16.12.2002

KARRIERENDie Menschentrainer

Glücksbücher stürmen die Bestsellerlisten, in der Krise suchen viele Deutsche Rat und Lebenshilfe bei Heilspropheten und Leuten wie Bodo Schäfer - einem ehemaligen Versicherungsvertreter, der in seinen Büchern und Seminaren das Glück für alle predigt. Von Lothar Gorris
Glück ist es für Bodo Schäfer, wenn er zu Hause vor seinem Tresor sitzt. 400 Kilo ist der schwer, ein Modell mit Zahlenschloss, im Boden fest verankert. Ein Kind könnte sich darin verstecken. Er steht frei im Raum. Er sieht ein bisschen aus wie ein Altar.
Ein paar zehntausend Euro, Schmuck, Gold hat Schäfer dort eingeschlossen. Manchmal holt er Scheine, Münzen, Edelsteine hervor. Er kann sehr zärtlich sein zu Geld. Baut Türme, streichelt, freut sich, findet Trost. Ruft Mehti, seine Frau, herbei, eine Türkin, jung, hübsch, mit dem Körper eines Supermodels. Vor drei Monaten haben sie geheiratet. Er sagt: "Schau mal, Mehti, wie schön!"
"Ja, Bodo", antwortet sie, "sehr schön."
Glück ist es für Schäfer, seine Freunde zum Monopoly einzuladen, einen Wirtschaftsprüfer, einen Steuerberater, einen Investmentbanker. Sie essen türkische Vorspeisen, die Jungs trinken Rotwein, Schäfer warmen Kakao. Sie spielen, bis der Sieger alles hat und alle anderen pleite sind.
Schäfers Strategie: nicht zu früh kaufen, nur die Hälfte des Kapitals einsetzen, die Luxusstraßen meiden. Vor allem: kämpfen ohne Kompromisse und ohne Gefühl. Dann, sagt er, entscheidet nicht der Würfel, sondern die Wahrscheinlichkeit. "Ich hab noch nie verloren", sagt er. In mehr als 90 Spielen nicht.
Es ist einer dieser Bodo-Schäfer-Tricks. Er soll beweisen, dass sein Glück kein Zufall ist, sondern System, das sich erlernen lässt.
Glück ist es für Schäfer, in seinem Büro zu sitzen in einem Vorort von Köln und auf das Regal mit seinen Büchern zu schauen. Auf allen Titeln der gleiche Schäfer, mit Föhnwelle, Dreiteiler, Einstecktuch. Die Bücher heißen "Wohlstand ohne Stress", "Die Gesetze der Gewinner" oder "Der Weg zur finanziellen Freiheit - In sieben Jahren die erste Million". Das war sein erstes, 1998, zweieinhalb Millionen Mal hat es sich verkauft, übersetzt in 22 Sprachen.
Schäfer nennt sich Money-Coach, er ist ein Trainer fürs Leben. Seine Konkurrenten heißen Jürgen Höller oder Ulrich Strunz. Sie schreiben Bücher, sie treten auf bei Seminaren, bei Unternehmen, manchmal mieten sie Sporthallen, um mehrere tausend Unzufriedene aufzupeitschen.
Schäfer ist Star einer millionenschweren Industrie, die den Menschen dabei hilft, sich zu optimieren. Damit sie erfolgreicher werden, reicher und gesünder, fitter, klüger, schöner. Es ist eine Industrie, in der Motivationstrainer, Religionsführer, Wissenschaftler, Glücksforscher, Psychologen, Ärzte und Managementlehrer um Marktanteile kämpfen.
Der Dalai Lama verkündet seinen buddhistischen "Weg zum Glück". Der Journalist Stefan Klein erzählt in seinem Buch "Die Glücksformel" von den biochemischen Grundlagen des Glücks und davon, dass es kein Zufall, sondern Training ist. Werner Küstenmachers Ratgeber "Simplify Your Life" sagt, dass man nur in seinem Leben aufräumen muss, seinen Schreibtisch, seine Beziehungen, um aus einem unglücklichen Dasein ein glückliches zu machen. Alle drei gehören seit Monaten zu den bestverkauften Büchern in Deutschland. Es gibt viele, die das für Bluff und Unsinn halten. Es gibt noch viel mehr, die sich gern helfen lassen.
