16.12.2002

Der totale Krieg

Von Wiegrefe, Klaus

In Stalingrad lieferten sich Wehrmacht und Rote Armee eine der blutigsten Schlachten der Weltgeschichte. Sechzig Jahre später sucht in Deutschland die Enkelgeneration nach Antworten auf alte Fragen: Was trieb Adolf Hitler, an der Wolga eine ganze Armee zu opfern?

Man schreibt den 22. Januar 1943, und der Rittmeister Heinrich Graf Vitzthum, 28, aus der 60. Infanteriedivision hat sich am so genannten Tatarenwall, den die Russen vor Jahrhunderten gegen die Horden aus dem Osten errichteten, in einem düsteren Bunker verschanzt. Der liegt nur wenige Kilometer nordwestlich der hart umkämpften Stadt Stalingrad.

Das Telefon klingelt. Verlangt wird vom übergeordneten Korps sein Vorgesetzter, der 1. Generalstabsoffizier, von dem der greise ehemalige Berufssoldat nur mehr den Nachnamen behalten hat. Der Oberstleutnant i. G. heißt Stübichen.

Bei ihm sei doch der Vitzthum, sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung - während der Rittmeister an einem Nebengerät mithört -, "können Sie den entbehren?" Stübichen zögert ein paar Sekunden, weil er befürchtet, sein Mann solle lediglich an anderer Stelle eingesetzt werden.

Doch dann fällt jenes entscheidende Wort, das die harten Züge des Grafen noch sechs Jahrzehnte später in einen Augenblick freudiger Erregung versetzt: Der in der Generalstabsvorausbildung stehende Vitzthum gilt als Spezialist, der für den Krieg dringend gebraucht wird, und deshalb darf er "ausfliegen".

Auf die überwältigende Mehrheit der nach Zehntausenden zählenden Elendsgestalten der 6. Armee, die zu Skeletten abgemagert, krank oder mit erfrorenen Gliedmaßen immer noch standhalten, obwohl die Schlacht längst verloren ist, wartet dagegen das Grauen: Sie werden fallen oder verwundet und damit meist einsam im Schnee krepieren. Der zunächst noch überdauernde Rest stirbt massenhaft in Gefangenschaft.

Als die Soldaten im Bunker erfahren, dass Vitzthum raus darf, stopfen sie ihm verzweifelt kleine Erinnerungsgegenstände in die Taschen: Eheringe, Eiserne Kreuze, Armbanduhren und Briefe sollen ihren Familien daheim bezeugen, dass sie zumindest an diesem Tag noch am Leben gewesen sind.

Mit einer unter schwerem Artilleriebeschuss stehenden Heinkel He 111, die nahe dem Dorf Stalingradski von einer schmalen Eisfläche aus startet, bringt sich der Rittmeister in Sicherheit. Über die schrecklichen Begleitumstände mag er selbst 60 Jahre danach nicht reden - aber es gibt auch so genügend Chronisten, die das in der Schlussphase herrschende Chaos auf dem provisorischen Rollfeld zuverlässig dokumentierten:

Wann immer noch eine Maschine ausfliegt, suchen sich Hunderte verwundeter, oft verstümmelter deutscher Landser zu retten, indem sie sich zu den Flugzeugen hinschleppen, in die Luken quetschen und am Ende gar an die Gestelle hängen; zumeist vergebens. Die Besatzung wehrt sie mit Latten oder vorgehaltenen Waffen ab - und einige Soldaten, die es ohne Ausflugerlaubnis trotzdem schaffen, werden später erschossen.

Der Flieger des Grafen Vitzthum ist einer der letzten, der Stalingradski verlassen kann. Knapp zwei Wochen danach, am 2. Februar 1943, stellt die 6. Armee des Generalfeldmarschalls Friedrich Paulus den aussichtslosen Kampf ein, ohne offiziell zu kapitulieren.

In der Schneewüste zwischen Don und Wolga erleidet der sprichwörtlich "Größte Feldherr aller Zeiten" ("Gröfaz") seine schmerzlichste Niederlage und mehr: Wie sich alsbald herausstellen wird, markiert die Schlacht von Stalingrad - Hitlers Stalingrad - im wahnwitzigen Bestreben des Nazi-Diktators, sich die Welt untertan zu machen, den Anfang vom Ende.

Über sechs Monate hat das Gemetzel um ein angeblich strategisch unverzichtbares Etappenziel gedauert, und nachdem der letzte Schuss abgefeuert worden ist, lässt sich das ungeheure Desaster nicht länger beschwichtigen: Die größte Formation der Wehrmacht - eingesperrt und schließlich aufgerieben in einem immer stärker zusammengedrückten Kessel, den zu sprengen ihr die Stoßkraft fehlte. Von den rund 250 000 Soldaten, darunter etwa 50 000 Hilfswillige aus den besetzten Teilen der Sowjetunion und Tausende alliierter Rumänen, fällt annähernd die Hälfte. Rund 90 000 werden gefangen genommen.

Noch verheerender sieht die Bilanz der sowjetischen Sieger aus. Überschlägig eine halbe Million Rotarmisten bezahlen die Verteidigung ihrer Heimat mit dem Tode, während weitere 600 000 verwundet werden oder ihrerseits in die Hände des Gegners geraten.

Mythos Stalingrad. Obschon einige andere Entscheidungen im Zweiten Weltkrieg militärisch wichtiger waren - vorweg im Sommer ''43 die Panzerschlacht bei Kursk - oder sogar mehr deutsche Opfer forderten, wie die Zerschlagung der Heeresgruppe Mitte im darauf folgenden Jahr, hat kaum ein anderes Ereignis in der Erinnerung der Deutschen tiefere Spuren hinterlassen.

Historiker und Veteranen bringen schon bald danach ungezählte Werke oder Erlebnisberichte von unterschiedlichem Niveau in Umlauf. Romane über das vieltausendfache Sterben in der eisigen Steppe - etwa die Bücher des Exilanten Theodor Plievier ("Stalingrad") oder Fritz Wöss'' "Hunde, wollt ihr ewig leben" und vor allem Heinz Konsaliks "Der Arzt von Stalingrad" - avancieren im Nachkriegsdeutschland zu Bestsellern.

Dass der Name einer vorher relativ unbedeutenden Stadt in der fernen Sowjetunion einen derartigen Rang im Bewusstsein der geschlagenen Deutschen ein-

nimmt, ist gewiss kein Zufall. Welche andere Chiffre im Zusammenhang mit einem von Hitler entfesselten erbarmungslosen Vernichtungskrieg hätte ihnen eine bessere Chance geboten, in die Rolle auch des Opfers zu schlüpfen?

