11.11.2002

RUDOLF AUGSTEIN 1923 - 2002

Sagen Sie, wie sich die Welt dreht

Rudolf Augstein über seine letzte Begegnung mit Konrad Adenauer

Am 9. Dezember 1966 von 17.00 bis 18.30 Uhr besuchte SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein den früheren Bundeskanzler und CDU-Vorsitzenden Konrad Adenauer in dessen Büro im Bonner Bundeshaus. Es war der erste Besuch seit der SPIEGEL-Affäre. Augstein bat Adenauer, von der Unterhaltung aus dem Gedächtnis eine Niederschrift machen zu dürfen. Auszüge:

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AUGSTEIN: (Murmelt etwas von einer gewissen Rührung, den Dr. Adenauer nach langen Jahren, in denen viel passiert sei, wiederzusehen.)

Adenauer: Ich erinnere mich noch gut, dass Sie mit Ihrem Bruder aus Neuwied kamen, um mir zu sagen, dass Sie eine deutsche "Times" gründen wollten. Sie sind dann eine Zeit lang im trüben Gewässer gefahren, aber das haben Sie mir damals ja gleich gesagt, dass Sie eine Zeit lang durch trübe Gewässer würden fahren müssen. Inzwischen sind Sie da ja durch.

AUGSTEIN: Ich kam nicht von Neuwied, sondern von Neuß, und auch nicht mit meinem Bruder, sondern allein. Als mein Bruder mit mir bei Ihnen war, das war 1954, als wir Sie wegen des Schmeißer-Prozesses vernehmen mussten. Es war auch nicht die "Times", sondern die "Time".

Adenauer: Ach, richtig, man vergisst ja so viel.

AUGSTEIN: Im Gegenteil. Mich hat Ihr Gedächtnis für wichtige Fragen immer verwundert.

Adenauer: Sie haben einen Artikel über den zweiten Band meiner Memoiren geschrieben, mit dem Sie sich große Mühe gemacht haben. Das hat mich sehr gefreut. Aber in meinem dritten Band, da werden Sie noch sehen, dass Sie Unrecht haben mit Ihrer Kritik ...

AUGSTEIN: Wie sind Sie mit der neuen Regierung zufrieden?

Adenauer: Ja und nein. Sehen Sie mal, da müssen doch einige Grundgesetzänderungen durchgebracht werden, dazu brauchen wir die Sozialdemokraten.

AUGSTEIN: Jedenfalls wird das durch eine Große Koalition erleichtert.

Adenauer: Ich mache mir aber große Sorgen. Sehen Sie mal, Wehner, der ist sehr herzkrank. Wenn der ausfällt, dann ... (Er hebt die Arme.)

AUGSTEIN: Das hätten Sie 1957 auch noch nicht gedacht, dass wir beide einmal hier sitzen würden und uns ... (Adenauer hebt in lachender Resignation die Arme und legt sich zurück, das ein wenig drachenhaft geschnittene Gesicht besteht nur noch aus tausend Pergamentfältchen.)

Adenauer: ... über die Gesundheit des Herrn Wehner Gedanken machen! Ausgerechnet Sie und ich! Sagen Sie, wie sich die Welt dreht! Und in der SPD, sehen Sie mal, wer ist denn da?

AUGSTEIN: Schmidt-Schnauze.

Adenauer: Der, der ist noch sich am Entwickeln, da weiß man noch nicht recht. Sehen Sie mal, sind das nicht schreckliche Zeiten, in denen wir leben?

AUGSTEIN: Ja, wenn man so sieht, was von außereuropäischen Gebieten da so auf uns zurückschlägt - da muss der europäische Sozialismus Ihnen doch nicht mehr so verdächtig erscheinen wie früher.

Adenauer: Ja, nicht wahr (wiegt sich lachend, Kinderdrachengesicht in tausend Fältchen), da war ja der Karl Marx ein joldener Junge gegen das, was jetzt ist ... Das mit der Regierungsbildung hat ja eine Vorgeschichte. Dass der Herr Erhard kein politischer Mensch ist, das habe ich ja schon immer gesagt. Das habe ich ihm sogar schriftlich gegeben! Aber nun sagen Sie mal, wie hat man diesen Mann in Amerika behandelt! Das war doch immerhin der deutsche Bundeskanzler.

