Von Deckstein, Dinah
Dem Münchner Reiseveranstalter Frosch Touristik (FTI) gelang es bisher selten, die großen Konkurrenten TUI und Thomas Cook richtig zu ärgern - zu klein ist sein Angebot, zu wenig innovativ sein Konzept. Firmenchef Georg Eisenreich wirbelt seit seiner Bestellung vor zwei Jahren unermüdlich, um die Verluste seiner Vorgänger abzutragen. Bislang vergebens, in diesem Jahr fiel wegen der Flaute des Gewerbes statt des erhofften Gewinns sogar ein neuer Verlust an.
Umso verdutzter reagierten die TUI- und Thomas-Cook-Manager, als Eisenreich Anfang Dezember mit einem Angebot vorpreschte, das die Wettbewerber ganz schön alt aussehen lässt. Wer bei der Tochter des britischen Touristikkonzerns MyTravel schon jetzt seinen nächsten Sommertrip reserviert, kann nicht nur attraktive Rabatte und eine Gratis-Versicherung einheimsen, sondern bis Ende Februar kostenlos auf ein anderes Zielgebiet umbuchen. "Das kommt zögerlichen Kunden sehr entgegen, die auf Grund der politischen Lage oder ihres persönlichen Umfelds noch eine Weile flexibel bleiben wollen", preist der Urlaubsprofi sein neues Pauschalpaket.
Was auf den ersten Blick wie eine bare Selbstverständlichkeit wirkt und in anderen Branchen längst zum Standard zählt - Kunden ein Umtauschrecht einzuräumen -, kommt im Beherbergungsgewerbe einer mittleren Revolution gleich. Jahrzehntelang stellten die Herren über Bettenburgen und Ferienjets ihr Angebot nach dem stets gleichen, vermeintlich narrensicheren System zusammen - und verdienten prächtig dabei.
Bereits viele Monate vor Saisonbeginn schwärmten die Einkäufer der Konzerne in die Zielgebiete aus, um den Hoteliers die besten Betten und üppige Rabatte abzuhandeln. Die gemieteten Nachtlager wurden hernach mit vorab reservierten Flugsitzen kombiniert und ein halbes Jahr vorher in Hochglanzkatalogen über die Reisebüros platziert. Was übrig blieb, verkauften die Ferienmanager über hauseigene oder befreundete Last-Minute-Anbieter wie Bucher oder L'tur.
Doch die Terroranschläge auf Djerba, Bali oder in Kenia und der drohende US-Angriff auf den Irak fördern nun erstmals die Schwächen eines Geschäftsmodells zu Tage, das in Boomzeiten zwar blendend funktioniert, in Krisenzeiten jedoch Gewinne und Bilanzen empfindlich belastet. Damit ihre konfektionierten Ferienangebote später auch an den Mann oder die Frau zu bringen sind, brauchen die Touristikmanager Planungssicherheit. Doch die existiert nur noch auf dem Papier, seit Terroristen arglose Touristen als bevorzugtes Angriffsziel im Kampf gegen die Amerikaner und ihre Verbündeten entdeckt haben.
Die Konzerne sind auf stetig sprudelnde Gewinne angewiesen. Nach der Devise "Think big" haben TUI-Chef Michael Frenzel und sein Hauptwettbewerber Stefan Pichler von Thomas Cook im großen Stil Hotelbeteiligungen oder Flugzeuge gekauft und für Milliardenbeträge britische Konkurrenten übernommen. Um die hohen Kreditzinsen zu verdienen, müssen die Kapazitäten um jeden Preis ausgelastet werden. Doch das dürfte für die Marktführer künftig eher noch schwieriger werden.
Ihre Kunden sind verunsichert, und das schadet dem Geschäft. Wer will sich heute schon festlegen, wo er im nächsten Sommer seinen Urlaub verbringt - zumal ihm hohe Stornokosten drohen, wenn ihm später die Lage als zu unsicher erscheint und er von der Reise zurücktreten will. Eine löbliche Ausnahme bilden nur Veranstalter wie FTI oder der Münchner Bildungsreisespezialist Studiosus, der seinen Gästen schon länger in knapp einem Dutzend islamischen und arabischen Ländern bis zwei Wochen vor Abflug ein kostenloses Umbuchungsrecht einräumt.