Denn dem Kessel von Stalingrad haftet zugleich etwas Schicksalhaftes an, von der Art einer Naturkatastrophe. Hunderttausende Menschen, die von einem unerbittlichen Feind eingeschlossen worden und ohne Aussicht auf Rettung dem Tod geweiht sind - da lässt sich manches verbrämen.

Natürlich wird die Schuldfrage nicht vollends ausgeklammert, doch deren Beantwortung bereitet den Exegeten der von Verdrängung gekennzeichneten frühen fünfziger Jahre kaum Probleme. Die Verantwortung tragen danach Hitler und seine Generäle. Dass der "Führer" dem Oberbefehlshaber Paulus untersagte, den Ausbruch zu wagen oder später zu kapitulieren - und dieser sich daran hielt -, gilt den Landsleuten zuvörderst als verabscheuungswürdiges Verbrechen an den eigenen Männern.

Die Identifizierung mit den StalingradKämpfern fällt den Bundesbürgern umso leichter, als die im Stich gelassenen Soldaten nicht der SS angehören, sondern ganz normale und größtenteils blutjunge Männer, oft aus Thüringen, Sachsen oder Österreich, gewesen sind.

Nach der in den Sechzigern vollzogenen geschichtspolitischen Wende erlahmt dann das Interesse an dem eher oberflächlichen Opferdiskurs. Die neue Generation formuliert nun jenen Imperativ, der den Altvorderen unabhängig von persönlicher Schuld Schweigen gebietet, wann immer es um eigenes Leid geht. Erlaubt ist da allenfalls noch die Schlussfolgerung derer von Stalingrad - "Nie wieder Krieg!"

Wie ein verspäteter Streit wirkt es deshalb, als der am Hamburger Institut für Sozialforschung arbeitende Hannes Heer und andere Wissenschaftler, die sich zu den 68ern zählen, 1995 die erste Wehrmachtsausstellung organisieren. Die Initiatoren beschäftigen sich auch mit den Verbrechen der 6. Armee beim Vormarsch auf die Wolga - und der unterschwellig entstehende Eindruck, die im Kessel Eingeschlossenen habe möglicherweise eine gerechte Strafe ereilt, entrüstet nicht nur die noch lebenden Veteranen.

Denn die Zeiten haben sich abermals geändert. Die Väter sind zu Großvätern geworden, deren Enkel nun kaum noch von Vorurteilen beschwerte Fragen stellen. Die möchten vielmehr wissen, was geschah - und warum es so geschah.

Solche Gespräche, die zunächst eher im privaten Kreis geführt werden, bestimmen zu Beginn des laufenden Jahres wochenlang sogar die öffentliche Debatte. Im Gefolge einer Novelle, in der sich der nationaler Nabelschau unverdächtige Günter Grass mit der von den Russen in der Ostsee versenkten "Wilhelm Gustloff" beschäftigt, diskutieren vornehmlich die jungen Deutschen über Flucht und Vertreibung ihrer eigenen Landsleute.

Die Gewichte verschieben sich langsam. Dass der Wunsch der Deutschen, über sich auch als Leid Tragende zu sprechen, nicht nur einer vorübergehenden Aufwallung entspringt, belegt in diesen Wochen die mit einem Buch des Berliner Historikers Jörg Friedrich angestoßene Debatte über den Bombenkrieg. Gut 50 000 Exemplare sind bereits verkauft; ewiggestrige Gesinnung wirft dem Autor von den jungen Lesern dabei niemand vor.

Und das "unvoreingenommene Interesse der Nachgeborenen", das der Potsdamer Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller beobachtet, gilt in gleicher Weise dem Drama von Stalingrad. Während seiner Vorlesung, die er zu diesem Thema an der Berliner Humboldt-Universität hält, rennen ihm die Studenten "die Bude ein". Sie wollen von ihm erfahren, weshalb es zur Schlacht kam - darüber hinaus aber auch, was eine Division ist oder wie eine Panzerarmee funktioniert.

"Wir sind eben ein Land, das inzwischen wieder Krieg führt", erklärt sich Müller die Neugier seiner deutschen Hörer, die

ihn ebenso unbefangen nach Details befragen wie deren amerikanische oder französische Kommilitonen. Und der Historiker zieht bereits die Konsequenz aus der neuen Situation:

Die Lehre von Stalingrad heiße nun nicht mehr "Nie wieder Krieg", sondern "Nie wieder einen solchen Krieg", in dem eine deutsche Regierung ihre Soldaten in eine vergleichbar fatale Lage manövriert.

Was immer die Bundesbürger letztlich bewegen mag, sich dem 60. Jahrestag einer Tragödie zuzuwenden, die für menschenverachtenden Irrwitz bei gleichzeitig kaum nachvollziehbarem bedingungslosem Gehorsam steht - das Echo ist gewaltig.

"Stalingrad" in aller Munde. Allein ein nicht zu umgehender anderer Termin hindert den sozialdemokratischen Kanzler Gerhard Schröder daran, beim diesjährigen Volkstrauertag unter dem gleichnamigen Motto auf der zentralen Gedenkveranstaltung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Bundestag zu sprechen - eine vor wenigen Jahren noch schwer vorstellbare Zusage.

"Stalingrad" in der Show des Johannes B. Kerner - und als da der Veteran Hans-Erdmann Schönbeck aufgewühlt in seinen Erinnerungen kramt, klettert sprunghaft die Zuschauer-Quote. Aus dem Kessel geschriebene und allmorgendlich vom Deutschlandfunk verlesene Landser-Briefe finden eine ähnlich große Resonanz.

Und "Stalingrad", gleichsam in einer zweiten Welle, wiederum zwischen vielen Buchdeckeln und auf allen Kanälen. An der Wolga befragen seit Monaten Fernsehteams aus der Bundesrepublik Rotarmisten, um danach mit Mehrteilern - die

ARD noch im Dezember*, das ZDF im Januar - auf den Bildschirm zu kommen.

Modell Stalingrad

Das Interesse gilt dabei einer Schlacht, die auf engem Raum wie zu einem Modell verdichtet, was das "Unternehmen Barbarossa" - Hitlers Angriff auf die Sowjetunion - zu einem der blutigsten Kriege der Menschheit werden lässt. In der von ihm entfesselten Gewalt gibt es keine Grenzen zwischen Zivilem und Militärischem, zwischen der Front und den Heimatgebieten.

Erst bombardiert die Luftwaffe das mit Flüchtlingen überlaufene Stalingrad, dann kämpfen Wehrmacht und Rotarmisten um beinahe jedes Haus - und fast ausnahmslos ohne Rücksicht auf die Bevölkerung, die der deutsche Diktator eh zu verschleppen und umzubringen beabsichtigt. Seinen Soldaten befiehlt er, sich aus dem Land zu ernähren.

