig ist ein jedes Fechten,
Gilt''s zu neuen Knechtschaftsleiden,
Gilt''s zu frechen Sklavenketten,
Gilt''s, das Vaterland zu retten,
Um die Freiheit zu erstreiten!
Unser Denken: Kampf!
Unsre Seele: Sieg!
Unser Leben: lieber kurz, ein Heldenlied,
als ein langes Geraufe um
Groschen und Krippe!
19. IV. 22
gez. Friedrich Wilhelm Heinz
Kgl. Preuß. Ltn. a. D.
(aus einem Gästebuch)
Ein Herr mit dem Habitus eines gutsituierten Geschäftsmannes, Anfang der dreißiger Jahre, betrat das Haus Bahnhofstraße 61 in Wiesbaden. Er hatte am Eingang einen Blick auf das Schild "Michael-Verlag" geworfen und stieg dann drei Treppen hinauf bis zur Wohnung des Oberstleutnants a. D. Friedrich Wilhelm Heinz.
Der Herr hatte sich zuvor schon an das Dienstmädchen der Familie Heinz herangemacht. Nun stand er der Gattin des Oberstleutnants, der liebenswürdigen, schmallippigen Frau Hedwig, gegenüber und sagte sein Begehr:
"Ich habe Ihrem Gatten im Auftrage des sowjetischen Nachrichtendienstes ein Angebot zu überbringen." Hedwig Heinz hörte sich den jungen Mann eine Weile lang an und bat ihn dann, am folgenden Tage noch einmal wiederzukommen. Denn Friedrich Wilhelm Heinz, offiziell der - jetzt beurlaubte - Leiter der "Abteilung Information" in der "Dienststelle des Beauftragten des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen", zu deutsch: der Chef der militärischen Abwehr des
Amtes Blank, der hinter dem Schild "Michael-Verlag" steckte, war nicht zu Hause. Man schrieb den 27. Oktober 1953.
Am Morgen des 31. Oktober meldete sich der Besucher telephonisch wieder: Er werde um 3 Uhr in der Bahnhofstraße sein. Es wurde 3 Uhr, der Besucher kam, und Friedrich Wilhelm Heinz führte ihn in sein Wohnzimmer, das durch eine geschlossene Schiebetür vom Eßzimmer abgetrennt war.
"Ich komme im Auftrag des sowjetischen Nachrichtendienstes", begann der Besucher wieder, "und habe Ihnen ein Angebot zu machen. Der sowjetische Nachrichtendienst hat an Ihnen größtes Interesse. Wenn Sie zu einer Zusammenarbeit bereit sind, werden Sie gemeinsam mit Generalfeldmarschall Paulus drüben groß herausgestellt werden."
Von dem östlichen Besucher erhielt Heinz das Versprechen, er werde im Falle seiner Bereitschaft zum Volkspolizei-General gemacht werden. "Aber es gibt auch andere Möglichkeiten. Es besteht drüben Interesse, daß Sie direkt von Moskau aus die Leitung der Deutschland-Abteilung des sowjetischen Nachrichtendienstes übernehmen."
Theodor Blanks Abwehrchef hörte sich das eine Weile an, gab hier und da einen Kommentar und öffnete schließlich die Schiebetür zum Eßzimmer. Hinter der Tür standen je ein Beamter der Wiesbadener Kriminalpolizei und des Hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz zusammen mit einem Mitarbeiter von Heinz. "Sie sind verhaftet", sagte der Kriminalist zu dem jungen Mann.
Der Besucher war Alfred Friedrich aus Berlin-Kladow, Straße 105, am 31. Juli
1920 geboren, erst vor einem Vierteljahr in Westberlin aus achtmonatiger Untersuchungshaft wegen Verdachts der Beteiligung am Menschenraub entlassen. Er stammelte: Er komme gar nicht im sowjetischen Auftrag, er sei Journalist, und er habe nur einen schönen "Knüller" haben wollen.
Dann bat er die Beamten im Eßzimmer, ihn noch einmal mit dem Hausherrn Heinz allein zu lassen. Die Schiebetür rollte wieder zu.
Nun erzählte Alfred Friedrich, er habe die Beamten nur angelogen, er komme tatsächlich im Auftrage des sowjetischen Nachrichtendienstes, und Heinz solle klug sein und auf das Angebot einer Zusammenarbeit mit dem Osten eingehen. Er werde es bestimmt nicht bereuen, denn man habe große Pläne mit ihm. Außerdem sei eine Gruppe von Nachrichtenleuten, die gleichzeitig für den Westen wie für den Osten arbeitet, damit beschäftigt, Material gegen ihn, Heinz, zu sammeln.
Heinz ließ sich einige Verbindungen nennen, hörte seinem Besucher Alfred Friedrich noch zehn Minuten zu und öffnete dann wieder die Schiebetür. Alfred Friedrich wanderte in Untersuchungshaft ins Gefängnis, wo er inzwischen auch vor der Polizei seinen sowjetischen Auftrag gestanden hat.
