Von Neumann, Conny; Röbel, Sven; Voigt, Wilfried
Es gab Tage, da kümmerte sich der höfliche Armin M. um den Rottweiler der Nachbarn und um ihr Pony. Es gab Tage, da kam er zum Kaffee rüber, da trank er sein Bier in der Kneipe, da kellnerte er beim Familienfest eines Kollegen. Und es gab den Tag, an dem er einen Menschen schlachtete und dessen Fleisch aß. Armin M., 41, sagt heute der Polizeipsychologe, sei psychisch gesund.
Ist ein Mensch gesund, der eines der grauenvollsten Verbrechen in der deutschen Kriminalgeschichte begeht? Der den ultimativen Kick als Henker und Kannibale findet?
Was sich im Frühjahr vergangenen Jahres im Keller eines großen, baufälligen Fachwerkhauses in Rotenburg an der Fulda abspielte, macht hartgesottene Ermittler fassungslos. Und es zwingt den Blick auf die dunkelsten Hinterhöfe des Internet, in denen zahllose, scheinbar völlig normale Mitbürger ihre Perversionen in immer krasseren Formen austauschen.
Bis es ernst wird. Bis schließlich die allerletzte Grenze überschritten ist und ein brutales Verbrechen stattfindet. Am 9. März 2001 war der Chip-Spezialist Bernd Jürgen B., 43, dazu bereit. B. hatte die letzten Dinge geregelt, sein Auto verkauft, ein Testament aufgesetzt, einen Tag Urlaub genommen, um "eine private Angelegenheit" zu erledigen. Er verließ seine Berliner Wohnung, sagen Zeugen, als ob er zur Arbeit ginge. Und verschwand.
Vieles spricht dafür, dass der ordentliche, unauffällige B., ausgerüstet nur mit Handy und ein paar tausend Mark, direkt nach Rotenburg in Hessen fuhr, um seinen Bekannten aus dem World Wide Web zu besuchen. "Franky", so nannte sich Ex-Soldat Armin M. nach Erkenntnissen der Polizei in der Szene, hatte unter seiner E-Mail-Kennung "antrophagus" offenbar viel versprochen. Ein Meeting, das nur einer überleben konnte. Schon der Deckname war da unmissverständlich. Anthropophagous, frei übersetzt mit "Kannibale", ist der Titel eines blutigen Splatter-Films, an dessen Metzelszenen sich, ähnlich wie beim vergleichsweise sanften Klassiker "Das Schweigen der Lämmer", seit Jahren auch Satanisten und Nekrophile wie an einer Spezialität ergötzen.
Möglich, dass Armin M. und Bernd Jürgen B. diesem Film einen weiteren Clip hinzufügen wollten. Im einsamen Gutshof in Rotenburg-Wüstefeld hatte M. längst alles vorbereitet. Nach dem Tod seiner Mutter vor vier Jahren hatte er zwei Kellerräume bauen lassen, einer davon wurde der Schlachtraum. Dort postierte M., der an normalen Arbeitstagen die Computer der Raiffeisenbank wartete, den Berliner Ingenieur vor einer Videokamera. B. zog sich nackt aus, dann ließ er sich von M. den Penis abschneiden, die blutende Wunde wurde fachgerecht abgebunden. Anschließend versuchte der nette Nachbar vom Gutshof, das Geschlechtsteil gemeinsam mit seinem Opfer zu verspeisen.
Während die Kamera lief, tötete der Ex-Soldat seinen Besucher dann mit Stichen und Schnitten in den Hals, er hängte ihn an den Füßen auf und zerlegte den Leichnam. Das Fleisch packte M. portionsweise in seine Tiefkühltruhe. Einen Kopf und Knochen, die vermutlich von seinem Opfer stammen, vergrub er im Garten, hinter einer alten Kinderschaukel und ein paar Autowracks.
