23.12.1953

ARCHITEKTUR / KIRCHENBAU Gott treibt Geometrie

(s. Titel)
Es gab nur drei Bedingungen. Der Dom sollte tausend Gläubige fassen, erdbebenfest sein und tropisch-schwülem Klima standhalten. Bauort: San Salvador in Mittelamerika. Bautermin: 1956. Der Wettbewerb für das Bauwerk von der Größe der Münchener Frauenkirche wurde auf "internationaler Ebene" ausgeschrieben. Beteiligen konnten sich Architekten in Amerika, Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland.
Im Januar war Einsendeschluß. Ein halbes Jahr brütete in San Salvador das erzbischöfliche Generalvikariat über den Skizzen, Plänen und Modellen. Dann entschied es sich für die einzige Einsendung aus Deutschland: das Modell des Kölner Kirchenbaumeisters Dominikus Böhm. Es entschied sich damit für ein Kompositum exotisch wuchernder Formen in Eisenbeton.
Böhm will die Mauern und den Turm des Domes in wabenförmige Filigrangitter auflösen. Das riesige Portal - ein in Quadrate aufgeteiltes Betongerüst - soll die Gläubigen in eine weite Kirchenhalle ziehen, die in einen mächtigen Kuppelbau mit Hochaltar und Bischofsthron mündet. Ein 60 Meter hoher Betonkegel krönt wie ein überdimensionaler Zuckerhut einen Kranz von zehn Nebenkapellen.
Während Professor Dominikus Böhm in seinem kleinen weißen Haus auf dem Kölner Römerberg an den Grundrißskizzen des bizarren katholischen Bauwerks zeichnete, "bei dem ich zum erstenmal mit ganz anderen Formen als in Europa arbeiten kann", setzte sich sein protestantischer Gegenspieler, Professor Otto Bartning in Darmstadt, mit einem Grundproblem des evangelischen Kirchenbaues auseinander.
Die evangelische Kirche, sagt Bartning, ist gewöhnlich zu klein oder zu groß. Zu klein ist die normale, sonntags gut gefüllte Kirche für die Besucherscharen großer Festgottesdienste. Zu groß wiederum ist die weiträumig auf Festtage
berechnete Feierkirche für den normalen Kirchenbesuch der Protestanten, der außer zu Karfreitag, zu Ostern und zu Weihnachten nicht übermäßig rege ist*).
Diese Überlegung brachte Bartning bei seinen Entwürfen für die evangelische Christus-Kirche in Bad Godesberg auf eine radikal neue Lösung: die Kirche in zwei Ausgaben für Werktag und Sonntag.
Fünf verschiedene Räume sind nach einem genau ausgeklügelten Grundriß-Schema ineinandergeschoben: Hauptschiff und Orgel-Empore für den normalen Sonntagsgottesdienst, links und rechts davon - wie die Zacken eines stilisierlen Christbaums - zwei Säle für den Konfirmandenunterricht, und im hinteren Teil der konisch zulaufenden Kirche zwei Säle für die Gemeinde. Durch bewegliche Faltwände vom Hauptschiff getrennt, können die Säle so in den Kirchenraum einbezogen werden, daß sich die Zahl der Sitzplätze von 372 stufenweise auf 742 erhöht.
Die kunstvolle Verschachtelung der Räume ermöglicht aber noch eine andere Neuerung. Im Gegensatz zur normalen evangelischen Kirche, die nur sonntags ihren Gläubigen etwas zu sagen hat, werktags aber geschlossen und scheintot ist, soll in der Christus-Kirche mindestens ein Raum sonntags wie werktags für Gottesdienst und kirchlichen Unterricht, für Gebet und Gesang offen stehen.
Die fächerförmige "Zusatzkirche" in Godesberg ist die jüngste Antwort des evangelischen Kirchenbaumeisters auf eine Frage, die Europas Kirchenarchitekten seit einem halben Jahrhundert mit schwankender Lautstärke, aber gleichbleibendem Eifer diskutieren: Soll die Kirche von heute unpathetisch, sachlich und nüchtern sein, oder muß sie die monumentale Größe und "religiöse Inbrunst" der alten Dome haben? Soll man nach alter Tradition die natürlichen Baustoffe Holz, Stein und Marmor verwenden oder die synthetischen Baumittel der Technik, wie Eisenbeton, Stahl und Glas?
Und endlich: Müssen die modernen Gotteshäuser noch immer das traditionelle Äußere mit Portal und Glockenturm, Langhaus und Chor haben oder dürfen sie mit den Konstruktionsformen der Hochhäuser, Montagehallen und Planetarien gebaut werden: mit Kubus und Ellipse, Parabel und Trapez?
Über eins sind sich die modernen Kirchenarchitekten einig: Das Mittelalter wußte, wie man Kirchen baut. "In dieser Beziehung haben wir ihm heute nichts voraus", bekennt selbst ein so avantgardistischer Baumeister wie der Kölner Stadtplaner Professor Rudolf Schwarz.
Die modernen Baumeister könnten zwar die tiefen Portale und gewaltigen Pfeiler der Romantik oder die Netzgewölbe der Gotik mühelos nachahmen. Aber, sagt Schwarz. das wäre nicht wahrhaftig. "Denn die Wand ist uns nicht mehr ein schweres Gemäuer, sondern eine gespannte Membrane, wir kennen den zugfesten Stahl und überwanden durch ihn die Wölbung. Die Baustoffe sind uns etwas anderes als den alten Meistern; wir kennen ihren inneren Bau, die Lagerung ihrer Atome, den Verlauf der inneren Spannung und bauen, indem wir das alles wissen; denn es kann nicht mehr zurückgenommen werden. Die schwere alte Form würde uns zur theatralischen Attrappe, und die Menschen merkten die hohle Verpackung."
