02.12.2002

VEREINTE NATIONENUnser Mann in Wien

Die Uno-Atombehörde hat ein Stasi-Problem: Ausgerechnet ein bislang unentdeckter Mielke-Mann bereitet sich auf die heikle Inspektion irakischer Waffen vor.
Endlich mal einer, der es geschafft hat: Klassenprimus in der ostzonalen Provinz, Physikstudium in Dresden, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Staatlichen Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz der DDR - und dann nach Wien. Anfang 1989, ganz ohne Ausreiseantrag. Dr. Michael B. aus Quedlinburg, Bezirk Halle, ist Angestellter der Uno.
Es ist eine der wenigen ostdeutschen Traumkarrieren, die die Wende überdauert haben. "Er gerät in die Evaluierung, übersteht das Gaucken" und sitze nun im 19. Stock des A-Towers der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) am Ufer der Donau, schwärmte fälschlicherweise Anfang 1998 der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) in seinem Porträt "Ein Quedlinburger im Dienste der Uno". "Unser Mann in Wien" erklärte dem MDR-Team sein Erfolgsrezept: "Ich hatte immer das Gefühl und die innere Überzeugung, dass ich genau das Richtige tue."
Daran müssten B.s Dienstherr in Österreichs Metropole inzwischen ernste Zweifel kommen. Denn der agile Ossi hat dem SPIEGEL gegenüber eingeräumt, wofür auch Aktenreste in der einstigen Stasi-Zentrale sprechen: dass er über Jahre hinweg als IM "Martin" für den DDR-Geheimdienst Informationen geliefert hat. Und er war nicht der Einzige: Ein ehemaliger Ost-Mitarbeiter der sensiblen Behörde, welche die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags kontrolliert, war der Stasi als IM "Stauffer" zu Diensten.
Auch wenn IM "Stauffer" die Behörde inzwischen verlassen hat, kommt der IAEO die Entdeckung denkbar ungelegen. Seit wenigen Tagen sind die Inspektoren der Organisation unter Führung von Hans Blix erneut im Irak unterwegs. Und stets hatte Saddam Hussein die Uno davor gewarnt, ihm als Kontrolleure getarnte Geheimdienstleute ins Land zu schicken. B., 51, ist einer der Experten, die in den neunziger Jahren schon am Golf waren. Und nun bereitet er sich auf einen erneuten Nahost-Trip vor. Die Vorhut der Inspektoren ist schon im Irak unterwegs (siehe Seite 136) - der ehemalige IM "Martin" gehört zu jenen Experten, die demnächst nachrücken sollen.
Die Stasi-Verstrickungen ihres Personals bringen die Uno-Behörde in ernste Erklärungsnöte. Während sich in Deutschland jeder Lehrer, Polizist, Landtagsabgeordnete und Ministerialbeamte eine Überprüfung durch die Stasi-Unterlagen-Behörde gefallen lassen muss, hat die hoch sensible IAEO ihr ostdeutsches Personal nie durch die Kartei in der Berliner Normannenstraße laufen lassen. "Das ist nicht Bestandteil unserer Personalpolitik", sagt die IAEO-Sprecherin Melissa Fleming.
Dabei wären die Wiener Beamten dort recht flott auf das Aktenzeichen für den IM "Martin" gestoßen, der demnach seit 1977 für Mielkes Mannen arbeitete. Seinerzeit kontrollierte Physiker B. für das Amt für Atomsicherheit den Umgang mit dem Kernmaterial der DDR. 1987, da war er schon Reisekader für das "nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet", ging die Akte an die Spionageabteilung HVA.
In der ehemaligen DDR gibt es immer noch Menschen, die sich gern an den "exzellenten Wissenschaftler" erinnern. Einer ist Siegfried Schewski, 53, der im Berliner Osten in einem dunklen Hinterzimmer eine Künstleragentur betreibt. Als die Geschäfte noch besser liefen und die Mauer noch stand, verdiente der Träger des Kampfordens "Für Verdienste um Volk und Vaterland" seinen Unterhalt als Major in der Stasi-Hauptabteilung XVIII, zuständig für rund 20 Inoffizielle Mitarbeiter. Einer davon war IM "Martin", und mit dem verband den Geheimdienstmann eine "fast freundschaftliche Beziehung".
Denn B. sei wichtig gewesen, um Personen in den DDR-Atomanlagen zu überprüfen und Sicherheitslecks zu finden. Deshalb sei er verpflichtet worden, erinnert sich der einstige Stasi-Mann.
Dem Wissenschaftler selbst ist sein Doppelleben heute hingegen peinlich: "Es war wohl übertriebener Ehrgeiz und eine fragliche Charakterhaltung", räumt der Experte ein. Er habe niemandem geschadet und bedaure heute seine MfS-Verpflichtung. Seit Februar 1989, seinem Dienstantritt bei der Uno-Behörde, habe er jedoch keinen Kontakt mehr zur Stasi gehabt.
Eine ähnliche Geheimdienstkarriere legte auch B.s langjähriger Kollege in Wien hin: IM "Stauffer". Der Dresdner Wissenschaftler Horst M., der im Januar 1988 zur Atombehörde delegiert wurde, hatte sich 1984 schriftlich der Mielke-Truppe verpflichtet. Zwei Jahre vor seinem Auslandseinsatz übernahm die Abteilung Gegenspionage der HVA den Experten. Laut Akte erfolgte die konspirative Zusammenarbeit mit Stauffer "bis Juli/August 1989 mit der Zielstellung der Er- und Bearbeitung operativ interessanter Zielpersonen". Mitte der neunziger Jahre kündigte der Mann seinen gut dotierten Job bei der Uno. Heute arbeitet er für RWE im Kernkraftwerk Biblis.
Die laschen Kontrollen der IAEO betreffen jedoch längst nicht nur das ostdeutsche Personal an der Donau. Auch Mitarbeiter aus anderen ehemaligen Ostblock-Staaten wurden bisher nicht auf Geheimdiensttätigkeit überprüft - die Wiener Oberen glauben ihnen bislang einfach, sobald sie den Diensteid leisten.
Darin schwören die Anwärter per Unterschrift, in Ausübung ihrer Pflichten "weder von einer Regierung noch von einer anderen Behörde außerhalb der IAEO" Weisungen entgegenzunehmen. STEFFEN WINTER
Von Steffen Winter

DER SPIEGEL 49/2002
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