Das Hotel "Mon Port" in Port Andratx auf Mallorca ist ein guter Ort, das Glück zu suchen. Das Meer ist nah, der Pool groß, die Sonne gratis. Schäfers Seminar heißt "Mut zum Glücklichsein", vier Tage für 1850 Euro.
Gekommen ist die Mittelschicht: Innenarchitekten, IT-Berater, Pizza-Lieferanten. Sie sind alt genug für eine Midlife-Crisis. Sie glauben nicht an Gott. Sie glauben nicht an Marx. Sie glauben nicht an Edmund Stoiber oder Gerhard Schröder. Sie hätten gern etwas, an das sie glauben könnten.
Und Schäfer sagt es ihnen, vier Tage lang, von morgens um sieben Uhr, wenn er zum Joggen ruft, bis abends um acht, wenn er sie zu den Hausaufgaben auf die Zimmer schickt: Es gibt nur einen, an den ihr glauben müsst - an euch selbst.
Gerade hat Schäfer sein neues Buch veröffentlicht, sein siebtes in vier Jahren. "Endlich mehr verdienen - 20 Prozent mehr Einkommen in einem Jahr" heißt es. Als Schäfers Karriere begann, gab es noch keine Rezession und keinen Börsencrash, keinen Euro und keine Krise. Jetzt erklärt er in einem Kapitel, was seine Leser machen müssen, wenn sie ihren Job verlieren und in 100 Tagen einen neuen finden wollen: die Krise ignorieren, das Arbeitsamt vergessen, sich selber neu erfinden.
Jeder Käufer bekommt das Geld erstattet, wenn er in einem Jahr nicht 20 Prozent mehr verdient. Geld-zurück-Garantie nennt er das; es steht groß vorn auf dem Cover. "Den größten Teil der Kosten übernimmt der Verlag", sagt er. "Das war meine Bedingung." Es ist das erste Buch in Deutschland, das so etwas verspricht. Auch so ein Bodo-Schäfer-Trick.
Das Seminar auf Mallorca beginnt mit Fahrstuhlmusik und Bildern aus der Unterwasserwelt. Auf jedem Tisch ein Ordner, blauer Einband, gelbes Euro-Zeichen. Es ist Schäfers Gebrauchsanleitung zum Glück.
In dem Ordner steckt sein Leben, verdichtet zu einem Helden-Plot: Der unreife Bursche, der das Falsche will und der in der Krise sich selbst und seinen Lebenssinn entdeckt - den Menschen erklären, wie sie reich und glücklich werden. Um selbst noch reicher und noch glücklicher zu sein.
Denkt positiv! Notiert jeden Tag eure Erfolgserlebnisse! Erkennt euren Sinn des Lebens! Macht ihn zum Beruf! Setzt euch Ziele! Räumt zur Seite, was euch im Wege steht! Trennt euch von Menschen, die euch daran hindern, das Glück zu finden! Jede Katastrophe ist auch ein Neuanfang!
Seine Philosophie der Imperative hat sich Schäfer zusammengeschnipselt aus den Weisheiten amerikanischer Motivationstrainer, es sind Fundstücke aus der Ideengeschichte: Aristoteles, Marc Aurel, Adam Smith, der Dalai Lama. Das alles ist so wahr und so banal, dass man dafür keinen Bodo Schäfer braucht.
90 Menschen aus ganz Deutschland sind ins Hotel "Mon Port" gekommen. Und Schäfer ruft ihnen in Erinnerung: Glück ist möglich, es liegt an euch. Schäfer ist ein strenger Lehrer, der ihnen das Fernsehen verbietet. Er ist ein guter Redner, der seine Botschaft in Regeln und Gebote packt. Man kann sie leicht auswendig lernen.
Schäfer geht es wie dem Priester nach der Messe: Weil er sieht, wie die Jünger an seinen Lippen hängen, glaubt er selbst ein wenig mehr an sich.
Seine eigene Jagd nach Geld und Glück begann früh, mit 16. Sein Ziel hieß Kalifornien, Schäfer träumte den Tellerwäscher-Traum. In Santa Rosa putzte er Toiletten, um die Schule zu bezahlen. Mit 21 stieg er in einen Bus nach Mexiko, er landete in Guadalajara. Die Mädchen dort waren ziemlich sexy.
Er lernte eine Fernsehproduzentin kennen. Sie überredete ihn, an einem Schönheitswettbewerb teilzunehmen. Er färbte sich die Haare blond, gab sich aus als Model aus Paris und lernte, wie man auf dem Catwalk geht. Drei Tage später wählte man ihn zum Model des Jahres von Mexiko.