Alfred Friedrich, Vater von vier Kindern im Alter von 2 bis 8 Jahren, hatte seine Verbindungen zu östlichen Nachrichtendiensten durch seinen Bruder angebahnt, den SED-Funktionär Kurt Friedrich in (Ost-)Berlin-Treptow, Köpenicker Landstraße 99. Bruder Kurt bezieht als Hauptabteilungsleiter im sowjetzonalen
Amt für Warenkontrolle monatlich 1650 Mark und ist gleichzeitig SSD-Verbindungsmann und Beauftragter der sowjetischen MWD.
Alfred Friedrich war mit dem Flugzeug nach Frankfurt geflogen, um Heinz in Wiesbaden zu besuchen, und hatte in drei Tagen wieder zurück sein wollen. Es war nicht der erste Versuch östlicher Stellen, mit dem Leiter der Abwehr im Amt Blank in direkten Kontakt zu kommen.
Schon im Juni 1952 war bei einer früheren Sekretärin von Friedrich Wilhelm Heinz, die in (West-)Berlin-Neukölln, unweit der Sektorengrenze, wohnt, ein Beauftragter des sowjetischen Geheimdienstes gewesen und hatte vorgeschlagen, die Sekretärin möge die Verbindung zu ihrem früheren Chef wieder aufnehmen und ihn in ihre Wohnung bitten.
Sie hatte aber sofort den damaligen Verbindungsbeamten des Bundesinnenministeriums in Berlin, Ministerialrat von Fritsch, verständigt. Ministerialrat von Fritsch hatte an den Leiter des Bundesamts für Verfassungsschutz in Köln, Dr. Otto John, berichtet und gebeten, den Vorgang unverzüglich der Dienststelle Blank weiterzumelden.
Otto John hatte aber nur nach Berlin die Anweisung gehen lassen, ihn zu verständigen, wenn ein neuer sowjetischer Anlaufversuch gemacht werde. Weil dann nichts mehr erfolgte, hat er die Angelegenheit ruhen lassen. So kam es, daß Friedrich Wilhelm Heinz erst zwei Monate später in Berlin zufällig von dem sowjetischen Besuch erfuhr, als er seine ehemalige Sekretärin sprechen wollte.
Am 1. August 1952 hat Heinz sich an Verfassungsschützer Otto John gewandt
und gebeten, den Vorfall aufzuklären. Der Leiter der militärischen Abwehr, Heinz, hat aber von dem Leiter der politischen Abwehr, John, niemals eine Antwort erhalten.
Nachdem beide Kontaktversuche des Ostens zu Friedrich Wilhelm Heinz erfolglos geblieben sind, wird die vorläufig letzte Etappe im öffentlichen Wirken dieses Mannes seine Tätigkeit als Leiter der deutschen militärischen Abwehr in der Dienststelle Blank sein und nicht etwa die eines Generals der Volkspolizei. Aber trotzdem spannt sich der Bogen seines Lebens noch weit genug.
Dazu Heinz (Jahrgang 1899) selbst: "Ich bin nach dem ersten Weltkrieg als junger Offizier in dem politisch so sehr reifen Alter von zwanzig Jahren Mitglied der Ehrhardt-Brigade und ihrer Nachfolgeorganisationen geworden. Ich habe die Putsche und politischen Aktionen dieser Zeit aus nächster Nähe miterlebt und habe auch einen Großteil der damals politisch und verschwörerisch tätig gewesenen Personen kennengelernt. Ich bin aus dieser Zeit herausgekommen, ohne in einen der damaligen politischen Prozesse verwickelt zu werden; meine Rolle in der damaligen Zeit können Sie im übrigen nachlesen in Ernst von Salomons ''Die Geächteten''.
"Nach 1923 begann die Periode des ''literarischen Nationalismus''. Ich gab zusammen mit Ernst Jünger, Franz Schauwecker, Wilhelm Kleinau und anderen die Zeitschrift ''Standarte'' heraus, ich übernahm 1926 die Chefredaktion des ''Stahlhelm'', ich beteiligte mich 1928/29 an dem Versuch, Hitler und die süddeutschen Führer der NSDAP auszuschalten, ohne die Mitgliedschaft zu anderen Gruppen aufzugeben, wurde nach dem Scheitern dieser Versuche aus der Partei ausgeschlossen, schrieb einige Bücher, veröffentlichte Aufsätze, hielt Vorträge und betätigte mich in einem Sinne, den man allenfalls als konservativ-revolutionär, nicht aber nazistisch bezeichnen kann.
"Meine Bücher ''Sprengstoff'' (1930) und ''Die Nation greift an'' (1932) schließen beide einheitlich mit dem 9. November 1923 ab. Sie schildern die Epoche des soldatischen Nationalismus in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg."
