21.12.2002

LITERATURTadzios schönes Geheimnis

Wer war das Vorbild für jenen blonden Jungen, der zu Thomas Manns berühmtesten Figuren zählt? Ein polnischer Baron glaubte, sich in der Novelle „Der Tod in Venedig“ selbst zu erkennen. Neue Dokumente lassen an seiner Version zweifeln - schwärmte der Dichter für einen anderen Knaben?
In der Halle des pompösen Grand Hotel des Bains auf dem Lido von Venedig erblickt er ihn das erste Mal: einen Jungen, den er auf 14 schätzt und "vollkommen schön" findet. Das Gesicht des Knaben - "bleich und anmutig verschlossen" - sieht er von "honigfarbenem Haar umringelt".
Der Betrachter, der Witwer und Schriftsteller Gustav von Aschenbach, schon weit über 50, ist ganz hin und weg. Er verfällt auf Anhieb dem Jüngling "mit der gerade abfallenden Nase, dem lieblichen Munde, dem Ausdruck von holdem und göttlichem Ernst". Tag für Tag beobachtet der Ältere fortan Tadzio - so heißt der Schöne - am Strand vor dem Hotel, ohne je ein Wort mit ihm zu wechseln - des Schwärmens ist kein Ende über die "lebendige Gestalt, vormännlich hold und herb".
So ist es in Thomas Manns berühmter Novelle "Der Tod in Venedig" (1912) zu lesen, und so ist es in Luchino Viscontis Verfilmung (1971) zu sehen, wo aus Aschenbach ein Komponist geworden ist und der angehimmelte Tadzio trefflich
von einem schwedischen Gymnasiasten, Björn Andresen, verkörpert wird: Dessen Erscheinung bestimmt bis heute das Bild, das man sich von Tadzio macht.
Thomas Mann (1875 bis 1955) war 1911 selbst auf dem Lido, in seinem Lieblingshotel, und er erblickte tatsächlich einen Jungen, der ihn faszinierte, wie später seine Frau Katia zu Protokoll gab. Der Schriftsteller, dem seit dem Bestseller "Buddenbrooks" (1901) kein großer Erfolg mehr gelungen war, kam mit seiner Frau und seinem Bruder Heinrich nach Venedig; man blieb vom 26. Mai bis zum 2. Juni - Zeit genug, um am Strand zu sitzen, einen Aufsatz über Wagner zu schreiben, dem Jungen und den anderen Badegästen zuzuschauen.
Mit jener Novelle, in der Mann, getreulich wie selten zuvor, eigene Erlebnisse umsetzte und die zu einem seiner größten Erfolge werden sollte, begann er gleich nach der Rückkehr: "Eine recht sonderbare Sache, die ich aus Venedig mitgebracht habe, Novelle, ernst und rein im Ton, einen Fall von Knabenliebe bei einem alternden Künstler behandelnd", schrieb er im Juli 1911 in einem Brief - und beruhigte den Empfänger vorsorglich: "Aber es ist sehr anständig."
Nun ja. Anständig vielleicht, aber eben doch auch recht deutlich. Und wahrscheinlich ist es gerade die autobiografische Grundierung, die latente Offenbarung, die der Novelle eine ganz eigene vibrierende Spannung gibt, eine Lebendigkeit, die nicht nur der Figur Tadzio, sondern der Erzählung selbst eigen ist. Thomas Mann wollte sich zu erkennen geben, ohne sich doch ganz zu verraten.
Und er wollte es rasch aufschreiben. Aber er benötigte ein ganzes Jahr, bis er das Werk im Juli 1912 endlich abschließen konnte; dem Bruder und Schriftsteller-Konkurrenten Heinrich Mann schrieb er wenige Wochen vorher: "Es ist zum Mindesten etwas sehr Sonderbares, und wenn Du es im Ganzen nicht wirst billigen können, so wirst Du einzelne Schönheiten nicht leugnen können."
Das war Understatement. Ein Druck in kleiner Auflage erschien noch im selben Jahr, im Februar 1913 dann die reguläre Ausgabe, die schnell ein Verkaufsschlager wurde und immer noch zu den populärsten Büchern Manns zählt. Der Verfasser war höchst zufrieden mit sich, er hielt "Tod in Venedig" für "vollkommen geglückt", und er hat den autobiografischen Hintergrund der "gewagten Novelle" nie verheimlicht, ganz im Gegenteil: Nichts sei erfunden, bekräftigte er später, "alles war gegeben", auch "Tadzio und die Seinen".
Kein Wunder, dass sich irgendwann einer mit dem Bekenntnis meldete: "Ich war Thomas Manns Tadzio" - wie es Jahrzehnte danach, im August 1965, in der deutschen Illustrierten "Twen" der Fall war. Der da den Finger hob, war inzwischen ein älterer Herr, Wladyslaw Moes.
Moes (1900 bis 1986) lebte in Warschau und behauptete, schon 1922 von einer Tanzpartnerin erfahren zu haben, dass Thomas Mann ihn porträtiert hätte; er habe daraufhin die Novelle gelesen und sich und die Familie wiedererkannt: "Dort war alles, sogar meine Kleidung, anschaulich beschrieben." Kein Zweifel für den alten Herrn: "Ich galt als ein sehr hübsches Kind, und die Frauen haben mich bewundert."
