02.12.1953

SCHELMENROMAN / SCHRIFTSTELLERKampf gegen die Kartoffel

Emigrantendeutsch", sagte der Mann auf dem Richter-Stuhl und sah herausfordernd in die Runde. Von dort her, aus den Sitzreihen der "Gruppe 47" und ihrer Gäste, kam wenig Zustimmung zur Ansicht ihres Sprechers Hans Werner Richter ("Die Geschlagenen", "Sie fielen aus Gottes Hand") über die Leseprobe eines bislang gänzlich Unbekannten. Die Überraschung über das eben Gehörte, das Anfangskapitel eines nagelneuen Tausendseiters, war offensichtlich vollkommen. Darum wohl wurde die Diskussion um Albert Vigoleis Thelens eben erschienenes Buch "Die Insel des zweiten Gesichts"*) beim letzten Vorlese-Treffen der Schriftsteller-"Gruppe 47" im schwäbischen Bebenhausen noch nicht offiziell eröffnet.
Sie wird jetzt um so heftiger angehen. Dr. Peter Diederichs hat den dicksten Brocken seines diesjährigen Verlagsprogramms noch auf der Frankfurter Buchmesse nicht auf dem Schragen gehabt, nur zu wenigen hinter der hohlen Hand davon geflüstert. Jetzt ist heraus, was damals noch im Werden war und wovon nun die 991. Seite des Thelenschen Wälzers würdig vermeldet:
"Die Insel des zweiten Gesichts" von Albert Vigoleis Thelen wurde im Auftrag von G. A. van Oorschot, Verleger an der Herengracht zu Amsterdam, im Herbst 1953 bei der N. V. Drukkerij G. J. Thieme Nijmegen aus der Poliphilus gesetzt und gedruckt und von Elias P. van Bommel zu Amsterdam gebunden. Die typographische Gestaltung lag in Händen von Helmut Salden zu Wassenaar. Für das Gebiet der deutschen Sprache erscheint das Buch unter dem Marzocco, dem Wahrzeichen des Eugen Diederichs Verlages zu Düsseldorf."
Das, oder wenigstens was auf den vorangehenden 990 Buchseiten stand und wovon Thelen der "Gruppe 47" eine Vorprobe gab, nannte Rolf Schroers in seinem Tagungsbericht in der "Frankfurter Allgemeinen" keck eine "umständliche, skurrile Ich-Prosa" Für Schroers ist Thelens Schreibe der "Gegensatz zu dem scharf akzentuierten, blitzhaft zugreifenden, oft atemlosen Stil der Neueren".
Thelen dürfte dann doch wohl der Neueste heißen, wenn beim Stil-Vergleich schon gesteigert werden muß. Der Autor ist zwar schon 50, aber: die auf tausend Buchseiten beschriebene "Insel" ist sein
Erstling; insofern ist sein Fall wirklich "das Neueste".
Allerdings: anderes von ihm brachte es nicht ganz bis zum gebundenen Buch. Ein satirischer Roman auf die Nazizeit, geschildert am Kotau seiner Heimatstadt Süchteln im Niederrheinland, verschwand knapp vor den Finstermännern der Falange im Abtritt, damals beim Bürgerkrieg auf der Balearen-Insel Mallorca. Und als Übersetzer steht Thelen ohnehin kleingedruckt im Schatten der Aufschlagseite, etwa in "Ich, Claudius, Kaiser und Gott" des Robert von Ranke Graves oder in den
deutschsprachigen Ausgaben des modernen portugiesischen Mystikers de Pascoaes. Mit ihnen hat Thelen bei 37 negativen Verlegerbescheiden den, wie er sagt, "Bumerangrekord der Literatur" gebrochen, "der bis dahin von Remarque mit 33 Absagen für sein Buch ''Im Westen nichts Neues'' gehalten wurde".