Darüber, wie es weiter ging, sagt Friedrich Wilhelm Heinz: "Ich war von 1936 bis 1941 Gruppenleiter im Amt Ausland-Abwehr des OKW und gehörte zum engsten Freundeskreis von Admiral Wilhelm Canaris
und General Hans Oster, war von 1941 bis 1944 Kommandeur der Wilhelm Canaris unterstehenden deutschen Kommando-Truppen und wurde nach dem 20. Juli verhaftet ... (Durch) meine Tätigkeit in der Abwehrabteilung hatte ich vom Hauptmann bis zum Obersten Gelegenheit, in wirklich ungewöhnlicher Weise Einblick in die Welt hinter den Kulissen zu nehmen."
Die deutschen Kommando-Truppen, die im Rücken des Gegners - auch des sowjetischen - zu operieren hatten und die sich zu ihren Einsatzorten zum Teil in feindlichen Uniformen durchschlugen, hatten den Tarnnamen "Einheit Brandenburg z. b. V. 800". Die Einheit entwickelte sich im Lauf des Krieges von Kompaniezu Divisionsstärke und gehörte ab Herbst 1944 als "Division Brandenburg" zum Panzerkorps "Großdeutschland".
Karl Heinz Abshagen schreibt in seinem Buch "Canaris"*), die Einheit sei auf verschiedene
Standorte aufgeteilt gewesen. Ein Bataillon sei in Brandenburg geblieben, das "als Aufgabengebiet den Osten behielt. Demgemäß wurde es hauptsächlich aus Balten und aus Osteuropa stammenden ''Volksdeutschen'' zusammengesetzt, die die Verhältnisse in Polen und Rußland kannten und nach Möglichkeit auch eine der slawischen Sprachen beherrschten ... Seine Führung wurde ... einem Abwehroffizier anvertraut, der das volle Vertrauen von Canaris und Oster genoß. Es war dies der Major, spätere Oberstleutnant, Heinz."
Das Leben des hohen Abwehroffiziers Heinz ging dann ungeachtet seines delikaten Kriegskommandos nach dem Zusammenbruch und dem Einmarsch der Sowjets in Berlin - die Westmächte waren noch nicht in der ehemaligen Reichshauptstadt - so weiter: "Ich bin zusammen mit Graf Hardenberg-Nörten im Mai 1945 im Auftrag der Herren Dr. Hermes, Dr. Steltzer und von Zitzewitz-Muttrin, die damals dem Magistrat der Stadt Berlin angehörten, in die Ostzone entsandt worden, um Lebensmittel für die hungernde Bevölkerung zu organisieren."
Was dann kam, geht aus einer Arbeitsbescheinigung hervor, die der Amtsvorsteher des Amtsbezirks Bad Saarow am 5. Mai 1946 ausgestellt hat:
"Der Bürger Friedrich Heinz kehrte am 1. Juni 1945 nach Bad Saarow-Pieskow zurück. Da die vom Magistrat Berlin vorgeschlagene Tätigkeit des Bürgers Heinz nicht durchzuführen war, setzte ich am 3. Juni den Bürger Heinz im Einverständnis mit dem Antifa-Ausschuß als Gemeindevorsteher des Ortsteils Pieskow ein.
"Der Bürger Heinz hat der SPD angehört. Nach der Vereinigung der beiden Arbeiterparteien geriet der Bürger Heinz in Gegensatz zur herrschenden politischen Richtung. Der Bürger Heinz ist deshalb als Gemeindevorsteher zurückgetreten und hat Ende März seine Amtsgeschäfte ordnungsmäßig übergeben."
Ergänzend zu dieser nun schon sieben Jahre alten Bescheinigung hat einer der Nestoren des deutschen Widerstandes, Dr. Rudolf Pechel in Stuttgart, dem Friedrich Wilhelm Heinz in der letzten Oktoberwoche 1953 attestiert:
"Seine Tätigkeit als Gemeindevorsteher in Pieskow in der sowjetischen Zone hat er dazu benutzt, wertvollste Informationen über sowjetische Pläne und sowjetische Maßnahmen in der Zone sich zu verschaffen, die er an die am Kampf gegen den
sowjetischen Totalitarismus interessierten Stellen weitergegeben hat."
Friedrich Wilhelm Heinz sagt, er habe dann, um einer Verhaftung durch die Russen zu entgehen, im Sommer 1946 nach Westberlin flüchten müssen, wo inzwischen die Westmächte ihre Sektoren übernommen hatten.
"Es erscheint mir völlig unbegreiflich", so schreibt der Dr. Rudolf Pechel, "daß irgendwelche Zweifel an der richtigen Einstellung von Herrn Friedrich Wilhelm Heinz erhoben werden."
Was dem Dr. Rudolf Pechel so völlig unbegreiflich erscheint, ist aber Tatsache. Die Zweifel an der richtigen Einstellung des Friedrich Wilhelm Heinz walten sogar allerhöchsten Orts:
* bei Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer,
* beim Staatssekretär im Bundeskanzleramt Dr. Hans Globke,
* beim Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz Dr. Otto John.
