18.11.2002

POPAufgehende Sonne

Das jetzt erscheinende Nachlass-Album von George Harrison krönt eine Musiksaison, in der berühmte Tote die Hitparaden dominieren.
Die Firma Harrison Songs residiert in einer strahlend weißen Londoner Stadtvilla unterm Dach. Auf der Türklingel steht nur eine Drei. Der Besitzer mochte es diskret, sagt Dhani Harrison, 24. "Dad hätte ganz sicher auch diesmal nicht über seine Arbeit gesprochen."
Weil Vater George aber im November 2001 im Alter von 58 an einem Krebsleiden gestorben ist, durfte nun sein Erbe und einziges Kind Dhani entscheiden, ob er anlässlich der Veröffentlichung des George-Harrison-Albums "Brainwashed" Interviewauskünfte gibt - und lud in die Büroräume von Harrison Songs.
Der junge Mr. Harrison, der wie ein Doppelgänger des jungen George aussieht und dessen Vorname auf Sanskrit "Der Reiche" bedeutet, gibt sich Mühe hervorzuheben, dass "Brainwashed" kein Gedenk-Werk im üblichen Sinn ist: "Hier wurden nicht schnell mal ein paar übrig gebliebene Songs zu einem Album zusammengeklaubt." Sein Vater habe die Sammlung noch zu Lebzeiten fast fertig gestellt. Meist seien es Songs, die Harrison seit Jahren privat spielte, aber nie veröffentlichte.
Dhani Harrison weiß, dass sich sein Einsatz für das Album lohnen wird. Im Musikgeschäft des Jahres 2002 waren tote Pophelden so gefragt wie kaum je zuvor.
So schaffte es der vor 25 Jahren verblichene Elvis Presley noch einmal an die Spitze der Hitparaden - dank eines niederländischen Techno-DJs, der den eher obskuren Presley-Song "A Little Less Conversation" am Mischpult aufbereitete. Gut acht Jahre nach dem Selbstmord des Bandleaders Kurt Cobain ist eine Best-of-Zusammenstellung der US-Band Nirvana ein Hit. Als sichere Sache im Weihnachtsgeschäft gelten die Nachlass-Alben der im Vorjahr tödlich verunglückten schönen amerikanischen Soul-Sängerinnen Aaliyah sowie Lisa "Left Eye" Lopes mit ihrer Band TLC - und auch von der 1996 ermordeten HipHop-Ikone 2Pac kommt ein neues Werk namens "Better Dayz" pünktlich zum Fest in die Läden.
Es ist bereits die sechste (!) postum erschienene CD des Rapstars, der es zu Lebzeiten auf nur vier reguläre Alben brachte: Erstaunlich, wie viel der Nachlass eines so jung Verstorbenen hergibt. Die Plattenfirma jedenfalls frohlockt, es sei "jedes Mal eine Sensation, wenn ein neues Album" von 2Pac herauskomme - und das mit Recht: Allein im vergangenen Jahr wurden 2,7 Millionen Alben des erschossenen Gangsta-Rappers verkauft.
Zyniker haben längst erkannt, dass tote Popstars der Traum jeder Plattenfirma sind: Sie haben weder Allüren noch Haarausfall, kriegen keine Bäuche und erleiden keinen Kollaps. Sie wehren sich nicht einmal gegen hässliche Plattencover und fragwürdige Editionen - obwohl es schon mal Erben-Streitigkeiten gibt wie im Fall der 1996 an Krebs gestorbenen US-Sängerin Eva Cassidy, die zeitlebens ihre Herz-Schmerz-Balladen ohne großes Publikum sang und postum zum Superstar wurde.
Fest steht: Musik von Toten geht bestens. In einer Hitliste der verblichenen Spitzenverdiener im US-Magazin "Forbes" sind sechs von zehn Musiker; neben Elvis Presley, John Lennon und Jimi Hendrix findet sich da auch George Harrisons Name.
Der hatte für die Beatles Klassiker wie "While My Guitar Gently Weeps" komponiert und nach der Trennung von den "fabulous four" solo (etwa mit dem Song "My Sweet Lord") oder mit seiner Nebenbei-Band Traveling Wilburys weitere Hits. In den letzten Jahren vor seinem Tod soll er zwar lieber gegärtnert und sich seinen fernöstlichen religiösen Vorlieben gewidmet haben. Trotzdem, berichtet sein Sohn, habe er unentwegt musiziert: "Wenn ich mal deprimiert aus der Schule kam, schnappte er sich eine Ukulele und spielte so lange, bis ich wieder gute Laune hatte."
Überhaupt sei im Hause Harrison, einem schönen Landsitz westlich von London, immer Musik zu hören gewesen. Wenn der Hausherr nicht selber spielte, legte man Edith Piaf oder Mozart auf. Nur die Musik der Beatles, so Dhani Harrison, "war bei uns lange tabu".
Offenbar nur unwillig erzählte George Harrison seinem Sohn von den Abenteuern, die er in den wilden sechziger Jahren mit John, Paul und Ringo erlebte; vor einer Musikerkarriere warnte er ihn jedenfalls. So spielt Dhani zwar Gitarre und hat einst ein paar Auftritte mit dem Vater absolviert, ist sonst aber nicht als Musiker aufgefallen. Mit einem Freund betreibt er eine Design-Agentur, die nun das einigermaßen schrille "Brainwashed"-Cover beisteuerte.
In den letzten Monaten von Papa Harrison allerdings werkelten Vater und Sohn gemeinsam in einem Musikstudio - in der Schweiz, wo George sich behandeln ließ. Gemeinsam mit Jeff Lynne, einem Musikerfreund der Familie (bekannt als Boss des Electric Light Orchestra), führte Dhani die Arbeit nach Georges Tod zu Ende.
Handelt es sich bei "Brainwashed" nun um George Harrisons finales Album? Wohl kaum: Es gebe noch allerhand Unveröffentlichtes im Archiv, sagt der Sohn. "Es wird dauern, bis das rauskommt, aber eines Tages ..." CHRISTOPH DALLACH
Von Christoph Dallach