Viele Urlaubswillige warten deshalb erst einmal ab - und bringen die Touristikmanager damit in die Klemme. Für fast 90 Prozent der Deutschen, hat eine Untersuchung der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) ergeben, ist die Sicherheit bei Ferientrips inzwischen wichtiger als der Preis.
Nach der Terrorattacke auf eine Disco im Ballermannzentrum Kuta auf Bali, bei der 191 Menschen ums Leben kamen, erklärten in einer Forsa-Studie sogar 78 Prozent der Befragten, islamische Länder künftig zu meiden. "Die Branche tanzt auf einem Vulkan", warnt Ex-Lufthansa-Manager Adrian von Dörnberg, heute Marketingvorstand der Europäischen Reiseversicherung, seine Kollegen und rät ihnen, sich für das "Szenario B" zu rüsten: "Bomben auf Bagdad".
Doch die Tourismusmanager malen die Welt in schönsten Farben. "Nach meinen Informationen ist die Gefahr eines Irak-Krieges eher geringer geworden", macht Thomas-Cook-Chef Pichler sich selbst Mut, "außerdem kann ein Anschlag jederzeit auch in Deutschland passieren."
Kein Wunder, dass die großen Veranstalter ihren Kunden auf den Internet-Seiten eine heile Welt vorgaukeln. Wer sich bei TUI oder Thomas Cook durch Schnäppchenangebote und Gewinnspiele bis zu den Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amts durchklicken will, braucht Geduld, Hartnäckigkeit und mitunter auch jede Menge geografische Detailkenntnisse.
Dort erfährt derjenige, der es durch den Informationsdschungel geschafft hat, dass die Behörden von Reisen nach Bali, Kenia oder ins südliche Thailand bis auf weiteres abraten. Trotzdem haben die Marktführer die ehemaligen Traumziele auch weiterhin in ihrem Programm.
Bis vergangene Woche warb die Nummer eins der Branche, der TUI-Konzern, sogar mit dem Slogan "Kenia liegt im Trend" für Safaris in dem Land. Im Internet unter der Adresse www.tui.de erfuhr der Reisewillige zwar, dass es in dem Trendland 1998 einen Terrorangriff auf die US-Botschaft in Nairobi gegeben hatte. Dass erst Ende November beim Bombenanschlag auf ein Ferienhotel in Mombasa 16 Menschen umkamen und weitere rund 260 Touristen nur knapp dem Tod entgingen, als ihr Ferienjet von einer Boden-Luft-Rakete beschossen wurde, hat sich bis Hannover offenbar erst jetzt herumgesprochen.
Es geht auch anders, wie der Münchner Mittelständler Studiosus zeigt. Bei Globetrottern gilt die Startseite des Spezialveranstalters mittlerweile sogar als Geheimtipp. Wer sich schnell über potenzielle Krisenherde oder gefährliche Regionen informieren will, wird dort in einem ständig aktualisierten Nachrichtenblock bestens bedient. Länder wie Bali, Kenia, die Philippinen, Südthailand oder den Jemen haben die besorgten Bayern "bis auf weiteres" aus dem Angebot genommen. Insgesamt stehen rund 40 Länder auf dem Index. "Es macht keinen Sinn, das Thema Sicherheit länger totzuschweigen, wie es die Branche seit Jahren macht", rüffelt Firmenchef Peter-Mario Kubsch seine allzu sorglosen Kollegen.
Der umtriebige Mittelständler hat gegenüber Branchenriesen wie TUI oder Thomas Cook allerdings einen entscheidenden Vorteil. Weil er überwiegend Gruppenreisen veranstaltet und keine eigenen Hotels oder Flugzeuge besitzt, kann er seine Gäste im Krisenfall schnell in vergleichsweise ungefährliche Länder und Regionen umleiten. Das fällt den Großkonzernen deutlich schwerer.