Von der viel beschworenen Verrechtlichung militärischer Konflikte nach Art der Haager Landkriegsordnung - im frühen 20. Jahrhundert eine der großen Hoffnungen - ist in Stalingrad nicht die Rede. Der Oberzahlmeister der 6. Armee gibt in den Lagern Woroponowo und Gumrak etwa 3500 sowjetische Gefangene schlicht dem Verhungern preis; nur 20 überleben.

Von den 90 000 den Russen in die Hände gefallenen deutschen Soldaten kehren am Ende lediglich gut 5000 in die Bundesrepublik oder die DDR zurück (siehe Kasten Seite 68).

Und immer öfter erzählen hochbetagte Stalingrad-Kämpfer, manchmal unter Tränen, wie sie Rotarmisten erschossen, die sich bereits ergeben hatten. Oder sie berichten erschüttert darüber, wie sie im Kessel Zivilisten massakrierten, die sie für Partisanen hielten.

Aber auch die gegnerischen Einheiten kennen keine Gnade. Eine ehemalige Rotarmistin im O-Ton:

Als wir Gefangene machten, brachten wir sie in die Abteilung. Sie wurden nicht erschossen, das wäre ein zu leichter Tod gewesen ... sie wurden abgestochen wie Schweine, mit Ladestöcken in Stücke gehauen ... Ich bin hingegangen, mir das anzusehen, mich daran zu ergötzen! Hab gewartet, lange auf den Moment gewartet, wenn ihnen die Augen vor Schmerz bersten ... Sie grauen sich, das anzuhören? Wenn man vor Ihren Augen mitten im Dorf ein großes Feuer entzündet und Ihre Mutter da hineingeworfen hätte? Ihre Schwester? Die geliebte Lehrerin?

Von allen Schreckensszenarien, die der Zweite Weltkrieg danach noch bereithalten wird, erfüllen sich so die meisten bereits in Stalingrad.

Die Luftangriffe der Wehrmacht auf die Stadt an der Wolga kosten ebenso viele Menschen das Leben wie die große Bombardierung Hamburgs Monate später durch die Briten. Bei der Flucht über den Strom werden Alte, Frauen und Kinder in ähnlicher Weise gejagt wie im Winter 1944/45 die Deutschen aus Ostpreußen, Pommern oder Schlesien. Der erzwungene Auszug Tausender Zivilisten aus dem brennenden Stalingrad erinnert an die Vertreibung aus den Ostgebieten.

Ob es sich in den letzten Kriegstagen um den sinnlosen Kampf bis zum Ende im Reich handelt oder das Schicksal deutscher Gefangener in der Sowjetunion - schon in Stalingrad bilden sich diese Grauen wie ein Menetekel ab.

Hitlers Plan

Dabei geht es dem "Führer" ursprünglich gar nicht so sehr um die Besetzung der Stadt. Er möchte vor allem die Wolga blockieren - in der sowjetischen Kriegswirtschaft die Hauptschlagader - und den Ausstoß der Stalingrader Waffenschmieden unterbinden, die zu den leistungsstärksten im Lande zählen.

Denn ein knappes Jahr nach Beginn seines Angriffs auf die Sowjetunion sieht der Diktator im Kaukasus, wo Stalins Riesenreich zu Friedenszeiten einen Großteil seines Ölbedarfs gefördert hat, das eigentliche Ziel. Ohne diesen Rohstoff, glaubt Hitler, werde der große Gegenspieler in Moskau den Kampf aufgeben.

Und außerdem braucht er das schwarze Gold selber dringend, um gegen die gerade in den Krieg eingetretenen USA bestehen zu können. Wenn er "das Öl von Maikop und Grosny" nicht bekomme, ahnt Hitler schon in dieser Phase, könne er, was er sich erträumte, "liquidieren".

Doch in Wahrheit handelt es sich um einen aberwitzigen Eroberungsplan. 1941 ist die Wehrmacht mit drei Millionen Soldaten auf einer Länge von 1600 Kilometern gegen die "Bolschewisten" zu Felde gezogen - und nun will der "Gröfaz" die Front auf über 4000 Kilometer ausdehnen, obwohl inzwischen mehr als eine Million seiner Männer gefallen, verwundet oder vermisst gemeldet sind.

Als "voll angriffsfähig" stuft der Generalstab des Heeres deshalb in diesem Frühjahr 1942 ganze 5 Prozent der verfügbaren Verbände ein (gegenüber 64 Prozent im Jahr davor).

Zwar gelingt es der Wehrmacht, zunächst Erfolg an Erfolg zu reihen, aber die Nachschubwege werden so zwangsläufig ständig länger. Zahllose Soldaten hungern schon vor Stalingrad, und mangels Sprit liegt die 6. Armee immerhin zwei Wochen untätig in der Steppe herum.

Adolf Hitler, dem die Zeit davonläuft, beschließt nun gegen alle Vernunft, seine ausgedünnten Truppen zu teilen und sämtliche Ziele gleichzeitig zu verfolgen: Er will in den Kaukasus vorstoßen und Stalingrad angreifen, das darüber hinaus auf einmal auch noch besetzt werden soll. Wohl aus Prestigegründen.

Schließlich trägt die Stadt - bis 1925 Zarizyn genannt - den Namen seines ihm verhassten Moskauer Antipoden, nachdem die Rote Armee dort während des Bürgerkriegs einen wichtigen Sieg errang, den sich der eitle Generalissimus auf seine Fahnen schrieb.

Dass es der Wehrmacht im Häuserkampf an Erfahrung mangelt, ignoriert Angreifer Hitler. "Die immer schon vorhandene Unterschätzung der feindlichen Möglichkeiten", kritisiert der Generalstabschef des Heeres, Franz Halder, "nimmt allmählich groteske Formen an." Der Kritiker wird bald darauf in den Ruhestand versetzt.

Die Attacke auf Stalingrad weist Hitler der 6. Armee zu, die beim "Führer" hoch in der Gunst steht. Mit diesem Eliteverband, soll er sogar einmal geschwärmt haben, könne er notfalls "den Himmel stürmen".

Die Menschen in der Sowjetunion erleben den Vormarsch als Hölle. Hinter der Front wüten - häufig unterstützt von der Führung und einzelnen Mannschaften - die teuflischen Trupps des Sicherheitsdienstes der SS und der Sicherheitspolizei, die schon bei der Ermordung von über 33 000 Juden im September 1941 in Babi Jar auf logistische Hilfe aus der 6. Armee zählen konnten.