Die Prominenz dieser Zweifelnden ist schuld daran, daß Friedrich Wilhelm Heinz seinem Titel als Leiter der deutschen militärischen Abwehr die Worte "zur Zeit beurlaubt" beifügen muß.
Friedrich Wilhelm Heinz glaubt, drei Komplexe umfasse das Material, dessen Vorlage schließlich seinen Urlaub im Gefolge gehabt hat:
* seine "nationalrevolutionäre" Tätigkeit vor 1933;
* seine Gemeindevorsteher-Tätigkeit im sowjetzonalen Pieskow vom 1. Juni 1945 bis zum 31. März 1946;
* der "Fall Eland".
Der Fall Eland beginnt in den noch rauchenden Trümmern des zerstörten Berlin im Jahre 1945. Der holländische Staatsbürger Jan Eland hat den Krieg in der Reichshauptstadt auf eine Weise verbracht, die ihn nach 1945 sofort als persona grata bei westlichen Geheimdiensten qualifiziert. Eland, der den Eindruck eines Kunst- und Musikliebhabers macht, trägt in Berlin bald die Uniform eines holländischen Offiziers. Am Kurfürstendamm betreibt er zusammen mit einem Brillantenfachmann einen Juwelenhandel.
Auf der Suche nach guten deutschen Informanten über die militärische Lage in der Sowjetzone wird Eland von einer Bekannten auf Friedrich Wilhelm Heinz gestoßen. Der geschulte Abwehrmann Heinz kann seinem neuen Bekannten Eland bald Material vorlegen, mit dem der Holländer und seine Auftraggeber offenbar zufrieden sind; denn die beiden Herren kommen sich außerhalb ihrer nachrichtendienstlichen Tätigkeit auch persönlich näher.
Friedrich Wilhelm Heinz fühlt sich in Berlin bald von den Nachrichtendiensten aller drei Westmächte so umworben, daß er sich nach Neuwied am Rhein zurückzieht. Er schreibt für die amerikanische "Neue Zeitung", überarbeitet Jesco von Puttkamers Buch "Von Stalingrad zur Volkspolizei" und läßt seine Abwehrtätigkeit nicht ganz einschlafen.
Nach der Währungsreform wechselt auch Jan Eland in die Westzonen über. Sein Juwelengeschäft hat er aufgegeben; sein Nachrichtengeschäft aber nimmt er im Westen wieder auf. Er entsinnt sich seines Berliner Bekannten Heinz. Da Heinz für seinen Dienst Geld benötigt, werden sie sich schnell einig. Beide ziehen nach Wiesbaden, wohin auch der von Heinz gegründete "Michael-Verlag" übersiedelt; inoffiziell führt Heinz seinen Nachrichtendienst fort, woran sich Eland bis zum Höchstsatz von 2000 Mark monatlich beteiligt.
Durch Vermittlung des damaligen Oberbürgermeisters Redlhammer, der später wegen falscher eidesstattlicher Versicherung zunächst zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, nach Aufhebung dieses Urteils dann aber freigesprochen, jedoch von seinem Posten abberufen worden war, erhält Heinz für sich, seine Frau und seine Kinder eine Sechszimmerwohnung.
In den Gründungsmonaten der Bundesrepublik wird die Tätigkeit des Holländers Jan Eland immer reger. Bald fährt er einen Lincoln, und Friedrich Wilhelm Heinz fährt oft nach Bonn. Heinz: "Ich arbeitete für die amerikanischen Zeitschriften ''Time'' und ''Life'', deren Besitzer, Mr. Luce, ich kennenlernte." Die Nachrichten, die Heinz mitbringt, schickt Eland weiter nach Holland. Heinz: "Die Informationen waren nur harmloser Natur."
Immerhin scheint das Material der holländischen Regierung so viel wert zu sein, daß sie bereit ist, dem Friedrich Wilhelm Heinz und seiner Ehefrau holländische Pässe auszustellen. Heinz: "Eland bot sie mir an. Ich lehnte ab." Eland: "Heinz bat darum. Ich ermöglichte es ihm, bewog ihn aber, wegen der damit verbundenen Gefahren die Annahme abzulehnen."
Eland sieht sich unterdessen auch nach anderen Informanten um. Seine Sekretärin Else, eine Holländerin, ist die Witwe eines gefallenen deutschen Flugkapitäns. Der tote Flieger und die lebende Else waren gut befreundet gewesen mit dem ehemaligen Lufthansa-Syndikus Otto John. So kommt es, daß der spätere Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Otto John, der damals noch fest in London lebt (wohin er nach dem 20. Juli 1944 auf Umwegen geflohen war), in jener Zeit zweimal als Gast an der Abendtafel des holländischen Agenten Jan Eland sitzt.