War es das erste, das einzige Mal? Sind Schädel und Skelett aus dem Garten in Wüstefeld tatsächlich von Bernd Jürgen B.? Noch rätselt die Polizei, ob das alte Haus womöglich Antworten in anderen ungeklärten Vermisstenfälle birgt. Ob etwa in einem der 47 überwiegend verlassenen Zimmer eine Spur zum Tod des 13jährigen Tristan Brübach führt, der vor knapp fünf Jahren grauenhaft verstümmelt nahe dem Bahnhof Frankfurt-Höchst gefunden wurde.
Fest steht, dass M. nach der Tötung des 43-jährigen Berliners weitere Opfer suchte. Er antwortete in mehreren Kannibalen-Foren im Netz, etwa im August auf die Nachricht von Michael "from germany", der seinen Körper anbot, 24 Jahre, 1,85 Meter, 75 Kilo. "You are interested?" "Franky" war interessiert. "I will butchering and eating your fine flesh!" ("Ich werde dich schlachten und dein vorzügliches Fleisch essen"). Und im September schrieb er an Hänsel, der einen "Extremmetzger" suchte: "Ich werde dich fachmännisch schlachten und zerlegen und auch mit anderen Kannibalenfreunden komplett verspeisen. Dein Metzgermeister."
Am 7. September 2001 meldete sich unter "darmopfer@gmx.de" sogar ein gewisser Bernd, der wünschte, lebendig verspeist zu werden, Schlachtung aber ablehnte. Der Ingenieur aus Berlin galt zu diesem Zeitpunkt schon ein halbes Jahr als vermisst.
Die Fahnder in Hessen müssen nun also klären, ob der korrekte frühere Oberfeldwebel M. ähnliche Morde zusammen mit Gleichgesinnten verübt hat - oder ob die Internet-Zeilen lediglich verbalerotischen Hintergrund haben.
Leicht wird das nicht. Denn die vielen tausend Angebote auf den Tummelplätzen des Web kennen keine Grenzen. Auch nicht, wenn es darum geht, Menschen zu foltern und aufzufressen, vornehmlich junge, schlanke Männer. Schon gar nicht, wenn es darum geht, Babys zu vergewaltigen und vor laufender Kamera zu töten, Frauen beim Sex langsam zu verbrennen. "Snuff" und "Gore" nennt sich solches Material - wer es herstellt und wie real die dort gezeigten Morde sind, lässt sich in den wenigsten Fällen aufklären.
Doch Gedanken auszutauschen, wie pervers sie auch sein mögen, ist keine Straftat. "Mehr als 99 Prozent dieser Leute", sagt der Netzfahnder Alexander Landgraf vom bayerischen Landeskriminalamt, "gewinnen ihre Lust mit dem Austausch solcher Texte. Mehr ist in den allermeisten Fällen nicht dahinter." Die Festnahme in Rotenburg sei deshalb ein Ausnahmefall.
Nur wenn sich junge Menschen, die Selbstmord begehen wollen, ihren Peinigern online offerieren, schreite die Polizei ein. Das könne man, sagt Landgraf, im Rahmen der Gefahrenabwehr tun. Wenn es aber außer grauenvollen Wünschen keinen Hinweis auf ein reales Verbrechen gebe, sei der Fahnder in der Regel machtlos. "Für so was", erklärt der Münchner Beamte, "würden wir keinen richterlichen Beschluss bekommen."
Die Kollegen in Hessen dagegen sahen das anders. Ende Oktober waren sie von einem Internet-Surfer auf die abartigen Kontaktanzeigen und Mordphantasien von "Franky" aufmerksam gemacht worden. Die Staatsanwaltschaft Kassel leitete deshalb ein Verfahren wegen Gewaltverherrlichung ein und erwirkte schließlich einen Durchsuchungsbeschluss für den Hof in Wüstefeld.
Ohne Tipps von Zeugen stoßen Netzfahnder - eigentlich auf der Suche nach Kinderpornografie - aber eher zufällig auf die Perversionen, die sich Erwachsene freiwillig antun wollen. Auf einigen der mittlerweile 162 Millionen Hosts im Netz treffen sich Gleichgesinnte jeder noch so abartigen Leidenschaft.
