16.12.2002

„Den Mann kannst du abschreiben“

Wie Winrich Behr, Ordonnanzoffizier des Oberbefehlshabers in Stalingrad Friedrich Paulus, in der Wolfsschanze versuchte, Adolf Hitler die Kapitulation der 6. Armee nahe zu legen
SPIEGEL: Herr Behr, wie oft haben Sie in Ihrem Leben Adolf Hitler getroffen?
Behr: Zweimal. Ich wurde ihm kurz beim Frankreich-Feldzug, wo ich verwundet worden war, vorgestellt. Und dann sprach ich mit ihm bei meinem Besuch im Führerhauptquartier in der Wolfsschanze im Januar 1943.
SPIEGEL: Was wollten Sie dort?
Behr: Ich sollte Hitler den Zustand der 6. Armee schildern und auf diese Weise erreichen, dass Generaloberst Friedrich Paulus Handlungsfreiheit erhielt, also auch kapitulieren durfte.
SPIEGEL: Wann erfuhren Sie von diesem Auftrag?
Behr: Paulus befahl mich am 13. Januar gegen 9 Uhr in seinen Bunker. Da saßen er und Generalstabschef Arthur Schmidt. Sinngemäß haben die gesagt: Behr, Sie fliegen noch heute raus.
SPIEGEL: Was war die Begründung?
Behr: Paulus sagte, dass alle Versuche, über die Luftbrücke größere Unterstützung zu erhalten, gescheitert seien. Entweder müsse sich das ändern, oder er müsse kapitulieren. Dafür wollte er von Hitler Handlungsfreiheit.
SPIEGEL: Wieso hat Paulus ausgerechnet Sie geschickt?
Behr: Er glaubte, dass ein junger Frontoffizier - ich war damals 24 Jahre alt -, der mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet worden war ...
SPIEGEL: ... die Tapferkeitsauszeichnung schlechthin ...
Behr: ... auf Hitler eventuell noch Eindruck machen könne.
SPIEGEL: Sie waren doch in Stalingrad gar nicht an der Front eingesetzt.
Behr: Aber ich wirkte, als wäre ich gerade aus einem Panzer gestiegen. Ich trug in Stalingrad die Uniform der Panzertruppe, zu der ich ursprünglich gehörte, war abgemagert, wenn auch nicht so entkräftet wie die kämpfende Truppe. Und natürlich habe ich vor dem Gespräch mit Hitler das Ritterkreuz über den Rollkragen des Pullovers gezogen, so dass es deutlich sichtbar war.
SPIEGEL: Waren Sie denn der einzige verfügbare Ritterkreuzträger?
Behr: Nein, aber ich war über die Lage der 6. Armee auf Grund meiner Stellung als so genannter Ordonnanzoffizier 1 besonders gut informiert.
SPIEGEL: Wofür trug ein Ordonnanzoffizier 1 Verantwortung?
Behr: Meine Hauptaufgabe war das Führen der Lagekarte. Ich musste mehrmals täglich die Meldungen von den verschiedenen Frontabschnitten einholen und in einem Bericht zusammenfassen und natürlich darüber auf dem Laufenden sein, was die Russen taten. Außerdem hatte der O 1 kurzfristige Veränderungen der Versorgungslage vorzutragen: Wie viele Panzer haben wir noch, wie sieht es mit der Munition aus und dergleichen.
SPIEGEL: Wie lange, glaubten Sie damals, würde sich die 6. Armee noch halten können?
Behr: Ich nahm an, dass wir den Januar nicht überstehen würden.
SPIEGEL: Sind Sie direkt zur Wolfsschanze geflogen?
Behr: Nein, zuerst ging es zur Heeresgruppe Don nach Taganrog. Dort erwartete mich am frühen Abend Erich von Manstein, der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe. Ich habe ihm dann geschildert, wie miserabel die Lage aussieht. Manstein wusste das natürlich alles schon und hat mich ermuntert, genau so dem Führer vorzutragen.
SPIEGEL: Was erhoffte sich Manstein?
Behr: Er war auch ratlos. Bezeichnenderweise sagte er zu mir: "Möglicherweise wird Ihr Vortrag dazu führen, dass Maßnahmen ergriffen werden. Was - weiß ich allerdings auch nicht."
SPIEGEL: Wann kamen Sie zu Hitler?
Behr: Am nächsten Tag flog ich zur Wolfsschanze. Man brachte mich sofort zur so genannten Führerbaracke. Ein SS-Mann forderte mich an der Garderobe auf, Mantel, Koppel und Pistole abzulegen. Als ich nach dem Vortrag wieder herauskam, waren Koppel und Pistole übrigens weg. Geklaut.
SPIEGEL: Wie verlief das Gespräch mit Hitler?
Behr: Er führte mich in den Raum mit dem Kartentisch. Dort warteten zahlreiche Generäle und Generalstabsoffiziere. Und dann hat er mir eine Stunde lang die Weltlage referiert.
SPIEGEL: Warum?
Behr: Er wiederholte mehrfach: Stalingrad ist eine meiner großen Sorgen, aber nicht die einzige große Sorge. Offenkundig wollte er mir den Eindruck vermitteln, dass er das große Ganze im Blick habe und man ihm deshalb vertrauen solle. Und dann war es ein Trick von ihm, dass er schlechten Nachrichten auswich, indem er auf den Überbringer einredete und sich plötzlich verabschiedete, bevor der überhaupt zum Zuge kam. Mich wollte er auch schon verabschieden. Aber ich kannte die Finte.
