25.11.2002

LEBENSKUNSTHeitere Müßiggangster

Die Berliner Initiative der „Glücklichen Arbeitslosen“ will die Arbeitslosigkeit vom Ruch des Unglücks befreien. Das Projekt ist mit viel Arbeit verbunden, vor allem für seine Vordenker.
Es muss nicht immer Arbeit sein. Rainer, 53, lässt sich in das Gästesofa fallen und ruft dem Publikum zu: "Ich lebe von Sozialhilfe, und das ist auch gut so!"
Talk-Gastgeber Oliver Geißen lächelt milde, während Rainer, ein waschechter Berliner, weiter poltert: "Warum soll ick arbeiten gehen? Warum soll ick das Geld nicht nehmen? Steht mir doch zu! Und wenn andere arbeiten, dann lass sie doch arbeiten!"
Das Thema der Sendung heißt: "Sozialhilfe - du liegst uns auf der Tasche!", und Rainer ist nicht der einzige Teilnehmer der Runde, der sich freiwillig als Schmarotzer outet. Ein Familienvater aus Düsseldorf, der zufällig auch Rainer heißt, ahnte es schon mit 18: "Arbeiten lohnt sich nicht!" Inzwischen 33 Jahre alt, hat er sich an das Leben in der sozialen Hängematte gewöhnt. "Ich habe Spaß mit meinen Kindern, ich mache das, was mir Spaß macht." Eben sei er drei Wochen in Kroatien gewesen, den Urlaub habe die Caritas finanziert. Monatlich kassiert er 2200 Euro an Sozialhilfe und Kindergeld. "Warum soll ich arbeiten gehen? Mit Arbeit bekomme ich weniger." Von schlechtem Gewissen keine Spur. "Wenn der Staat so doof ist und zahlt das, warum soll ich das nicht nehmen?"
Arbeitslosigkeit hat auch ihre schönen Seiten. Bekennende Arbeitslose treten in Talkshows auf, lassen sich beschimpfen und beklatschen. Wie die beiden Rainer neulich bei Oliver Geißen auf RTL.
Nur Guillaume Paoli und Mila Zoufall wollen nicht ins Fernsehen. Sie verweigern "aus Prinzip" Fernsehauftritte jeder Art, denn "kein anständiger Mensch kann es dulden, sich wie eine alte Nutte bepudern zu lassen".
Dabei hätten Paoli und Zoufall etwas zu sagen, sie haben vor sechs Jahren die Initiative "Glückliche Arbeitslose" mitgegründet und soeben ein Buch mit "Aufrufen, Manifesten und Faulheitspapieren der Glücklichen Arbeitslosen" vorgelegt*. Vor allem Paoli gilt mittlerweile als der Vordenker einer neuen Theorie der Arbeitslosigkeit, die von vielen als "dada" missverstanden wird, tatsächlich aber eine unkonventionelle Antwort auf eine absurde Situation ist.
"Der Glückliche Arbeitslose ist der Meinung, dass er für seine Nicht-Arbeit entlohnt werden muss", denn "wenn der Arbeitslose unglücklich ist, so liegt das nicht daran, dass er keine Arbeit hat, sondern dass er kein Geld hat".
Paoli, 1959 in der Normandie geboren, fühlt sich einer Tradition verpflichtet. Die Familie kommt aus Korsika, ein Onkel war "berühmt und angesehen dafür, dass er nicht gearbeitet hat". Noch viele Jahre nach seinem Tod habe man "mit Begeisterung" über ihn geredet.
Kaum hatte Paoli 1986 das Abitur gemacht, ging er nach London, wo es sich "damals unter Thatcher besser als heute unter Blair leben ließ". Er beantragte und bekam gleich Sozialhilfe und jobbte gelegentlich als Übersetzer und Französischlehrer, aber nur "so wenig wie möglich".
