02.12.2002

SPIONAGEJagd auf die Zahlensender

Wer Geheimdienste live erleben will, muss nur das Radio einschalten: Auf Kurzwelle sind verschlüsselte Botschaften an Agenten zu hören. Funk-Amateure fangen den Spuk im Äther auf.
Jochen Schäfer, 30, wusste genau, auf welcher Frequenz er lauern musste: 4270 Kilohertz. Punkt 22.00 Uhr am ersten Donnerstag im November empfing er das Signal aus der Schattenwelt - den Ton H in drei aufsteigenden Oktaven. Dann meldete sich eine mechanische Frauenstimme: "Achtung, Achtung". Monoton folgten Zahlen in Fünfergruppen: "7 0 2 4 0 - 2 8 2 1 1 - ..." Nach einigen Minuten verabschiedete sich die Unbekannte mit "Ende, Ende".
Exakt so hatte es Schäfer erwartet. Er kennt die Gepflogenheiten des Senders, den er unter dem Kürzel "G04" in seinem Logbuch führt - G für "German", deutschsprachig. Vor einem Vierteljahrhundert, noch bevor er in die Schule kam, begann der Marburger zwischen den bekannten Radioprogrammen nach Geisterstimmen zu fahnden - mit reichlicher Beute: Rund um den Globus spuken Hunderte "Zahlensender" durch die Kurzwellenbänder.
Wer strahlt solchen Zahlensalat in die Atmosphäre? Wozu? Und an wen? Radio-Enthusiasten wie Schäfer sind überzeugt: Sie lauschen Agentenfunk. Und sie folgen ihrer Fährte verbissen. Nächtelang protokollieren sie abgefangene Sendungen. Akribisch vermerken sie Sprache, Zeiten und Frequenzen, vergleichen Stimmen und Aufbau der Durchsagen. In einem eigenen Jargon voller Kürzel und Codewörter tauschen sie ihre Funde im Internet aus. Schäfer, von Geburt an blind und mit einem absoluten Gehör ausgestattet, hat die Krypto-Klänge auf inzwischen 478 Kassetten archiviert.
Doch so munter die Zahlensender in den Äther plappern, so eisern schweigen ihre Betreiber. Obwohl der letzte dem Bundesnachrichtendienst (BND) zugeschriebene Zahlensender vor drei Jahren verstummte, kann man sich in Pullach zu keinem klaren Bekenntnis durchringen: Das sei "noch zu nahe Geschichte". Nur wenn er anonym bleibt, spricht ein Mitarbeiter eines Geheimdienstes Klartext: "Ja, die Zahlensender sind Agentenfunk. Die CIA zum Beispiel betreibt sie."
Selten gerät das geheime Radionetz in den Blick der Öffentlichkeit: 1988 enttarnte die britische Spionageabwehr einen Kunsthändler in London, der einen falschen niederländischen Pass auf den Namen "Erwin van Haarlem" besaß, als Informanten des tschechoslowakischen Dienstes StB. Mit seinem Küchenradio hatte van Haarlem im Verlauf von 13 Jahren 200 Zahlenbotschaften von einem Prager Sender empfangen. Entziffert hatte er sie mit Codes, die in ausgehöhlten Seifenstücken versteckt waren.
Jüngst flog wieder eine Topspionin mit Radio auf, diesmal auf der anderen Seite des Atlantik. Im März dieses Jahres gestand Ana Belen Montes, die wichtigste Kuba-Expertin der Defense Intelligence Agency in Washington, 16 Jahre lang für den Castro-Staat spioniert zu haben. Auf Montes' Laptop fanden FBI-Ermittler ein verstecktes Entschlüsselungsprogramm sowie Zahlenfolgen, die zuvor per Kurzwelle aus Kuba gekommen waren.
Nur solche Fälle liefern direkte Hinweise auf den Ursprung des Zahlenfunks. Den Rest reimen sich die Radio-Amateure zusammen. Meist kennen sie nicht einmal den Standort einer Station. Sie können die Richtung höchstens grob aus der Signalstärke schätzen.
Aber sie haben gelernt, die Absender an deren Handschrift zu erkennen. "Jeder Dienst hat sein typisches Format", erklärt der Holländer Ary Boender, "seine charakteristischen Anfangs- und Schlussansagen, seine eigene Art, sich zu wiederholen." Den israelischen Geheimdienst Mossad etwa erkennt Boender daran, dass er seine Sendungen mit Rufzeichen aus drei Buchstaben beginnt; der BND benutzte einst zwei Buchstaben. Die CIA streut gern Piepstöne in ihre Zahlenfolgen. Chinesische Sender bedanken sich artig bei ihren Hörern und wünschen ihnen einen "guten Tag".
Besonders bizarr inszenierte sich in den siebziger Jahren ein mutmaßlicher Stasi-Sender: Das Programm begann mit alpenländischem Gejodel ("Der Böllerschütz' von Mittenwald"), gefolgt von der "Internationalen" - zum Schluss einen Halbton zu tief. Die russischen Dienste machen die Botschaft selbst zur Melodie: Für jede Ziffer senden sie einen bestimmten Ton.