In den ersten Monaten nach Bestehen der Bundesrepublik hatte Friedrich Wilhelm Heinz gehofft, Leiter des neu zu errichtenden Verfassungsschutzamtes zu werden. Otto John lief ihm den Rang ab. Aber der erste militärische Berater Konrad Adenauers, General a. D. Graf Schwerin, kennt als Abwehrfachmann keinen Besseren als Friedrich Wilhelm Heinz und stellt ihn bei sich ein.
Nach Schwerins Sturz, den der Graf bei einer von Heinz zustande gebrachten Unterredung mit dem Pariser spanischen Militärattaché telephonisch erfährt, übernimmt der Nachfolger des Grafen, Gewerkschaftssekretär Theodor Blank, am 1. Dezember 1950 den vielseitigen Heinz in der gleichen Position.
In dieser Zeit, zu der Blank seinen Dienst antritt, Ende 1950, Anfang 1951, endet das nachrichtendienstliche Verhältnis zwischen dem Holländer Eland und dem nun wieder zu einer amtlichen Funktion gekommenen Friedrich Wilhelm Heinz. Heinz lehnt jede weitere Zusammenarbeit mit Eland ab. Gleichzeitig beschließt die holländische Dienststelle im Haag, sich von Eland zu trennen. Der Holländer sitzt auf dem trockenen.
Damit beginnt jene Phase, in der Eland versucht, von Friedrich Wilhelm Heinz Geld zu erhalten. Eland nennt es Kredit-Bitten, Heinz sagt dazu Erpressung. Er stellt Strafantrag. Im Oktober 1951 wird Eland in Untersuchungshaft genommen. Die Anklage gegen ihn lautet auf Erpressung, anfangs auch noch auf Vergehen gegen den Paragraphen 175 (dieser Punkt wurde später fallengelassen).
Am 19. Juni 1952 um 9 Uhr morgens beginnt vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Wiesbaden unter Ausschluß der Öffentlichkeit der Prozeß gegen Jan Eland, der als Verteidiger den Wiesbadener Rechtsanwalt Helmut Kelch hat. Alle Beteiligten werden vom Vorsitzenden ausdrücklich zur Geheimhaltung verpflichtet, damit die Staatssicherheit nicht gefährdet werde.
Das Verfahren endet mit der Verurteilung Jan Elands (wegen versuchter Erpressung des Friedrich Wilhelm Heinz) zu neun Monaten Gefängnis unter Anrechnung der Untersuchungshaft und bei sofortiger Haftentlassung.
Dem Anwalt Helmut Kelch ist nun aber aus seinem Mandat im Eland-Prozeß kein Segen erwachsen. Er hatte nämlich wenige Tage, nachdem Eland in Untersuchungshaft genommen worden war, den Friedrich Wilhelm Heinz kontaktiert und ihn eindringlich zu veranlassen gesucht, seine Anzeige gegen den in der Zelle sitzenden Eland zurückzuziehen. Kelch hatte dem Friedrich Wilhelm Heinz dabei die Ungelegenheiten vor Augen geführt, die ein Prozeß gegen Eland auch für ihn, Heinz, haben könnte.
Friedrich Wilhelm Heinz fühlt sich dadurch wieder so erpreßt, wie seinerzeit durch Eland, und teilt dem Gericht während des Eland-Prozesses die Initiative des Anwalts Kelch mit. Kelch wird mitten während der Verhandlungen vom Prozeß ausgeschlossen.
Am 29. November 1952 hat dann die Staatsanwaltschaft Wiesbaden Anklage gegen den Rechtsanwalt Helmut Kelch erhoben, und zwar "laienhaft ausgedrückt", wie der Oberstaatsanwalt Flick sagt, wegen "vollendeter Begünstigung und versuchter Nötigung". Von der Strafkammer wurde am 21. April 1953 die Voruntersuchung in Sachen Kelch angeordnet.
Jetzt, so sagt der Oberstaatsanwalt, kommt es bei dem Verfahren gegen Rechtsanwalt Kelch entscheidend darauf an, ob das Gericht dem Beschuldigten Kelch oder
dem Belastungszeugen Friedrich Wilhelm Heinz und seiner Frau mehr Glauben schenkt. So machte sich denn Anwalt Kelch aus Wiesbaden auf strapaziöse und kostspielige Reisen, um sich umfassend über Leben und Treiben des Friedrich Wilhelm Heinz zu informieren und nach weichen Punkten im Lebenslauf dieses Hauptbelastungszeugen zu suchen.
Anwalt Kelch hatte gewisse Kontakte mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz unter Otto John in Köln, denn Kelch und das Bundesverfassungsschutzamt hatten lange Monate hindurch ein gleiches Ziel: Material gegen den Nachrichtenchef des Amtes Blank, Friedrich Wilhelm Heinz, zu sammeln Kelch tat und tut es, um für seinen Prozeß gerüstet zu sein, das Verfassungsschutzamt tat es, weil es den Friedrich Wilhelm Heinz "aus Gründen
der Staatssicherheit" für ungeeignet zu seinem Blankschen Amt hält.