Kommt es tatsächlich zu einem Irak-Krieg, der nach Meinung vieler Experten kaum zu vermeiden ist, brechen den Touristik-Bossen ausgerechnet die beliebtesten Urlaubsziele preisbewusster Deutscher weg, die Türkei und Ägypten. Schwere Einbrüche drohen auch in einem Ferienland, das die Konzerne gerade als günstige Alternative zu Ferndestinationen der Karibik oder Asien aufbauen - Südafrika.
Nach Erkenntnissen amerikanischer und örtlicher Geheimdienste entwickelt sich die Traumregion zum Rückzugsgebiet für al-Qaida-Mitglieder und Kämpfer der palästinensischen Hamas sowie der libanesischen Hisbollah. In den Prospekten und Internet-Seiten der Veranstalter ist davon nicht die Rede.
Auch ohne Terroristen sind Städte wie Kapstadt oder Johannesburg, die von den Reiseveranstaltern als In-Metropolen gefeiert werden, für Touristen sehr gefährlich. Selbst Einheimische trauen sich in vielen Stadtteilen nicht mehr auf die Straße und schützen ihre Häuser mittels Stacheldraht und bewaffneter Garden vor Kriminellen.
Zusätzlich unter Druck geraten die Ferienmacher durch Billig-Airlines, die sie neuerdings in ihren eigenen Konzernen beherbergen und die mit ihren Preisen die hauseigenen Chartercarrier oft deutlich unterbieten. Derzeit steuern die Niedrigpreisableger bevorzugt europäische Traumstädte wie Rom, Venedig oder Paris an. Sollte die selbst gezüchtete Konkurrenz demnächst auch Ferienziele wie Mallorca oder Gran Canaria anfliegen, könnte es eng werden für die Nachfahren von Thomas Cook und Josef Neckermann.
Statt die Angebote der bekannten Ferienveranstalter zu buchen, können sich Urlauber im Internet aus Flug und Hotel eine maßgeschneiderte Reise zusammenstellen oder auf der Website "FlyLoco" des L'tur-Gründers Karlheinz Kögel einklicken, der den Service schon heute anbietet. Wer Angst hat zu verreisen oder nicht weiß, ob sein Job morgen noch sicher ist, kann mit seiner Entscheidung so bis kurz vor Abflug warten und muss nicht länger die Abfallprodukte der großen Konzerne auf dem Last-Minute-Markt abwarten.
Dass die Terrorbedrohung einerseits und die zunehmende Emanzipation der Kunden andererseits ein gefährliches Gemisch bilden, scheinen inzwischen auch die großen Tourismuskonzerne zu erkennen. Wer beim Marktführer eine Pauschalreise bucht, erhält in den Reiseunterlagen neuerdings genaue Hinweise auf die Länderanalysen des Auswärtigen Amts. In die neuen Kataloge will TUI-Deutschland-Chef Volker Böttcher nach dem Vorbild des Branchenpioniers Studiosus demnächst zudem erstmals konkrete Sicherheitsinfos aufnehmen.
Die Hannoveraner denken zurzeit auch darüber nach, ihren Kunden, ähnlich wie FTI, ein befristetes Umbuchungsrecht einzuräumen und unterhalb des Vorstands einen eigenen Sicherheitsbeauftragten zu installieren. "Das soll kein Alibi-Posten sein", versichert Böttcher, "der Mann oder die Frau muss wirklich was bewegen können."
Parallel dazu arbeiten Top-Manager von TUI und Thomas Cook an einer gemeinsamen Sicherheitsdoktrin, mit der sie in Fällen wie einem Irak-Krieg Krisenfolgen bei den Konzernen eindämmen und ihre Kunden beruhigen wollen.
Allzu viel sollten sich verunsicherte Verbraucher von der neuen Touristik-Task-Force allerdings nicht versprechen. "Wenn Sie zu viel aufklären", baut Thomas-Cook-Chef Pichler schon mal vor, "schüren Sie die Angst bei den Leuten doch nur."
Und auch die beste Aufklärung kann nicht vorhersagen, wann und wo der nächste Anschlag droht. DINAH DECKSTEIN
DER SPIEGEL 51/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.