Und auch die Besetzung Stalingrads hätte einem weiteren, gigantischen Verbrechen den Weg geebnet. Beim Eindringen in die Stadt soll - so der Führerbefehl - "die gesamte männliche Bevölkerung beseitigt" werden, da die "eine Million zählende, durchweg kommunistische Einwohnerschaft besonders gefährlich" sei. Frauen und Kinder will er deportieren lassen.

Schwarzer Himmel

Am 19. August ist es so weit. Der 51-jährige General Friedrich Paulus, der sich eigentlich als Logistikexperte der Wehrmacht Meriten erworben hat, bläst zum Angriff. Seine Einheiten werden von Teilen der 4. Panzerarmee unterstützt.

Der ehrgeizige Sohn eines Buchhalters aus Hessen verdankt sein Kommando nicht gerade einem glühenden Engagement für den Nationalsozialismus, obwohl er in den ersten Kriegsjahren mit einem der übelsten Nazi-Generäle, Walter von Reichenau, kongenial zusammengearbeitet hat. Aber er ist dem Diktator loyal ergeben.

Vor allem seine Ehe mit einer rumänischen Adeligen hatte dem noch im Kaiserreich in das Heer eingetretenen großgewachsenen Mann Zutritt zu höchsten Kreisen verschafft, doch dann zerbricht die schöne Welt des Ancien Régime. Während der Weimarer Republik kommt er zwölf Jahre lang über den Rang eines Hauptmanns nicht hinaus - und erst Hitler befördert den fleißigen Strategen, dessen Leidenschaft Kriegsspiele am Kartentisch sind, binnen kurzem zum Generalmajor.

Die Eroberung Stalingrads ist für Paulus auch eine persönliche Herausforderung. Falls er sich als Truppenführer Ruhm erwürbe, stünde ihm der Weg an die Spitze der Wehrmacht offen.

Über der von Schluchten ("Balkas") durchfurchten Steppe rund um die Stadt flirrt in diesen Tagen eine anhaltende Hitze. In den Straßen spenden Edelkastanien, Walnussbäume und Oleander Schatten. Noch Jahre später schwärmen viele Landser von den Kirschen und Melonen.

In den dreißiger Jahren gilt die westlich der Wolga gelegene Industriemetropole als Boomtown, und ihre Bevölkerung hat sich in dieser Zeit mehr als verdreifacht. Um die großen Kombinate, die am Flussufer entstehen, beginnen sich Hochhäuser im Bauhausstil für die Arbeiter zu gruppieren. Größtenteils wohnen die Menschen allerdings immer noch in Holzhütten.

Lotte D. lebt, seit ihr jüdischer und dem Kommunismus anhängender Vater 1933 aus Berlin übergesiedelt ist, im Norden der Stadt - aber als die Deutschen anrücken, sind dort ihre guten Zeiten längst passé. Die Eltern leiden im Gulag, und auf engstem Raum muss sie nun auch noch Platz für ihre aus Smolensk geflüchteten Schwiegereltern schaffen.

Ende August sieht die 21-jährige Frau D. durch das Fernglas, wie aus Nordwesten Panzer der Wehrmacht an das Steilufer des Flusses vorstoßen, und erschrickt. "Niemand", sagt sie noch heute entgeistert, habe "je geglaubt, dass um Stalingrad gekämpft werden würde".

Doch Stukas, Heinkel-He-111- und Junkers-88-Bomber fliegen ihre Angriffe Welle auf Welle. "Der Himmel", erinnert sich D., "war schwarz vor Flugzeugen" - in 1600 Einsätzen lädt die 4. Luftflotte allein am 23. August 1000 Tonnen Bomben ab.

Die Deutschen zielen auf die ihnen bekannten Rüstungsfabriken und die Erdölraffinerie. Allein am Ufer des Flusses stehen 105 Treibstoffbehälter, und als die Anlage zerstört wird, läuft brennendes Öl in den Strom.

Tag und Nacht dröhnt der Luftalarm durch die Stadt. Eltern binden ihren Kindern Zettel mit Namen und Geburtsdatum ums Handgelenk. In Kopftüchern schnüren sie wichtige Papiere und Notverpflegung, um jederzeit in Keller, Bunker oder Erdlöcher flüchten zu können.

Die 14 Jahre alte Galina Markasinowa wohnt in der Nähe der Raffinerie. Ihre drei Geschwister - Lydia, 18, Wolodja, 16, und Georgij, 14 - verliert sie innerhalb zweier Wochen im Bombenhagel. Ein Cousin, der in der Roten Armee dient, malt auf seinen Panzer einen Satz, der ihr nie mehr aus dem Kopf gehen wird: "Für die Heimat, für Stalin, für Lydia".

An der Wolga tobt das Inferno. Viel zu spät haben die sowjetischen Behörden mit der Evakuierung begonnen, und eine Brücke über den Strom gibt es nicht. Nun drängen verwundete Rotarmisten und Zivilisten gleichermaßen in die Feuerlöschboote. Im Tiefflug attackieren deutsche Maschinen die Verzweifelten am Ufer, feuern auf die vollen Boote und halten, wie Zeitzeugen berichten, ungerührt in die Menge. Die Luftangriffe kosten nach sowjetischen Angaben annähernd 40 000 Menschen das Leben.

"Tötet den Deutschen"

Mit dem Bombardement will Hitler die Stadt sturmreif schießen. Panzerverbände sollen sie dann im Handstreich erobern - und am 3. September herrscht bereits Hochstimmung im Hauptquartier der 6. Armee: Der Ring um Stalingrad ist zumindest am Westufer der Wolga bereits geschlossen.

Doch dann müssen die Okkupanten ständig wachsende Verluste hinnehmen. Die überall herumliegenden Trümmer erleichtern ortskundigen Rotarmisten die Verteidigung ungemein.

Und darüber hinaus trifft die Wehrmacht plötzlich auf einen Kampfgeist, wie sie ihn vorher nicht kannte - aber woher kommt der? Spüren nun auch die Sowjets, dass der Angreifer offenkundig seine Kräfte überschätzt hat, oder wirkt sich da eine von Stalin in Gang gesetzte neue Propaganda- und Terror-Kampagne aus?

"Keinen Schritt zurück!", lautet der berüchtigte, vom starken Mann in Moskau persönlich redigierte Befehl 227. "Panikmacher und Feiglinge" sollen danach "auf der Stelle" erschossen werden.

Hinter jeder Armee lauern fortan 600 bis 1000 Mann auf Panzern, um schonungslos jeden zu liquidieren, der zurückweicht. Man habe nur die Wahl "zwischen einer Kugel in den Hinterkopf oder in die Stirn" gehabt, bestätigen später sowjetische Soldaten. Den Recherchen des britischen Historikers Antony Beevor zufolge werden während der Schlacht 13 500 Rotarmisten exekutiert.