Ein hochgewachsener Bundesbeamter hatte nämlich in einer möblierten Wiesbadener Wohnung, die früher von Eland bewohnt worden war, auf einem Schrank, auf den normal gewachsene Menschen weder blicken noch greifen konnten, einen Informationsbericht des Holländers an seine Dienststelle in den Haag gefunden. Der lange Beamte hatte das mehrere Schreibmaschinenseiten umfassende Schriftstück als Nachrichtenmaterial erkannt und es an das Verfassungsschutzamt in Köln geschickt. Dort glaubte man nach kurzer Zeit, in dem von Eland in diesem Bericht erwähnten Informanten eindeutig Friedrich Wilhelm Heinz erkannt zu haben. Otto John hatte seine Agenten daraufhin sofort auf die Fährte von Heinz, seines Kollegen
vom militärischen Nachrichtendienst, gesetzt.
Obwohl Anwalt Kelch nach Aussage des Bundesamtes für Verfassungsschutz von dort weder einen Pfennig Geld noch eine Zeile Material erhalten hat, schickte er getreulich all seine Untersuchungsergebnisse in den ersten Stock des nüchternen Bürohauses in Köln, Ecke Brückenstraße/Ludwigstraße, in dem der Verfassungsschutz sitzt.
Das Bundesamt wertete zwar das Material des Anwalts Kelch gegen Friedrich Wilhelm Heinz aus, aber es war auch seinerseits nicht faul. Präsident Otto John schaltete sich sogar höchst persönlich ein. Zweimal traf er sich mit dem in Sachen Heinz wegen Erpressung rechtskräftig verurteilten Jan Eland und unterhielt sich mit ihm über Friedrich Wilhelm Heinz; einmal in einer Kölner Konditorei, einmal in einem Wiesbadener Restaurant.
Jan Elands Ansinnen an Otto John, ein Buch "Pro Deutschland, pro John, anti Heinz" zu finanzieren, lehnte John ab. Dafür schob er dem Jan Eland hundert Mark über den Tisch zu. Per Telephon meldete sich wenig später der holländische Agent Eland bei dem Präsidenten des Verfassungsschutzamtes der Bundesrepublik. Er teilte John von Wiesbaden nach Stuttgart den genauen Zug mit, der ihn, den Holländer, aus der ungastlichen Bundesrepublik in die Schweiz bringen sollte.
Das Dossier Heinz in Johns Bundesverfassungsschutzamt wuchs zwei Jahre lang, von 1951 bis 1953. Mehr und mehr Material sammelte sich über Heinz, den Kapp-Putscher, Heinz, das NSDAP-Mitglied, und Heinz, den Pieskower Gemeindevorsteher. Darunter solches:
Friedrich Wilhelm Heinz habe nach dem Krieg Fragebogenfälschung begangen und sich zu Unrecht als Oberst bezeichnet, obgleich er nur Oberstleutnant gewesen sei.
Friedrich Wilhelm Heinz habe im Fall Eland, "wenn man so will, landesverräterisches Material" verkauft. Ein Plan über den Aufbau des deutschen Verfassungsschutzamtes, den der Holländer Eland ins Ausland weitergegeben habe, stamme von Heinz. (Dazu Heinz: "Es handelte sich um einen privaten Entwurf von mir für den Aufbau des Bundesamtes für Verfassungsschutz vom Frühjahr 1950. Eland hat diesen Entwurf in meiner Abwesenheit bei mir eingesehen. Als ich das erfuhr, bin ich eingeschritten Im übrigen mußte der Aufbau des Amtes bis hinunter zur Scheuerfrau von den Alliierten genehmigt werden.")
Alles dies und einiges andere über den militärischen Abwehrchef Heinz meldete der politische Abwehrchef Otto John weiter. Er meldete es nicht nur an seinen direkten Dienstvorgesetzten, den Staatssekretär Ritter von Lex im Bonner Innenministerium; er meldete es überhaupt nicht an Friedrich Wilhelm Heinzens Vorgesetzten. Theodor Blank: er meldete es zum Teil direkt an den heutigen Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Hans Globke.
Hans Globke legte das Material über Friedrich Wilhelm Heinz dem Bundeskanzler vor. Niemand kann sagen, ob dabei wirklich eine Stelle aus dem Heinz-Buch "Sprengstoff" über die rheinische Separatistenzeit
(Seite 235) eine Rolle gespielt hat. Diese Stelle lautet: "Pan-Europabegeisterte Oberbürgermeister domüberschatteter Städte unterstützten sie (die Separatisten) durch Schweigen und Untätigkeit."
Kanzler Konrad Adenauer bat Theodor Blank zu sich. Theodor Blank hatte schon nach dem Bekanntwerden der ersten Gerüchte über Friedrich Wilhelm Heinz eine sofortige Untersuchung angeordnet, die ergab, daß sich Heinz zumindest während seiner Dienstzeit in der Dienststelle Blank nichts hatte zuschulden kommen lassen.