Vor zwei Jahren wurde in Frankfurt die katholische Maria-Hilf-Kirche als Stahlskelett-Konstruktion errichtet. Nach der Einweihung sagte der Bauherr, Pfarrer Franz Wagenhäuser, beim Bau dieser Kirche sei ihm klargeworden, daß "der Sakralbau ungewollt Zeugnis ablegt, ob wir als Jünger des Herrn heute seinen Auftrag erfüllt haben, und ob wir heute mit der gleichen Kraft der Romanik und der Gotik für unsere technische Zeit und
ihren technischen Menschen die Kirche in einer endgültigen Gestalt bauen können".
Pfarrer Wagenhäuser hält deswegen die absolute Zeitnähe des heutigen Kirchenbaus, die Professor Schwarz aus technischen Gründen fordert, für "eine religiöse Notwendigkeit erster Ordnung". Würde man die moderne Bauweise als unsakral bezeichnen, so wäre das ein Eingeständnis, daß "Religion und Leben heute völlig gegensätzliche Dinge sind".
Damit umschreibt Wagenhäuser zugleich das erste Gebot im Katechismus des Kirchenarchitekten, nämlich: Kirchenbau ist wie kein anderer Bau die Manifestation einer geistigen Grundhaltung. Fabriken und Funkhäuser, Verwaltungsgebäude und Lichtspieltheater können einen eigenen Stil aus der Funktion entwickeln, den technischen Stil des "neuen Bauens" mit seiner streng auf das Werk bezogenen Sachlichkeit.
Der Kirchenbaumeister muß auf viele Formeln des Funktionalismus verzichten. Er kann nicht nur nach den Konstruktions-Koordinaten von guter Akustik und ausreichender Platzzahl, unbehinderter Sicht und polizeilich vorgeschriebenen Notausgängen planen und entwerfen. Die Kirche soll aussagen.
Aber was soll sie aussagen? Die Unsicherheit der modernen Baumeister gegenüber dieser Frage ist eine Erklärung dafür, warum das "neue Bauen" in Eisenbeton und Stahl einen adäquaten Kirchenstil nur zögernd entwickelt.
Eine andere Erklärung bietet der deutsche Kunsthistoriker Wilhelm Pinder. Er bezweifelt, "daß unsere Zeit des Sakralbaues überhaupt noch fähig ist, weil ihr der verbindliche Mythos fehlt". Und der Schweizer Architekt und Kirchenbauspezialist Ferdinand Pfammatter macht für die nur zaghafte Entwicklung eines neuen Kirchenbaustils den Zug einer Zeit verantwortlich, "in der religiöse Begeisterung als leichter geistiger Defekt angesehen wird".
Aber Pinders und Pfammaters Pessimismus scheint selbst den ärgsten Kritikern
übertrieben, solange Baumeister wie Dominikus Böhm und Otto Bartning mit den Baustoffen und Formen des Ingenieurs Kirchen bauen, die von den Theologen lobend als sakral anerkannt werden.
Daß sich Kapazitäten wie Böhm und Bartning noch in hohem Alter mit Pionieraufgaben beschäftigen, daß sie sich zusätzlich ein Arbeitspensum aufbürden, das einen jüngeren Mann aufreiben könnte, ist für das nachwuchsarme Deutschland fast schon symptomatisch geworden. Und fast ebenso symptomatisch ist es, daß beide, der Katholik Böhm und der Protestant Bartning, in Deutschland als Repräsentanten der modernen Kirchenarchitektur gefeiert werden, obwohl sie keineswegs immer nur Kirchen gebaut haben.
Dominikus Böhm hat Städte geplant, Industrieanlagen entworfen, Krankenhäuser, Schulen und Sektkellereien gebaut. Er leitete bis vor kurzem eine Architekturklasse an den Kölner Werkschulen, beeinflußte die Glasmalerei, die Goldschmiedekunst, die Paramentik*) und fand zwischendurch immer noch Zeit, am Klavier funkreife Kinderlieder zu komponieren.
Der weltmännische Otto Bartning hat einmal die Erde umsegelt, mehrere Bücher geschrieben, ungezählte Reden gehalten, bedeutende Profanbauten errichtet und die Darmstädter Gespräche initiiert. Er steht als Präsident an der Spitze des Bundes Deutscher Architekten, hat den "Rat der Formgebung" mitbegründet und baut zur Zeit das zerbombte Helgoland wieder auf.
Beide wurden mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, beide gehören der Generation des Bundeskanzlers an. Böhm ist 73, Bartning 70 Jahre alt.
Um eine Ehrung ist der Katholik Böhm dem Protestanten Bartning allerdings überlegen: er wurde in diesem Jahr von Papst Pius XII. zum Commendatore des Sylvesterordens ernannt. Böhm heftete sich das seltene goldene Ordenskreuz an die Brust, weigerte sich aber, die dazugehörige Uniform und den langen Säbel anzulegen: "Epauletten trag i net!"
Die Auszeichnung durch den Papst war der Gipfelpunkt einer Karriere, die vor rund vierzig Jahren begann, als sich der Lehrer Böhm von der Bau- und Kunstgewerbeschule in Offenbach über die "sterilen neubarocken Kirchen in München und die neugotischen Dome im Rheinland" ärgerte. Er setzte sich nach dem Unterricht ans Reißbrett, um selbst nach neuen Formen für den Kirchenbau zu suchen.
