25.11.2002

Der Kult der Sternenmagier

Die „Himmelsscheibe von Nebra“ beweist: Die Ur-Germanen trieben Astronomie. Goldgewandete Priester peilten den Mond in Hinkelstein-Tempeln an. Plötzlich offenbart sich eine verschollene Hochkultur. Eine Megaschau in Berlin dokumentiert die neue Sicht auf die deutsche Vorgeschichte.
Weiß behandschuht steigt Harald Meller in den Tresorraum des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle hinab. Eine Kamera, ferngesteuert von einem Wachdienst aus Leipzig, surrt an der Wand. Der Mann öffnet eine Stahltür und zieht ein Universum hervor.
2,1 Kilogramm ist der grün schimmernde Diskus schwer, 32 Sterne prangen darauf. Als der Schmied den Gusskuchen in einem Tiegel unter Buchenholzkohle schmolz, lebten nur Analphabeten in Deutschland. Das Stück ist 3600 Jahre alt.
Als das "älteste Abbild des Kosmos" (Meller) im Februar mitsamt einigen Armspiralen, zwei Prunkschwertern und Beilen nach einem Raubgutkrimi endlich in die
Hände des Landeskriminalamts fiel, schlugen die Wellen hoch. Bis nach China und Ägypten gab der Museumsleiter Interviews.
Anfangs klickten sich täglich 12 000 Internet-Besucher auf der Web-Seite des Museums ein. "Ein Unikat, ein Superlativ, ein Bingofund", strahlt der Forscher. "Weltsensation", notierte "Bild".
Aus arsenhaltigem Kupfer, typisch für vorgeschichtliche Bronzelegierungen, ist der Teller gefertigt. Die Patina weist unter dem Elektronenmikroskop Strukturen auf, wie sie nur in Jahrtausenden wachsen. Wahrscheinlich wurde die Scheibe einst mit faulen Eiern bestrichen, um das Metall schwärzlich blau einzufärben.
Keine Frage: Das Metallrund hat die Sprengkraft einer Tellermine. "Grenzenloses Staunen" registriert der Bochumer Astronom Wolfhard Schlosser bei seinen Kollegen.
Doch was stellt die Platte eigentlich dar? Den "Herbsthimmel bei Nacht", wie Meller meint? Er glaubt, eine Sonnenbarke darauf zu erkennen. Andere Experten drehen die Scheibe einfach um und deuten die Barke als Milchstraße (siehe Grafik Seite 194). Vielleicht, so ein weiterer Verdacht, stelle die lunare Sichel in Wahrheit eine "partielle Mondfinsternis" dar.
Nur unter Polizeischutz durfte die Preziose Anfang November nach Rossendorf ins Institut für Ionenstrahlphysik verbracht werden, wo ihm mit einer Spezialsäge ("Funkenerosionsmethode") ein 0,2 Millimeter großer Splitter herausgefräst wurde. Übernächste Woche kommt erneut der Peterwagen. In einem Protonenbeschleuniger soll die Zusammensetzung der Goldisotope bestimmt werden.
Zahlreiche Fragen sind noch ungelöst. Verwendete der Schmied Flussgold aus Thüringen? Woher hatte er das Zinn? Warum setzte er es nur zu 2,5 Prozent dem Kupfer zu? Normal sind etwa 10 Prozent.
Die ältesten Zinnbergwerke sind für die Zeit um 2500 v. Chr. nachgewiesen. Sie liegen in Usbekistan und Tadschikistan. Cornwall kam erst später ins Geschäft. Die gemeinsam mit der Sternenscheibe aufgetauchten Schwerter mit ihren blitzenden Einlegeornamenten aus Gold wirken mykenisch - so als hätte sie der Schmied Agamemnons gefertigt.
Draußen in Nebra (3000 Einwohner) herrscht derweil Aufregung wie seit dem Tod von Hedwig Courths-Mahler nicht mehr. Die Verfasserin von Liebesromanen ist hier geboren. Doch das ist lange her. Nun hofft der Ort ("wir sind das doitsche Schtonängsch") auf Touristen. Der Bäcker bietet Marzipan-Diskusse an.
Rückblende: Es war im Juli 1999, als zwei Männer, 31 und 38 Jahre alt, mit einer Metallsonde über den nahen Mittelberg zogen. Jäh fiepste das Instrument. Mit dem Zimmermannshammer wühlten die Burschen im Boden, dabei schlugen sie einen goldenen Stern aus der Fassung und verbeulten den Rand der Scheibe.
Für 31 000 Mark übernahm ein Hehler das Stück. Von dort führte die Spur über Neuss und Düsseldorf ins Hilton-Hotel von Basel, wo die Schweizer Behörden am 23. Februar dieses Jahres zuschlugen.
"Wir ermitteln gegen acht Personen", erklärt Halles Oberstaatsanwalt Ingo Siehrt. Bis Ende des Monats will er Anklage erheben. Die Schatzgräber befinden sich auf freiem Fuß und schweigen. "Vor kurzem haben wir ihren Detektor beschlagnahmt", erzählt Siehrt, "den wollten sie frech im Internet verkaufen."
Vom Fundort, dem 252 Meter hohen Mittelberg, sind weitere Neuigkeiten zu erwarten. Auf seiner Kuppe, die sich steil aus dem Unstruttal erhebt, steht ein grüner Bauwagen. Zehn Grabungshelfer sitzen darin und essen ukrainische Grießklöße, aufgewärmt auf einem Bollerofen. Es ist Mittagszeit.
Um 12.30 Uhr schwärmt die Crew wieder ins Gelände und müht sich, zwischen abgehackten Bäumen die vielleicht älteste Sternwarte der Welt freizulegen. In der Bronzezeit umschloss ein kreisrunder Wall von 160 Meter Durchmesser die Bergspitze. Im Zentrum dieses Astro-Tempels hatten einst die Sternenpriester, sorgsam verpackt in einer Steinkiste, den Diskus versteckt.