AUGSTEIN: Manche lassen sich das gefallen, manche nicht.

Adenauer: Ja, aber das war ein großer Skandal. Aber wissen Sie, wie das zu Stande gekommen ist mit dem Devisen-Abkommen? Ich kann ja nur wiedergeben, was man mir erzählt hat. Dem Herrn Hassel hat man ein Protokoll vorgelegt, das sollte er unterschreiben. Man hat ihm gesagt, der Herr Erhard und der Herr Johnson seien damit einverstanden. Dabei war Herr Erhard gar nicht einverstanden. Hassel hat das unterzeichnet, weil er getäuscht worden war.

AUGSTEIN: Das scheint mir aber etwas anders gewesen zu sein.

Adenauer: So hat der Herr Erhard mir das erzählt.

AUGSTEIN: Der Herr Erhard lügt nicht.

Adenauer: Natürlich lügt der Erhard! (Wieder ernst.) Man darf nicht lügen, aber man muss den Leuten nicht immer alles sagen, muss ihnen nicht immer die volle Wahrheit sagen. So habe ich es gehalten ... (Er berichtet, dass er demnächst nach Spanien fahren will, um dort eine "europäische Rede" zu halten. Das Gespräch kommt auf den Prado. Augstein nennt ihm die Prunkstücke des Museums, unter anderem die "Übergabe von Breda" von Velázquez.)

AUGSTEIN: Das Bild ist berühmt, auch wegen der historischen Szenerie. Der spanische Feldherr, der Breda einnahm, galt seinerzeit als das Vorbild eines ritterlichen Siegers.

Adenauer: Aber der Alba soll doch fürchterlich gehaust haben ... Heute sind die Zeiten noch schrecklicher. Die Deutschen sind ja ein komisches Volk. Da hat doch bei Ihnen im SPIEGEL gestanden, wie in Berlin die Mauer gebaut worden ist. Der Herr Brandt hat mir das alles bestätigt, was Sie da geschrieben haben. Und wenn Sie sich nun vorstellen, diesem Kennedy, was haben die Deutschen dem auch noch zugejubelt! (Gesicht in Lachfalten.) Ich kenne doch nun wirklich Frankreich sehr gut.

AUGSTEIN: Frankreich ist über den Berg. Ihm wird es nie wirklich schlecht gehen. Bei England hat man Zweifel.

Adenauer: Wissen Sie, was mit England ist? Seit es das Flugzeug gibt, geht es mit England bergab. Mir hat einmal ein Inder gesagt, ein sehr kluger Mann, die Engländer haben Indien wie eine Kolonie behandelt, haben das Land ausgebeutet, und wenn sie nach England zurückgekommen sind, dann hatten sie verlernt, wie man ehrlich sein Geld verdient.

AUGSTEIN: Man weiß nicht recht, ob sie den Anschluss an moderne Fertigungsmethoden rechtzeitig finden. Wenn in einer englischen Druckerei ein Mann am Arbeitstisch krank wird, der eine Platte von einer Seite auf die andere tragen muss, dann können zehn Leute herumstehen, keiner wird die Platte anfassen. Alle warten, bis der Ersatzmann von irgendwo herbeigeholt worden ist.

Adenauer: Da habe ich hier ein ähnliches Beispiel. Sehen Sie, ich hab da hinten eine kleine Toilette, und da hat ein Vögelchen was Menschliches an die Scheibe gemacht. Ich habe gedacht, wollen mal sehen, was nun passiert. Es passierte aber nichts. Da hab ich das Fräulein Poppinga gefragt, warum die Putzfrau das nicht wegmacht. Das ist keine Sache für die Putzfrau, hat sie gesagt, sondern für den Fensterputzer, und der kommt alle 14 Tage. Die Putzfrau macht so was nicht weg. Da hab ich es selbst weggemacht. (Er spricht dann von seiner Absicht, demnächst auch noch nach Portugal zu fahren, Augstein erwähnt eine beabsichtigte Mexiko-Reise.)

Adenauer: Dann grüßen Sie mir man die Inkas.

AUS DER SPIEGEL 17/1967


DER SPIEGEL 46/2002
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