21.12.2002

ADEL

Würdelos und widerlich

Von Winter, Steffen

Eines der ältesten Fürstenhäuser Europas zerlegt sich selbst: Die Wettiner streiten öffentlich über die Erbfolge derer von Sachsen.

Die Herrschaften wussten um die Bedeutung der Stunde, und sie waren sich einig, damals am 14. Mai 1997. Aus Respekt "vor der über 900-jährigen Geschichte unseres Hauses", so gaben zehn Prinzen und Prinzessinnen in der Dresdner Königstraße dem Notar Peter Horn de la Fontaine zu Protokoll, nehme man die gerade ausgeklüngelte Erbfolge des Geschlechts der Wettiner "zustimmend zur Kenntnis". Schließlich gehe es um eine "für die nächsten Jahrzehnte berechenbare personelle Perspektive" für die Nachfahren von August dem Starken.

Inzwischen ist im Hause Wettin niemand mehr berechenbar, und wer König von Sachsen würde - wenn Könige mal wieder gefragt sein sollten -, ist alles andere als geregelt: Die Hoheiten liefern sich unter reger Anteilnahme der belustigten sächsischen Untertanen ein lautstarkes Gefecht um die Krone: Ihre Vornehmheiten streiten wie die Kesselflicker.

Schuld am Elend bei Hofe ist die Lendenschwäche der Nachfahren des legendären sächsischen Kurfürsten August, welcher mit seinen zahllosen Gespielinnen über 360 Kinder gezeugt haben soll, die meisten natürlich illegitim. Sämtliche der heute vier möglichen Thronfolger - die in gerader Linie vom August-Vorfahr Albrecht dem Beherzten (1443 bis 1500) abstammen müssen - blieben kinderlos und werden das angesichts ihres meist weit fortgeschrittenen Alters wohl auch bleiben.

Die Malaise vor Augen, besann sich Haus-Chef Maria Emanuel Markgraf von Meißen, 76, vom letzten sächsischen König Friedrich August III. in Kindertagen noch liebevoll "Emmelchen" gerufen, auf einen Kunstgriff: Er adoptierte seinen in Mexiko lebenden Neffen Alexander, um der Linie der Wettiner den Anspruch auf die sächsische Krone zu bewahren.

Doch dann gab es Zoff unter den Verwandten um den Import-Thronfolger. Der unbändige Drang, etwas vom Glanz eines legitimen Nachfahren des Kurfürsten abzubekommen, so vermuten Königstreue im bürgerlichen Freundeskreis Haus Wettin, ließ einige die mühsam aufrecht erhaltene Contenance vergessen: Im Sommer widerriefen drei der zehn Unterzeichner bei Notar Horn de la Fontaine den einstimmigen Nachfolgebeschluss "vorläufig".

Denn in der Zwischenzeit hatte sich ein Mann in den Vordergrund gedrängelt, der Prinz Rüdiger heißt, im Westerwald alte Traktoren sammelt und bis dato unbekannt war. Das Mitglied des Vereins für altersgerechtes Wohnen - mehr Polit-Engagement ist nicht feststellbar - zweifelt keck die Nachfolge-Regelung an und sieht sich als "einzigen Urenkel", der "aus direkter männlicher Linie vom letzten sächsischen König abstammt". Mit seinem adoptierten Rivalen Alexander werde ja nur "Etikettenschwindel" betrieben.

Das blaublütige Imperium war not amused und schlug, so vermutet Rüdiger, zurück - via "Bild"-Zeitung. In sieben Folgen bereicherte das Blatt seine Leser mit pikanten Details über "Sachsens Skandal-Prinz", den 1982 gestorbenen Prinz Timo - denn der war Rüdigers Vater. Timo habe während des 2. Weltkriegs "heiße Nächte mit Kriegerwitwen und Morphium-Spritzen" gefeiert, sei in einem Frankfurter Obdachlosen-Asyl aufgegriffen worden, zweimal im Irrenhaus gelandet und habe, da hört der Spaß wirklich auf, eine Fleischerstochter geehelicht.

Die Salve ging gegen Prinz Rüdiger, dessen Leben auch nicht immer ganz einfach war. Zeitweise plagten ihn juristische Probleme, weil er einen Psychologen-Titel führte, an dem Rechtsgelehrte etwas auszusetzen fanden. Dann wieder wurde er verurteilt, weil Finanzbeamte der Meinung waren, auch ein König in spe müsse Steuern zahlen - was dieser nicht ausreichend getan hatte.

Rüdigers Antwort auf die Schmutzkampagne gegen den Herrn Papa kam umgehend, diesmal per Zeitungsanzeige. In einer "Erklärung" versicherten zehn Rüdiger-treue Prinzen und Prinzessinnen, Timo sei bei einem Bombenangriff im Frühjahr 1945 drei Nächte verschüttet gewesen. In seiner Todesangst "nahm er Morphium und überlebte das Inferno unheilbar krank". Überhaupt sei die "Bild"-Serie "würdelos und widerlich". Im Januar will Rüdiger nun mit Hilfe von Teilen der Sippe im "Bayerischen Hof" zu München den freiwilligen Rücktritt des seit 1968 amtierenden Haus-Chefs erzwingen.

Der greise Markgraf sitzt derweil in La Tour-de-Peilz am Genfer See und klagt, der ganze Vorgang sei "qualvoll". An seiner Nachfolgeregelung freilich will der Enkel des letzten Königs festhalten. Es gelte der alte Grundsatz: "Ein Mann, ein Wort." Und Aufgeben komme nicht in Frage: "Ich bin und bleibe Chef des Hauses."

Die Kabalen werden umso erbitterter, seit manchem Royalisten der Griff zur Krone nicht mehr nur Utopie scheint. Denn der letzte König, fanden Getreue heraus, habe gar nicht richtig abgedankt. Am 13. November 1918 hatte Friedrich August III. unter Protest und mit dem hinfort bekannten Spruch "Macht euern Dreck alleene" auf ein Blatt Papier seinen kurzen Abschied gekritzelt: "Ich verzichte auf die Krone." Dies, versichern Juristen nun den Royalisten, sei lediglich der Verzicht für die Person Friedrich August gewesen. Die Wettiner hingegen hätten bis heute noch "einen legitimen Anspruch auf den Thron". STEFFEN WINTER

* Gemälde von Louis de Silvestre (um 1718) in der Galerie Alte Meister in Dresden.

DER SPIEGEL 52/2002
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