18.11.2002

JOURNALISTENSprachloses Sprachrohr

Kaum inthronisiert, hat Regierungssprecher Belá Anda bereits ein Problem mit seiner neuen Rolle. Der Ex-Journalist beweist, wie riskant der Wechsel in die Politik mitunter ist. Seit Helmut Kohl besticht das Amt vor allem durch eines: Bedeutungslosigkeit.
Am schlimmsten ist das verdammte Warten. Wenn oben auf der Bühne der Handwerksmeister spricht. Die Gewerkschaftssekretärin. Der Prälat. Völlig egal. Irgendwer spricht immer, nur nicht Belá Anda, 39, der dafür eigentlich bezahlt wird.
Meist steht er dann am Rand, 15 Meter vom Rednerpult entfernt, und telefoniert. Man könnte ihn für einen dieser Wichtigtuer aus der zweiten Garde der Personenschützer halten, der übers Handy Order erteilt und dabei stets seinen Chef im Blick hat: den Bundeskanzler. Dann spricht Gerhard Schröder, siebeneinhalb Minuten. Anda steckt sein Handy ein, faltet die Hände, fasst sich interessiert ans Kinn. Dann drängt der Kanzlertross in hohem Tempo aus dem Saal. Anda kriecht unter der Absperrung hindurch und hetzt hinterher.
Wieder so ein Auftritt im Alltag des neuen Regierungssprechers: Der Boss macht wie in Wolfsburg, wo sie in der futuristischen Autostadt von VW eine Art Hartz-Modell im Kleinen feiern, seine Gerd-Show am liebsten allein. Anda bleibt wenig zu sagen.
Dabei ist der Kommunikationsbedarf riesengroß wie gerade am vergangenen Mittwoch, der nicht nur bei "Handelsblatt" ("Schwarzer Tag für Rot-Grün") und "Bild"("Rabenschwarzer Tag für Deutschland") tags darauf für schlechte Presse sorgte: Erst übergeben die Wirtschaftsweisen ihr vernichtendes Jahresgutachten, dann werden milliardenhohe Steuerausfälle bekannt, Brüssel geißelt das deutsche Defizit, und abends in Wolfsburg gibt es Streit über die Umsetzung von Hartz.
Das ist ungefähr so, als würden bei VW am selben Tag Milliardenverluste, Bremsprobleme beim Golf und Machtkämpfe im Vorstand bekannt - jede Menge Arbeit für die Kommunikationsstrategen.
Auch Anda hat eine heikle Mission zu erfüllen: Er müsste Rot-Grün als Epoche statt als Episode verkaufen und nebenbei das ramponierte Image des Medienkanzlers reparieren. Er hätte dem Durcheinander der Regierung eine Überschrift zu geben. Er sollte den Kabinettschef gerade in schwierigen Zeiten als Mann mit Weitsicht präsentieren.
Müsste, hätte, sollte. Fragt sich nur: Ist Anda, den die "Welt am Sonntag" als "charmant, schlank, korrekt gescheitelt" preist, dafür überhaupt der richtige Mann? Genießt er das Vertrauen des Kanzlers? Hat er Zugang zu den wichtigsten Gremien - so wie sein Vorgänger Uwe-Karsten Heye, 62? Der bisherige Sprecher, der schon für Willy Brandt arbeitete, gab sich zwar oft zugeknöpft, hatte aber nach zwölf Jahren an Schröders Seite zumindest Autorität als Kanzlerintimus erlangt.
Andas erste Auftritte vor der Presse sind eher ernüchternd: Entweder sagt er nichts ("Erkenntnisse der Geheimdienste sind geheim"). Oder er weiß nichts - zum Beispiel über eine politische Forderungsliste der USA ("ist mir nicht bekannt"). Und eine eigene Meinung, etwa über die Gesundheitskommission, will er schon gar nicht äußern: "Ich mag mir dazu kein Urteil erlauben."
Das auffälligste Kennzeichen des neuen Sprechers ist seine Bewunderung für den Kanzler - und seine Ahnungslosigkeit im politischen Geschäft. Anda gegenüber Vertrauten: "Ich muss meine Informationen im Apparat recherchieren - fast so wie früher."
Gerade den zahlreichen Korrespondenten der Lokal- und Regionalblätter, die auf Auskünfte des Regierungssprechers angewiesen sind, hilft das alles wenig weiter: Anda ist meist wenig zu entlocken, selbst wenn es nur um eine Reaktion auf die amerikanischen Kongress-Wahlen geht.
Kritik kommt auch aus den Ressorts - vielen Sprechern fehlt eine schlichtende Instanz, wenn sie und ihre Minister von den Journalisten in Konflikte und Widersprüche verwickelt werden. Auch hier wäre Anda gefragt.