Sein erstes modernes Projekt war eine hölzerne Notkirche für Offenbach. Sie wurde 1919 gebaut. Heute wertet man sie vielfach als ersten Versuch, die kirchliche Baukunst in Deutschland in neue Bahnen zu lenken. Einfache, strenge Linien, klare, geschlossene Baukörper, vor allem aber große Flächen entwickelte Böhm in den folgenden Kirchenbauten weiter. In ihrem Ernst und ihrer Kühnheit hatten sie etwas von der Wehrhaftigkeit mittelalterlicher Gottesburgen im Osten.
Seine nächste Kirche, die Dorfkirche in Dettingen am Main, errichtet Dominikus Böhm in Stein. Und 1922 baut er in Neu-Ulm die erste Kirche in schalungslosem Eisenbeton. Die neuen Baumittel erschließen neue Räume und ermöglichen schräge Pfeilerfluchten scharfkantiger Betonrippen, die das Kirchenschiff vom Fußboden bis zur Decke umspannen und sich in einem Spitzbogengewölbe treffen. Aber es ist nicht die Backsteingotik der Mystiker, die ins Transzendente führen soll, es ist eher eine neue Gotik, die Betongotik des Ingenieurs, die statisch und fest auf der Erde ruht.
Die Betonkirche in Neu-Ulm erregt Aufsehen, eine neue Entwicklung beginnt. In
Beton bauen Auguste Perret in Paris und Professor Karl Moser in Basel Kirchen mit leichten, durchbrochenen Wänden und mit Decken, die sich ohne Stützpfeiler über weite Räume spannen.
Der neue sakrale Baustil, den Böhm entwickelt, beherrscht bald seine Kirchenbauten. Gemeinsam ist fast allen das große Portal, das sich wie ein Block aus dem Langschiff herausschiebt. Und fast allen fehlen nach Ansicht katholischer Würdenträger die äußeren Merkmale eines ordentlichen Gotteshauses. Im Innern dominiert ein einziger, großer, oft quadratischer Raum, der sich auf den Hochaltar konzentriert. Böhm liebt es - das zeigt sich wieder in seiner jüngsten Kirche in Geilenkirchen - , die Chorwand in Glas aufzulösen. Die Kirche ist dunkel, das Licht kommt vom Altar.
Das Spiel mit dem Licht, die optische Steigerung auf das Wesentliche, ist inzwischen ein beliebtes Ausdrucksmittel des modernen Kirchenarchitekten geworden. So hat in völliger Umkehrung statischer Werte Professor Egon Eiermann, bekannt durch seine funktionellen Möbel ("Eiermann-Sessel"), eine rechteckige Betonhalle auf einen Unterbau aus Glas gesetzt. Vom Fußboden bis zum Flachdach sind die Wände in Hunderte von kleinen Bullaugenfenstern aufgelöst, deren verschiedenfarbige Glasfüllungen im Inneren der Kirche eine eigenartig diffuse, schwebende Lichtstimmung erzeugen.
Mit "viel Idealismus und einem harten Schwabenschädel" rennt Böhm gegen das Vorurteil an, Backstein sei sakraler als Beton. "Ich habe zwar Wettbewerbe gewonnen, aber das wollte damals nicht viel heißen. Die Herren vom Kirchenvorstand und den Behörden ließen mich wissen, daß mein Entwurf durchaus wertvolle Anregungen zur weiteren Verwendung gebe, setzten sich ihre Zylinder auf und bauten eine andere Kirche."
So ergeht es ihm 1927 im Wettbewerb um die Frankfurter Frauenfriedenskirche. Obwohl sein Entwurf, ein asymmetrischer Block von frappierender Einfachheit mit einem großen, tief in die Mauer gebohrten Rosettenfenster, unter 650 Einsendungen den ersten Preis erhält, wird er nicht realisiert.
Zwischen den Wettbewerbsentwürfen am Reißbrett brütend, entschließt sich Böhm, an die Stelle des gotisch gespannten Gewölbes einen großen feierlichen Raum zu setzen, einen breit gelagerten Kasten. Kastenförmig ist daher der massive Kubus seiner Großbauten, kastenförmig ist aber auch die ganz leichte, heitere Sommerkirche für die Kurgäste auf Norderney, mit der er 1932 seine Kollegen überrascht. Die strahlend. weißen, glatten Mauern, der rote Backsteinfußboden, die weißlackierten Bänke sollen so etwas wie Sonne, Wasser und Erholung atmen.
Jeden neuen Entwurf muß Böhm gegen konservative Geistliche mit ihrem Vorurteil verteidigen, Kirchen aus Beton, Glas und Stahl müßten notwendigerweise aussehen wie Straßenbahndepots. Als der Bauherr in der Krankenhauskirche St. Elisabeth in Köln-Hohenlind beanstandet, das umlaufende Eisengitter sei nicht sakral, fragt Böhm naiv, wie denn ein sakrales Gitter aussehen müsse. Das Gitter bleibt.
Den gleichen Kampf um die Verwendung moderner Baumittel im Sakralbau
führt im protestantischen Lager Professor Otto Bartning. 1928 baut er auf der Kölner Presseausstellung die erste Stahlkirche, deren Wände er restlos in Glas und dünne Stahlstützen mit normierten Walzteilen auflöst, wie sie im Brückenbau verwendet werden. Stahlträger in einer Kirche? Die Geistlichen sind entsetzt. Mißtrauisch fragt ein Mitglied des evangelischen Kirchenvorstandes: "Wo sind denn die Stahlträger?" "Verzeihung", sagt Bartning, "Sie lehnen gerade an einem."