"Bumerangrekord" - das ist echt Vigoleis, der Erzschelm Ulenspiegel, der Don Quichotte der "Insel des zweiten Gesichts", die Mallorca heißt. Thelen, der sich aus Studikerzeiten her nach dem Beinahe-Objekt seiner germanistischen
Doktorarbeit, dem "Ritter mit dem Rade" Wigalois aus dem altdeutschen Volksbuch des Wirnt von Gravenberg nennt - Vigoleis "mit Vogel-f" ist, nach eigenem Eingeständnis, "von nicht memoirenfähiger Geburt und eine vielseitig verkrachte Existenz dazu ... ohne Stern, ohne Rang, an den Hosen nur die Spiegelstreifen seines stubenhockerischen Lebenswandels, Held nur in den Seiten seines eigenen Buches, und ein trauriger obendrein".
Vigoleis Thelen, "Vigo", wie er unter Freunden genannt wird, erinnert sich an die heiße Zeit auf der Insel Mallorca. Vigo tut damit zunächst nichts Neues. Er hat immer viel geschrieben ("... Briefe an meine Freunde, in denen ich mich jahrzehntelang literarisch verpulvert habe, immer wieder erstaunt, wenn ich Aussprüche oder ganze Geschichten von mir in Büchern oder Zeitungen antraf. Dann hätte ich ja selber dran verdienen können ..."), er ist vor allem ein gewaltiger Erzähler von Balzac-Format. Nur "angewandt", literarisch ausgemünzt hat er sein Spiegelbild, sein "zweites Gesicht", nie, bis das holländische Verleger-Original Mijnheer van Oorschot mit der finanziell beschränkten Macht seines Ein-Mann-Betriebes ihn dazu brachte.
Nach neun Monaten hatte Vigo zwischen Wäschewaschen und Haushaltbesorgen (Frau Beatrice verdiente das nötigste Geld) seine Mallorca-Memoiren ausgetragen, immer beargwöhnt von Mijnheer van Oorschot und belauert von Frau Beatrice, die sich mehr als Halb-Indianerin denn als aus dem berühmten Hause Burckhardt stammende Schweizerin, die sie auch ist, aufs Spurenlesen und Umschleichen verstehen dürfte. Vigo hatte bis dahin schon vieles, genauer gesagt: alles verheizt, versenkt, im Abtritt begraben - auch darin den "Neueren" in der Buchproduktion kein schlechtes Vorbild.
Am Ende der neun Monate waren 1600 Seiten beisammen, keine so leicht mehr mittels Autodafé zu beseitigende Menge also. Aber die Verschwörer kannten ihren Vigo, und Mijnheer van Oorschot will die endlich aus verlagstechnischen Gründen auf knappe 1000 Seiten eingedünnten "angewandten Erinnerungen des Vigoleis" noch in letzter Stunde wieder vor dem Kanonenofen bewahrt haben. Das war eine denkwürdige Tat, Mijnheer rettete den großen Schelmenroman unserer Tage.
"Es gibt Autoren", so versucht Vigo sich selbst zu klassifizieren, "die mit vielen Worten wenig, andere, die mit wenigen viel, und wieder andere, die seltenen, die mit einem Wort alles sagen. Der Leser möge entscheiden, zu welcher Klasse Vigoleis gehört, da er selber es nicht ausmachen kann. Eines aber steht für mich fest: dieses eine Wort werde ich nie schreiben. Ich umschreibe es."
Aber das andere ist für ihn ebenso Maxime: "In Zweifelsfällen entscheidet die Wahrheit." Offenkundig muß das heute als Narrenweisheit gelten. "Alle Gestalten dieses Buches leben oder haben gelebt" - Vigoleis nimmt es ziemlich genau in seinen Memoiren, und so viel dagegen zu sprechen scheint: daß während der Schreibarbeit an der "Insel" der Gerichtsvollzieher Stammgast beim nichtrauchenden, schriftstellerisch schwer arbeitenden Vigoleis war, spricht sehr deutlich dafür, daß er es ernst meint mit seiner unzeitgemäßen Maxime.
