02.12.2002

„Strafe für Erfolg“

SAP-Mitbegründer und Milliardär Hasso Plattner, 58, über die möglichen Begleiterscheinungen einer Vermögensteuer
SPIEGEL: Führende SPD-Politiker setzen sich dafür ein, eine Vermögensteuer einzuführen. Was halten Sie von diesen Plänen?
Plattner: Nichts. Damit kann man vielleicht Neidgefühle bei den Wählern kitzeln. Aber in Wahrheit disqualifizieren sich Politiker selber, wenn sie eine Verzehrsteuer auch auf rein theoretische Vermögenswerte fordern.
SPIEGEL: Warum?
Plattner: Aufstrebende Firmen, die noch keinen Gewinn machen, aber wegen ihrer Zukunftsaussichten an der Börse hoch bewertet werden, hätten dann keine Überlebenschance mehr. Woher sollten die Gründer das Geld nehmen, um die Steuer zu bezahlen? Zukunftsträchtige Firmen würden ganz schnell zu Übernahmekandidaten. Die Folge wäre, dass die US-Wirtschaft noch dominierender würde, als sie es ohnehin schon ist.
SPIEGEL: Ist es nicht Schwarzmalerei, so gravierende Auswirkungen auf die Vermögensteuer zu schieben?
Plattner: Natürlich ist es nicht die Vermögensteuer allein. Aber ein Staat, der die hohe Bewertung seiner Unternehmen besteuert, ist auf dem Holzweg. Das ist eine Strafe für erfolgreiche Unternehmer, die systematisch die wirtschaftliche Infrastruktur der Zukunft zerstört. Der ganze Bereich der Biotechnologie zum Beispiel wäre dann nicht mehr lebensfähig. Selbst ein Konzern wie Microsoft, der mehr wert ist als die neun größten Dax-Unternehmen zusammen, könnte in Deutschland trotz seiner hohen Gewinne nicht dauerhaft existieren.
SPIEGEL: Die Befürworter der Vermögensteuer behaupten, eine Abgabe von einem Prozent mache keinen arm. Sehen Sie das anders?
Plattner: Was ich bei einem Prozent Vermögensteuer zahlen müsste, lässt sich leicht ausrechnen. Momentan wird SAP an der Börse mit rund 28 Milliarden Euro bewertet. Da mein Aktienanteil von etwa 12 Prozent demnach 3,4 Milliarden wert wäre, würde ich mit jährlich 34 Millionen Euro Vermögensteuer veranschlagt.
SPIEGEL: Selbst diese hohe Summe würde Sie doch nicht arm machen.
Plattner: Aber dieses Vermögen habe ich doch gar nicht auf dem Konto, das steht ja nur auf dem Papier. Und das ist der entscheidende Konstruktionsfehler dieser Steuer. Alles, was ich mit meiner Arbeit bei SAP verdiene, alles, was ich als Aktionär an Dividende erhalte, reicht nicht aus, um diese Rechnung zu begleichen. Um die Steuer bezahlen zu können, müsste ich alles in allem jedes Jahr SAP-Aktien im Wert von rund 50 Millionen Euro verkaufen. Das ist so, als ob der Fiskus einem Bauern jedes Jahr zehn Quadratmeter von seinem Acker wegnimmt. Diese Art von Enteignung ist ja wohl ein Grund für eine Verfassungsklage.
SPIEGEL: Kritiker rechnen damit, dass es zu einer gewaltigen Kapitalflucht kommt, wenn die Vermögensteuer eingeführt wird. Wäre das auch für Sie denkbar?
Plattner: Kapitalflucht kommt für mich nicht in Frage. Wegen Geld gehe ich nirgendwo anders hin. Aber ich höre auf, das heißt: keine weiteren Investitionen, keine neuen Arbeitsplätze, keine weiteren Spenden mehr. Ich müsste mich von meinen SAP-Aktien trennen und würde mich ins Privatleben zurückziehen.
SPIEGEL: Ist es angesichts leerer öffentlicher Kassen nicht verständlich, dass die Superreichen einen größeren Beitrag zur Sanierung leisten sollen als Normalverdiener?
Plattner: Natürlich. Wenn ich Aktien verkaufe, soll der Fiskus zulangen und den Kapitalgewinn mit 25 Prozent besteuern. Das tut mir weh, aber ich kann es bezahlen. Meinetwegen könnte auch noch eine Steuer auf Luxusgüter eingeführt werden. In den USA zum Beispiel gibt es eine Property Tax, bei der Eigenheime mit einem geringen Prozentsatz vom Kaufpreis besteuert werden. Das ist ärgerlich für den Betroffenen, aber es bremst nicht die ganze Wirtschaft.
SPIEGEL: Die Steuer soll nach den jetzigen Plänen nicht überall in Deutschland, sondern womöglich nur in einigen Bundesländern erhoben werden.
Plattner: Das wird ein interessantes Experiment. Aber das Ergebnis kann ich Ihnen jetzt schon vorhersagen: In den Bundesländern, in denen es keine Vermögensteuer gibt, wird das Wirtschaftswachstum deutlich höher sein als im Rest der Republik. INTERVIEW:
KLAUS-PETER KERBUSK
Von Klaus-Peter Kerbusk

DER SPIEGEL 49/2002
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