Mit Aufrufen zum Hass aus den Texten des Dichters Ilja Ehrenburg peitschen die Kommissare ihre Kämpfer nach vorn: "Tötet den Deutschen - so lautet der Schrei Eurer russischen Erde. Wankt nicht. Lasst nicht nach. Tötet!"

Die kleine Galina Markasinowa hockt im Keller, als Angehörige der Wehrmacht den Hof stürmen:

Wir mussten herauskommen und uns vor eine Wand stellen. Dann kam der Befehl, Kommunisten sollten vortreten. Natürlich hat das keiner gemacht. Da mussten wir alle Dokumente vor uns auf den Boden werfen.

Womöglich hat sie ihr Überleben einem unvermittelt einsetzenden Artilleriebeschuss zu verdanken; alle stieben auseinander.

Nach sowjetischen Berechnungen liegt die Zahl der von den deutschen Truppen hingerichteten Zivilisten bei mindestens 3000. Wie viele Juden, die auch in Stalingrad einen Stern tragen müssen, und Kommunisten, die die Feldgendarmerie dem SD übergibt, diesem Terror zum Opfer fallen, bleibt im Dunkeln.

Galina und ihre Mutter werden mit anderen von Hitlers Soldaten in langen Zügen kurzerhand in die Steppe getrieben, und ein deutscher Unteroffizier macht sich Notizen:

Habe heute wieder viel Flüchtlinge gesehen, die von Stalingrad kommen. Ein Elend, nicht zu beschreiben. Kinder, Frauen, alte Männer in dem Alter von Opa liegen hier auf der Straße ... So was Erschütterndes, obwohl es unsere Feinde sind, es tut einem doch leid.

Die Jungen und Kräftigen unter den Vertriebenen, über 60 000 Stalingrader, werden zur Zwangsarbeit verschleppt, alle anderen fristen in Sammellagern unter erbärmlichen Umständen ihr Dasein.

Der Tag, der schließlich über das Schicksal der Deutschen in Stalingrad entscheiden wird, ist ein Sonnabend. Der "Führer" empfängt an diesem 12. September 1942 Friedrich Paulus in seinem Hauptquartier beim ukrainischen Winniza.

Der General möchte "die Absichten der Armee hinsichtlich der Winterstellung und des Angriffs zu deren Gewinnung vortragen", und obschon er und wohl auch Hitler durchaus die Gefahr sehen, dass die Rote Armee an der ungesicherten langen Don-Flanke durchbrechen kann, bleibt es beim einmal gefassten Beschluss.

Paulus stellt seinem Herrn in Aussicht, die Stadt in den folgenden zehn Tagen zu erobern, und ähnlich lesen es bald darauf auch im Reich die Volksgenossen. Als der "Führer" sogar öffentlich erklärt, dass die Wehrmacht Stalingrad "nehmen" werde, ist der Weg zurück verstellt.

Und am gleichen Tag, an dem sich Paulus in Winniza verpflichtet, empfängt in Moskau Josef Stalin seine Generäle Georgij Schukow und Alexander Wassilewski. Der Kreml-Führer verlangt nach einem neuen Plan. Verabredet wird nach einer Nacht des Nachdenkens die "Operation Uranus" - die systematische Einkesselung der 6. Armee.

Frisch herangeführte Einheiten sollen im Norden und Süden der Stadt die Reihen der zu Recht für schwächer gehaltenen Verbündeten Hitlers durchbrechen, den Kessel dichtmachen und dann die festgesetzten 250 000 Wehrmachtssoldaten, Hiwis oder Rumänen töten oder gefangen nehmen.

Allerdings dauert die Vorbereitung mehrere Wochen, und so lange darf Stalingrad nicht fallen. Die Ruinenstadt ist der Köder, um den Gegner festzunageln.

Der Rattenkrieg

Was nun beginnt, ist eine Art Auseinandersetzung, wie sie den Deutschen noch niemals zugemutet worden ist und die sie zunehmend entnervt als "Rattenkrieg" bezeichnen. Ein Offizier berichtet:

Um jedes Haus, jede Fabrikhalle, um Wassertürme, Bahneinschnitte, Mauern, Keller und schließlich um jeden Trümmerhaufen tobte ein Kampf, wie man ihn in dieser Konzentration selbst in den Materialschlachten des Ersten Weltkrieges kaum erlebt hatte. Entfernung gab es nicht, nur Nähe.

Die Soldaten gehen mit Handgranaten und Maschinenpistolen oder sogar Spaten und Messern aufeinander los. Mit Flammenwerfern durchstöbern Landser Kanalisationsrohre und Keller, während Scharfschützen der Roten Armee ihrerseits die Deutschen jagen.

"Wer das Treppenhaus besaß, der besaß auch das Haus", erklärt der spätere Bundeswehrgeneral Gerhard Münch die einfache Regel, die fast immer über Leben und Tod entscheidet. Ende Oktober hat die Wehrmacht zwar einen Großteil der Stadt unter Kontrolle, und teilweise ist der Uferstreifen, den die Rote Armee hält, gerade einmal wenige hundert Meter breit. Doch zum letzten Durchbruch fehlt den Angreifern die Kraft.

Und kurz nach dem ersten Schnee - am 19. November, 7.30 Uhr Ortszeit - kommt der sowjetische Gegenstoß.

Mit Hilfe von sechs zusätzlich errichteten Zweigbahnen versammelt der Diktator Stalin eine Million Mann, 13 500 Geschütze und Granatwerfer, über tausend Flugzeuge und knapp 900 Panzer, die nun nördlich und südlich der Stadt vorrücken und rasch die deutschen Linien durchbrechen.

In Panik fliehen Verbände der Rumänen, aber auch der Deutschen; selbst das Armeeoberkommando 6 muss unverzüglich seinen Gefechtsstand räumen. Ein Offizier beschreibt später die Szene:

Von Angst vor den sowjetischen Panzern gepeitscht, jagten Lkw, Befehlswagen, Pkw, Kräder, Reiter und pferdebespannte Fahrzeuge nach Westen, prallten aufeinander, fuhren sich fest, stürzten um, versperrten den Weg. Zwischendurch stießen, drückten, schoben, wälzten sich Fußgänger. Wer stolperte und zu Boden fiel, kam nicht wieder auf die Beine. Er wurde zertreten, überfahren, platt gewalzt.

Zunächst ist der Kessel von Stalingrad 60 Kilometer lang und etwa ebenso breit. Noch wochenlang können die Landser sich in der öden Steppenlandschaft halten. Erst im Januar werden sie ganz in die Stadt zurückgedrängt.