Schließlich aber war um 33 auf Mallorca ("clima ideal") wirklich allerhand los. "Damals lebten Reichsgerichtspräsidenten auf der Insel und ernährten sich wenig recht und sehr schlecht durch den Verkauf von Sauerkraut und Kichererbsen. Ubootkapitäne von Weltruf schmuggelten Opium und Kokain. Universitätsprofessoren gruben
Gärten um und dickten Aprikosenmarmelade ein. Geistliche Herren griffen zum Giftbecher; berühmte Ärzte schlichen in tiefer Nacht mit falschem Bart zu einem Patienten, den sie bei sehender Sonne nicht heilen durften, weil ihnen das spanische Doktorpatent fehlte. Nur die deutsche Hure ging erhobenen Hauptes am Borne auf den Strich, als sei es die Friedrichsstraße in Berlin."
Das ominöse Wort "Hure" steht an dieser Stelle nicht zum erstenmal in Thelens Tausendseiter. Bei Licht besehen, fängt das Buch damit sogar an, aber Vigo, der stets umschreibt, übersetzt sein diesbezügliches Motto ins Spanische, "um nicht sogleich mit der Tür ins Freudenhaus zu fallen".
Dieses Etablissement läßt sich im weiteren Verlauf der Darstellung freilich nicht ausklammern - "im Zweifelsfall entscheidet die Wahrheit" - , man ist ja in Spanien, und man hat es schließlich mit Vigoleis, dem Erzpechvogel, Schalksnarr und unfreiwilligen Abenteurer zu tun.
Vigo und Beatrice, zwei neue Archetypen der deutschsprachigen Literatur, logieren während der schlimmsten Zeit ihres chronischen Kleingeldmangels (das große Geld zog ihnen bald nach der Ankunft auf der Insel der Allerweltskerl von Beatrice-Bruder aus der Börse), arg- und obdachlos, wie sie nun einmal sind, in einem Haus von sehr eindeutigem Charakter, erst nichtsahnend, dann alles begreifend. Aber als Hungertuchnager müssen sie sich fürs erste mit dieser zweifelhaften Bleibe bescheiden, wo sie, nicht anders als einst Daniel in der Löwengrube, keinen Schaden nehmen an Leib und Seele - als überall Verjagte und doch immer und auch über bodenlosen Untiefen Geborgene.
Eine ähnliche Szene wächst ebenso aus umwerfend offenherzig, aber ohne billige Pikanterie geschilderter Situationskomik ins Ernste, ja Bedeutungsvolle hinein. Der angehende Studiker Vigoleis gerät auf der Budensuche in Köln mit der kleinstädtisch befangenen Mutter ebenso arglos wie viel später mit Beatrice auf Mallorca ins Viertel der roten Laternen. Erst Unverständnis auf beiden Seiten, dann Geblöke dort, jähes Begreifen hier, entsetzter Abgang - die Szene ist wohl einmalig und dennoch nicht bloß urkomisch allein: Hinter den Tränen der still in sich hineinweinenden Frau ahnt der Leser - Vigoleis macht das ohne den geringsten "Drücker" - den kommenden größeren Schmerz der Mutter um den "verlorenen Sohn".
Der ist Vigoleis, Abkömmling einer streng katholischen Familie vom Niederrhein, Neffe des Weihbischofs von Münster zur Bischofszeit des Grafen Galen, bald geworden. Er erklärt sich seinen Abfall von der Kirche aus einem Erlebnis der Kindheit und seiner Schockwirkung: der dienstmüde Pfarrer hieb dem Neunjährigen beim regelrechten Drill zur Erstkommunionfeier ungeduldig mit einem Schlüssel über die Zunge, daß das Blut quoll, und zerschnitt, so sagt Thelen heute, damit alles, was ihn mit der Kirche verband.
Dieser Vorfall, den Vigoleis in seinen "angewandten Erinnerungen" immer wieder anführt, wird als Ursache seines heute eifernden Häretikertums von ihm wohl überschätzt. Vigoleis ist einer von denen, die aus der ihnen zu schmal erscheinenden Spur einer ganz bestimmten Art von bloßem Traditions-Christentum und vernünftelnder Gottesgelehrsamkeit - den Theologen gelten Thelens schärfste Formulierungen - herausspringt ins ungewisse Dunkle.