Von hier bot sich den Vorfahren von Merlin und Miraculix ein großartiger Blick. Im Westen leuchtet der Kyffhäuser, über dessen höchstem Gipfel am 1. Mai die Sonne untergeht. Auch der Harz mit seinem berühmten "Hexentanzplatz von Thale" ist in Sichtweite.
Die bronzezeitlichen Astro-Späher vom Mittelberg, so scheint es, betrieben ihre Kunst im Verborgenen. Zwei etwa 300 Meter lange Erdwälle am Fuß des Berges deuten an, dass die Sternwarte weiträumig abgesperrt war - ein Hinweis darauf, dass der Eintritt in den Beobachtungsbezirk nur Auserwählten erlaubt war.
Zu gern würde Meller mehr über dieses prähistorische Observatorium wissen. Doch Mitte November war erst mal Schluss mit Graben. Zu viel Matsch. Ein Wachmann mit Schäferhund wurde im Wald zurückgelassen. Die Angst vor Dieben ist groß in Halle.
In den Labors und Studierstuben aber rumort es. Denn der Teller von Nebra ist längst nicht die einzige kosmologische Fährte, die sich den Vorgeschichtlern auftut. Mit Kompass und Theodolit haben Astrophysiker in jüngster Zeit zahlreiche vorzeitliche Denkmäler untersucht und frappante Entdeckungen gemacht:
* Bereits die ersten Bauern Europas konnten vor 5500 v. Chr. exakt die Himmelsrichtungen bestimmen.
* Sie beobachteten Planeten wie Venus und Merkur und ließen sich beim Bestellen ihrer Felder von Sternbildern leiten.
* In Carnac (Bretagne) ragten bis zu 20 Meter hohe Hinkelsteine in den Himmel - zur Sternenpeilung.
Vor allem während der Bronzezeit (um 2200 bis 800 v. Chr.) machte Europa eine astrale Revolution durch. Hexerei, Prophetie, Wahrsagekunst - all die dunklen Seiten der Wissenschaft scheinen in dieser Phase der Geschichte ihren Ursprung zu haben.
Gestützt werden die Überlegungen durch eine Vielzahl von Goldfunden, die neuerdings als Prunkkleider von "sternkundigen Priestern" gedeutet werden. Kappen und Umhänge aus Gold, auch funkelnde Halskragen, liturgische Gefäße und Zepter gab der Boden frei. Die meisten dieser kostbaren Metallstücke sind hauchdünn wie Papier und mit Buckeln, Kreisen und Treibwülsten verziert. Kleine Sonnensymbole prangen auf ihnen, liegende Mondsicheln und achtstrahlige Sterne.
Schon spekulieren die Forscher, ob sich hinter den Buckelornamenten ein geheimer Sinn verbirgt: Ist hier symbolisch kalendarisches Wissen gespeichert, ein "astronomisches Codesystem", wie der Archäologe Jens May vermutet?
Dass der rätselhafte "Kult des Überirdischen" europaweit Spuren hinterließ, hat jetzt die Erlanger Vorgeschichtlerin Sabine Gerloff klar gemacht. Bis nach Limerick und Spanien durchkämmte die Forscherin alte Bibliotheken und blätterte in vergilbten Berichten. Allein in Irland wurden in früheren Jahrhunderten mindestens acht Goldkappen beim Torfstechen entdeckt - und von den Findern eingeschmolzen.
In einem 1786 gedruckten Werk fand Gerloff Hinweise auf eine - heute verschollene - "Golden Crown of Comerford". Eine andere Zauberkappe war "von einer ins Moor geratenen Kuh ans Tageslicht befördert worden", erzählt die Forscherin. "Das Vieh hatte die Krone mit einem Huf aufgespießt und humpelte damit in den Stall zurück." Auch dieses Stück ist verschwunden.
Immerhin: Einige der imposanten Hüte blieben der Nachwelt erhalten. Drei der schönsten Goldkegel stammen aus Deutschland. Der höchste misst 88 Zentimeter und wurde 1953 bei Ezelsdorf nahe Nürnberg entdeckt. Noch vor wenigen Jahren wurden die mysteriösen Kegel als Pfahlbekrönungen, Vasen oder Pfeilköcher gedeutet.
Gerloff hingegen macht klar: Die Tüten waren Kronen von "heiligen Männern mit heiligem Wissen". An den Küsten Europas liefen vor 3000 Jahren Astro-Priester herum, die glitzerten wie Goldstatuen.
Das wohl prächtigste Exemplar dieser Art ist der Berliner Kegel. 74 Zentimeter ist der Hut hoch. Aus einem einzigen Klumpen hat der Schmied das Gold hauchdünn ausgetrieben. Seine Wandstärke beträgt nur 0,06 Millimeter - ein Meisterwerk wie aus dem Grab des Tutanchamun.
Nur mit Not gelang es, den Hohlkörper, auf dessen Spitze ein achtstrahliger Stern leuchtet, in den Besitz der Wissenschaft zu bringen. 1996 bot eine "Artrade Kunst- und Verlagsanstalt" in Vaduz/Liechtenstein den angeblich aus Schweizer Privatbesitz stammenden Goldhut auf dem Kunstmarkt an.
Wilfried Menghin, Direktor am Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte, schlug zu. Umgehend drängte er auf eine eilends einberufenen Direktorenkonferenz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die entsprechenden Mittel freizugeben. Für den Rekordpreis von 1,5 Millionen Mark ging der Edeltubus an die Spree.
Manch ein Kollege rümpfte damals die Nase über die Transaktion. Fundort und Besitzer des Stücks liegen bis heute im Dunkeln. Menghin lässt das kalt. Und er scheut sich nicht, die Kegel als Urform der "mittelalterlichen Zauberhüte" zu deuten.