SPIEGEL: Woher?
Behr: Nicolaus von Below, Luftwaffen-Adjutant Hitlers, war mein Schwager und hatte mich vorgewarnt.
SPIEGEL: Was haben Sie gemacht?
Behr: Ich habe darum gebeten, meinen Vortrag halten zu dürfen. Das war schließlich mein Befehl, und außerdem war ich bereits in Rage.
SPIEGEL: Was war vorgefallen?
Behr: Hitlers Vortrag war einfach skandalös. Auf der Karte standen lauter Fähnchen herum, die Divisionen symbolisieren sollten. Das sah so aus, als wenn bei jedem Fähnchen noch Tausende Soldaten kämpften. Dabei wusste ich ja, dass es nur noch wenige Männer waren, die ein Gewehr halten konnten. Und besonders erbost hat mich, dass Hitler von mehreren SS-Panzerdivisionen sprach, die uns heraushauen würden.
SPIEGEL: Was hatten Sie gegen diese Nachricht?
Behr: Ich hatte schon von Manstein erfahren, dass diese SS-Divisionen überhaupt nicht in der Lage waren, uns zu erreichen. Dass Hitler versuchte, mich als den Gesandten von Paulus mit solchen Märchen irrezuführen, machte mir klar - den Mann kannst du abschreiben.
SPIEGEL: Hatten Sie Hitler vorher bewundert?
Behr: Ja, bis zum erfolgreichen Frankreich-Feldzug, aber das war nun vorbei. Ich habe ungeschminkt die Lage vorgetragen: dass die Soldaten hungern, und wie wenig über die Luftbrücke ankam. Da hat natürlich die Luftwaffe protestiert, die von Hitler sofort kritisiert wurde. Allerdings drang ich mit meinen Warnungen, dass die Soldaten zu verhungern drohten, nicht ganz durch. Die Stimmung war: "Na ja, ihr habt schon Anfang Dezember gemeldet, dass ihr Verpflegung nur für drei Tage habt, und ihr lebt sechs Wochen später immer noch. Da werdet ihr auch noch weitere sechs Wochen aushalten."
SPIEGEL: Haben Sie auch die Desertionen von Landsern erwähnt?
Behr: Ja, da hat Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, mir verdeckt mit dem Finger gedroht. Der fürchtete offenbar, das Heer könne gegenüber der Waffen-SS bei Hitler weiter an Ansehen verlieren.
SPIEGEL: Wie hat Hitler die Hiobsbotschaften aufgenommen?
Behr: Er hat sie sich angehört, die Generäle kritisiert, war aber nicht bereit, Paulus Handlungsfreiheit einzuräumen, obwohl ich das mehrfach ansprach. "Stalingrad muss durchhalten" - das waren seine Worte. Er verwies immer wieder auf die SS-Divisionen. Ich habe mich später gefragt, ob er wirklich an den Unsinn glaubte, den er mir erzählte.
SPIEGEL: Wie ging es weiter?
Behr: Am nächsten Tag wurde ich nochmals zu ihm gerufen. Generalfeldmarschall Erhard Milch war auch dabei. Der sollte nun die Luftversorgung übernehmen. Hitler polterte, er solle die Luftwaffe auf Trab bringen. Mich hat er offenbar als Zeugen dazugerufen, damit ich Paulus hinterher berichtete, wie sehr er sich engagierte.
SPIEGEL: Wollte Hitler den Untergang der 6. Armee damals schon inszenieren?
Behr: Im Rückblick habe ich diesen Eindruck.
SPIEGEL: Aber Sie sind dann nicht wieder in den Kessel geflogen?
Behr: Man ließ mich nicht. Ich hatte im Führerhauptquartier noch ein Gespräch mit General Rudolf Schmundt, dem militärischen Chefadjutanten Hitlers, einem überzeugten Nationalsozialisten. Der fragte mich: "Wie fanden Sie denn das Gespräch mit Hitler?" Da habe ich ganz offen gesagt: "Katastrophal. Das glaubt doch keiner, dass ich so töricht bin, die Sache mit den SS-Divisionen zu glauben." Damit war ich nicht mehr der richtige Bote, um Paulus zum Durchhalten zu bewegen.
SPIEGEL: Wurden Sie auf Grund Ihrer Erfahrung mit Hitler zum Widerständler?
Behr: Nein, obwohl mich mein Freund Bernhard Klamroth noch im Führerhauptquartier ansprach. Er war Stabsoffizier bei Oberst Hellmuth Stieff, und beide fragten mich offen: Bist du auch der Meinung, dass Hitler beseitigt werden muss?
SPIEGEL: Warum wollten Sie nicht mitmachen?
Behr: Dafür war ich nicht weit genug. Es sollte ja schließlich der oberste Befehlshaber ermordet werden, und das ging völlig gegen meine Erziehung. Und dann war mir der Wechsel zu schnell: Eben noch hatte ich Hitler bewundert, und nun sollte ich helfen, ihn umzubringen?
SPIEGEL: Und Hitlers Verbrechen?
Behr: Ich hatte bis dahin vor allem in Frankreich und Nordafrika gekämpft. Von der Ermordung der Juden und den anderen Menschheitsverbrechen Hitlers hatte ich keine Kenntnis. INTERVIEW: KLAUS WIEGREFE
* Mit Erhard Milch, Albert Speer, Rudolf Schmundt (3. v. r.), Nicolaus von Below (2. v. r.).
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 51/2002
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