Die Stahlkirche, in knapp vier Monaten geplant, entworfen und errichtet, wird nach Ende der Pressa abmontiert und in Essen wieder aufgebaut. "Wir glauben", konstatiert Bartning, "daß von der Verwendung moderner Technik keine Verweltlichung des Kirchenbaues zu befürchten ist."
Langsam setzen sich trotz aller Widerstände die Formregeln des "neuen Kirchenbaues" durch. 1930 baut Professor Rudolf Schwarz in Aachen die schneeweiße, kastenförmige "Fronleichnamskirche" mit freistehendem, rechteckigem Turm, die von der Gemeinde prompt "St. Makai" (Quark) getauft wird. Schwarz, der von 1924 bis 1926 als Hilfslehrer unter Dominikus Böhm in Offenbach gearbeitet hat, versucht im Gegensatz zu seinem gefühlsbetonten Meister die Probleme des modernen Sakralbaues verstandesmäßig zu lösen.
"Es muß überhaupt einmal gesagt werden", ärgert er die Traditionalisten, "daß das künstlerische Thema der neuen Kirchen tatsächlich der Kasten ist." Wenn man damit technisch nicht fertig würde, nützten Bogenhallen, Portale und Backsteinornamente auch nichts mehr.
Aber auch gleichgesinnte Kollegen stößt Schwarz vor den Kopf, als er selbstsicher behauptet, das Gros der heutigen Architekten sei einfach zu ungebildet. Wenn er zu bestimmen hätte, "müßte der Architekt in Zukunft eine geistige Vorlehre durchmachen, welche aus Philosophie, Theologie, Soziologie, Volkswirtschaft, Mathematik, Naturwissenschaften und einem Lehrgang der deutschen Sprache besteht."
Das ist in etwa das Bildungsideal des mittelalterlichen Baumeisters, von dem der Nürnberger Architekt Vitruvius Teutsch um 1500 berichtete, "daß er die klassischen Sprachen beherrschen mußte, die Geometrie, Perspektive, Arithmetik, Physik und Philosophie, um nit gar unerfahren zu sein".
In einem Rückblick auf die Baugeschichte der christlichen Kirche zeigt der Schweizer Pfammatter*), wie sehr die Stil-Epochen vergangener Jahrhunderte von starken religiösen Impulsen getragen waren. Die ersten Christengemeinden übernahmen für ihre Gotteshäuser eine der einfachsten Bauformen, die die Spätantike entwickelt hatte: die Basilika. Sie war nichts anderes als ein einfaches rechteckiges Langhaus, oft mit einer Apsis**) an der Schmalseite gegenüber dem Eingang, die für den Sitz des Kaisers oder Tribunen bestimmt war (siehe Skizze Seite 34). Die Christen brachten in der Apsis ihren Altar unter und erweiterten sie mit zunehmender Gemeinde durch ein Querschiff zum Chor, damit der Strom der Gläubigen zum Altar nicht stockte.
Aus dieser zweckbestimmten Raumlösung entwickelt sich im 4. Jahrhundert nach Christus die Kreuzgestalt der Kirche: das Kreuz Christi wird zum zentralen Motiv des Kirchenbaues, die christliche Kirchenarchitektur ist geboren. Die Baumeister der Romanik überziehen den einfachen Raum der Basilika mit Gewölben, die auf Rundbogenpfeilern lasten. Die Kirchen werden groß und monumental und künden von der wachsenden Macht des Christentums. Der Grundriß der romanischen Kirche zeigt reichere, vielfältigere Formen mit Seitenaltären, Querschiffen und Chören.
Von der trutzigen Bauform der romanischen Gottesburg löst sich die gotische Kathedrale mit ihren steil aufstrebenden Türmen. Sie betont die Senkrechte und hebt die erdgebundene Schwere, die massive Masse der Mauer durch Kreuzrippen und Strebepfeiler, durch Spitzbögen und Maßwerk auf. An eine feste religiöse Ordnung gebunden, errichten die mittelalterlichen Baumeister ihre Kirchen auf der "heiligen Linie", die vom Portal (Westen) zum Altar (Osten) durch die Mitte der Kirche führt, unter der das Grab des Märtyrers liegt.
Die Renaissance, die Zeit der Glaubensspaltung, wird heute von vielen Theologen als eine "kirchenfremde" Baukunst bezeichnet, die sich im Rausch der wiederentdeckten Persönlichkeit auf die klassische Fassade, das große Monument konzentriert. Die liturgische Ordnung tritt zurück.
Sie wird noch einmal zum Kernstück des christlichen Sakralbaues, als die Gegenreformation alle geistigen und religiösen Kräfte im Dienste der katholischen Kirche mobilisiert. Der Baustil dieser Epoche ist der Barock, sinnenfreudig und machtvoll, feierlich und dynamisch.
Mit der schöpferischen Barock-Kunst enden nach Pfammatter die großen geistigen Voraussetzungen für den Sakralbau. Der Klassizismus hat keinen eigenen Kirchenbau-Stil entwickelt, und der Historizismus beschränkt sich darauf, vergangene Stilarten nachzuahmen. Was die Baumeister dieser Zeit hervorbringen, ist die viel bespöttelte "Normalkirche des 19. Jahrhunderts".