Fast scheint es, als müsste die gesamte Landkarte der Vorgeschichte umgezeichnet werden. Bislang standen allein die Hochkulturen des Südens im Zentrum des Interesses: die Babylonier (Erfinder der Astrologie), die Ägypter (Erbauer der Pyramiden), die Minoer (mit Wasserklos im Palast des Minos) - das waren die Frontleute des Fortschritts.
Nun treten jäh auch aus dem nordischen Hain Mathematiker und gewiefte Kosmologen. Nebra beweist: In Ur-Germanien lebten kleine Einsteins.
Ab dem 6. Dezember wird die neue Sicht auf Deutschlands Vorgeschichte in Berlin zu bewundern sein. Dann eröffnet dort die große Prachtschau "Menschen, Zeiten, Räume". Erstmals seit 1889 haben sich alle archäologischen Landesämter Deutschlands zusammengetan, um das Erbe der Vorväter zu ehren. Erwartet wird ein Besucheransturm.
Auch die neuen Highlights der Archäoastronomie sind im Berliner Gropius-Bau vertreten. Freigestellt in einer großen Glasvitrine wird Menghin seinen Goldkegel präsentieren. Und auch der Nebra-Diskus kommt an die Spree - im Panzerwagen mit Polizeibegleitung.
So ändern sich die Zeiten. Bislang stand die Archäologenzunft eher auf Kriegsfuß mit den Sternen. Nur in Großbritannien, wo der Oxforder Professor Alexander Thom bereits in den siebziger Jahren große Werke über Archäoastronomie verfasste, genießt das Spezialgebiet einen besseren Ruf.
Hier zu Lande dagegen wurde das Feld Spinnern überlassen. Angeführt vom Flintstein-Kosmonauten Erich von Däniken umgarnten diese Wirrköpfe Monumente wie Stonehenge oder die Pyramiden mit Schwulst und abenteuerlichen Theorien.
Elektrowägelchen lässt Ägyptens Antikenchef Zahi Hawass durch Pyramidenschächte rasen, die angeblich auf die Gürtelsterne des Orion ausgerichtet sind. Frisch auf dem deutschen Buchmarkt: "Hochtechnologie und Raumfahrt vor 29 000 Jahren".
"Schauen Sie!" Meller öffnet einen Aktenordner mit Briefen. Die Himmelsscheibe von Nebra sei ein Beleg, dass einst Götter mit "einem Sternenschiff aus dem Bereich der Plejaden kamen", heißt es da. Sie sende "kosmische Strahlen" aus, weiß ein anderer. "Bild" fragte: "Landeten Ufos auf dem Mittelberg?"
Doch Naserümpfen hilft nicht. Ein Blick in die frisch gefüllten Museumsdepots zeigt, wie sterntrunken die Vorzeit war. Der Berliner Prähistoriker Rainer-Maria Weiss warnt zwar vor "Irrwegen". Doch er leugnet nicht: "Uns tut sich eine völlig neue Spur auf."
Und die führt nach Norden, ins Nebelland - zum Beispiel zu den Externsteinen. Wie monströse Spargel ragen diese knapp 40 Meter hohen Felstürme aus Sandstein bei Detmold aus dem Boden.
Grotten sind in die Felsen geschlagen, überall sind Schrammen und Hiebspuren zu sehen, Geweihbecken, Sargnischen und künstlich herausgeschlagene Räume. Hier sei "Walhall auf Erden", behaupteten die Nazis, oder sie sprachen vom "Thron Wotans", in dessen Kavernen einst magische Riten abgelaufen seien.
In der Walpurgisnacht und zur Sonnenwende (am 21. Juni) belagern Tausende das "Gestirnsheiligtum". 16 Menschen sind in den letzten Jahren, verzückt auf den Klippen herumkrabbelnd, zu Tode gestürzt. Ein Mann schnallte sich Feuerwerkskörper an den Gürtel, übergoss sich mit Spiritus und ließ sich als lebende Fackel in die Tiefe fallen.
Die Forschung machte einen Bogen um den Ort. Zuletzt grub 1934 Julius Andree am Fuß der Türme. Das Fundmaterial ist verschollen. Eine Dissertation, die im Dezember die Historikerin Uta Halle vorstellt, wischt alles Brimborium vom Tisch: Vorchristliche Spuren seien an den Externsteinen nicht sichtbar.
Doch die Einschätzung ist falsch. Unterstützt vom örtlichen Alpenverein und dem THW, ließen sich der Astronom Schlosser und der akademische Steinmetz Ulrich Niedhorn an den zerklüfteten Felsen hochhieven. Sie legten verblüffende Resultate vor.
Zuerst untersuchte das Team den etwas abseits stehenden "Falkenstein". Auf seiner Spitze befinden sich sechs Sitzschalen mit Fußrasten und Rückenlehne - Beobachtungssitze von prähistorischen Sternguckern.
Sodann untersuchten die Männer die "Höhenkammer". Die künstlich in den Stein gehämmerte Halle ist nur über eine gewölbte Brücke in über 20 Meter Höhe zu erreichen. Dort gähnt das "Sonnenloch", durch das exakt am 21. Juni die aufgehende Sonne strahlt. An den Rändern weist die Öffnung "Prellhiebe" auf - typische Schlagspuren prähistorischer Steinäxte.
Fast 100 Kubikmeter Schutt hämmerten vorzeitliche Handwerker allein aus der Höhle am Fuß des Zentralfelsens. Der Raum daneben schimmert rot - an seinen Wänden züngelten einst Flammen.
Wann aber entstanden die Felskavernen? Um das Rätsel zu lösen, bohrten Forscher vom Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg Proben mit Gesteinsmehl aus den Wänden und datierten es mit der Thermolumineszenz-Methode. Ergebnis: In den Grotten brannten zwischen 1500 und 500 v. Chr. wahre "Höllenfeuer".