Blank hatte daher allenfalls die Absicht, in der Abwehr eine Umbesetzung vorzunehmen, aber er wollte Friedrich Wilhelm Heinz nicht entlassen. Wenn er, Blank, den Abwehrchef Heinz entlassen solle, sagte er dem Bundeskanzler, dann bitte er um eine Weisung. Darauf habe Konrad Adenauer gesagt: "Dann betrachten Sie dies bitte als Weisung."
Am 29. September 1953 bat Friedrich Wilhelm Heinz daraufhin den Theodor Blank "im gegenseitigen Einverständnis" um Entlassung mit Wirkung vom 31. März 1954 und um Beurlaubung ab 1. Oktober 1953. Beides wurde genehmigt.
Friedrich Wilhelm Heinz schrieb an Theodor Blank: "Abschließend darf ich bemerken, daß mein Hauptfehler wohl darin bestand, eine Kommentierung meines Lebens und meiner Vergangenheit auch nur zugelassen zu haben. Das Leben eines aktiven und politischen Mannes in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts ist, wenn es sinnvoll war, ein buntes und vielgestaltiges Mosaikwerk.
"Das Herausbrechen von grünen, roten, blauen oder goldenen Steinen aus dem Gesamtbild und das philisterhafte Vorzeigen dieser Einzelsteinchen ist meistens dumm, oftmals perfide, und es besagt für das menschliche Sein nicht das mindeste. Nur aus Spannungen erwächst Leben, und nur aus der Vielfalt der Gegensätze erblüht die Harmonie."
Theo Blank antwortete, er bedaure das Ausscheiden von Heinz "im Hinblick auf die reibungslose und erfolgreiche Arbeit, die Sie für meine Dienststelle und darüber hinaus geleistet haben".
An Otto John aber schrieb Friedrich Wilhelm Heinz: "Nun ist die Tatsache des Nachrichtendienstes im Amt Blank und seine Führung durch mich in allen östlichen Diensten gewissermaßen amtlich bekanntgegeben worden. Bisher hatte der von mir geleitete Dienst nach den Feststellungen aller Kontrollinstanzen den in Anbetracht der angewandten Mittel höchstmöglichen Grad von Erfolg, Geheimhaltung und Sicherung der Mitarbeiter erreicht. Dies alles ist nun aufs schwerste gefährdet ...
"Hierfür tragen Sie, Herr Dr. John, die Hauptverantwortung, und wohl noch niemals ist nachrichtendienstlich törichter und leichtfertiger gearbeitet worden als bei der Aufrollung meines ''Falles''. Aber Sie, Herr Dr. John, sind ja von Anfang an nicht fähig gewesen, die Tragweite Ihres Verhaltens zu ermessen ...
"Sie haben, Herr Dr. John, sich seit Ende 1951 die von interessierter Seite gegen mich erhobenen Angriffe zu eigen gemacht und sie ungeprüft an Deutsche und an Angehörige ausländischer Nachrichtendienste weitergegeben ... Sie haben während dieser ganzen Zeit mir immer wieder bis in die letzten Wochen hinein sagen lassen, Sie empfänden mir gegenüber wie ''ein Freund, ein Bruder'' (autorisierte Gegendarstellung: Otto John habe einmal, um den Fall stillschweigend beizulegen, zu Heinz gesagt: Nun will ich einmal zu Ihnen wie ein Freund, wie ein Bruder sprechen), und Sie haben zwei Jahre lang diese an verflossene Methoden erinnernde Untersuchung ... fortgesetzt ...
"Es war ahnungslos, Herr Otto John, daß Sie mir noch im Sommer 1952 die Frage vorlegten: ''Wer bezahlt eigentlich Ihren Dienst? Die Amerikaner?'' (Autorisierte Gegendarstellung: Otto John habe gefragt: Werden Sie eigentlich auch noch von den Amerikanern bezahlt?) ... Sie ahnen gar nicht, Herr Dr. John, wie widerwärtig mir Auseinandersetzungen dieser Art sind ...
"Ich beende endgültig unsere Auseinandersetzung, und ich wiederhole Ihnen noch einmal meine persönlichen Bemerkungen, die ich in meinem Brief an Sie vom 30. 3. 1953 niederschrieb: ... Werden Sie niemals Gefangener der Geheimdienstdämonie und trinken Sie niemals aus dem IIIf-Pokal*). Dieses Gift ist tödlich ..."
Otto John hat den Trunk bisher gut überstanden.
Dem Holländer Jan Eland dagegen ist es traurig ergangen. Er war noch im Herbst 1953 in Den Haag, Koningin-Emma-Kade,
in gemieteten möblierten Räumen ansässig, ohne beim Einwohnermeldeamt der holländischen Hauptstadt registriert zu sein. Er hatte - schon im Gefängnis - ein dickes Manuskript über seine Erlebnisse in Deutschland von 1945 bis 1952 verfaßt, das er durch eine Münchner Manuskript-Agentur und auch selbst für ein schönes Geld (einmal forderte er 10 000 holländische Gulden) an den Mann zu bringen suchte, um sich zu rehabilitieren. Eine Reihe führender Nachrichtendienstler spielt in diesem Skript eine Rolle.