Hätte die Einkesselung verhindert werden können? An Informationen über den heimlichen Aufmarsch der Roten Armee fehlt es ja nicht. Abgehörte Funkgespräche oder Fotos der Luftaufklärung gibt es in Fülle.

Diese Indizien werden nur nicht richtig gedeutet, wie hernach Paulus'' Generalstabschef Arthur Schmidt einräumt: "Wir alle haben die Gefahr nicht in dieser Größe erkannt und den Russen wieder mal unterschätzt."

Als grotesk erweist sich dabei die Fehlleistung der Abteilung Fremde Heere Ost, die der spätere BND-Chef Reinhard Gehlen leitet. Am 31. Oktober stellt sie fest, "Vorbereitungen größerer Angriffe" seien "noch an keiner Stelle erkennbar".

Hitler wiegt sich in Sicherheit und fährt aus dem Führerhauptquartier, das er wieder in die masurische Wolfsschanze verlegt hat, auf seinen oberbayerischen Berghof im Berchtesgadener Land.

Zerfall einer Armee

Warum handelt Paulus, ein Mann, der zwar vor Ehrgeiz lodert, aber auch ein umsichtiger Intellektueller ist, nicht auf eigene Faust? Er sei halt kein zupackender Truppenführer, "kein Yorck", gewesen, werfen ihm Stalingrad-Kämpfer vor - Hans Yorck von Wartenburg hatte sich 1812 als Befehlshaber des preußischen Hilfskorps im Feldzug Napoleons gegen Russland ohne Rücksprache mit seinem König vom großen Franzosen losgesagt und entschlossen die Seiten gewechselt.

Der Logistiker Paulus weiß, dass nur ein Ausbruchsversuch die Rettung bringen kann, weshalb er am Abend des 22. November "für den Fall, dass die Igelbildung im Süden nicht gelingt", Handlungsfreiheit erbittet. Doch Hitler lässt ihn abblitzen. Er glaubt, die 6. Armee "entsetzen" zu können, bis dahin soll die Luftwaffe Munition und Verpflegung einfliegen - ein in der nötigen Dimension und unter den herrschenden Bedingungen höchst fragwürdiger Plan.

Und Hermann Göring, der morphiumsüchtige Herr über die Luftflotte, bremst seinen "Führer" nicht. Seit Briten und Amerikaner deutsche Städte mit Bombenteppichen belegen, ist sein zielstrebig poliertes Image angekratzt; von Stalingrad erhofft er sich Reputation.

Der Diktator beruft sich darüber hinaus auf den Chef der in diesen Tagen neu gebildeten, übergeordneten Heeresgruppe Don, Erich von Manstein. Der gilt unter den Militärs als Koryphäe, und ausgerechnet er fällt dem drängenden Paulus in den Rücken und rät dem "Führer" von einem sofortigen Ausbruch ab.

Hitler bleibt also hart - eine Halsstarrigkeit, die erkennbar auch auf Selbstfesselung beruht. Während sich die Einkesselung abzeichnet, lästert der oberste aller Kriegsherren vor alten Nazi-Kämpen im Münchner Bürgerbräukeller über "Herrn Stalin und die nach ihm benannte Stadt", um dann vollends den Realitätsbezug zu verlieren. Stalingrad, behauptet er da allen Ernstes, sei bereits erobert.

Im Kessel vollzieht sich bald darauf ein Drama. Obschon es dort die ersten Hungertoten gegeben hat, reduziert die Armeeführung die täglichen Rationen. Zuerst sind es 350 Gramm Brot und 120 Gramm Fleisch, um den Jahreswechsel schließlich erhält jeder der ausgemergelten Soldaten im Durchschnitt nur noch eine halbe Scheibe Brot. Ein Landser schreibt nach Hause:

Letztes Jahr lachten wir über die Russen, wenn sie über ihre Gäule herfielen. Heute lassen wir den Russen nichts mehr übrig.

Die verzweifelten Deutschen jagen Katzen und Hunde, Igel oder Ratten. Sie verschlingen eine süßlich schmeckende Dichtungsmasse oder kochen Suppen aus Fußpuder und Sägemehl.

Eine Armee zerfällt. Viele Soldaten sind nun schon so geschwächt, dass sie oft bis zu einer Stunde brauchen, um sich zum Aufstehen zu entschließen. Sie reagieren nicht mehr, wenn sie angesprochen werden. Selbst die noch einigermaßen Unversehrten unter Hitlers vormaligen Himmelsstürmern legen pro Tag allenfalls einen Fußmarsch von vier Kilometern zurück.

"... damit Deutschland lebe"

Den Menschen im Reich enthalten die Machthaber in Berlin die sich anbahnende Katastrophe so lange wie möglich vor. Erstmals am 16. Januar verkündet das Oberkommando der Wehrmacht gewunden, dass "unsere Truppen" gegen einen von "allen Seiten angreifenden Feind" kämpfen - ein verschämt bestätigtes Geständnis, hoffnungslos eingekesselt worden zu sein.

Als das Ende absehbar ist, schlägt die Stunde des Propagandaministers Joseph Goebbels, der den gleichgeschalteten Medien die Anweisung gibt, nun müsse "aus dem Heldentum von Stalingrad ein Mythos entstehen". Und des "Führers" pathetische Adlaten werden zunächst in der Antike fündig.

Während an der Wolga noch um die letzten Quadratmeter gerungen wird, zieht Hitlers designierter Nachfolger Hermann Göring geschichtstrunken die Parallele zur Schlacht bei den Thermopylen. Dort hatten sich anno 480 vor Christus die Spartaner der persischen Übermacht zu erwehren versucht.

"Abschalten ... mach das Ding aus!", brüllen in Stalingrad einige wenige vor Rundfunkgeräten ausharrende Landser - und nachdem in ihrem Drama der letzte Vorhang gefallen ist, setzt daheim das nationalsozialistische Zentralorgan, der "Völkische Beobachter", in verlogener Scheinpietät den Schlusspunkt: "Sie starben, damit Deutschland lebe."

Die Nazi-Größen reagieren auf das Desaster ambivalent. Einerseits senden die Rundfunkanstalten drei Tage lang nur ernste Musik, und Gaststätten wie Tanzpaläste bleiben in dieser Zeit geschlossen - doch die Trauer soll keineswegs überhand nehmen. Weder werden die Flaggen auf halbmast gesetzt, noch duldet das Regime das Erscheinen von Zeitungen mit schwarzer Umrandung.

Und nicht anders verhält sich in der Hauptstadt des Reiches der engste Führungszirkel. Zwar bemüht sich Goebbels mit seiner berüchtigten Brandrede am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast ("Wollt ihr den totalen Krieg?"), die Mobilmachung zum Äußersten zu treiben. Aber selbst der sichtlich angeschlagene Hitler misstraut solchen ekstatisch herausgeschrienen Durchhalteparolen.