Die harschen Einwände aus dem Korrespondenten- und Kollegenkreis haben nicht zuletzt mit Andas Vergangenheit zu tun. Der Bonner Politologe war lange Reporter beim Axel Springer Verlag, bevor ihn Schröder 1999 zum stellvertretenden Regierungssprecher machte. Erst nach der letzten Bundestagswahl trat er den Sozialdemokraten bei, zum Erstaunen der alten Kameraden. "Er war ein guter Journalist, ohne sich schon damals sozialdemokratisch zu outen", erinnert sich Ex-"Bild"-Chef Peter Boenisch, der einst selbst Regierungssprecher war und Anda als Springer-Kollege erlebte.
Den jungen Redakteur, seit 1992 bei "Bild", hat die konservative Linie seines Blattes nicht gehindert, gleich zu Beginn auf Schröder zu setzen. Beide haben voneinander profitiert: Der eine stand bei seiner Partei hinter Leuten wie Engholm in der zweiten Reihe und war auf Schlagzeilen in Deutschlands auflagenstärkster Tageszeitung scharf. Dem anderen brachten Storys aus Hannover mehr Präsenz im Blatt - die Größen der deutschen Politik wurden schließlich von anderen betreut.
Die Zweckgemeinschaft zahlt sich aus, zunächst für den Niedersachsen, später für Anda. "Jugendlich und machtbewusst - ein Typ wie der neue US-Präsident Clinton", so sah Anda Schröder schon 1993. "Ist Ehrgeiz schlecht?", überschrieb er wenig später einen Kommentar.
"Absolute Mehrheit, wie fühlen Sie sich?", recherchierte der Springer-Mann knallhart 1994 nach der Niedersachsen-Wahl ("Träumt er jetzt vom Kanzleramt?"). Und nach Scharpings verpatzter Kanzlerkandidatur im selben Jahr trompetete Schröder via Andas "Bild": "Ich hätt's gepackt."
Keine Frage: Anda, der auch Co-Autor einer "offiziösen Biografie" ("Tagesspiegel") über den Niedersachsen ist, war Schröders Sprecher und Stichwortgeber - lange bevor der ihn offiziell in diese Position berief. Ihr Schreiben und Treiben beruhte auf einem unausgesprochenen Pakt: Der eine kriegt die Story, der andere spart an Kritik.
Hilfreich dabei war auch Andas bis heute guter Draht zu Doris Schröder-Köpf, die den Journalisten nach Schröders Trennung von seiner dritten Ehefrau Hillu mit privaten Storys ("'Schnurri' darf nicht ins Schlafzimmer") versorgte. Als im Kanzleramt aber die Regierungserklärung entstand, war Anda wie selbstverständlich in den entscheidenden Sitzungen nicht dabei.
Ganz anders dagegen - als strategischer Berater, Architekt der Regierungskommunikation - haben sich bislang stets die großen Sprecher profiliert: Conrad Ahlers etwa unter Willy Brandt oder Klaus Bölling, der Helmut Schmidt blind interpretieren konnte - dabei aber auch eigene Akzente setzte.
Ein Regierungssprecher, hat Bölling seinem Berliner Nachbarn Anda über den Gartenzaun hinweg geraten, müsse dem Kanzler gegenüber loyal sein - zugleich aber "eine kritische Distanz haben" und Anstöße geben können. Beispiel Regierungserklärung: Sie brauche "Sätze, die haften bleiben", sagt Bölling; auch Kritiker müssten hinterher sagen: "Ich habe ihn vielleicht nicht gewählt, aber da hat er Recht." Logisch: Hier wäre der Regierungssprecher gefragt. "Der junge Mann", hat Bölling bislang beobachtet, "ist sehr vorsichtig".
Wahrscheinlich droht dem "jungen Mann" nun jenes Schicksal, das seit Helmut Kohl jeden Sprecher ereilte: weitgehende Bedeutungslosigkeit. Ein sprachloses Sprachrohr.
Ex-"Bild"-Mann Boenisch, von 1983 an Kohls Mann im Bundespresseamt, lernte seine Lektion gleich zu Beginn. "Was soll ich denen sagen?", fragte er seinen Kanzler vor der ersten Pressekonferenz. "Am liebsten nichts", kam die halb-scherzhafte Antwort.
Knapp 20 Jahre später findet sich Anda in ähnlicher Situation. Auch er kommt von "Bild". Auch er hat bislang wenig Zugang zur Regierungspartei und den Machtzirkeln der Koalition. Auch er untersteht einem Kanzler, dem nach Dauerbeschuss aus der Presse zumindest derzeit die Lust an den Medien vergangen ist.