Schäfer trug weiße Anzüge und verdiente viel Geld mit Model-Jobs. Er ging aus mit der Tochter eines Rechtsanwalts. Die Familie lebte in einem Palast, zur Hochzeit schenkte der Schwiegervater dem Paar einen Park samt Villa. Manchmal holte Don Miguel, der Schwiegervater, aus dem Tresor Dollar-Noten, antike Münzen und Edelsteine hervor. Bodo Schäfer hatte jetzt eine Frau und bald eine Tochter, vor allem aber hatte er die Liebe seines Lebens gefunden. Glück? "Das Geld zu streicheln", sagt Schäfer, "war sehr schön."
Er hätte bleiben können, er ging zurück nach Deutschland, studierte Jura, machte Geschäfte, Import, Export, Wasserfilter, Vitaminpillen, er lebte groß und häufte Schulden an. Irgendwann ging seine Frau zurück nach Mexiko, das Baby mit ihr, Schäfer musste eine neue Heimat suchen. Er fand sie bei der Hamburg-Mannheimer.
Strukturvertrieb nennen Versicherungsleute den Job, den Schäfer annahm. Er putzte Klinken, Lebensversicherungen, er lernte, wie man Menschen überredet oder übertölpelt. Niemals aufgeben, immer weiter, von einer Tür zur nächsten. Jede Niederlage ein Neuanfang. Er hat den Kapitalismus von der Pike auf gelernt. "Wenn man das ein paar Jahre lang gemacht hat", sagt er, "kann man wirklich alles."
Wie reich Schäfer heute wirklich ist, verrät er nicht. "Es könnte zu viel sein oder zu wenig." Neid oder Enttäuschung, beides ist schädlich fürs Geschäft. Es müssen etliche Millionen Euro sein. Er hat zwei Jaguar, zwei Rolls Royce. Er sagt, er habe schon vor zehn Jahren ausgesorgt. Es wird Neid sein, den er fürchtet.
Vor zwei Jahren durfte er zur Privataudienz beim Papst, eingeladen durch Wojtylas Sekretär, der Schäfers Bestseller gelesen hatte. Glück? "Geld", sagte der Papst, "ist gut, mein Sohn."
Das Drama auf Mallorca beginnt am Samstagnachmittag mit einem dieser Bodo-Schäfer-Tricks. Draußen scheint die Sonne, fast 30 Grad, im Seminarraum fegt eisige Luft aus den Schlitzen der Klimaanlage. Die Teilnehmer sollen Grabreden schreiben, Nachrufe auf sich selbst. Ein Psycho-Spiel, harmlos, meistens.
Eine junge Frau ganz hinten in der letzten Reihe, dunkle Locken, erst selbstbewusst und stolz, beginnt plötzlich zu weinen, sie rennt hinaus, flüchtet auf die Toilette. Eine Mitarbeiterin geht ihr nach und versucht zu helfen. Am Abend ist die Frau verschwunden, in den Wäldern rund um Port Andratx. Die Mitarbeiter schwärmen aus, kurz vor Mitternacht ruft Schäfer die Polizei. Er steht in der Rezeption, spricht mit den Polizisten, er wirkt gefasst, nur im Blick die Angst, dass die Frau sich etwas antut. Und dass man ihn als Psycho-Scharlatan entlarven könnte.
Nach einer Stunde hat die Polizei die Frau gefunden. Ein Arzt kümmert sich um sie, nichts Schlimmes. Sie braucht eine Therapie und keinen Bodo Schäfer.
Vor drei Jahren war er so tief unten wie die Frau. In Bad Neuenahr brach er vor Publikum zusammen. Burnout.
Ein halbes Jahr später verkaufte er seine Firma Schäfer Finanz Coaching. Drei Monate danach machte sie Pleite. Der neue Besitzer, ein ehemaliger Mitarbeiter, behauptete, er habe ein marodes Unternehmen übernommen. Eine hässliche Geschichte, so stand sie auch in den Zeitungen: Der Mann, der anderen den Reichtum erklärt, macht selbst Pleite. Den Kampf um Richtigstellung führt er immer noch. Schäfer holt das Gutachten des Insolvenzverwalters aus der Tasche. "Der Umsatz 1999 lag bei 7,5 Millionen", sagt er, "der Gewinn bei 2,5 Millionen Mark. Wie kann so eine Firma in sechs Monaten Konkurs machen?" Es folgt eine Geschichte, in der von Hass die Rede ist, von verdeckten Geldentnahmen, von Privatdetektiven, von Drogen.