Nach fünf Jahren in England zog Paoli nach Berlin, wo man "relativ einfach und gut ohne Arbeit leben" konnte. Um sich als Arbeitsloser zu qualifizieren, arbeitete er erst einmal ein Jahr als Gartenheger. Danach bekam er eine ABM-Stelle in einem "Kulturprojekt" zugewiesen, es war "die Simulationsmaßnahme schlechthin". Das Arbeitsamt bezahlte fünf Stellen in einer Ost-Berliner Galerie. "Wir hatten alles, Telefon, Fax, Computer, nur nichts zu tun." Seit 1999 ist er richtig arbeitslos, bekommt Arbeitslosenhilfe und muss sich alle sechs Monate im Arbeitsamt melden, wo er als "Kulturmanager" und "Übersetzer" geführt wird.
Auch Mila Zoufall, Paolis Lebensgefährtin, hat sich "für die Arbeitslosigkeit
entschieden, es war eine bewusste Entscheidung, nichts zu tun".
1966 in Weimar geboren, machte sie eine Ausbildung zur Kellnerin bei der HO, arbeitete ein halbes Jahr im Leipziger Ratskeller und stellte einen Antrag auf Ausreise. Im November 1988 durfte sie die DDR verlassen. In West-Berlin holte sie das Abitur nach und brachte sich im Selbststudium ("Ich habe die Uni nicht ertragen") Französisch und Spanisch bei. Vor zwei Jahren wurde sie vom Sozialamt in ein "Integration durch Arbeit"-Projekt im Ost-Berliner Kulturhaus "Pfefferberg" geschickt. "Es war ein Paradies für Sozialhilfeempfänger, 40 Leute, die Arbeit simulierten." Nach einem Jahr war die "Integrationsmaßnahme" erfolgreich beendet. Jetzt bekommt Mila Zoufall Arbeitslosenhilfe. Als Beruf hat sie beim Arbeitsamt "Herausgeberin" angegeben, denn sie hat den "Müßiggangster" betreut, das "Kontemplationsblatt der Glücklichen Arbeitslosen", das viermal erschienen ist. "Fast alle Leute, die über Arbeitslosigkeit reden, waren selber nie arbeitslos. Wir dagegen reden aus der Praxis der Arbeitslosigkeit."
Allerdings wollen die Glücklichen Arbeitslosen nicht eine weitere Interessenvertretung der Arbeitslosen sein. Es geht darum, "das Monopol der Arbeitsbesitzer zu brechen" und "die Angst vor der Arbeitslosigkeit zu beseitigen, damit man in Ruhe über Alternativen nachdenken kann". Die Menschen sollen begreifen: "Es gibt ein Leben nach der Arbeit."
Der Grundgedanke ist, wie bei allen revolutionären Ideen, recht einfach. "Es gibt nicht genug Arbeit für alle, und eine Vollbeschäftigung wird es nie mehr geben." In dieser Situation betrachten es die Glücklichen Arbeitslosen als ihre "altruistische Pflicht ... auf die Mangelware Arbeit zu verzichten" und die vorhandenen Arbeitsplätze gegen angemessene Bezahlung jenen zu überlassen, die partout arbeiten wollen.
Im ersten Manifest der Glücklichen Arbeitslosen ("Auf der Suche nach unklaren Ressourcen"), das im August 1996 vorgestellt wurde, wird die "Beendigung aller Kontrollmaßnahmen gegen Arbeitslose" und die "Schließung sämtlicher Statistik- und Propagandabüros" gefordert. In einer öffentlichen Erklärung vom Januar 2002 wird als "konkrete Maßnahme zur vollständigen Beseitigung der Arbeitslosigkeitsfrage" die Auflösung der Arbeitslosenverwaltung verlangt, "die Abschaffung der Arbeitsämter". Würde man das so eingesparte Geld auf die Arbeitslosen verteilen, könnte man jedem mehr als 1000 Euro monatlich zahlen - mit wenig bürokratischem Aufwand. Zugleich müsste eine "Automatensteuer" eingeführt werden, denn es sind "Geld-, Kondom-, Fahrschein- und sonstige Automaten, die zig Arbeitsplätze wegnehmen".