Dienten die Höhlen als Krematorien? Oder wurden sie durch "Brandsprengung" hergestellt, wie Schlosser spekuliert?
Im Faltblatt, das Besucher am Kartenhäuschen erhalten, werden die Resultate verschwiegen. "Wir haben schon genug Ärger am Hals", erklärt der Leiter des Landesmuseums in Detmold Rainer Springhorn. Von heidnischen Planeten- und Mysterien-Shows, die an den Externsteinen abgehalten worden sein sollen, will er nichts wissen.
Trotzdem lässt es sich nicht leugnen: Eine laut Niedhorn "unentwirrbare Abfolge von Auflagern und Einschublöchern für Balken" zieht sich über die Felsen. Es waren Kletterhilfen, an denen vermutlich einst Schamanen zur Sternenschau emporstiegen.
Auch das Rätsel der "Megaskulpturen" scheint gelöst. Sechs riesige Figuren prangen an den Felsen. Es sind natürliche Formen, die in heidnischer Zeit mit gezielten Hieben ausgestaltet wurden. Die größte dieser Figuren, der "Hängende" (Höhe: 18 Meter), weist am Kopf und am rechtem Arm Spuren einer "Bossierung" auf. In Höhe der Leber wurde der Figur eine tiefe Wunde gemeißelt.
Der Astronom Schlosser bringt den Koloss mit dem Mythos von Prometheus in Verbindung: Der griechische Titan, der das Feuer stahl, wurde zur Strafe von Zeus an einen Berg geschmiedet, wo ihm ein Adler an der Leber fraß. Sind die Astronomen demnach einem paneuropäischen Mythos auf der Spur?
Keine Frage, den Archäologen bietet sich ein abenteuerliches Panorama. Während Schmiede bei Nebra Mondatlanten dengelten, betrieben 230 Kilometer entfernt germanische Priester bei Detmold eine Sternwarte, als wär''s das Hubble-Teleskop vom Drachentöter Siegfried. Was da genau in der kalten Urheimat der Deutschen ablief, ist längst nicht geklärt. Die Externsteine, Magnet für kultige Runenfans aller Couleur, waren bislang mit einem Forschungstabu belegt. Während in Stonehenge jedes Gramm Erde umgewühlt wurde, ist über das deutsche Zentrum der "schwarzen Romantik", wie die "Frankfurter Allgemeine" schreibt, kaum etwas bekannt.
Das wird sich ändern. "Die Scheibe von Nebra hat das Thema Archäoastronomie schlagartig hoffähig gemacht", meint Meller. "Jetzt muss die Spatenzunft ran."
Damit ergibt sich für die Wissenschaftler ein völlig ungewohnter Blick. Statt, wie gewohnt mit buckeligem Rücken im Boden zu stochern, gilt es, die Stirn zu heben - zum Himmelszelt.
Etwa 2000 Fixsterne, so viel ist sicher, boten sich dem Ureuropäer in üppigem Glanz am Nordhimmel. Kometen stürzten daraus hervor, in steter Folge schwoll und schwand der Mond, mal war er rot und rund, mal eine Sichel.
Schon Homo Feuerstein versuchte, dem Firmament Sinn und Bedeutung einzuhauchen. Aus dem nächtlichen Gefunkel formte er vor seinem geistigen Auge Figuren. 88 Sternbilder kennt die moderne Astronomie. Die ältesten bezeichnen Heroen oder Tiere, aber keine Pflanzen. Damit, so Schlosser, ähneln sie dem "Bildinventar eiszeitlicher Höhlen".
Erntedank, Weihnacht, das keltische Beltain am 1. Mai - all das sind uralte Feste. Der Mond war der Taktgeber der Vorzeit. Aus den Sternen destillierte der Mensch seine Götter.
Wann genau sich die Geburt der Astronomie vollzog, ist allerdings umstritten. Im Geißenklösterle, einer Höhle bei Ulm, in der schon vor 30 000 Jahren menschliche Clans lebten, kam ein Elfenbeinrelief mit einer betenden Figur zu Tage. Auf der Rückseite sind vier Reihen mit Kerben eingeritzt, die der Tübinger Prähistoriker Hansjürgen Müller-Beck als "lunisolaren Kalender" deutet. Doch erst bei den Bandkeramikern ist astronomisches Wissen unumstritten nachgewiesen. Diese ersten Ackerbauern Europas, die um 5500 v. Chr. den Kontinent eroberten, kannten bereits das kleine Einmaleins der Himmelsmechanik (siehe Grafik Seite 196).
Schon um zum richtigen Zeitpunkt säen und ernten zu können, brauchten die Landwirte verlässliche Orientierungspflöcke am Himmel. Es galt die Eisheiligen zu beachten und den richtigen Zeitpunkt zur Besamung der Kuh abzupassen, damit das Kalb nicht im Winter geboren wurde, wenn das Futter knapp war.
Mit Sicherheit kannten die Bauern bereits den Mondmonat (29,5 Tage) und das Sonnenjahr (365,24 Tage). Doch die Bandkeramiker hatten noch weit mehr drauf. Schlosser geht davon aus, dass sie durchaus die "Grundbegriffe der elementaren Mathematik und Physik" beherrschten.
Akkurat bis zur Pedanterie, das ergab eine Untersuchung an 5000 vorzeitlichen Gräbern, nordeten die Vorväter ihre Toten ein. Streng nach Himmelsrichtung legten sie die Verstorbenen meist in Hockstellung mit Keramik und kleinen Weihegaben in der Erde ab.
In der Zeit der Linienbandkeramik (um 5000 v. Chr.) wurde die Ost-West-Lage bevorzugt. In anderen prähistorischen Nekropolen wiederum sind die Skelette exakt zum Sirius ausgerichtet. Die Abweichung von den Haupthimmelsrichtungen liegt im Schnitt unterhalb von drei Grad.