"Vigoleis hatte noch eine Kerze aufgespart ... Sie sollte in die leere Nacht hinein
brennen. Er liebt dieses tragische Umsonst, wie er auch seine Sanduhr zuweilen wendet und die Körnchen rinnen läßt, für nichts und wieder nichts, so wie die Tage seines Lebens rinnen, Korn um Korn, für nichts und abernichts; und wie am Firmament die Sterne scheinen, ewig und ohne Sinn."
Das ist Vigoleis, "der ja keine Spielart meines Ich ist, eher ein Hofnarr, sei es auch ohne Halskragen und Hahnenkamm ... Narr meines eigenen Hofes", der sich selbst vorkommt als der "Racheakt dunkler, womöglich kosmischer Kräfte, geschlagen mit einem Leben, das mir dumme Fragen aufgibt ... Sinnbild einer Lebenshaltung, die an sich selbst genug hat und darum auch an sich selbst zugrunde geht".
Die Auseinandersetzung mit dem Kindheitsglauben nennt er selbst das große, noch immer ungelöste Problem seines Lebens. Auch auf Mallorca ist er immer "auf der Suche nach einem Ersatz für den abtrünnigen Geist, und er hatte begründete Hoffnung, ihn in einem unverfälschten spanischen Mystiker zu finden. Dann würde er sich buchstäblich in den neuen Freund versenken, ihn entsinnen und mit jedem erschlossenen Vers die eigene Lebenslüge bemänteln, die darin bestand, daß er nicht mehr den Mut aufbrachte, die Hand an die eigene Kalmäuserei zu legen, verurteilt sonach dem Strohtod entgegenzuleben.
"Dabei merkte er nicht, daß er sich unter dem Ewigkeitswinkel gesehen viel zu wichtig nahm, mit einem Lebensekel, für den er sich übrigens eine Mimikry geschaffen hatte, die so fröhlich wirkte, daß niemand seinen Weltschmerz mehr ernst nehmen wollte. Das schmerzt doppelt, bis man auch dagegen gefeit ist."
Das ist der andere Vigoleis, der "sein Dasein immer noch nicht als kleine Vergnügungsreise mit Plaid und Parapluie auffassen kann", das ist das andere Ich dieses scheinbar immerlustigen Ulenspiegel, in Wahrheit des Prügelknaben seiner Umwelt, die ihn in jeder Hinsicht beutelt. Das ist das zweite Gesicht dieses Buches, das man zu leicht als Anekdotensammlung eines kauzigen Emigranten mißdeuten kann, denn es ist glänzend geschrieben. Aber in den "angewandten Erinnerungen" des Vigoleis "haben die Begebenheiten der Inselzeit, die vielleicht dem einen oder anderen Leser zur Erheiterung dienen, einen Traurigkeitswert und Gehalt an Melancholie ..."
Gründe zur bloßen Erheiterung gibt es in dieser "Insel" der tausend Buchseiten freilich die Fülle. Die scheinbar ausgefallensten Figuren fliegen geradezu auf den Vigoleis mit dem Vogel-f, der als Namenspatron Wigalois, den Ritter mit dem Rade, hat (wobei Thelens Kommilitonen die Helmzier meinten, "ich aber deutete es als das Rädchen im Kopf und fand es gut getroffen").
Da ist der echt mallorquinische Briefträger. "Er war natürlich ein Analphabet und verfügte auch über das berühmte Gedächtnis solcher Glücklichen, das von den Historikern immer wieder unterschätzt wird, weil es ihnen nicht in den Kram paßt. Der Postmeister, der selber lesen und schreiben konnte, sortierte die Post und las dem Austräger die Adressen in der Reihenfolge des Bestellganges vor. Dieser merkte sich die Namen und vertrug alles, ohne sich auch nur um eine Tür zu irren, wie es manchen des Lesens kundigen Briefträgern auf Schritt und Tritt unterläuft."