Anfang des 20. Jahrhunderts krempelte das "neue Bauen" mit Stahl und Eisenbeton die Architektur um. Nach Ansicht der Fachleute war damals eine große materialtechnische Revolution im Sakralbau fällig. Die Revolution hätte noch größer sein können als der Übergang vom romanischen Gewölbe zum gotischen Strebepfeiler, aber die Kirchen blieben weiterhin "neugotisch", "neuromanisch" und "neubarock". Den Kirchenbaumeistern,
denen die letzten Börsenberichte geläufiger waren als die Evangelien der Bibel, fielen keine neuen Lösungen ein.
Die Kirche, einst Zentrum der mittelalterlichen Gemeinde, wurde an den Stadtrand gedrückt. Nicht mehr die Kirchtürme bestimmten die Silhouette der Metropolen, sondern die Hochhäuser der Versicherungsgesellschaften, die Paläste der Banken, die Monumentalbauten der Verwaltungen und die Schornsteine der Fabriken.
Ein einziges Positivum gesteht Pfammatter den modernen Kirchenarchitekten zu: Sie wüßten, was sie nicht wollten. Zum Beispiel: das Dämmerlicht des alten Kirchenraumes, das Gebet und Halbschlaf fördert. "Weil wir heute keine Mystiker mehr sind", baute zum Beispiel der Düsseldorfer Architekt Philipp Schneider-Wernecke die St.-Paulus-Kirche im Vorort Unterrath mit leuchtendweiß gekalkten Wänden, naturfarbenen Fichtenholzbänken und einem abstrakten Engelchor in Blau-Gold.
Der Architekt, der den Gottesdienst nur selten besuchte und zum Verdruß seines geistlichen Bauherrn von der Gemeinde anfangs immer als dem "Publikum" sprach, hatte keine religiösen Ambitionen. Er wollte die Gläubigen "heiter-festlich" stimmen, aber die gelungene Kombination von Glas, Licht und freundlichen Farben brachte seiner Pauluskirche den Spitznamen "Der liebe Gott im Aquarium" ein.
Ebenso wie das Dämmerlicht soll die konservative "Lokomotiven-Form" der alten Kirchen - vorn Turm, hinten Langschiff - allmählich zugunsten neuer Stilmöglichkeiten auf der Skala zwischen Kasten und Rundkirche aufgegeben werden.
Auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen besinnen sich die Kirchenarchitekten immer wieder auf die zentrale Form, die ihnen als Sinnbild der geistigen Ordnung erscheint. Kirchenbaumeister Schwarz: "Der Kreis ist die geschlossenste aller
geometrischen Formen, er bedeutet Ruhe und Sammlung." Trotzdem gibt es, so geht die Fama, seit den Anfängen der christlichen Baukunst keinen Kirchenbaumeister von Rang, der in seinem Leben nicht wenigstens einmal am Zentralbau gescheitert wäre.
Reine Zentralbauten existieren in der Geschichte des Sakralbaues nur als Tauf- und Grabmalskirchen, die - ihrer Bestimmung entsprechend - auf den Mittelpunkt ausgerichtet sind. Für den Gottesdienst eignen sie sich jedoch nicht, solange die liturgische Handlung richtungsbetont bleibt. Und selbst die kreisrunden Kirchen des Barock waren heimlich auf eine Längsachse ausgerichtet: Weil niemand im Rücken des Priesters sitzen wollte, stand der Altar nicht im Zentrum, sondern an der Peripherie.
Als vollkommenen Zentralbau entwarf Professor Otto Bartning 1921 seine aufsehenerregende Sternkirche in Frankfurt ("Hier erfüllt sich eine alte Sehnsucht der Menschheit"). Das Modell wurde berühmt. Ob Bartning später auf dem Balkan, in Holland, Frankreich, Italien oder Spanien evangelische Kirchen baute, überall fand er seine Sternkirche im Konversationslexikon verzeichnet. Aber gebaut wurde sie nie.
Ebenso erging es Professor Rudolf Schwarz mit einer Zentralkirche, die er 1928 entwarf, um "in der Reinheit mathematischer Formen Gott zu ehren, der Geometrie treibt". Schon im Modell war sie nicht ohne weiteres als "kreisrunde Pfarrkirche" zu erkennen. Sie bestand aus einem Stahlgerüst mit aufgelegten weißen Majolikaplatten und glich sehr dem kubistischen Stilleben eines Gasometers mit zwei Schornsteinen.
Mehr Glück hatte Professor Böhm mit seiner Rundkirche in Köln-Riehl. Sie wurde 1930 in hellem Bimsbeton mit Faltdächern und lamellenartigen Wänden gebaut, bekam aber von der Gemeinde wegen ihrer eigenartig gezackten Form bald den Spitznamen "Die Zitronenpresse". Heute ist sie unter dieser Bezeichnung bekannter als unter ihrem wirklichen Namen St. Engelbert.
Aus der reinen Zentralform einen sakralen Baustil zu entwickeln, ist ein alter Wunschtraum der Kirchenarchitekten, der sich jedoch nur verwirklichen läßt, wenn die Form sich mit einer geistigen Vorstellung verbindet. Der Kölner Stadtplaner Rudolf Schwarz bietet seinen Architektenkollegen eine Fülle solcher geistigen Vorstellungen.
In seinem Buch "Vom Bau der Kirche"*) hat er die Grundformen des Sakralbaues mit theosophischer Gründlichkeit entwickelt. Was er seinen beeindruckten Kollegen eröffnet, liest sich ungefähr so: Der Zentralbau ist die ursprüngliche Form der Kirche. "Christus ist in der Mitte, und die Menschen stehen darum." Der Kreis als die geschlossenste aller Formen verbindet die Gläubigen am Altar zu lückenloser Gemeinschaft.