Für solch eine pingelige Peilung reicht der Schattenstab nicht aus. Weil die Sonne mittags einen sehr flachen Bogen durchläuft, ist ihr Höchststand und damit die Südrichtung schwer zu ermitteln. Messfehler von etwa fünf Grad sind die Folge.
Die Experten sind daher sicher, dass die Bandkeramiker bereits den "Indischen Kreis" kannten. Für diese Methode werden ein Stock und ein Seil benötigt, vor allem aber geometrische Grundkenntnisse. Ähnlich akrobatisch errechneten sie den Tag der Wintersonnenwende am 21. Dezember.
Auch die Wanderung der Sterne war den alten Europäern gut bekannt. Weil der blaue Planet schief durchs Weltall rollt, sind Sirius oder Orion nur zu bestimmten Zeiten am Firmament sichtbar. An dieser kosmischen Uhr, der "erst- beziehungsweise letztmaligen Sichtbarkeit ausgewählter Sternenbilder", so Schlosser, hätten die Bauern der Jungsteinzeit ihre Feldarbeit ausgerichtet.
Belegt wird das Astro-Wissen der Bandkeramiker auch durch ihr bauliches Erbe. Mit Geweihschaufeln hoben sie mächtige Erdwerke aus, die "Kreisgrabenanlagen". Deren Südost-Tore weisen häufig in Richtung der ersten Sonnenstrahlen am Tag der Wintersonnenwende.
Bis nach Polen und Ungarn finden sich die Rondelle. Die größte Anlage liegt in der Slowakei. Der Bau bei Künzing in Bayern hatte Palisaden mit 2000 Eichenstämmen, dick wie Telefonmasten. Bei Kyhna in Sachsen liegen gleich vier der Tempel Tor bei Tor.
Besonders spannend wirkt die aktuelle Grabung in Nickern, einem Stadtteil von Dresden. Umgeben von Planierraupen steht der Archäologe Harald Stäuble in einem Graben und zeigt auf Verfärbungen im Bodenprofil. Bei Baggerarbeiten für die Bundesautobahn 17 sei das urzeitliche Sonnenrund angestochen worden, erzählt er, "sein Durchmesser beträgt 125 Meter".
Bei Wind und Wetter treibt Stäuble die Notgrabung voran. Was besonders erstaunt: Die Anlage besaß gleich vier konzentrische Ringgräben. Etwa 4000 Kubikmeter Erde mussten die Urbauern mit ihren primitiven Schippen bewegen, bis der Zwiebeltempel fertig war.
Nur, wieso? Warum schufen einfache Bauern solche Superarenen? Die Palette der Deutungen reicht weit, von "Lichtzeiger-Instrumente" über "Sportplätze" bis hin zu "geheime Orte für männliche Initiationsriten".
Fakt ist, dass den meisten der Erdwerke ein astronomischer Bauplan zu Grunde liegt. Bei gutem Wetter blitzte am 21. Dezember die Sonne wie ein Diamant am Horizont und warf ihre ersten Strahlen direkt durch das Südosttor ins Zentrum der heiligen Stätten.
Damit rühren bereits die Bandkeramiker an ein Urmotiv, das sich durch fast alle Weltreligionen zieht: Der Mittwinter galt als Tag einer mystischen Wende. Immer müder und flacher zieht im Spätherbst das Zentralgestirn seine Bahn, alles erstirbt. Der 21. Dezember leitet die Umkehr ein - Symbol für Wiedererweckung und Auferstehung und den ewigen Kreislauf der Natur.
Hinweise auf eine Priesterkaste liegen für diese frühe Zeit allerdings nicht vor.
Es gab nicht mal Fürsten. Wie Urkommunisten lebten die Clans in bis zu 50 Meter langen Reetdachkaten. Ohne Unterschied wurden Mann und Frau bestattet.
Und auch in der nächsten Phase der Frühgeschichte lebte der Homo sapiens in unvorstellbarer Härte. Die Lebenserwartung lag noch immer bei nur 30 Jahren. Die Hälfte der Bevölkerung war unter 21 Jahre alt. Frauen hatten im Schnitt 4 bis 5 Kinder. Jede 16. Geburt endete für sie tödlich.
Gleichwohl schufen diese Menschen Ungeheures. Nach der Bauwut in Sachen Kreistempel, die nur etwa 150 Jahre währte, schoben die Ureuropäer neue heroische Projekte an: Die Megalithkultur wurde geboren.
Bereits ab 5000 v. Chr. kollerten die ersten Findlinge, von Baumstämmen und Hebelstangen gewuchtet, durch Spanien und die Bretagne. Tonnenschweres Geröll wurde zu Hinkelsteinen ("Menhire"), Steintischen ("Dolmen"), Kreisen ("Cromlechs") oder wuchtigen Langgräbern aufgetürmt. Um 4000 v. Chr. schwappte der Kult nach Britannien, wenig später erreichte er die norddeutsche Tiefebene.
7,6 Meter hoch ist der größte Menhir Englands, der monströse "Gollenstein" im Saarland ist kaum niedriger. Weit über 10 000 Hünengräber ragten in den Ebenen Nordeuropas empor, ehe die pflügenden Bauern der Neuzeit die meisten von ihnen aus dem Weg räumten.
Schattenspiele und Peillinien zuhauf konnten die Forscher an den Megalith-Denkmälern nachweisen. Im Mausoleum Newgrange bei Dublin fällt am Mittwintertag das Licht der aufgehenden Sonne direkt durch den finsteren Grabgang - als könnte es den Toten erwecken.
Andreas Hänel vom Planetarium in Osnabrück hat 44 norddeutsche Hünengräber mit dem Kompass neu vermessen. Ihre Eingänge sind nach Süden ausgerichtet.