Auf den ersten Blick sind es irrwitzige Ideen, auf den zweiten plausible Überlegungen. Die Forderung, das "Bündnis für Arbeit" durch ein "Bündnis für Simulation" zu ersetzen, wurde tatsächlich bereits realisiert: Mit der Umbenennung der Arbeitsämter in Jobcenter und der Einführung der Ich-AG als sanktionierter Selbstausbeutung. Neben dem "Reich der Notwendigkeit" und dem "Reich der Freiheit" gibt es vor allem in der Arbeitswelt noch ein drittes Reich, das "Reich der Simulation". Und da heißt die Fiktion, auf die sich alle geeinigt haben: "Ihr tut, als ob ihr Arbeitsplätze schafft, wir tun, als ob wir arbeiten."
Die Glücklichen Arbeitslosen, so steht es in einem Aufsatz aus dem Jahr 1999 ("Wer hat Angst vor der freien Zeit?"), haben "kein Zukunftsmodell zu bieten; besser gesagt, sie verzichten auf vorgefertigte Denkgebäude", was sie anstreben, ist nur die "Entökonomisierung des Alltags", um Raum zu schaffen für die Entwicklung von Alternativen.
Man merkt es den Texten der Glücklichen Arbeitslosen an, dass sie von klugen Leuten geschrieben wurden, die über ein solides theoretisches Wissen verfügen, das sie sich selbst erarbeitet haben, von Karl Marx bis Paul Lafargue, dem Autor des Klassikers "Das Recht auf Faulheit". Doch wenn dann vom "tendenziellen Fall der Sinnrate" unter den gegenwärtigen Produktionsbedingungen die Rede ist, wird Marx ironisch ausgehebelt, und faul, im Sinne von Lafargue, sind die Glücklichen Arbeitslosen schon gar nicht, im Gegenteil, sie sind extrem fleißig.
"Wir könnten ein Büro für Arbeitslosenberatung aufmachen, mit Geld vom Staat", sagt Mila Zoufall, "aber wir suchen keinen Job". Das Nachdenken über die Arbeitslosigkeit ist eine tagesfüllende Beschäftigung. Dazu kommen Einladungen zu Tagungen und Seminaren und immer öfter auch Anfragen von Soziologiestudenten, "die uns erforschen wollen - so schaffen wir Arbeitsplätze!"
Paoli und Zoufall wollen nicht die Vorzeige-Philosophen der Arbeitslosenbewegung sein, sie lassen sich nicht fotografieren und gehen Journalisten möglichst aus dem Weg, aber als Totalverweigerer wollen sie auch nicht gelten. "Es kommt auf die Inhalte an." Beide saßen, mit einer Stimme, in der Jury für einen Wettbewerb über "gesellschaftsverändernde Projekte" der Berliner Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst; Paoli wurde von der Heinrich-Böll-Stiftung eingeladen, bei einer Tagung zur "Zukunft der Arbeit" zu sprechen. Im November soll er bei einem Psychiaterkongress einen Workshop über die psychologische Seite der Arbeitslosigkeit geben, und auch beim Attac-Jahrestreffen im nächsten Jahr werden Paoli und Zoufall ihre Ideen zur Entökonomisierung des Alltags "hier und jetzt" präsentieren.
Manchmal wird es den beiden doch ein wenig zu viel. "Wir wollen uns nicht ewig nur mit der Arbeitslosigkeit beschäftigen", sagt Guillaume Paoli. "Es reicht doch, dass wir arbeitslos sind", meint Mila Zoufall. HENRYK M. BRODER
* Guillaume Paoli (Hg.): "Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche. Aufrufe, Manifeste und Faulheitspapiere der Glücklichen Arbeitslosen". Edition Tiamat, Berlin; 208 Seiten; 14 Euro.
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 48/2002
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