DER SPIEGEL 47/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 47/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

POP:
Aufgehende Sonne

Video 00:36

Wie im Bond-Film Skipper gelingt 007-Stunt

  • Video "Schusswechsel mitten in Chicago: Autodiebe geraten an Zivilpolizisten" Video 00:37
    Schusswechsel mitten in Chicago: Autodiebe geraten an Zivilpolizisten
  • Video "Toni Kroos: Immer ein bisschen Schadenfreude" Video 01:47
    Toni Kroos: "Immer ein bisschen Schadenfreude"
  • Video "Frauen ans Steuer: Wahrer Fortschritt in Saudi-Arabien?" Video 03:43
    Frauen ans Steuer: Wahrer Fortschritt in Saudi-Arabien?
  • Video "Webvideos der Woche: Das könnte teuer werden...." Video 02:32
    Webvideos der Woche: Das könnte teuer werden....
  • Video "Audio-Aufnahme von weinenden Kindern: Das amerikanische Volk muss das hören" Video 01:19
    Audio-Aufnahme von weinenden Kindern: "Das amerikanische Volk muss das hören"
  • Video "Seine Frau ließ ihn nicht: Mexikaner schleifen Kumpel zur WM (als Pappfigur)" Video 01:32
    Seine Frau ließ ihn nicht: Mexikaner schleifen Kumpel zur WM (als Pappfigur)
  • Video "Geheimdienst bedrängt Moskauer Studenten: Sie wollen, dass wir Angst haben" Video 02:58
    Geheimdienst bedrängt Moskauer Studenten: "Sie wollen, dass wir Angst haben"
  • Video "Russische Hooligans: Dieses brutale Image" Video 02:57
    Russische Hooligans: "Dieses brutale Image"
  • Video "Freigelassene Sexualstraftäter: Tausende Spanierinnen protestieren voller Wut" Video 02:19
    Freigelassene Sexualstraftäter: Tausende Spanierinnen protestieren voller Wut
  • Video "Umfrage zu Strafzöllen auf Harleys: Ich würd's trotzdem kaufen" Video 01:38
    Umfrage zu Strafzöllen auf Harleys: "Ich würd's trotzdem kaufen"
  • Video "Melania Trumps #Jacketgate: Sie verhält sich wie ein Teenager" Video 01:45
    Melania Trumps #Jacketgate: "Sie verhält sich wie ein Teenager"
  • Video "US-Polizeivideo: Mutiger Cop befreit Bären aus Auto" Video 00:34
    US-Polizeivideo: Mutiger Cop befreit Bären aus Auto
  • Video "Fährunglück: Schiff kracht in Pier" Video 00:46
    Fährunglück: Schiff kracht in Pier
  • Video "Ehrgeizige Vision: Norwegen will Inlandsflugverkehr elektrifizieren" Video 01:23
    Ehrgeizige Vision: Norwegen will Inlandsflugverkehr elektrifizieren
  • Video "Wie im Bond-Film: Skipper gelingt 007-Stunt" Video 00:36
    Wie im Bond-Film: Skipper gelingt 007-Stunt