Da der Priester von einem bestimmten Ausgangspunkt auf den Altar zugeht, durchbricht er den Kreis und leitet eine richtungsweisende Bewegung ein, die sich als Bauform das Langhaus sucht. Stehen bis dahin die Gläubigen noch in weitem Bogen um den Altar, so "richten sich die offenen Ringe zu den Reihen eines Heereszuges aus, der sich eindeutig auf ein Ziel richtet".
Die Linie, die am konsequentesten auf den Altar hinführt, ist die sich nach vorn verjüngende Parabel, doch hat sie den Nachteil, auch wieder zurückzuführen. So kehrt Schwarz zur Zentralform zurück, diesmal zu einer "strahlenden Kuppel", die nach dem Vorbild der Barockkirche Vierzehnheiligen nach allen Seiten dem Licht geöffnet ist.
Jeder standesbewußte Architekt hat die in Pappe gebundenen Philosopheme zu 9,50 Mark auf dem Bücherbord stehen, doch selbst im Vorwort schreibt der katholische Theologe und Religionsphilosoph Romano Guardini: "Das Buch ist nicht leicht zu lesen. Vielleicht irre ich mich aber auch." Solange die Frotzelei zutrifft, daß es nur dem Verfasser selbst verständlich sei, dürfte seine Breitenwirkung begrenzt bleiben.
Daß Rudolf Schwarz aber auch bauen kann, zeigte sich auf dem diesjährigen evangelischen Kirchenbautag in Köln, wo der Katholik Schwarz fast ebensooft zitiert wurde wie der Protestant Bartning. Nun ist der schöpferische Beitrag der evangelischen Kirche zum modernen Sakralbau ohnehin gering und wird so ziemlich von Bartning allein bestritten, der mit 126 gebauten Kirchen einen einmaligen Rekord in der Geschichte des Kirchbaus hält.
Die Katholiken verfügen dagegen über eine beachtliche Elite von Kirchenarchitekten. Und bezeichnend für die Haltung der Katholiken ist beispielsweise, daß der Kölner Dombaumeister Dr. Willi Weyres grundsätzlich nur moderne Projekte genehmigt und selbst die ausgebombten alten Kirchen nur im neuen Baustil wiederaufbauen läßt.
Daß die katholische Kirche augenscheinlich so viel lebendiger, mutiger und aufgeschlossener baut als die evangelische, daß allein die Erzdiözese Köln in diesem Jahr 45 beeindruckend moderne Kirchen errichtete, ist zu erklären: Der katholische Bauherr braucht sich mit seinem Architekten nicht erst über das religiöse Konzept auseinanderzusetzen. Das liturgische Gefüge der katholischen Kirche steht seit Jahrhunderten fest. Höhepunkt des Gottesdienstes ist die heilige Wandlung, der Altar beherrscht eindeutig den Raum.
Die evangelische Kirche schwankt dagegen seit der Reformation zwischen den beiden Polen Gefühl und Verstand, zwischen Altar und Kanzel, zwischen sakraler Handlung und Predigt. Während Martin Luther sagte: "Brot und Wein ist Leib und Blut Christi", behauptete der Zürcher Reformator Ulrich Zwingli: "Brot und Wein bedeutet Christi Leib und Blut".
Während also die Lutheraner ihren Altar mit Kerzen und Kreuz schmücken. genügt den Reformierten, die selbst das Wort "Altar" vermeiden, ein nackter Abendmahlstisch in bilderlosem, kahlem Raum. Gilt die lutherische Kirche als geweihter Ort, so erhält die reformierte ihre Weihe erst durch die Verkündigung des Wortes Gottes.
Protestant Otto Bartning hat sich bemüht, diese Gegensätze auszugleichen, indem er die Kanzel vor den Altar setzte und so die Raumspannung auf beide Punkte gleich stark konzentrierte. Er nannte das den "einhelligen" Raum. "Zwiespältig" erschien ihm diejenige Kirche, in der die Kanzel - zur Betonung der Predigt - über den Köpfen der Gemeinde schwebte. Dadurch, daß die Spannung auf den Altar von der anderslaufenden Spannung zur Kanzel überlagert würde, sei das Gleichgewicht
der Kirche gestört, "und die Baumeister mußten das wohl selbst so stark empfunden haben, daß sie als Gegengewicht zur Kanzel auf der anderen Seite eine Empore anbrachten".
Aber so sehr Bartning nach einem Ausgleich suchte: Immer wieder mußte er erfahren, daß die Liturgie der evangelischen Kirche regional unterschiedlich war. Jetzt scheint es, als ob die Lutheraner ihrer Gemeinde statt der betonten Sachlichkeit des Predigtgottesdienstes wieder mehr Gefühlswerte vermitteln wollen. Sie weiten die liturgische Handlung am Altar aus. Die Reformierten bescheinigen ihnen dafür eine "verdächtige Hinwendung zum Katholizismus". Die Lutheraner revanchieren sich, in dem sie die nüchternen, schmucklosen Kirchen der Reformierten als "gekalkte Ställe" bezeichnen.
Solange die evangelische Kirche keine einheitliche liturgische Ordnung hat, aus der sie einen entsprechenden Baustil ableiten könnte, hält Professor Bartning es für ehrlicher, das religiöse "Defizit" sozusagen im Bauprogramm einzukalkulieren. Er entwickelt deshalb die der evangelischen Kirche gemäße Bauform bewußt aus den Notkirchen, die er zusammen mit dem Architekten O. Dörzbach nach dem Kriege für 48 deutsche Gemeinden entwarf.
