25.11.2002

KUNSTDie jungen Bösewichte

Der Nachwuchs unter den Künstlern malt so eifrig wie seit langem nicht mehr. In ihrem rotzfrechen Realismus lassen die neuen Picassos keine Provokation aus. Ob Hitler-Porträts oder Gruppensex - Hauptsache, Kunst sieht nach Hardcore aus. Und fällt auf.
So frivol lässt sich für Minderheiten werben. Die Frau mit dem verruchten Blick und den auf Hochglanz lackierten Lippen trägt nichts außer einem knappen schwarzen Slip zwischen den gespreizten Beinen und einem pompösen Federschmuck auf dem Kopf, der sogar Winnetous Neid geweckt hätte.
Fragt sich nur, ob es sich bei dem Gemälde des Berliners Ulrich Lamsfuß um einen versteckten Aufruf zur Kleiderspende für Indianerreservate oder bloß um eine Werbekampagne für Unterwäsche handelt.
Letzteres. Lamsfuß, 31, sucht sich seine Motive nach dem Lust- und Gruselprinzip aus - und findet sie in Zeitungen, Magazinen oder Modeheften. Er gehört einer jungen Generation von Malern an, die für ihren gnadenlos bunten Realismus alles verwertet, was ihr in die Finger kommt: bluttriefende Aufnahmen aus kriegszerstörten kroatischen Kirchen oder Models aus Modeheften.
Die Dessous-Hommage "Indian Girl" produzierte Lamsfuß sogar als Serie; innerhalb eines Jahres vollendete er sechs nahezu identische Fassungen. "Wer sagt denn, dass man jedes Bild nur einmal malen darf?", fragt der Künstler, der unter anderem bei der weltberühmten Maler-Ikone Georg Baselitz studiert hat.
Und fügt hinzu: "Die Zeit, in der jeder Künstler die Menschheit mit einer gesellschaftlichen Utopie beglücken wollte, sind doch lange vorbei." Für ihn sei die Welt eine Oberfläche - und von der male er quasi seine Lieblingsposter ab. In die lockere Spaßecke will er trotzdem nicht gestellt werden: "Jedes Bild ist eine schwere Geburt."
Alles ist erlaubt - Hauptsache, es kommt keine Langeweile auf und ab und zu explodiert ein kleines Tabu: So enthemmt, ehrgeizig, energiegeladen und rotzfrech gab sich die Malerei lange nicht mehr.
Wer hätte das gedacht? Schließlich haben die Propheten des Kunstbetriebs in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder das nahe Ende der traditionellen Tafelmalerei vorausgesagt oder gar dekretiert - allerdings riefen sie ungefähr genauso oft und hoch feierlich deren Comeback aus.
Unter vielen Ausstellungsmachern gilt dennoch das Vorurteil: Malerei sei schlimmstenfalls reaktionär, bestenfalls banal; und wenn schon gemalt werden müsse, dann bitte schön halbwegs abstrakt. Wer aber wirklich etwas Gegenwärtiges zu sagen habe, dokumentiere sein Leiden an der Welt in einem grisseligen Videofilm: Kunst ist demnach vor allem, was man vor- und zurückspulen kann.
So präsentieren sich denn auch etliche Kunstveranstaltungen als gigantisches Multiplex-Kino - es flackert, flimmert und rauscht in zahllosen abgedunkelten, schlecht gelüfteten Kabinen gleichzeitig.
Deshalb beschleicht den belgischen Leinwand-Star Luc Tuymans, 44, immer wieder das Gefühl, "dass ich einer aussterbenden Gattung angehöre". So erging es ihm zum Beispiel auf der Biennale in Venedig 2001 und in diesem Sommer auf der Documenta in Kassel: Auf beiden Vorzeigeforen der internationalen Kunstszene war er ein Maler unter wenigen.
Berühmt wurde Tuymans unter anderem mit postumen Porträts von NS-Schergen: SS-Chef Himmler ließ er zum gespenstisch schwarzen Schatten werden, NS-Oberarchitekt Speer zum anonymen Skifahrer im Schnee. Als Vorlagen dienten dem Belgier alte Bilder und Filme, seine frostfarbenen Umdeutungen sind bitterböse und wirken ätzend, aber nie bloß reißerisch.
Viele seiner Kollegen allerdings schlittern nur zu gern übers quietschbunte Schundniveau. Der Bilderschock als Endlosschleife soll auch das schlechte Gewissen des Künstlers betäuben, der Angst hat, als Maler von vornherein nicht zeitgemäß zu erscheinen.