Passende Gesprächspartner im Labyrinth der Internet-Kanäle zu finden ist ein Kinderspiel. Alle großen Provider oder Web-Portale bieten so genannte Newsgroups an, so was wie schwarze Bretter für Interessengemeinschaften. Vieles davon ist völlig harmlos, anderes schier unfassbar. 100 000 Newsgroups sind rund um den Globus geschaltet, in nur wenigen Minuten findet der Einsame zu Hause am PC über Suchbegriffe eine Clique, die sein Hobby teilt.
Mittlerweile ist es unter den Liebhabern blutiger und perverser Folterungen auch Mode geworden, harmlose Hobbyclubs zu schocken oder sich hinter deren sanften Labels zu verbergen. So plauderten angebliche Menschenfresser schon mal unter der Rubrik "Aldi-Fanclub".
Wer Wert auf die Optik legt, surft in Communities, die nicht nur den Austausch von Texten, sondern auch den von Bilddateien ermöglichen. Ein Dorado für Pädophile beispielsweise. Und für richtig harte Jungs. Denn in einigen Ländern der Erde, unter anderem den USA, ist die Verbreitung von grauenhaftesten Filmaufnahmen nicht verboten. Selbst wenn die blutigen Szenen bei Verbrechen aufgenommen wurden.
Vor etwa zwei Jahren war eine besonders rabiate Internet-Plattform der erklärte Spitzenreiter derartiger Darstellungen. Dort stieß man schon mal auf das Privatvideo eines Ehepaares, das nackt eine Leiche zerteilte und sich vornehmlich mit deren Geschlechtsteil vergnügte. Oder auf Unfall-Aufnahmen stöhnender Opfer mit abgetrennten Gliedmaßen - Filme, die offensichtlich aus Polizeiarchiven stammten.
Inzwischen aber birgt die einschlägige Adresse längst nicht mehr genug Horror. Eher was für Manta-Fahrer, sagen die ganz Harten, was für Luschies. Heute ist schärfere Kost gefragt. Kannibalismus ist die Steigerung der ultimativen Befriedigung, der bisherige Höhepunkt von Sex und Gewalt.
Was treibt Menschen zu solchen Phantasien, und was treibt manche am Ende zur Tat? Psychologen und Kriminologen quer durch die Republik versuchen in diesen Tagen, am Fall Armin M. zu erklären, was nicht zu erklären ist. Vermutlich haben Erlebnisse in der Kindheit die späteren Perversionen ausgelöst, sagen die Experten. Doch was geschah in der Kindheit des netten Mannes aus Rotenburg?
Irgendwann in den sechziger Jahren war er mit seiner Familie in das riesige Fachwerkhaus gezogen. Der Vater war Polizist, der Bruder zog später fort und wurde Pfarrer. Armin M. blieb bei seiner Mutter, die er pflegte, bis sie starb. Reparierte das Haus, soll sogar mehrmals Freundinnen gehabt haben. Seine Mutter, verbreiten Medien in Hessen, habe das nicht gern gesehen. Ein Muttersöhnchen sei er wohl gewesen, sagen Nachbarn.
Reicht das aus, um einen Menschen zu schlachten und zu essen? Wo war der Punkt, an dem sich Armin M. entschloss, seine Phantasien zu leben? Was auch immer die Kriminologen am Ende herausfinden, das Internet hat auch dieses grausame Verbrechen zumindest gefördert.
Und der Fall wird seine Fans haben. "Nicht wenige Menschen in Deutschland", sagt der Wiesbadener Kriminologe Rudolf Egg, "würden viel Geld bezahlen, um den Videofilm anzuschauen, den die Polizei beschlagnahmt hat." CONNY NEUMANN,
SVEN RÖBEL, WILFRIED VOIGT
DER SPIEGEL 51/2002
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