Farbig wie eine Bilderbuchfigur ist Arsenio hingestellt, Herr vom Stunden-"Turm der Uhr", jenem windigen Notquartier von Vigoleis und Beatrice. Arsenio ist Haupt einer Räuberbande des 20. Jahrhunderts,
die mit U-Boot (von einem adeligen deutschen Korvettenkapitän kommandiert) und anderen Finessen arbeitet.
Die Baleareninsel, auf der hundert Jahre zuvor George Sand und ihr kranker Frédéric Chopin wohl die ersten Touristen waren, wird in den fünf Vigoleis-Jahren geradezu ein Mittelpunkt. Hier laufen Fäden zusammen und auseinander, und Vigoleis sitzt mitten im Netz, wenn auch nicht eben wie die Spinne. Die Flut der Emigration aus den Ländern unter Hakenkreuz und Liktorenbündel bricht sich, und noch einmal hält die europäische Hautevolee Cercle, bevor die große Auspowerung beginnt.
Der Kulturphilosoph Hermann Graf Keyserling, Reisender durch die Zeit, hält in Palma ein paar Schulstunden der Weisheit ab. Vigoleis hat das in einer glänzend gesehenen Szene fixiert: die Harlekinade seiner Stegreif-Vorträge auf Themen-Zuruf, die fragwürdige Schaustellerei des ambulanten Weisheitslehrers - die letzte Phase einer bestimmten Spielart des sogenannten europäischen Geistes.
Harry Graf Keßler, der Diplomat und Schriftsteller, mit Hugo von Hofmannsthal zusammen Librettist der "Josephslegende" von Richard Strauß, schrieb damals dort seine Memoiren, die Vigoleis auf seiner Diamant-Juwel ins Reine mangelte. Andere Figuren tauchen auf und verschwinden wieder. Miguel de Unamuno, Spaniens großer Denker, geistert durch die Seiten. Franco gibt, noch als unbekannter spanischer General, ein kurzes Gastspiel, aber auch andere Namen werden genannt, von Furtwängler bis Mengelberg, von Adenauer bis Dovifat, die beide eine Rolle spielen im Zusammenhang mit der Kölner "Pressa", der Presseausstellung von 1928. Vigoleis weiß da aus eigener Erfahrung fatal gut Bescheid.
Franz Blei, der österreichische Kultur-Schriftsteller, saß auf der Taurolle des englischen Zerstörers, der die Mallorca-Flüchtlinge
aus der Schreckenszone des Bürgerkrieges in Sicherheit brachte.
Vigoleis ging nach Portugal, wo er sieben Jahre lang den modernen portugiesischen Dichter und Mystiker Teixeira de Pascoaes übertrug, einen "religiösen Atheisten", wie er ihn nennt. Ein dritter Band der "angewandten Erinnerungen" wird Pascoaes gewidmet sein. Dort mag sich dann vielleicht etwas davon finden, was der Bausch-und-Bogen-Lästerei des "Insel"-Schreibers abgeht: die ressentimentlose Auseinandersetzung im Religiösen, ohne daß sich dabei des Vigoleis "zweites Gesicht" zur Fratze verzerrt.
Der nächste Teil aber wird sich erst einmal mit den Jahren in der Schweiz und Frankreich befassen, wieder das große Thema Religion berühren und Beatrices Inka-Abstammung erklären. Vigoleis und Beatrice haben zu diesem Vorhaben den dürftigen Haushalt in Amsterdam vor wenigen Tagen aufgelöst und sind nach dem Tessin gefahren. In Auressio erwartet sie ein kahles Haus, das bei ihrem Weggang einst vollmöbliert war. Der Verwalter hat das fremde Besitztum gänzlich zu Geld gemacht, um seine Roller-Expedition nach Tibet auf Gummiräder zu stellen: auch er eine jener Figuren, wie sie Vigoleis offenbar tagtäglich in die Quere kommen, ein Mann, der als Chargierter von der Schweizer Wehrmacht unehrenvoll entlassen werden mußte, weil er, als gelernter Yogi, seine Kommandos in ungewöhnlicher Position zu geben pflegte, wenn es ihn überkam: auf dem Kopf stehend.