Zwei Jahre danach ist das Insolvenzverfahren noch immer nicht beendet. Es geht um eine Million Euro. Der Insolvenzverwalter macht ihn nicht verantwortlich für den Konkurs, aber die Pleite klebt an ihm.
Das war das erste Mal, dass ihn das Glück verließ.
Das zweite Mal passierte es im Frühjahr des vergangenen Jahres. Da erschien sein Buch "Wohlstand ohne Stress".
Eigentlich wiederholt Schäfer in seinen Büchern das ewig gleiche Mantra. Eigentlich sind seine Bücher schlaue Ratgeber für Menschen, die sich für Geld bisher nicht interessierten.
Eigentlich. Vielleicht aber war er, als er an seinem sechsten Buch arbeitete, zu high von seinem Erfolg. Vielleicht fühlte er sich als Master of the Universe, unfehlbar, unschlagbar. Jedenfalls sagte er für das Jahr 2008 einen Dax von 28 000 Punkten voraus.
Als das Buch in den Buchhandlungen lag, hatte der Zusammenbruch der Börsen bereits begonnen.
Und wenn der Dax noch weiter sinkt?
"Das wäre", sagt er, "der Zusammenbruch der Weltwirtschaft." Er guckt traurig und fügt hinzu: "Es gibt keinen besseren Zeitpunkt, um sehr reich zu werden. Es ist zum Kotzen."
An seinem Glückssystem hält Schäfer fest. Rezession, Börsencrash? Alles Chancen. "Wenn einer nichts riskiert, tut er nichts, hat er nichts, ist er nichts." Die Gesetze des Kapitalismus. Schneller, besser sein, und manchmal muss man sogar ganz Neues wagen. Im Osten beispielsweise.
Bodo Schäfer steht an einem Sommertag in Riga in einer Sporthalle, die die Rote Armee den Letten hinterlassen hat. Um ihn herum 5000 Menschen. Sie haben die Arme ausgebreitet, tanzen, lächeln, weinen, singen.
Oben auf der Bühne schreit ein schmächtiger Mann, er faucht und kreischt und brüllt. Er steigt hinab und bleibt vor einer Dame in der ersten Reihe stehen. Er berührt sie mit dem Finger an der Stirn, sie fällt in Ohnmacht.
Der Mann heißt Alexey Ledjajew. Er ist Lettlands Billy Graham, aber vor allem ist er Lettlands größter Schäfer-Fan. Er kommt aus Kasachstan, er war Bauarbeiter, in seiner Freizeit spielte er Orgel in einer Baptistengemeinde. Als die Sowjetunion zerfiel, machte er sich selbständig. Seine Firma nannte er "Neue Generation".
Auf der Bühne steht Schäfers Alter Ego.
Ledjajew predigt auf einem Markt mit großen Wachstumschancen. "Neue Generation" ist eine Pfingstgemeinde und gehört zur Erweckungsbewegung. Ledjajew verspricht Erlösung und Wunder. Schluss mit Korruption und Mafia. Er will Kranke vom Krebs befreien, Süchtige vom Heroin. 3500 Mitglieder zählt seine Gemeinde in Riga, 35 000 sollen es insgesamt sein. Von allen bekommt er das biblische Zehntel, zehn Prozent vom Monatslohn.
25 000 Euro Honorar erhält Schäfer für einen Auftritt wie in Riga. 25 000 Euro sind ein guter Grund, diesen Irrsinn zur Herausforderung umzudeuten.
Vor seinem Auftritt bespricht er sich mit Irene, der Simultan-Übersetzerin, einer jungen Frau mit selbst gedrehten Rasta-Locken. Sie ist eigentlich Sängerin im Chor von Ledjajews Band. Sie proben. Irene ist eine sehr schnelle Übersetzerin, sie wirkt sicher und klug.
"Wo haben Sie eigentlich so gut Englisch gelernt?", fragt Schäfer.
"Gar nicht gelernt", antwortet Irene. "Ich konnte es plötzlich - von dem Tag an, als der Heilige Geist in mich fuhr."
Schäfer beschließt, möglichst viele Bibel-Zitate einzubauen.