G04 mit seinem dreifachen H ordnen die Zahlenjäger der "Familie XIII" zu, deren Sendeanlagen sie "im Raum Budapest" vermuten. Möglicherweise bediente man sich dort einst im Tonarchiv eines Bruderstaates. Denn Jochen Schäfer kennt die G04-Stimme aus alten DDR-Botschaften: "Inzwischen leiert das Band etwas." Und das Zielgebiet? "Frequenzen und Sendezeiten sprechen für Europa", sagt Boender, "wahrscheinlich ist es Deutschland, weil G04 auf Deutsch sendet."
Notierte also am 7. November - 13 Jahre nach Öffnung des Eisernen Vorhangs - ein deutscher "Erwin van Haarlem" im Auftrag eines fremden Dienstes die Ziffern von G04 und dechiffrierte daraus seine neuen Instruktionen? Boender glaubt es, aber beweisen kann er es nicht.
Immerhin wissen die Hobby-Lauscher inzwischen, wo der wohl einzige aktive Zahlensender auf deutschem Boden steht. Der Münchner Abhörspezialist Leif Dehio, 35, hat die Antennen von "E05" (E für English) geortet. Er packte seine Radio-Elektronik ins Auto und verfolgte die Signale bis in ein Waldgebiet südlich von Frankfurt am Main.
Wo auf Karten nur ein weißer Fleck ist, stehen 20 Antennen auf einer 30 Hektar großen Lichtung, geschützt durch Stacheldraht und Elektrozaun. Kein Schild verrät den Besitzer des gespenstischen Areals. Zu hören ist nur das Dröhnen unterirdischer Generatoren.
Die Sprecherin von E05 hat in der Funkszene den Spitznamen "Cynthia", denn sie gilt als Stimme der CIA. Zwar bekennt sich das Heidelberger Hauptquartier der US-Landstreitkräfte in Europa zu dem Sender, beschwichtigt aber gleich: Die rätselhaften Emissionen dienten bloß zum Test der Antennen. Dass die CIA ihre Finger im Spiel hat, sei "pure Spekulation".
Routinetests? Die halbe Wahrheit mag das durchaus sein: Das Material muss regelmäßig geprüft und das Personal geschult werden. Extra zu diesem Zweck unterhält die CIA das "Warrenton Training Center" in den Bergen von Virginia; bis vor kurzem war Cynthia auch von dort zu hören. Und ein weiterer Teil des Funkverkehrs dient wohl nur dazu, bestimmte Frequenzen besetzt zu halten.
Wenn es dann ernst wird für die Dienste, hören auch Boender, Schäfer und ihre Mitstreiter aufmerksam zu. Seit Jahrzehnten registrieren sie, wie der Radioverkehr mit der politischen Spannung an- und abschwillt. Während des Kalten Krieges schwirrte es besonders im europäischen Äther. Über Korea gehen die Zahlen unvermindert hin und her: Der Süden garniert sie mit Gesang und Gitarre - der Norden schickt Marschmusik zurück.
Im letzten Golfkrieg 1991 kündigte sich die Operation "Desert Storm" einige Tage vorher mit vermehrten Zahlensendungen an. Als die USA im Herbst 2001 Spezialkräfte nach Afghanistan verlegten, nahm die Aktivität von E05 und anderen Sendern merklich zu. Zur selben Zeit tauchten zwei neue Zahlensender in persischer Sprache auf - im Format der russischen Geheimdienste. Auch als die Bush-Regierung Ende August ihre Irak-Invasionspläne konkretisierte, regte sich E05 auffällig.
Seit mindestens 40 Jahren kontaktieren Geheimdienste ihre Agenten per Rundfunk - und ihre Methode ist noch keineswegs veraltet: Bis heute sind Kurzwellensendungen konkurrenzlos in Anonymität und Sicherheit. Im Zickzack zwischen Erdoberfläche und Ionosphäre laufen sie Tausende Kilometer weit - ohne dass dazu verwundbare Leitungen oder Satelliten nötig wären. Und vor allem: Keine Zieladresse, Telefonnummer oder Spuren auf Webseiten verraten den Empfänger.
Da stört es wenig, wenn ein paar Radio-Freaks mithören - solange sie die endlosen Zahlenkolonnen nicht entschlüsseln können. Doch deren Inhalt interessiert Schäfer sowieso nicht: "Ein Spiel" sei es, das ihn nachts am Empfänger hält. "Jeder will eine neue Station als Erster haben."
Wer einsteigen will, hat am 5. Dezember Gelegenheit zum Üben: Um zehn Uhr abends wird G04 voraussichtlich wieder auf Sendung gehen. Frequenz diesmal: 4110 Kilohertz. TOBIAS HÜRTER
Von Tobias Hürter

DER SPIEGEL 49/2002
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