Der originelle Stoff wächst dem Vigoleis also immer weiter zu. Doch das mag eine optische Täuschung sein. Vigoleis lebt in der gleichen Umwelt wie alle anderen Schreiber, nur: er sieht genauer hin, und er weiß es besser, ja unübertrefflich gut wiederzugeben. Das mag man denn also "Emigrantendeutsch" nennen: wenn sich aus vielen genau fixierten Einzelerlebnissen ein farbig bewegtes Zeitbild ergibt. Denn die "Insel" des Vigoleis, das ist mehr als Mallorca, das Bernanos in seinem Buch über den spanischen Bürgerkrieg "Les grands cimetières sous la lune": den "großen Friedhof unter dem Mond" nannte - es ist diese, die gegenwärtige Welt.
Dabei hat der endlich zum Aufschreiben gebrachte Vigoleis niemals die Absicht, Literatur zu machen. "Mein Opus: nennen wir doch die ''Insel'', die in meiner Auswälgerung (das Wort stammt aus der Nudelindustrie) schon den Anspruch erben darf, ein kleiner Kontinent zu sein, getrost einen Schmöker ... Und was die Weltliteratur betrifft, da müßte der Verfasser erst einmal wissen, welchen Rang er in der Welt selbst einnimmt."
Der Erzähler Vigoleis bleibt immer ohne die Distanz einer angenommenen und oft nicht zustehenden Dichterpose, wenn er von sich und Beatrice spricht und sich mittendrin an den Leser wendet: "Du, Leser, kannst ihnen weiterhin auf dem Fuße folgen, kannst deine eigenen Wege gehen, anderen Gestalten anderer Autoren nachsteigen, ganz wie es dir paßt in deinen Kram ... Wer sich nicht mit der leichtfährigen Brut einlassen will, weise das Buch zurück: so etwas lieber nicht!"
Nur narrengleiche Einzelgänger sprechen so in einer Zeit, in der auch Schriftsteller sezessionieren. Aber Vigoleis hat nicht nur aus seiner schriftstellerischen Produktion bisher kein Kapital zu schlagen gewußt.
Bescheiden meldet er, ein fingerfixer Bastler auch neben allem anderen, in der "Insel" an, daß er vieles schon vor den Patentinhabern entdeckte: den U-Boot-Schnorchel zum Beispiel, den Kugelschreiber, den sich selbst spitzenden Bleistift. Die Liste ist lang, und der eigene Schwager gründete extra eine Auswertungsgesellschaft.
Vigoleis hat davon nichts gehabt als das Nachsehen, ein Narr noch hier, aber die Schelmenmaske trügt, das zweite Gesicht des Vigoleis ist tragisch, so wie der Simplicissimus des Grimmelshausen, der Ulenspiegel des de Coster und der Don Quichotte des Cervantes tragische Gestalten sind (nur in der "kleinen Welt des Don Camillo" gibt es ein Happy-End in Filmfortsetzungen).
Vigoleis: "Und dabei ist mein ganzes Dasein ein ununterbrochener Kampf gegen die Kartoffel (denn ich mag sie nicht, diese unbegeistete Tuberkel, die es fertiggebracht hat, die gesamte abendländische Kultur zu unterwühlen) und den Lappen Tüll, Symbole beide für den Ikarus, der nicht einmal jene Höhen erreicht, wo das Wachs der Flügel zu schmelzen beginnt."
Aber dieser Kartoffel- und Tüll-Kleinkrieg ist doch kein ganz sinnleeres Unternehmen. Unter dem unsichtbaren Fähnlein des Vigoleis ("auf weißem Grunde ein weißes Kreuz, oder auf schwarzem ein schwarzes, jeder mag sich das Nichts auf seine Weise heraldisieren") haben bloße Nihilisten und Weltschmerz-Manieristen nichts zu suchen.