Ihn treibt vielmehr die Angst um, die Deutschen könnten, wie 1918, an der Heimatfront rebellieren - wie sich bald erweisen wird, eine übertriebene Befürchtung. Freilich bestätigen ihm vom Sicherheitsdienst der SS angefertigte Spitzelberichte, dass nach Stalingrad der Führermythos zu bröckeln beginnt.

Vereinzelt tauchen an Häuserwänden sogar Losungen wie "Stalingrad-Mörder" oder "Hitler-Massenmörder" auf, und die Siegeszuversicht ist dahin. "Allgemein", notiert der Sicherheitsdienst, sei unter den Volksgenossen die Überzeugung vorherrschend, die Zerschlagung der 6. Armee bedeute "einen Wendepunkt des Krieges".

Die große Mehrheit der zunehmend bedrückten Menschen analysiert die Lage zutreffend, doch sie folgt dem Diktator. Ist es die Bindung ans Regime, die ihr lähmende Duldsamkeit auferlegt - oder das schlechte Gewissen, den offenkundigen Verführern zu lange ergeben gewesen zu sein? Oder der Mangel an Möglichkeiten, Widerstand zu organisieren?

Die Kraft des Glaubens

Warum Paulus, seine Generäle und die Landser der berühmten 6. Armee bis zur letzten Patrone aushalten, gehört zu den immer wieder aufgeworfenen Fragen. Vor allem die Amerikaner möchten gleich nach dem Krieg wissen, was man tun muss, um Soldaten einen derart fanatischen Korpsgeist einzuimpfen.

Ein Faktor ist die offenbar hohe Identifikation unter den Offizieren mit Hitlers Eroberungsplänen, aber auch in den niederen Rängen werden die von der NS-Clique vorgegebenen imperialistischen Ziele durchaus begrüßt. An der Wolga zu stehen ist im Sommer 1942 für viele ein Grund zur Freude gewesen. Quälende Überlegungen, was man dort eigentlich zu suchen gehabt habe, stellen die meisten erst in der Gefangenschaft an.

Und die Hoffnung stirbt zuletzt. Genauso wie sich Menschen daheim bis kurz vor dem vollständigen Zusammenbruch des Reichs an die befreiende Kraft einer vermeintlichen Wunderwaffe klammern, scheint das Gros der Kämpfer in Stalingrad nie den Glauben zu verlieren.

Noch am 12. Dezember ''42 schreibt der Tierarzt Franz Schmitt seiner Familie einen vor allem der Selbstermutigung dienenden Brief, der 60 Jahre danach im Deutschlandfunk vorgelesen wird:

Wir warten geduldig auf die Dinge, die da kommen, und wehren uns unserer Haut, so gut wir können. Hitler hat uns ja Hilfe versprochen, und die wird eines Tages auch kommen.

Der Soldat baut auf die Parole seines obersten Vorgesetzten Paulus ("Haltet aus, der Führer haut uns raus"), und für eine kurze Zeit hat es den Anschein, dass es tatsächlich noch Wunder gibt. Fünf Tage später vernimmt der Landser plötzlich "von Südwesten her starkes Artilleriefeuer" - der Geschützdonner stammt von der 4. Panzerarmee unter General Hermann Hoth, die zum Entsatz vorrückt.

Doch die in der "Operation Wintergewitter" gebündelten Kräfte sind viel zu schwach. Den inzwischen hoch überlegenen Russen fällt es ziemlich leicht, den Vorstoß am 21. Dezember zum Stillstand zu bringen.

Für die nur rund 50 Kilometer entfernten Deutschen, die in Stalingrad als ursprüngliche Angreifer praktisch zu Verteidigern der Stadt und der vorgelagerten Steppe geworden sind, gibt es fortan keine Chance mehr. Aber vermutlich ist es gerade diese Ausweglosigkeit, die sie bis zum Umfallen kämpfen lässt.

Denn hinter der Front wachen die "Kettenhunde", wie die berüchtigten Feldpolizisten genannt werden. Die durchkämmen brutal etwa die Verwundetenlager, um vermeintliche Simulanten aufzuspüren. Standgerichte verurteilen allein in den letzten drei Wochen über 300 Männer zum Tode.

Auf der anderen Seite wiederum steht ein Feind, von dem die Landser nur das Schlimmste befürchten, jedenfalls keine Gnade erwarten.

Der zuweilen geäußerte Verdacht, in Stalingrad habe sich eine ganze, einst stolze Armee in seltsam anmutender Zwanghaftigkeit ihrem Schicksal ergeben, lässt sich so vielleicht widerlegen: Den Landsern - und vorweg natürlich ihrem Oberbefehlshaber Friedrich Paulus - kommt von einem bestimmten Zeitpunkt an jede auch nur noch halbwegs sinnvolle Alternative abhanden.

Und doch bleibt manches rätselhaft. Hat Adolf Hitler den Untergang inszeniert - und wenn ja: Wann verfiel er auf diese Idee? Immerhin leitet die beispiellose Tragödie nicht nur den unaufhaltsamen Verfall des Dritten Reichs, sondern auch der Person des "Führers" ein. Der Panzergeneral Heinz Guderian, der den Diktator in jenen Tagen trifft, berichtet von dieser Wandlung:

Seine linke Hand zitterte, sein Rücken war gebeugt, sein Blick starr, seine Augen standen hervor, und ihnen fehlte nun der frühere Glanz, seine Wangen waren rot gefleckt.

Befehl und Gehorsam

Hitler ist das Ausmaß der Katastrophe im Kessel wohl bewusst. Sein Luftwaffenadjutant Nicolaus von Below erhält immer wieder Briefe, in denen ihm befreundete Offiziere ein ungeschminktes Bild von den himmelschreienden Nöten vermitteln - und die er dann in Auszügen dem schweigenden Diktator vorliest. Auch Hauptmann Winrich Behr, den Paulus ins Führerhauptquartier schickt, berichtet detailliert vom Sterben an der Wolga (siehe Seite 73).

Zwei Wochen vor dem Ende des Gemetzels gesteht denn Hitler auch seinem Herold Goebbels, dass es "kaum eine Hoffnung gibt, diese Truppen zu retten".

Doch die Konsequenz daraus will er nicht ziehen. Wenn das deutsche Volk versage, dröhnt er vor seinen Gauleitern, verdiene es nicht, dass man für seine Zukunft kämpfe.

Fängt der zu theatralischer Selbststilisierung neigende Wagner-Freund schon jetzt damit an, den unaufhaltsamen Untergang seines gerade mal zwölf Jahre währenden tausendjährigen Reiches, der sich in seinem ganzen Ausmaß ja erst im Frühling 1945 vollziehen wird, zu inszenieren?