Chaotischer stellt sich die Situation am Golf von Morbihan in der Bretagne dar. Dort lag dem Münchner Forscher Volker Bialas zufolge die "megalithische Metropole Europas". Mit über 6000 Menhiren, Prozessionsalleen und Steinhügel, ist das raue Land übersät.
Erst seit einigen Jahren widmet sich das französische Kulturministerium intensiv jenem Winkel des Landes, wo laut Comic das Dorf der widerspenstigen Gallier um Asterix lag. Mit Kompass und GPS wurden die Anlagen eingemessen.
Der größte Brocken, der Grand Menhir Brisé, liegt zerbrochen bei Locmariaquer. 20,4 Meter ragte das Ungetüm einst in die Höhe, das nach Ansicht von Forschern als "Visurkorn" zur Sternenpeilung diente. Analysen ergaben, dass der in vier Teile zerbrochene Riese aus Orthogneis besteht und aus der Ferne herangeschleppt wurde. Sein Gewicht liegt bei 350 Tonnen.
Auch die Verkeilungsgrube, in der der Klotz einst wie ein Leuchtturm stand, konnte nachgewiesen werden. Dabei zeigt sich: Der Menhir war der letzte von 18 Felsnadeln einer Allee.
Solche Steinreihen gibt es in Carnac zuhauf. Die längste umfasst 1050 Menhire. Fast alle sind nach Westen ausgerichtet, wo die Sonne im Atlantik ertrinkt. Womöglich war Carnac ein riesiger Leichen-Highway, den die Hinterbliebenen im Trauermarsch abschritten. Bialas glaubt: "Jeder Hinkelstein war ein Ersatzleib der Totenseele."
Wie ein unleserliches Buch präsentiert sich die Steinzeit: Krakelzeichen, wirre Linien, Kritzeleien haben die Bewohner des heidnischen Nordens hinterlassen - aber keine Schrift.
Selbst um Stonehenge, die bekannteste und besterforschte Stätte jener Epoche, hüllt sich eine Wolke aus Unwissen. Mondcomputer, Landebasis für Raketen, Tanzplatz von Druiden - was für Irrsinn ist in dieses Bauwerk hineingeheimnist worden.
Gesichert durch moderne Datierungstechniken ist immerhin, dass die Arbeit an dem Heiligtum um 3000 v. Chr. begann, erst aus Holz, dann, 400 Jahre später, aus Stein. Auf dem Seeweg, aus Wales, mit wuchtigen Flößen, holten die Bauleute die Blausteine heran. Noch in christlicher Zeit galt der fleckig gefärbte Stein als heilkräftig.
Kaum aufgestellt, wurden die Brocken wieder abgebaut. Nun verlegten sich die Architekten auf Sandstein. Über 40 Tonnen schwere Quader rollten sie auf Baumstämmen heran und arrangierten sie in Dreierblöcken. Drei Hauptbauphasen durchlief die Anlage, ehe sie um 1600 v. Christus endlich fertig war.
Vieles spricht dafür, dass sich die Erbauer von Stonehenge am Nachthimmel orientierten. Die außerhalb des Steinkreises stehenden "Station Stones" bilden ein Fadenkreuz, das auf die "Mondextreme" weist. Diese Meinung vertritt nun auch offiziell die britische Antikenbehörde.
Gleichwohl setzt diese These fast Unglaubliches voraus. Weil die Mondbahn um fünf Grad gegen die Erdbahn geneigt ist, eiert der Trabant unruhig und auf einem schwer durchschaubaren Kurs am Horizont herum. Zuweilen geht er extrem weit im Norden unter. Der gesamte Zyklus wiederholt sich alle 18,6 Jahre - mehr als die halbe Lebenserwartung eines Steinzeitmenschen.
Offiziell wurde das Phänomen 432 v. Chr. von dem griechischen Astronomen Meton erstmals beschrieben. Doch auch die Erbauer von Stonehenge, das zeigen die neuesten Untersuchungen, müssen das Intervall bereits gekannt haben. Bestätigt wird die These auch durch Untersuchungen an einigen irischen Steinkreisen und durch Spuren an den Externsteinen. Sie peilen ebenfalls die Mondextreme an.
Bärtige Meister in Wollkutten, umringt von Schülern, die mit Stricken, Pflöcken und verwitterten Steinnadeln den Horizont vermaßen - so mag man sich den Zirkel der Vorzeit-Kosmiker vorstellen. Jede Erkenntnis, jede neue Sternenformel wurde von den Priestern in gereimte Verse verwandelt und der Jungschar eingetrichtert - so jedenfalls pflegten später ihre Nachfahren, die Druiden, ihr sakrales Wissen zu überliefern.
Auch die Scheibe von Nebra und die darauf abgebildeten Horizontbögen machen klar, wie akribisch die Urgermanen den Kosmos durchmusterten. Sie setzen "generationenlange Beobachtungen" (Meller) voraus.
Gleichwohl wabert um diese Ansichten immer ein Hauch von Spekulation. Nur Ägypten, das große Reich der Pharaonen, hat auf Papyrus und Grabbildern schriftliche und damit unzweideutige Beweise für das astrale Know-how in der Steinzeit hinterlassen.
Star am Himmel über dem Nil war Sopdet, der Sirius, dessen erster Aufgang am sommerlichen Himmel mit der Nilschwemme zusammenfiel. Die Planeten Mars, Jupiter, Saturn und Venus hatten Namen und Funktion im Kultus. Selbst der Merkur, der immer nur kurze Zeit am Firmament auftaucht, wird in den Papyri erwähnt.
Auf drei Bogenminuten genau ist die um 2600 v. Chr. errichtete Cheopspyramide gen Norden ausgerichtet. Der Kölner Christian Leitz geht sogar davon aus, dass die Ägypter bereits ab 1500 v. Chr. Überlegungen zur Berechnung des Erdumfangs anstellten. Entsprechende Passagen finden sich im Unterweltsbuch Amduat.