Der italienische Exzentriker Maurizio Cattelan, 42, hat einen Hitler aus Wachs modelliert - die deutsche Malerin Irene von Neuendorff, 43, klonte gleich zwanzig Hitlers auf die Leinwand. Wahlweise verpasste sie ihnen eine Feldherrenuniform und dazu eine fast clownesk fiese Visage oder einen schwarzen Designeranzug und einen koketten Aufreißerblick. Nur der Hintergrund ist auf etlichen der Porträts derselbe: ein pastellfarbenes, florales Muster, das den verhalten lüsternen Blumenbildern der amerikanischen Malerin Georgia O'Keeffe nachempfunden ist.
Neuendorff, so lobte das Fachmagazin "Kunstforum" in seiner jüngsten Ausgabe, betreibe eine "präzise Re-Dämonisierung" und gebe dem "Terror ein menschliches Gesicht". Soll heißen, sie macht aus dem Monster eine Allerweltsfigur. Die Künstlerin ahnt, dass sie viele Menschen vor den Kopf stößt. "Aber warum eigentlich?", fragt sie. Und ergänzt: "Steckt das Böse nicht meistens im Banalen?"
Mag sein, aber das größte aller Ungeheuer in Öl zu verewigen - in welcher Blödelpose auch immer - ist als Provokation tatsächlich kaum noch zu überbieten. Schließlich schwingt bei der Malerei stets ein Hauch von Ewigkeitsanspruch mit. Jeder noch so flache Gag darf an der Aura kunsthistorischer Unsterblichkeit teilhaben - in einer langen Reihe mit den Bildern von Raffael und Rubens bis Picasso und Gerhard Richter.
Zwar ist nicht alles, was es auf eine Leinwand schafft, deshalb auch gleich genial; und durch Wiederholung werden Pointen selten besser. Aber andererseits geschieht es dem Hobbykünstler Hitler recht: Er erhob einst ebenjenen unmissverständlichen Realismus zur einzig erlaubten Kunstdoktrin, in dem er nun ein ums andere Mal als Weichei lächerlich gemacht wird. Rache kann auch rosafarben sein.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war erst einmal alle Figuration verpönt. Bis man in den sechziger Jahren den Umweg über die Fotografie, den Schleichweg Pop-Art und den Ausweg Hyperrealismus entdeckte. Es ging in der Regel ja nicht um die Wiedergabe der Realität, sondern um die Auseinandersetzung mit vorfabrizierten Bildern und Illusionen.
Als fast schon grandioser Einfall galten die Kunst-Eskapaden des Amerikaners Jeff Koons. Der King of Kitsch eroberte in den achtziger Jahren den Kunstmarkt, als er das heimische Schlafzimmer für die ganze Welt öffnete. Mit Vorliebe zeigte er sich und seine damalige Gattin bei der Liebesspiel-Akrobatik. Erst drückte er beim Kopulieren den Fernauslöser des Fotoapparats, dann zog er die Intim-Ansichten als Öldrucke auf Leinwände.
Jetzt, im neuen Jahrtausend, feiert Koons ein Comeback - und hat längst etliche Jünger zu einer Neo-Softpornografie inspiriert. So malt der New Yorker Richard Phillips, 40, mit Vorliebe pastos geschminkte Geschöpfe aus Männermagazinen ab. Einige sehen allerdings so aus, als hätte er ein Sexheft für Pädophile in die Hand bekommen.
Noch in den dreißiger Jahren warnte der Philosoph Walter Benjamin (1892 bis 1940), im Zeitalter der technischen Reproduktion komme die Aura des Originals abhanden - auch deshalb, weil jedes Gemälde abfotografiert und diese Aufnahme endlos vervielfältigt werden könne.
Schon ein paar Jahre später, Anfang der vierziger Jahre, drehte der französische Maler Francis Picabia den Spieß um: Er erhob Fotos zur elitären Kunst, indem er Nacktaufnahmen aus Sexjournalen in Öl nachmalte. Seine heutigen Nachkommen aber schwelgen geradezu im Reproduzieren von Reproduktionen: Und ein Blick in den "Playboy" hilft ratlosen Künstlern auch heute immer noch weiter. Oder besser: mehr denn je.
Gerade die maskenartigen Schönheiten von Richard Phillips werden seit Jahren als raffinierte Welt- und Medienkritik verehrt - die "Neue Zürcher Zeitung" wittert in ihnen "fast zynische Statements". Im Kunsthandel kostet die lüsterne Sexismus-Schelte leicht schon einmal über 60 000 Dollar.
Zwar werde das Medium Malerei von niemandem mehr in Frage gestellt, so miesepeterte die "FAZ" unlängst, "aber auch keinen regt sie mehr auf". Reicht es nicht, wenn sie anregt, auch zum Kaufen?
Der in Berlin lebende Maler Martin Eder, 34, schaffte den Sprung auf den Kunstmarkt mit Aquarellen, die wahlweise nackte Lolitas oder plüschige Kätzchen zeigen. Der Maler selbst nennt seine Zeichnungen "niedlich, aber auch ein wenig brutal", und glaubt, dass es beim Publikum wieder so etwas wie "eine barocke Gucklust an Bildern" gebe.