Bei allem Hitler zu unterstellenden Irrsinn ist das sehr wahrscheinlich doch eine überzogene Deutung. Und die verspätete "Operation Wintergewitter" spricht ja auch dagegen.

Ungeachtet ihres Misserfolgs darf als erwiesen gelten, dass sich der "Führer" einen Restbestand an Rationalität bewahrt hat - wenngleich zu seinen Bedingungen. Er glaubt zunächst tatsächlich, dass Stalingrad - mittlerweile für ihn wohl fast schon ein magischer Ort - mittels einer Luftbrücke gehalten werden kann.

Die 6. Armee fordert als Tagesleistung mindestens 500 Tonnen Lebensmittel, Betriebsstoffe und Munition, Göring garantiert immerhin 350 Tonnen. Erreicht werden diese Werte freilich an keinem einzigen Tag.

Vergebens warnt Paulus den Diktator, seine Männer gingen "in kürzester Frist der Vernichtung" entgegen - und steht doch in Treue selbst dann noch fest zu Hitler, als ihm der Kommandierende General eines Armeekorps, Walther von Seydlitz-Kurzbach, schwer ins Gewissen redet: Es sei "gegenüber der Armee und dem deutschen Volk die gebieterische Pflicht, sich die durch den bisherigen Befehl verhinderte Handlungsfreiheit selbst zu nehmen".

Für Paulus kommt die ihm aus Gründen der Menschlichkeit dringend angeratene Zuwiderhandlung nicht in Frage. Er fürchtet, ein Ausbruch zu diesem Zeitpunkt könne die wankende Front noch stärker durcheinander wirbeln, und sorgt sich um seine Soldaten, die er auch dann nur zu einem kleinen Teil durchzubringen glaubt.

Bezeichnend für die aus der Maschinerie eines Krieges resultierenden Handlungszwänge ist es, dass sich selbst Seydlitz versagt, sein Credo in die Tat umzusetzen, und Hitlers Befehl befolgen will.

Dass dennoch Paulus'' Haltung nicht die einzig mögliche ist, zeigt sich am 25. Januar, als es darum geht, sofort zu kapitulieren oder auszuharren. Nachdem Seydlitz seinen Divisionskommandeuren erlaubt, den Kampf zu beenden, wird er von Paulus entlassen und durch den Nazi-General Walter Heitz ersetzt. Der droht, jeden zu erschießen, der sich mit dem Gedanken trägt, sich den Russen zu ergeben.

Befehl und Gehorsam - ein in Stalingrad bis zur Perversion getriebenes Prinzip? Der noch in letzter Sekunde zum Generalfeldmarschall beförderte Friedrich Paulus flüchtet, als es um seinen Kopf geht, in eine Variante, die dann doch deutlich unterhalb des von ihm ansonsten krampfhaft hochgehaltenen Ideals bleibt.

Als die Russen ihn im Bunker des Kaufhauses Univermag verhaften, verweigert er im Sinne des Hitlerschen Verdikts zwar weiterhin die Kapitulation, liefert sich aber aus - und das sehr zum Missvergnügen des "Führers". "Der Mann", wütet Hitler, "hat sich totzuschießen, so wie sich früher die Feldherren in das Schwert stürzten, wenn sie sahen, dass die Sache verloren war."

In die in den frühen fünfziger Jahren einsetzende Debatte über den Untergang einer ganzen Armee greift auch der in britische Gefangenschaft geratene Erich von Manstein ein und lässt dabei die ganze brutale Kriegslogik deutlich werden:

Obschon auch er den Diktator seiner ersten Empfehlung zuwider später mehrfach drängte, den Ausbruch doch zu wagen, kritisiert Manstein energisch die Auffassung, der bis zum letzten Augenblick geführte Kampf sei im Grunde sinnlos gewesen:

Die 6. Armee "musste versuchen, so lange wie möglich die ihr gegenüberstehenden Feindkräfte zu binden" - und sei es denn um den Preis der Selbstaufgabe.

Die von Mythen umrankte Tragödie also nur ein kaltschnäuziges Kalkül? Manstein spielt darauf an, dass im Dezember 1942 weit über 300 000 deutsche Soldaten in der Kaukasus-Region stehen und Stalin gerade dabei ist, sie vom Nachschub abzuschneiden. Ein zweiter Kessel, verhängnisvoller noch als in Stalingrad, habe sich dort angebahnt. Er unterschlägt dabei aber, dass Hitler ja schon zum Jahresende den Rückzug dieser Truppen befahl.

Und nachdem das gelungen ist, findet nur der "Führer" noch pseudorationale Rechtfertigungen für das große Sterben. Es sind die traumatischen Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg, die den Diktator dazu bringen, seine Soldaten zu opfern. Für den ehemaligen Gefreiten Hitler wurzelten die Gründe der Niederlage von 1918 auch darin, dass es zu Sieg oder Untergang eine Alternative gab: die Kapitulation - und diesen Weg will er versperren.

Stalingrad - Theorie und Praxis: Anfang Februar 1943 zeigen sowjetische Filmaufnahmen zerlumpte, jämmerlich frierende Landser, die auf der Suche nach Schutz vor dem eisigen Wind ihre Köpfe schräg zwischen die Schultern gezogen haben. Dass sie, völlig entkräftet, in der Gefangenschaft zu Tausenden zu Grunde gehen, hätte ein weniger knechtisch handelnder Paulus verhindern können.

Die Stadt, die die deutschen Landser hinter sich lassen, ist eine einzige Ruinenlandschaft. Die Fotos von Stalingrad 1943 gleichen jenen von Köln, Darmstadt oder Pforzheim Monate später.

Der britische Journalist Alexander Werth, der das Schlachtfeld schon bald danach besuchen darf, schreibt:

Wie das normale Relief des Bodens ausgesehen hatte, konnte niemand sagen ... Gräben verliefen quer über die Fabrikhöfe, durch die Werkstätten selber; am Boden der Gräben lagen immer noch eingefrorene Deutsche und eingefrorene Russen und gefrorene Bruchstücke menschlicher Körper ... Wie hier irgend jemand überleben konnte, war schwer vorstellbar.

Bei der ersten in Stalingrad kurz nach der Schlacht durchgeführten Volkszählung melden sich 10 000 Menschen, 994 sind Kinder. 9 von ihnen finden ihre Eltern wieder. KLAUS WIEGREFE

* Beim Marsch aus Stalingrad.* Rechts: in Stalingrad 1942.* Sowjetisches Propagandaplakat von 1944.* Am 20. und am 23. Dezember.

DER SPIEGEL 51/2002
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