Und dann der Sonnenkult: In allen erdenklichen Formen war er in Ägypten präsent. Auf Grabkammern und an Tempeln prangten Re, Aton, Atum - alles Lichtgötter. Der König selbst wurde mit dem großen Leuchtgestirn identifiziert.
Womöglich wurde das kalte Germanien von dieser Solar-Manie angesteckt. Kultureller Austausch zumindest ist belegt: In England stießen die Archäologen auf Schmuck aus dem Pharaonenland; in Luxor wiederum fand sich Bernstein von der Ostsee.
Tatsache ist, dass in der Bronzezeit die Sonne auch in Europa zum zentralen Symbol aufstieg. Offensichtlich bildete sich eine Kaste sakraler Würdenträger heraus, deren Kleidung überreich mit Sonnen, Mondsicheln und kleinen Sternen bedeckt war.
Auf Hängebecken und Amphoren prangen diese Kreis- und Noppendekors. Einer der prominentesten Funde, der Sonnenwagen von Trundholm, zeigt - analog zum ägyptischen Mythos -, wie ein Pferd die Sonne zieht.
Auch auf den Schalltrichtern der Luren finden sich Sonnensymbole. Womöglich wurden diese langgezogenen Kulttröten, die wie Alphörner klingen und lange warme Töne erzeugen, bei den Astralriten eingesetzt.
Besonders ein bestimmter Brauch in der Zeit ab 1500 v. Chr. kommt heute den Forschern zugute: Statt die feinen Zeremonialgewänder der Astro-Priester einzuschmelzen, wurden sie fein säuberlich vergraben. In Frankleben lagen über 300 Bronzebumerangs, gedeutet als "Mondsicheln", im Boden, alle zusammen akkurat verpackt in Tongefäßen. Absichtsvoll versenkten Priester Zepter, Capes und reine Zierwaffen wie die "Prunkschilde von Herzsprung" ins Erdreich.
Allein auf dem Bullenheimer Berg, einem Tafelberg bei Würzburg, wurden in den letzten Jahren 18 Horte entdeckt. Zwölf weitere Funde, so die Schätzung, wanderten in dunkle Kanäle. In Hessen und Bayern ist die Schatzgräberei legal.
Die Himmelsscheibe von Nebra ist die letzte und spektakulärste Entdeckung dieser Art. Nur mit Schaudern erinnert sich Meller an das Finale der Raubgutgeschichte: Stundenlang saß er mit der Vermittlerin Hildegard Burri-Bayer, einer Verfasserin esoterischer Romane, die bei Neuss eine "Historia"-Gaststätte betreibt, bei Bier und Tintenfisch in deren Kneipe und besprach die Details einer Übergabe.
Schließlich um zwei Uhr nachts einigte man sich, zunächst in Basel eine Echtheitsprüfung durchzuführen. Dann sollte Geld fließen: 380 000 Euro.
Am 23. Februar, mitten in heftigem Schneegestöber, erreichte Meller verspätet den Bahnhof von Basel. Um sechs Uhr morgens klingelte ihn die Schweizer Polizei aus dem Hotelbett. Die Operation Sternenscheibe sei angelaufen, "aber die Zielperson noch nicht erfasst".
Gegen zehn Uhr meldete sich Burri-Bayer telefonisch und nannte den Treffpunkt: ein Tagungsraum im Hotel Hilton. "Kommen Sie Punkt 11 Uhr", s c hnarrte es aus dem Handy. Meller packte seinen Probenkoffer für den metallurgischen Schnelltest und eilte los. "Überall im Foyer standen Zivilbeamte", erinnert er sich.
Entschlossen schritt der Archäologe über den weichen Flurteppich des Nobelhotels, als plötzlich Burri-Bayer aus einer Seitenflucht an den Museumschef herantrat und ihn blitzschnell ins Untergeschoss lotste. Die Polizei war abgeschüttelt.
In der Kellerbar wartete ein hagerer Mann, etwa 60 Jahre alt, mit grimmem Blick. Meller fühlte sich jetzt "ziemlich allein". Zuerst legte der Mann, ein Oberstudienrat, ein Prunkschwert auf den Tisch. Dann knöpfte er das Hemd auf und wickelte aus einem um den Bauch gebundenen Handtuch den Sternenteller. Schwer wog das Stück in Mellers Hand. Der wusste sofort: "Die Scheibe ist echt."
Nur wo blieb die Polizei? Der Forscher eilte aufs Klo. Das entpuppte sich allerdings als Funkloch fürs Handy. Schließlich gelang ihm in einem Winkel des Aborts bruchstückhaft Kontakt mit den Behörden herzustellen. Kaum zurück am Tisch, umringten sechs Herren in Zivil denselben. Aus, vorbei, der Coup war gelungen.
Während die Schieber nun auf ihre Anklage warten, streiten sich die Forscher weiter über die Funktion der Scheibe. Wurde sie als riesenhafter Button getragen? War sie Teil eines Götterbilds?
Die Laboranalysen zeigen, dass die Herstellung des Himmelsatlasses mehrere Phasen durchlief. Zuerst fertigte der Schmied Vollmond, Sichel und Sterne. Erst später dengelte er die Horizontbögen auf die Scheibe. Dabei verdeckte er zwei Sterne, wie Röntgenaufnahmen zeigen.
Was aber verbirgt sich hinter den unzähligen Noppen, Sicheln und Kreisen auf den Goldhüten der Himmelspriester? Einige Experten glauben, dass die Symbole auf den Edelkleidern eine geheime Botschaft enthalten.
Ein astronomisch inspiriertes "Codesystem", so vermutet die Archäologin Bettina Stoll-Tucker, sei in den Gnubbeln gespeichert, deren Entzifferung "nur Eingeweihten" vorbehalten war.
