25.11.2002

MEDIKAMENTESchnitt durch die Kehle

Das Malaria-Mittel Lariam steht im Verdacht, Touristen in den Selbstmord zu treiben. In Amerika muss der Hersteller davor warnen, in Deutschland nicht.
Es sind Urlaubsberichte, aber für Postkarten taugen sie nicht: "Verlust von Realitätsbezug", heißt es über einen 35-jährigen Indien-Touristen. Oder: "Mehrmals täglich starke Angst mit Todeswünschen" über einen anderen. Und über eine 29-jährige Reisende: "Angst, verrückt zu werden; Suizidgedanken".
Autoren der Berichte sind Ärzte, zu finden sind sie in der Datenbank des pharmakritischen "Arznei-Telegramms". Allen Reisenden ist gemein, dass sie das Malaria-Mittel Lariam eingenommen haben - ein möglicher Grund ihrer Angst-Psychosen.
Eigentlich war die Entdeckung von Mefloquin, dem Wirkstoff von Lariam, ein großer Segen. Besonders in Afrika und Südamerika hatten sich bei dem Malaria-Erreger Resistenzen gegen die gängigen Mittel gebildet. Lariam war die letzte Waffe gegen das heimtückische Tropenfieber, deshalb schlucken Tausende von Fernreisenden jede Woche eine Lariam-Tablette.
Doch in den USA ist Lariam in die Schlagzeilen geraten, weil sich Berichte von Selbstmordfällen häuften. Selbsthilfegruppen traten auf den Plan. Der Lariam-Hersteller Hoffmann-LaRoche musste zugeben, der Hinterbliebenen eines AfrikaTouristen Schweigegeld gezahlt zu haben.
Seit diesem Sommer prüft das US-Verteidigungsministerium die Rolle des Medikaments bei einer rätselhaften Mordserie unter Heimkehrern des Afghanistan-Krieges. Vier Soldaten hatten ihre Frauen getötet, zwei von ihnen richteten ihre Waffe anschließend gegen sich selbst.
Sergeant William Wright etwa hatte während spezieller Kampfeinsätze regelmäßig Lariam geschluckt. Den Angehörigen des Elitekämpfers fiel nach seiner Rückkehr sein ungewohnter Jähzorn auf. Bei seiner Verhaftung im Juli dieses Jahres befand er sich in psychotischem Zustand.
Nun brachten die Proteste der Anti-Lariam-Aktivisten den Schweizer Pharmakonzern dazu, im Beipackzettel einen deutlichen Warnhinweis aufzunehmen: Es seien "einige Fälle von suizidalen Halluzinationen und Selbstmord berichtet" worden, heißt es dort. Bei Angst, Unruhe und Verwirrtheit solle man Lariam schleunigst absetzen, weil diese Anzeichen "als Vorläufer für schwere Ereignisse betrachtet werden können".
Gemeint sind Ereignisse wie jene, die einem 33-jährigen Holländer auf einem Trip nach Madagaskar widerfuhren. Im Glauben, an Malaria erkrankt zu sein, hatte er zwei Tabletten geschluckt. Kurz darauf plagten ihn Wahnvorstellungen und Angstzustände, so geht es aus einem Abschiedsbrief an seine Frau hervor. Tage später hatte er sich mit dem Taschenmesser die Kehle durchgeschnitten.
In deutschen Beipackzetteln jedoch findet sich ein entsprechend deutlicher Warnhinweis nicht. Während Roche in Amerika in einem Rundbrief an die Ärzte auf die veränderten Produkthinweise aufmerksam machte, heißt es in Deutschland schlicht, dass die "Patienteninformationen entsprechend der Empfehlung der deutschen Arzneizulassungsbehörden" formuliert seien.
Auf dem Beipackzettel für den Patienten findet sich kaum mehr als eine Andeutung: "Es wurde über seltene Fälle von Suizidalität berichtet", heißt es da, nur um sofort zu beteuern: "Eine ursächliche Beziehung" sei nicht nachgewiesen. "Die Selbstmordrate nach Lariam-Einnahme liegt im Rahmen des statistischen Grundrauschens", erklärt Roche-Sprecher Horst Kramer.
Neu ist der Verdacht gegen die Malaria-Pille indes nicht. Schon 1996 kam eine Studie zu dem Schluss, dass jeder 150. Lariam-Konsument mit schweren psychischen Nebenwirkungen rechnen muss. Meist setzt die neuropsychiatrische Nebenwirkung zweieinhalb Wochen nach der Einnahme der ersten Pille ein. Deswegen rät Becker-Brüser, bereits drei Wochen vor Abreise mit der Prophylaxe zu beginnen. "Dann treten die möglichen Effekte wenigstens noch in der Heimat auf."
Eine Alternative zu Lariam ist das wenig untersuchte Kombinationspräparat des Roche-Konkurrenten GlaxoSmithKline namens Malarone. Studien zufolge treten bei der Einnahme dieser Pille Schlaflosigkeit, Halluzinationen und Depressionen dreimal seltener auf als bei Lariam. Das allerdings hat seinen Preis: Malarone ist etwa dreimal so teuer wie Lariam.
Bei einigen Reisezielen rät Arznei-Experte Becker-Brüser, Lariam nicht als Prophylaxe einzunehmen, sondern als Standby-Medikament in die Reise-Apotheke zu packen und erst bei einer Malaria-Infek-tion hoch dosiert zu schlucken - in Eigenregie allerdings nur, wenn kein Arzt erreichbar ist.
Dass sich Roche auch in Deutschland zu einer veränderten Aufklärungsstrategie durchringen kann, ist seit vergangener Woche unwahrscheinlicher denn je. Noch bevor die U. S Army offiziell die Ergebnisse ihrer Untersuchung zu den Selbstmordfällen bekannt gab, ließen Militärkreise verlauten: Ein ursächlicher Zusammenhang habe nicht festgestellt werden können.
Kritiker überrascht das nicht. Denn die U. S. Army ist in der Angelegenheit nicht unbefangen: Sie hat den Wirkstoff Mefloquin im Vietnam-Krieg entwickelt. Für jede weltweit in Apotheken verkaufte Lariam-Pille kassiert sie von Roche eine Lizenzgebühr. GERALD TRAUFETTER
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 48/2002
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