Eland ist in der Nacht vom 2. auf den 3. November im Hotel Walche in Zürich gestorben, sehr wahrscheinlich an einer absichtlichen Überdosierung von Schlaftabletten. Die Zürcher Polizei faßte die Möglichkeit theoretisch ins Auge, daß Unbekannte an Elands Tod mitbeteiligt sein könnten. Aber der ihm in Zürich Zunächststehende, ein Verleger, dem Eland seine Memoiren vorlegen wollte, glaubt, diese Möglichkeit ausschließen zu dürfen. Schon nach seiner Entlassung aus dem Wiesbadener Gefängnis hatte Eland einen Selbstmordversuch unternommen.
Dreieinhalb Wochen vor seinem Tod war Jan Eland mit einem ordnungsgemäß ausgestellten holländischen Paß aus Holland in die Schweiz eingereist. Nach seinem Tode wurde die Leiche seziert, doch ist der gerichtsmedizinische Befund bisher noch nicht freigegeben worden.
Die Bestattung Elands in Zürich zögerte sich hinaus, weil dafür zunächst keinerlei Mittel vorhanden waren. Das holländische Generalkonsulat in Zürich wollte kein Geld zur Verfügung stellen, auch Elands holländischer Rechtsanwalt nicht. Die Zürcher Anatomie erklärte sich schließlich bereit, die Leiche des Nachrichtenmannes zu übernehmen, um die Verlegenheit zu überwinden.
Der Zürcher Verleger, auf dessen Kosten Eland in Zürich wohnte, wollte eine solche
Lösung aus Gründen der Pietät dann aber doch nicht und erklärte sich schließlich bereit, die K osten zu tragen. Am Freitag letzter Woche ist Eland in Zürich verbrannt und in der Gemeinschaftsgrabanlage auf dem Friedhof Nordheim beigesetzt worden.
Auch der Wiesbadener Rechtsanwalt Kelch hat für sein zusammengetragenes Heinz-Material Abdruck-Interessenten (um 10 000 Mark) gesucht, um sich durch eine Veröffentlichung über Heinz ideell und finanziell eine günstige Ausgangsposition für seinen Prozeß zu schaffen. Aber wie bei Eland, so scheiterte auch bei Kelch bisher der Versuch, gleichzeitig materiellen und moralischen Gewinn durch Verkauf und Veröffentlichung seines Heinz-Materials zu erzielen.
Friedrich Wilhelm Heinz ist inzwischen dahintergekommen, daß gegen ihn gar kein gerichtliches Untersuchungsverfahren schwebe, wie er bei seiner Kündigung im Amt Blank angenommen habe. (Ein schwebendes Verfahren war auch offiziell als Grund für Heinzens Ausscheiden angegeben worden.) Und Eland kann ihm nun nichts mehr am Zeuge flicken wollen.
Darum will Heinz seine Kündigung womöglich wieder rückgängig machen. "Mir kann schlechterdings nur bei Begehung von Verbrechen oder wegen erwiesener Unfähigkeit gekündigt werden." Dem allen lege er aber nur arbeitsrechtliche Bedeutung bei.
Ins Nachrichtengeschäft wolle er nicht mehr. "Ich bin Politiker und Schriftsteller, und ich kenne bei aller persönlichen Bescheidenheit sehr wohl meinen Rang. Ich bin kein Mensch der Geheimdienste." In München, sagt Heinz, wolle er wieder freiberuflich als Schriftsteller und Journalist tätig werden.
Nachdem Heinz verschwunden ist, bleibt praktisch nur noch ein anderer, ungleich mächtigerer amtierender deutscher militärischer Nachrichtenmann übrig, der Generalmajor a. D. Gehlen. Gehlen ist während des Krieges Chef der Abteilung "Fremde Heere Ost" im deutschen Generalstab gewesen. Seine Organisation ist nach dem Kriege mit amerikanischen Subsidien weitergeführt worden.
Jetzt steht nichts mehr den Plänen im Wege, den Gehlen-Apparat wieder in deutsche Finanzgewalt zu übernehmen oder aber, falls sich die Millionensummen, die bisher zur Verfügung standen, von Bonn allein nicht aufbringen lassen, die Organisation als besonders wertvollen deutschen Beitrag in die EVG zu gemeinsamer Nutzung und Finanzierung einzubringen.
*) Karl Heinz Abshagen: "Canaris", Union Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart 9,80 Mark.
*) IIIf = in der deutschen Abwehr Bezeichnung für den Sektor Gegenspionage (Eindringen in den feindlichen Nachrichtendienst).

DER SPIEGEL 47/1953
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.