Besonders rührig verfolgen die Forscher Jens May und Reiner Zumpe diese Idee. Ob Pott, Hut oder Schild, überall wo dekorierte Bronzen des 13. bis 8. vorchristlichen Jahrhunderts auftauchen, fangen die beiden Archäologen aus Brandenburg an zu zählen.
"Synodische Monate", "Sonnenjahre", überall offenbaren sich den Experten sinnträchtige Intervalle. Die Bronzeschilde von Herzsprung, verziert mit 707 Erhebungen, deuten sie als "Mondkalender", die Prachtamphore von Seddin als einen Kultpott mit "lunisolaren" Zeichen.
Nicht alle Kollegen verfolgen Mays und Zumpes Rechenexerzitien mit Wohlgefallen. So heißt es in ihrem jüngsten Werk: "Aus der Summe dieser Abschnitte und der Zuzählung von jeweils drei oder zwei mal drei Buckeln, die sich auf den Henkelverbreiterungen befinden, können annäherend drei synodische Mondmonate (absolut: 88,59 d) und drei Sonnenmonate (absolut: 91,31 d) gebildet werden (zum Beispiel Herzberg: 42+43+3=88 und 42+43+3+3=91).""Das ist Stuss", kommentiert ein Kollege.
Doch auch Menghin ist inzwischen der Idee verfallen. Er hat auf dem Berliner Goldhut 1739 Zeichen in 19 Linien gezählt, darunter Kreissonnen und liegende Mondsicheln - die er mittels "Schaltzonen" zu einer kalendarischen "Logarithmentafel" erklärt.
So umstritten diese Nummernakrobatik im Einzelnen auch sein mag - Einigkeit besteht, dass einst weise Priester mit goldenen Hüten Anführer eines in Nordeuropa weit verbreiteten Astralkults waren. May nennt sie "Herrscher über die Zeit". Gerloff meint: "Die Hüte symbolisierten heiliges Wissen."
Nur zu gern würden die Forscher mehr über die Religion dieser Zauberer wissen. Doch leider war das verlässlichste Informationssystem, die Schrift, im alten Europa unbekannt. Mondextreme wussten die nordischen Magier zu berechnen - Buchstaben kannten sie nicht.
Gleichwohl könnte sich den Fachleuten eine Brücke in die Vorzeit auftun: Vielleicht, so ihre Hoffnung, war der inzwischen verschollene Sinn der Sternenreligion den Druiden noch geläufig. Diese heiligen Männer der Kelten tauchen um 500 v. Chr. aus dem geschichtlichen Dunkel auf. Antiken Berichten zufolge trugen sie weiße Gewänder und schnitten Misteln von Bäumen.
Auch Cäsar erwähnt die keltischen Seher: "Ihre Hauptlehre ist, die Seele sei nicht sterblich, sondern gehe von einem Körper nach dem Tode in einen anderen über", schreibt der Feldherr in seinem "Gallischen Krieg". "Auch sprechen sie ausführlich über die Gestirne und ihre Bewegung, über die Größe von Welt und Erde."
Ähnliche Hinweise liegen von Hekataios vor. "Gegenüber der Küste des keltischen Galliens", schreibt der Grieche, liege eine Insel mit einem "bemerkenswerten Tempel von runder Form". "Auch wird berichtet, dass der Mond auf der Insel sehr nahe erscheint. Und dass Apollon die Insel alle 19 Jahre einmal besucht, in welcher Frist die Sterne ihre Umlaufbahnen vollenden."
Ist da Stonehenge gemeint? Der Hinweis auf den Metonischen Zyklus jedenfalls ist kaum zu leugnen.
Doch auch die Druiden-Quellen sind insgesamt spärlich. 61 n. Chr. ging es den Magiern endgültig an den Kragen. Der römische Feldherr Paulinus ließ in der Provinz Britannia die heiligen Haine fällen. Die Druiden, Träger des politischen Widerstands, starben zu Hunderten.
So sind viele geschichtliche Spuren verwischt worden, die Auskunft über den Sternenkult der Bronzezeit hätten geben können. Funde sind verschollen, andere wurden verhökert oder eingeschmolzen.
Erst moderne Hightech-Verfahren bieten nun die Chance, 3000 Jahre nach dem Niedergang der Urväter von Harry Potter deren Himmelszauber wiederzubeleben. Wenn der Protonenbeschleuniger von Rossendorf die Goldisotope ermittelt hat, wird klar sein, aus welcher Mine der Astro-Schmied von Nebra sein Gold bezog.
Und auch die Grabung bei Nebra, draußen an der Sternwarte, dürfte noch einige Überraschungen bringen. Noch wuchert Erde und Wurzelwerk über der vorzeitlichen Beoachtungsstation. Vielleicht liegen hier im Boden Instrumente, Peilsteine und anderes Astro-Gerät verborgen.
Im kommenden April will Meller seine Spatentrupps wieder in den Forst schicken, um das Ur-Observatorium freizulegen. Für das Jahr 2004 plant er einen internationalen Kongress.
Archäologen blicken auf der zeitlichen Achse in die Ferne, Astronomen auf der räumlichen. Nun müssen sie sich zusammentun, um die neuesten Entdeckungen in gesicherte Deutungsmodelle zu überführen. "Wir brauchen unbedingt die Hilfe von den professionellen Sternenleuten", meint der Vorgeschichtler Weiss.
Die Zeit der Spinner jedenfalls ist vorbei. "Nebra ist der Schlüsselfund der Archäoastronomie", sagt Meller und schiebt seinen Edeldiskus vorsichtig in den Panzerschrank zurück: "Endlich haben wir eine sichere Fährte."
Sie führt direkt zu den Sternen.
MATHIAS SCHULZ
* Mit Mitarbeiter im Tresorraum des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle. * Beifund der Himmelsscheibe.
Von Mathias Schulz

DER SPIEGEL 48/2002
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