Wo es wie bei Vigoleis noch soviel echte Erlebnisfähigkeit und den Drang, davon zu berichten, gibt, da wird das androhende "Nichts" literarisch zur Gestalt. Und das ist für Vigoleis, den Schalksnarren unserer Zeit, Ausweis: "Mitteilsamkeit ist ein Kennzeichen des echten Pessimismus, ohne sie gäbe es keine pessimistische Literatur."
*) Albert Vigoleis Thelen: "Die Insel des zweiten Gesichts". Eugen Diederichs Verlag. Düsseldorf. 991 Seiten. 24 Mark.

DER SPIEGEL 49/1953
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 49/1953
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHELMENROMAN / SCHRIFTSTELLER:
Kampf gegen die Kartoffel

Video 01:11

Wie im Actionfilm US-Polizist schießt durch eigene Windschutzscheibe

  • Video "Gefahr am Badesee: Wie man Ertrinkende erkennt - und rettet" Video 03:06
    Gefahr am Badesee: Wie man Ertrinkende erkennt - und rettet
  • Video "Schwarzenegger zu Trump: Weichgekochte Nudel, Fanboy!" Video 01:07
    Schwarzenegger zu Trump: "Weichgekochte Nudel, Fanboy!"
  • Video "Trump-Putin-Gipfel: Melania, nimm das mal!" Video 02:51
    Trump-Putin-Gipfel: "Melania, nimm das mal!"
  • Video "Amateurvideo von Hawaii: Lava-Bombe trifft Ausflugsboot - 23 Verletzte" Video 01:52
    Amateurvideo von Hawaii: "Lava-Bombe" trifft Ausflugsboot - 23 Verletzte
  • Video "Was läuft schief in der SPD? Zwei Genossinnen, zwei Meinungen" Video 05:01
    Was läuft schief in der SPD? Zwei Genossinnen, zwei Meinungen
  • Video "Grönland: Riesiger Eisberg bedroht Dorf" Video 01:06
    Grönland: Riesiger Eisberg bedroht Dorf
  • Video "Prototyp aus dem 3D-Drucker: Aus diesem Reifen ist die Luft raus" Video 03:17
    Prototyp aus dem 3D-Drucker: Aus diesem Reifen ist die Luft raus
  • Video "Überschwemmungen in Indien: Riesenwellen faszinieren Schaulustige" Video 01:02
    Überschwemmungen in Indien: Riesenwellen faszinieren Schaulustige
  • Video "Flitzer bei WM-Finale: Videobotschaft von Pussy Riot" Video 01:42
    Flitzer bei WM-Finale: Videobotschaft von "Pussy Riot"
  • Video "China: Steinschlag zertrümmert Highway" Video 00:44
    China: Steinschlag zertrümmert Highway
  • Video "Sensationsfund in Ägypten: Forscher entdecken vergoldete Mumienmaske" Video 01:07
    Sensationsfund in Ägypten: Forscher entdecken vergoldete Mumienmaske
  • Video "Putin und Trump beginnen Vier-Augen-Gespräch: Die Welt möchte, dass wir miteinander auskommen" Video 01:11
    Putin und Trump beginnen Vier-Augen-Gespräch: "Die Welt möchte, dass wir miteinander auskommen"
  • Video "Trump-Putin-Gipfel: Maximale Unberechenbarkeit" Video 03:18
    Trump-Putin-Gipfel: "Maximale Unberechenbarkeit"
  • Video "Gerettete Jungs in Thailand: Was ich als erstes essen möchte..." Video 01:08
    Gerettete Jungs in Thailand: "Was ich als erstes essen möchte..."
  • Video "Wie im Actionfilm: US-Polizist schießt durch eigene Windschutzscheibe" Video 01:11
    Wie im Actionfilm: US-Polizist schießt durch eigene Windschutzscheibe