Offenbar. Im vergangenen Jahr durfte er, auserkoren von einer Jury aus Experten, auf der Kölner Kunstmesse Art Cologne eine der so genannten Förderkojen ausstatten. Diese Stände sind für die allergrößten Hoffnungsträger der Branche reserviert. Eder kam den Erwartungen pflichtbewusst-eifrig nach; erst ließ er blutrote Farbe an den Wänden seines Standes herabrinnen, anschließend pinnte er seine Blondinen drauf.
Der kleine Schauder ging auf: Inzwischen überhäufen ihn Galerien und Museen mit Einladungen. In den kommenden Monaten nimmt er an Ausstellungen in Amsterdam, Prag, New York, Los Angeles, Aachen, Bremen und Potsdam teil.
Andere haben mitgelernt. So dekorierte der Jung-Galerist Leo König, 25, seinen Messestand dieses Jahr in Köln vorwiegend mit Gemälden der amerikanischen Malerin Nicole Eisenman, 39. Deren brutale Bilderorgien, auf denen auch schon mal rumgefoltert wird, gelten nicht gerade als jugendfrei. Trotzdem oder gerade deswegen: Bei Messeschluss waren acht von neun Gemälden verkauft, vor allem etablierte Sammler griffen zu.
Fast schon harmlos wirkt da das Porträt eines Pitbulls, dem der Franzose Julien Michel, 29, auch gleich noch einen Maulkorb verpasst. Oder die Serie von Kellnerinnen des Deutschen Johannes Hüppi, 37. Mal servieren die Bier, mal - als moderne Salome - einen Kopf.
Der erfrischend jugendliche Blick, von dem der Kunsthistoriker Beat Wyss meint, er biete seit über zwei Jahrhunderten die sicherste Erfolgsgarantie - er wirkt bei heutigen Youngsters erstaunlich abgeklärt. Auch dem altavantgardistischen Zwang, Bilder, Stile und am besten gleich die ganze Kunst immer neu erfinden zu müssen, weichen sie lässig aus. Sie kopieren, wo sie können, und stöbern dazu auch unverdrossen in der alten und neuen Kunstgeschichte.
Schließlich wollen sie keinen Innovationspokal in die Hand gedrückt bekommen, sondern kurz und knallig Eindruck schinden. Also alles nur Aufschneiderei? Die Mitläufer verwerten die Ideen oft besser als ihre künstlerischen Piloten - schwärmt der renommierte Museumsmann Jean-Christophe Ammann.
Immerhin: Nie zuvor erschien die Symbiose von Entertainment und obsessiver Schmuddelei, von Ekel und Ekstase in der Malerei so ausgeprägt wie gegenwärtig. Kein Hingucker wird ausgelassen und die Welt am liebsten eins zu eins und ganz authentisch so gespiegelt, wie sie sich in den Medien darstellt: Statt wie ihre Künstler-Ahnen der Freiluft-Malerei zu huldigen, entdecken die heute Dreißigjährigen das Free TV.
Denn längst wurde das kollektive Bildgedächtnis aufs schnelle Zoomen und Zappen umprogrammiert. In Sekundenschnelle fixiert, registriert (oder vergisst) das Publikum die Bilderhäppchen, die ihm vorgesetzt werden. Garantiert ist nur, dass jeder die Ikonografie des Fernsehens kennt und erkennt. Warum sollte man das nicht - schamlos - ausnutzen und den Blickwinkel der Kamera imitieren?
Wenn der Brite Cameron Rudd, 29, einen Berliner Straßenstrich malt, reicht es, im verschwommenen Dunkel die Rückenansicht einer spärlich bekleideten Frau aufschimmern zu lassen. Auch Rudd malt Videobilder nach - allerdings solche, die er selbst vorher aufgenommen hat. Er filmt Straßengangs, Krawalle oder Punks beim Picknick. Und lässt diesen Hardcore in Öl zum bizarren Stillleben erstarren. Gerade die altmodische Fixierung des real Bewegten in der Malerei frappiert - ein Vorteil gegenüber dem Video.
Wen stört's da schon, dass sich die Jungmaler vorher auf ein mediales Zweituniversum stürzen, also in die Sekundäranalyse. Film, Video und Foto klauen im Gegenzug ja auch fröhlich bei der Malerei. Immer wieder entlehnen sie Farbkombinationen, Perspektiven, Posen oder stellen gleich weltberühmte Gemälde nach.
Die lange genug geplünderten Maler schlagen zurück - nur zu! ULRIKE KNÖFEL
Von Knöfel, Ulrike

DER SPIEGEL 48/2002
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