Diese Kirchen aus Trümmerschutt und typisierten Serienteilen nennt Bartning gern "Zelte in der Wüste". ("Der Christ ist heute wieder zum Wanderer in der Wüste geworden.")
Es gibt auch Geistliche wie den Wuppertaler Pastor Heinrich Höhler, die es dem "Wanderer in der Wüste" gemütlich machen wollen. Die Menschen, sagt Höhler, fühlten sich in "weltlichen" Räumen meistens wohler. Deshalb will er dem Kirchgänger in seiner wiederaufgebauten "Reformierten Kirche" in Wuppertal Komfort bieten. Er scheut sich keineswegs, profane Erwägungen wie "für den Gottesdienst genügt ein behaglicher Versammlungsraum, der sonntags gut gefüllt ist" oder "die Bänke werden bequemer" offen auszusprechen.
"Um der Welt entgegenzukommen", baut Architekt Karl Schneider dem Pastor einen Teil des alten Kirchenschiffs zweistöckig
für rein profane Zwecke aus. Unten befindet sich - neben der eigentlichen Kirche - ein Raum ("Die Stille"), der als eine Art religiöse "Brücke" mit guter Literatur für jeden Menschen, gleich welchen Glaubens, ständig geöffnet sein soll. Der erste Stock ist für Gemeinderäume, das Dachgeschoß für den "Christlichen Verein junger Männer" reserviert, der in einem Saal für 250 Personen gesellige Abende und Schmalfilmvorführungen organisieren kann.
Während der protestantische Architekt beim Bau der Kirche unterschiedliche liturgische Formen berücksichtigen muß, hat der katholische Baumeister selbst bei gewagten Konstruktionen freie Hand.
Unter einer Voraussetzung: Er muß gläubiger Katholik sein.
So genehmigte die Erzdiözese Köln kürzlich ein Düsseldorfer Projekt, das einem Messepavillon der "Pan American World Airways" weit ähnlicher sieht als einer Kirche. Es ist die St.-Rochus-Kirche, die der Architekt Paul Schneider-Esleben, der bisher noch keine Kirche, aber in Düsseldorf eine der modernsten Großgaragen Europas baute, aus der extravaganten Form dreier gegeneinandergestellter Eierschalen entwickelte.
Um die räumliche Geschlossenheit des Rundbaus nicht durch Fenster zu sprengen, läßt Schneider-Esleben das Licht nur an den Nahtstellen der Kuppelschalen durch drei Straßen aus kreisrunden Glasbausteinen einfallen, die in eine Glaskuppel münden.
Daß der unversehrte Turm der alten, zerstörten Kirche mit den gewissenhaften Rundbögen eines rheinischen Meisters aus Gründen der Pietät stehenbleiben muß, steigert nur den exotischen Akzent der schnittigen Betonkurven.
Die Raumfolge - Turm, Säulengang, neue Kirche - beweist eindringlich, daß sich der Architekt bis ins Detail von den sehr präzisen liturgischen Vorstellungen des Bauherrn leiten ließ: Bevor der Gläubige in die Kirche eintritt, muß er durch die uralten Stationen frühchristlicher Tempelordnung (Pforte und Vorhof) einen Weg zurücklegen, der ihn zu innerer Sammlung zwingen soll. Dann erst wird er aus dem niedrigen Umgang der Kirche in das gewaltige Dreieroval der Kuppel hineingezogen, die der transzendenten Idee der Dreieinigkeit räumlichen Ausdruck geben soll.
Ebenso kühn und ungewöhnlich ist die katholische Pfarrkirche St. Michael, die Professor Rudolf Schwarz augenblicklich in Frankfurt baut. Die "Urgestalt" dieses
Gebäudes, fünf Rundräume, die sich asymmetrisch ineinanderfügen, sah Schwarz auf einer Wanderung durch die schweizer Aareschlucht in den "tiefen Klüften der ausgewaschenen Felskammern, die sich nach obenhin dem Licht öffnen".
So fällt auch in St. Michael das Licht durch ein unter der Decke entlanglaufendes Fensterband in den fünfzig Meter langen Raum ein. Den Außenbau läßt Schwarz absichtlich unverputzt als schmucklose
"Haut", weil "Kirchenbau heute hauptsächlich Innenraum ist, Verinnerlichung inmitten der Verwirrung".
Einfach und ohne Pathos, aber doch nicht nüchtern und kalt, ist die Michaeliskirche ein markantes Beispiel für die von Schwarz vertretene "sakrale Sachlichkeit". Schwarz: "Aus unserer alltäglich erlebten und bewährten Wirklichkeit müssen wir Kirchen bauen in dem Bewußtsein, daß Gottes Sohn Mensch wurde."
Bei seinen Bemühungen um die "sakrale Wirklichkeit" wird der katholische Baumeister durch eine stille, aber konsequente Reformbewegung seiner Kirche unterstützt: Die Katholiken wollen von den barocken Formen des Gottesdienstes abkommen; sie wollen weg vom Dämmerlicht, vom Weihrauch, von den Heiligenbildchen, dem Hochaltar und den weitverzweigten Nischen. Was die katholische Kirche anstrebt, ist "die Entwicklung vom subjektiven zum objektiven Gottesdienst" oder, wie die Theologen sagen, "vom Rosenkranz (mit der Meß-Liturgie nicht verbundenes Einzelgebet) zum Schott" (Laien - Ausgabe des Römischen Meß-Buches zur Liturgie - gerechten gemeinsamen Mitfeier beim Meß-Opfer).
