21.12.2002

NEUER MARKTNull Komma nichts

Die Aktieneuphorie lockte auch Filmemacher Wim Wenders an die Börse. Jetzt gehört sein Lebenswerk dem Insolvenzverwalter, und der Regisseur ist um viele - schlechte - Erfahrungen reicher.
Die Aula der Hamburger Hochschule für bildende Künste war brechend voll, als der neue Professor sichtlich nervös seine erste Vorlesung hielt. Die Studenten erfuhren von Wim Wenders viel über das Filmhandwerk und das Filmgeschäft - aber längst nicht alles.
"Meine diversen Nebenberufe lasse ich weg", flachste der Regisseur vorvergangenen Donnerstag, "weil an einer Kunsthochschule weder Buchhalter, Anwälte noch PR-Manager studieren." Das werde er auch im Nebenfach nicht lehren.
Das ist auch gut so. Denn das Aufspüren finanzieller und juristischer Fallstricke gehört kaum zu Wenders'' Kernkompetenz. Sein Ausflug in die Welt der Finanzen endet derzeit als filmreifes Trauerspiel. Und er ist der Verlierer.
Anfang November meldete das am Neuen Markt notierte Unternehmen Das Werk Insolvenz an. Zusammen mit verschiedenen Partnern hatte Wenders die Firmengruppe, die sich auf Filmproduktionen und digitale Bildbearbeitung spezialisiert hatte, 1999 an die Börse gebracht, am Ende aber blieb nur ein Schuldenberg von 100 Millio-
nen Euro - trotz Aufträgen von renommierten Kunden wie Roman Polanski ("Der Pianist"), Barilla oder Audi.
Mit dem Niedergang von Das Werk sind auch Wenders'' hochfliegende Pläne endgültig Makulatur. Der Macher von "Der Himmel über Berlin" wollte eigentlich "an der Neuerfindung des Kinos mitarbeiten" und nebenbei am Neuen Markt ein kleines Vermögen machen.
Stattdessen hatte es Wenders plötzlich mit stattlichen Steuerforderungen zu tun - und mit Partnern, die ihn in einen permanenten Kleinkrieg verwickelten. "Das ist echt unter aller Sau", machte sich der Börsenlaie in einer internen E-Mail Luft.
Beim Börsengang galt die neu gegründete Holding aus Das Werk und Wenders'' Produktionsfirma Road Movies unter Aktienanalysten noch als Kursrakete. Am ersten Handelstag, dem 25. August 1999, legte die Aktie sagenhafte 115 Prozent zu, zeitweise kletterte der Marktwert der Firma auf fast eine halbe Milliarde Euro.
Wie so viele Unternehmer am Neuen Markt hoben auch die Werk-Gründer ab: Sie kauften mit Hilfe williger Banken blind Wachstum hinzu, für die Kosten interessierte sich kaum einer. Die arglosen Filmer finanzierten die Akquisitionen mit teuren, kurzfristigen Krediten. In nur drei Jahren stockten die Gründer das Personal weltweit von 138 auf zeitweise fast 800 Mitarbeiter auf. Aus einer Firma wurde ein Konzern mit weltweit mehr als 50 Gesellschaften. So entstand eine gigantische Geldvernichtungsmaschine. Als die Werbe- und Börsenflaute einsetzte, war das Schicksal des Unternehmens besiegelt.
"Das Konzerngeflecht ist völlig verworren und kaum zu durchschauen", sagt heute der vorläufige Insolvenzverwalter Holger Lessing aus Frankfurt. Mit der Kontrolle dieses Netzwerkes sei der viel zu kleine Vorstand völlig überfordert gewesen. Vor allem die US-Firmen machten, was sie wollten, "und redeten gar von den ''stupid germans''", wundert sich der Anwalt.
Noch chaotischer ging es allerdings in den Reihen der Gründungsgesellschafter zu. Vier von ihnen, darunter der heutige Holding-Vorstand Christian Leonhardt, hatten sich Jahre vor dem Börsengang zu einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) zusammengeschlossen. Ihr Baby Das Werk GmbH galt als Aufsteiger im Zukunftsmarkt digitale Bildbearbeitung. Und das wollten sie zu Geld machen.
Für 43 Millionen Mark verkauften die Gesellschafter kurz vor dem Börsengang ihre Werk-Anteile an die gleichnamige Holding. An dieser hielten sie zudem große Aktienpakete.
Wenders und sein Partner Ulrich Felsberg brachten ihre Anteile an Road Movies ein. Im Gegensatz zu den Werk-Gründern, die acht Millionen Mark pro Kopf kassierten, erhielten sie aber kein Cash, sondern nur gut 19 Prozent der Aktien. Den Deal, sagt Wenders offiziell, habe er "nie bereut".