Welche Bedeutung ihr neuer Chef hat, konnten die über 600 Beamten und Mitarbeiter des Bundespresseamts (BPA) gleich nach der Wahl erfahren.
* So wechselt die Auslandsabteilung mit rund 80 Mitarbeitern kurzerhand ins Auswärtige Amt - die Zusage dafür hatte Joschka Fischer dem Regierungschef ohne Mühe abgerungen.
* Hans-Hermann Langguth, von den Grünen bestimmter Stellvertreter von Anda, ist zugleich Vizechef der Behörde und bekommt damit Zugriff auf den Apparat. Ein Novum: Bislang hatten die Stellvertreter eine reine Sprecherfunktion und keinerlei Weisungsbefugnisse.
* Koordinierungsrunden zu Großkampagnen wie "Familie Deutschland", die bislang von Heye im Presseamt gesteuert wurden, finden künftig auch im Kanzleramt statt - unter Leitung von Stephan Steinlein, dem Büroleiter von Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier.
So aufgeheizt ist derzeit die Stimmung, dass schon Gerüchte umgehen, auch Otto Schily habe ein Auge auf Teile des Presseamts geworfen - sein Innenministerium verfügt ohnehin schon über ein großes Lagezentrum. Im Presseamt selbst, traditionell ein Sammelbecken politisch missliebiger Beamter, die im schlimmsten Fall noch in die Bonner Zweigstelle verbannt werden, diskutieren Mitarbeiter schon eine Zerschlagung der Behörde - was vielen Ministern und ihren Sprechern gefallen würde. Dazu werde es nicht kommen, sagt Anda.
Die Rituale der Bonner Presselandschaft wirken in der Berliner Medienrepublik ohnehin reichlich verstaubt: Dreimal wöchentlich trifft das Korrespondentencorps den Regierungssprecher zum Schlagabtausch in der Bundespressekonferenz. In der Vergangenheit war diese Versammlung der zentrale Nachrichtenmarkt für die Presse. Was hier zur Sprache kam, stand am nächsten Tag in den meisten Blättern.
Längst hat die technische Aufrüstung in Berlin diesen Kommunikationsprozess verändert. Alle wichtigen Pressekonferenzen werden in die Redaktionen übertragen. Hinzu kommen zahlreiche Hintergrundgespräche, die Minister und Staatssekretäre täglich mit Journalisten führen. Anders als in Bonn wissen die Berichterstatter längst nicht mehr, was die Konkurrenz am nächsten Tag druckt - jeder geht seiner eigenen Fährte nach.
Die Folge: Das Regierungshandeln wirkt chaotischer, als es ist; so jedenfalls nehmen es die Pressemanager in den Ministerien wahr.
Immer schneller und oft auch flacher wird dadurch das Nachrichtengeschäft; und daran hat auch die Regierung Schuld. Vorbildlich für seine Minister hat Schröder eine Gewohnheit aus den USA übernommen: so genannte Stake-outs. Gemeint sind Presse-Briefings, wie sie der amerikanische Präsident mit Vorliebe im Garten des Weißen Hauses gibt: kurze Statements zu einem aktuellen Thema, danach Zeit für zwei knappe Fragen. Aus.
Schröder hat es darin in kürzester Zeit zur Perfektion gebracht: Oft mehrmals pro Woche geht der Regierungschef im Foyer des Kanzleramts mit einem Gast vor die Kameras. Er selbst stellt dann den Mikrofonständer zur Seite, wenn das die Optik stört; und er lässt sich auch das Geschrei der Fotografen gefallen, wenn die ihr Motiv noch nicht geschossen haben. Der Erkenntniswert solcher Briefings ist gering. "Der Nato-Generalsekretär", beendet Schröder dann das Theater knapp, "hat jetzt noch Zeit für zwei Fragen."
Die Regierung liebe solche Inszenierungen in ihren neuen Berliner Kulissen, hat Tissy Bruns, "Welt"-Chefkorrespondentin und Vorsitzende der Bundespressekonferenz, erkannt. "Wir können nur jeden Politiker warnen", sagt sie, "sich den kritischen Fragen der Journalisten zu entziehen."
Und Belá Anda? Er schweigt. Er ist der wahrscheinlich erste Sprecher, der selbst über seine eigene Arbeit nur im Verborgenen redet. Man führe ein Hintergrundgespräch, sagt er dann. Aber wahrscheinlich darf man nicht einmal das zitieren. FRANK HORNIG
Von Frank Hornig

DER SPIEGEL 47/2002
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