Zwei Stunden lang redet Schäfer. Es ist eine Art Einführungskurs in den Kapitalismus, ein Kurs im käuflichen Glück. Die 5000 Zuhörer jubeln. Ledjajew bedankt sich. "Wäre der Heilige Geist in ihm", sagt er, "Bodo Schäfer wäre der erfolgreichste Priester der Welt." Dann bittet er die Gemeinde noch um eine Spende.
300 Jahre nachdem die Aufklärung Gott durch Glück ersetzte und erklärte, dass das Paradies schon auf Erden möglich ist; 226 Jahre nachdem die Amerikaner in ihrer Unabhängigkeitserklärung das Streben nach Glück zum Grundrecht deklarierten; nach jenem 20. Jahrhundert, in dem die Ideologien den Massen Glück versprachen und nur Elend brachten, scheint es so, als ob Glück ein Produkt geworden ist. Jeder kann es finden, er muss es nur wollen. Was wohl auch heißt, dass jeder selbst Schuld hat, wenn das Unglück ihn ereilt. Es ist eine machtvolle Botschaft. Sie klingt wie ein schrecklicher Befehl: erbarmungslos und ohne jeden Trost. Die Tyrannei des Glücks.
Nach dem Auftritt stellt ein junger Mann, grauer Anzug, schwarzes Hemd, dem Gast aus Deutschland eine letzte Frage. "Mister Schäfer, wir wissen, wie man Millionär wird", sagt er, "aber wie man wird ein Milliardär?"
Schäfer sitzt in seinem Büro, die Sekretärin bringt Erdbeeren mit Schlagsahne. Ihm ist nicht wohl. Die Begegnung mit seinem Alter Ego in Riga hat ihn erschreckt und auch, dass Gier und Ekstase dort so gut zusammenpassen.
Der Mann, der früher vor Ehrgeiz nur vier Stunden schlief pro Nacht, geht jetzt nur noch an drei Nachmittagen in der Woche ins Büro. Sein Thema Geld ist ausgeschrieben, der Boom zu Ende. Was übrig bleibt, ist nur das Image eines Hasardeurs, der Anerkennung sucht und nicht bekommt. Fast könnte man meinen, dass Schäfer Biss und Lust verliert.
Es ist Zeit für einen neuen Schäfer-Trick: die Metamorphose zum Guten. Literatur will er jetzt machen, zum Beispiel einen Briefroman schreiben über den Sinn des Lebens. Seine Vorbilder sind Jostein Gaarders "Sofies Welt" oder Paulo Coelhos "Der Alchemist".
Ein Trick, na klar. Ein Teil des Tricks ist es, dass er ihn ernst meint. Er hat eine Stiftung gegründet, die Kinder fördern soll. Er träumt davon, das Bildungssystem zu revolutionieren. Schäfer, der Prophet des Profits, will Gutes tun. Damals hat er die Gier gespürt, heute ahnt er Bedarf nach Demut und nach Tiefsinn. Er hat sich sogar ein neues Lebensmotto ausgesucht: "Setze dir nur Ziele, die du zu Lebzeiten nicht erreichen kannst."
Vor zwei Jahren hat Schäfer die Schriftstellerin Sibylle Berg kennen gelernt. Sie spielt kein Monopoly. Sie hätte nie bei einer Miss-Wahl mitgemacht. Sie erzählt in ihren Büchern schlecht gelaunte Geschichten aus einer düsteren Welt. Sie ist das Gegenteil von Bodo Schäfer, er ist ein großer Fan von ihr. "Sie hat Talent", sagt er, "das ich nicht habe."
Er hat sie dann in Zürich besucht, drei Tage lang. In ihrem Wohnzimmer stand nur eine Kiste mit dem Computer obendrauf. Sie sollte ihm das Schreiben beibringen, er wollte ihr erklären, wie sie sich besser verkauft. Er schickte ihr ein Manuskript. Sie hat sich Mühe gemacht, kürzte, stellte um. Vorn im Manuskript hat sie einen dieser Schäfer-Sprüche unterstrichen. Einen dieser Sätze, die so optimistisch klingen und so kalt sind. "Du kleiner Pisser", schrieb sie an den Rand.
Schäfer steht in seinem Büro, packt ein, Pfeife, Tabak, Feuerzeug. Er zieht sich das Jackett an. Er wiederholt den Satz.
Du kleiner Pisser. Er lacht.
Von Lothar Gorris

DER SPIEGEL 51/2002
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