In seiner privaten Korrespondenz liest sich das ganz anders. "Ich habe KEIN Bargeld bekommen und hätte mich auf den Börsengang unter diesen UNGLEICHEN Bedingungen auf keinen Fall eingelassen, wenn ich es gewusst hätte", resümierte Wenders in einer an die vier GbR-Mitglieder gerichteten Generalabrechnung vom 3. April dieses Jahres. Er habe nichts von diesen Barausschüttungen gewusst, die seien "elegant an uns vorbeigeredet worden, als ''Bankverbindlichkeiten''".
Obwohl die vermeintlich dunkle Millionentransaktion im Emissionsprospekt als Gesamtsumme ausgewiesen war, erhielt der frustrierte Filmemacher, der sich nach eigener Aussage "wie kein anderer den Arsch aufgerissen" hat, eine Art Entschädigung. Er und Felsberg durften nach Ablauf der 13-monatigen Haltefrist, also im Herbst 2000, vor allen anderen Gesellschaftern Aktien im Wert von je acht Millionen Mark verkaufen.
Wenders'' Glück währte nicht lange. Er tappte in eine "horrende Steuerfalle". Anfang dieses Jahres erhielt der US-Fiskus nämlich seinen Anteil am Aktienverkauf. "Ich habe in den letzten zwei Monaten über zwei Millionen DM Steuern gezahlt", schrieb er an seine Partner, "was mich sämtlicher Rücklagen bis auf den Boden aller Fässer beraubt hat."
Es war offensichtlich nicht sein erster Liquiditätsengpass. Schon kurz nach dem Börsengang erhielt Wenders eine Steuerrechnung, die ihm den Schweiß auf die Stirn trieb. Er hatte "null Komma nichts" auf der hohen Kante, "außer Aktien, die ich nicht veräußern und beleihen durfte", heißt es in dem Papier.
Damals griff ihm das Quartett unter die Arme, nun durfte er innerhalb des Gesellschafterkreises trotz Sperrfrist für rund 600 000 Euro Aktien verkaufen.
Doch auch hier scheint einiges schief gelaufen zu sein. Denn die Helfer reden heute nicht von einem Aktienkauf, sondern von einem Darlehen gegen Sicherheit - und wollen 600 000 Euro zurück. Wenders will sich jetzt friedlich verständigen.
Das war schon mal anders. "Ich bin auch kein Lügner", polterte er im April in einer Zorn-Mail, als den sie ihn "mit dieser miesen Kapitulationsaufforderung ja hinstellen" wollten. Er sei durchaus bereit, das mit Anwälten austragen zu lassen. "Ist ein mieses, kleinmütiges Ende."
Was Wenders vielleicht nicht wusste: Das Frankfurter Finanzamt hatte seinen Kontrahenten Monate zuvor eine gigantische Rechnung präsentiert - wegen Steuertricks in den Jahren vor dem Börsengang.
Die GbR fungierte damals für die Werk-GmbH als Vermieterin von technischer Ausrüstung und Raumausstattungen. Wirtschaftlicher Eigentümer der vermieteten Gegenstände war "von Anfang an die GmbH selbst", teilten die Steuerbeamten im Oktober 2001 mit. Gleichzeitig wurden auch die "unangemessenen Gehälter" als "verdeckte Gewinnausschüttung" entlarvt.
Über vier Millionen Euro Steuernachzahlungen waren für die Partner fällig. Von einer verdeckten Gewinnausschüttung will Vorstand Leonhardt allerdings nichts wissen. Das sei eine Betriebsaufspaltung gewesen, und man habe dies "dem Finanzamt in einer Selbstanzeige mitgeteilt".
Den Streit mit Wenders will Leonhardt mit "einer gütlichen Lösung" beilegen. Man sei dabei, sich zu einigen.
Zuvor ziehen aber die Altgesellschafter noch in eine letzte Schlacht. In den Ruinen ihres Werkes sind sie derzeit auf Schnäppchenjagd. Einer konnte sich bereits den Zürcher Ableger sichern. Für bescheidene 350 000 Schweizer Franken ging eine Firma weg, in die der Konzern rund 4,5 Millionen Franken gepumpt hatte.
Und auch Wenders, der über seine aktuellen Vermögensverhältnisse nicht reden will, jagt seinem Lebenswerk hinterher. Zusammen mit einem Partner hat er kürzlich beim Insolvenzverwalter ein Angebot zum Rückkauf der Road-Movies-Anteile abgegeben.
Ansonsten will er die ganze Angelegenheit nicht kommentieren. Nur so viel: "Wenn ''Ehrlichkeit'' heutzutage als ''dumm'' gilt, dann bin ich eben dumm. Sei''s drum." BEAT BALZLI
* Thomas Tannenberger, Joachim Sturmes am 16. August 1999 im Filmmuseum in Frankfurt am Main.
Von Balzli, Beat

DER SPIEGEL 52/2002
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