Für den Kirchenarchitekten zieht Professor Fritz Thoma (Trier) daraus die Konsequenz: "Wenn die Gemeinde gemeinsam mit dem Priester betet und opfert, ist der Wunsch verständlich, den Altar nicht in unerreichbarer Ferne und Höhe aufzustellen. Es bedeutet andererseits, daß alles Theaterhafte, das nach einer ''Bühne'' verlangen könnte, ausgeschlossen ist, da sich die Gemeinde nicht mehr zum Zuschauen,
sondern zum Mitfeiern beim heiligen Geschehen versammelt."
In der aktiven Beteiligung der Gemeinde am Meßopfer bietet die Kirche dem Architekten das religiöse Fundament, auf dem er seine neuen Formen entwickeln kann. Also weichen die Hochaltäre mit Stufen, Aufbauten, Kerzen, Blumen und Flügeltafeln dem einfachen Tisch mit Tabernakel*), der zu ebener Erde in die Gemeinde einbezogen wird.
Ganz radikale Kreise verfolgen sogar die für die katholische Kirche revolutionäre Absicht, den Altar völlig kahl zu lassen und den Tabernakel an einem anderen Ort aufzustellen.
In der avantgardistischen Frankfurter "Maria-Hilf-Kirche" ist der Tabernakel beispielsweise schon in einem Seitenschiff untergebracht. Der Altar ist weiter nichts als ein kleiner mit einem Zelt aus Metallröhren überdachter Tisch. Außen vermittelt der turmlose weiße Bau mit flachem Dach und zwei rechteckigen Öffnungen für die Glocken nicht den Eindruck einer Kirche. Innen: ein kahler weißer Kasten, ohne Bilder, mit überdimensionalen Bleiglasfenstern.
"Die Kirche wirkt leer", bekennt Pfarrer Franz Wagenhäuser. "Sie verlangt nach der Gemeinde ... Sie reißt den Gläubigen heraus aus allem Vorletzten in die Entscheidung. Sie gewährt ihm keine Flucht aus der Welt in eine gefühlsmäßig immanente Geborgenheit, die letztlich doch in der Welt steckenbliebe und darum eine Täuschung wäre."
Nach den Neubauten der letzten Jahre zu urteilen, hat die katholische Kirche in einer Reihe von klaren, übersichtlichen, hellen Kastenräumen mit niedrigem Altar und bis zur Erde herabgezogenen Fensterfronten einen neuen Typus geprägt, der
für einen verbindlichen Stil im modernen Sakralbau richtungsweisend sein könnte.
Jedenfalls erfüllt er dafür drei wichtige Forderungen: Er verzichtet konsequent auf falsche Symbolik, mystisches Dämmerlicht und Heiligenbildchen, auf unübersichtliche Nischen und Nebenkapellen, auf Weihrauch und überladenen Altarschmuck. Er geht von der heute geforderten Form des Gemeinschaftsgottesdienstes aus.
Vor allem aber verwendet er die Formen des "neuen Bauens", wie Kubus und Kasten, Ellipse und Trapez, und macht die Konstruktionsmittel der Technik - Eisenbeton, Stahl und Glas - bewußt zu Stilelementen des "neuen Sakralbaues".
[Grafiktext]
Kirchenformen zwischen
Backstein und Beton
BASILIKA
ROMANISCHE KIRCHE
GOTISCHE KIRCHE
BA ROCK-KIRCHE
ZENTRALKIRCHE
MODERNE KIRCHE
(KASTENFORM)
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*) Nach einer Umfrage des Bielefelder Meinungsforschungsinstituts EMNID besuchten von 100 befragten Protestanten an einem Sonntag nur 18 den Gottesdienst (Katholiken: 61 von 100).
*) Stahlskelett-Konstruktion. Kanzel und Altar sind dicht an die Gemeinde herangerückt. Endgültige Abkehr vom Hochaltar: Der kleine Altartisch steht nur so hoch, daß er gerade noch von den hinteren Reihen gesehen werden kann.
*) Paramente: Liturgische Gewänder und Geräte der katholischen Kirche.
*) Die klar voneinander abgegrenzten Baukörper, großzügigen Flächen und strengen Formen sind typisch für Böhms Bauweise. Kennzeichnend: der Eingang im vorgeschobenen turmlosen Block.
*) Neuartig ist die eingehängte, schmückende Rabitzdecke.
*) Ferdinand Pfammatter: "Betonkirchen". Verlag Benziger & Co., Einsiedeln, Zürich, Köln. 1948.
**) Apsis (griechisch = Rundung): Chor-Nische, Seitengewölbe.
*) Rudolf Schwarz: "Vom Bau der Kirche", Verlag Lambert Schneider, Heidelberg. 1947.
*) Die Super-Zentralkirche besteht aus vier Rundräumen: einer niedrigen äußeren Vorkirche; dem Glockenturm mit runden Schalllöchern; dem Taufturm und dem großen "heiligsten Raum". Alle Türme sind fensterlos, das Licht fällt von oben durch flache Glasdächer ein.
*) Die Grundform dieser Zentralkirche ist das Achteck. Um die Akustik zu verbessern, ließ Böhm die Schnittkanten der "gotischen" Gewölbe tief in den Raum hineinspringen. Der Altar ist zur Betonung der Längsachse in einem gesonderten Chor-Anbau aufgestellt.
*) Tabernakel: Sakramentshäuschen.

DER SPIEGEL 52/1953
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