Seither gilt als ausgemacht, auch in der Thomas-Mann-Forschung: Der polnische Baron Moes war Vorbild für Tadzio. Kaum eine Biografie oder Werkbeschreibung, die nicht einen Hinweis auf ihn enthält, kein Bildband über Thomas Mann, der nicht ein Bildnis des Barons in jungen Jahren präsentiert - als reales Vorbild für Tadzio.
Nun ist sogar eine kleine Biografie über Moes geschrieben worden: Der britische, 1944 geborene Schriftsteller Gilbert Adair ("Der Tod des Autors") hat sich die Mühe gemacht, den Lebensspuren des Barons nachzuforschen: "Adzio und Tadzio" heißt sein Buch, das jetzt auf Deutsch erschienen ist*. Der Titel erklärt sich daraus, dass Moes als Kind Wladzio oder Adzio gerufen wurde, woraus er selbst schloss, der Name Tadzio beruhe auf einem Missverständnis.
Verwundert und leicht tadelnd stellt Adair fest, dass Thomas Mann ("der sich immer mehr auf den Dichterolymp zurückzog") niemals Anstalten gemacht habe herauszufinden, wer der polnische Knabe gewesen und was aus ihm geworden sei.
"Diese Aufgabe blieb mir überlassen", schreibt er stolz - und berichtet getreulich, wie Moes durchs Leben kam, auch im kommunistischen Polen seinen Mann stand. Doch über jene Tage am Strand im Mai 1911 weiß er nicht viel mehr zu berichten, als was Moes schon selbst erklärt hatte: nämlich dass der Knabe "haargenau das in der Novelle geschilderte hübsche und verzärtelte Bürschchen" gewesen sei und die Familie nur "unwesentlich" von der im "Tod in Venedig" porträtierten abweiche.
Laut Auskunft von Moes'' Tochter Maria, der Gewährsfrau von Adair, sah ihr Vater den Film von Visconti in Paris, und zwar allein - da er "nicht einmal vor mir seine Gefühle zeigen wollte". Die Tochter zeigte dem Biografen auch Briefe, die danach zwischen dem alten Herrn und einem Jugendfreund namens Jas gewechselt wurden: Der hatte 1911 zusammen mit dem jungen Moes auf dem Lido gespielt und gekämpft. Vorbild für jenen "Stämmigen", der in Thomas Manns Novelle "Jaschu" gerufen wird und den "schwächeren Schönen" zu einem Ringkampf zwingt?
Moes glaubte das, die Existenz des damaligen Spielgefährten ist sogar ein wichtiger Stützpfeiler für seine Behauptung, Urbild des Tadzio gewesen zu sein - abgesehen davon, dass die Familie mit dem nicht gerade polnisch klingenden Namen 1911 wohl tatsächlich auf dem Lido war (nach Adair stammt der Name Moes aus dem Niederländischen).
"Mein Gedächtnis ist hellwach", prahlte der alte Baron zu Beginn der siebziger Jahre in seinem Brief an den ehemaligen Strandfreund, "und die Ringkämpfe, die Du stets gewonnen hast, habe ich noch heute klar vor Augen." Er habe bis zum Umfallen gekämpft, "was Dir Thomas Mann offenbar als Gewalttätigkeit angekreidet hat".
Doch ein paar Einzelheiten scheinen auch dem gläubigen Adair der Klärung bedürftig. Da ist vor allem die "heikle Altersfrage": Der junge Moes war im Mai 1911 zehn Jahre alt, ein Kind also, kein Jüngling wie Tadzio. Sein Freund gar, der Raufbold, war noch jünger und kommt selbst nach Adairs Ansicht als Vorbild für jenen kräftigen älteren Burschen Jaschu aus der Novelle nicht in Betracht.
Was nun? Adair dreht den Spieß um und wundert sich über Thomas Mann und "die Freiheiten, die er sich mit der Figur des Tadzio herausnahm". Gnädig nimmt er sich vor, "Mann gegenüber nicht ungerecht" zu sein, und verbreitet sich auf Seiten über die möglichen Motive, die den Dichter bewogen haben mögen, Tadzio ebenso wie auch den verliebten Aschenbach jeweils ein paar Jahre älter zu machen. Könnte es sein, fragt er, dass er "das lüsterne Verlangen nach einem vorpubertären Knaben" herunterspielen wollte?
Thomas Mann aber war keineswegs jener völlig Verklemmte, der sich und anderen seine unterdrückte Homosexualität nicht eingestehen mochte, als der er immer noch gesehen wird. Er ging in der Zeit, als "Der Tod in Venedig" entstand (und vielleicht durch die Arbeit an der Novelle und deren Erfolg beflügelt), schon recht locker mit der eigenen, nicht eben unkomplizierten Sexualität um.
So freute er sich über Leser, die das homoerotische Motiv beim Wort nahmen. Er sei "Familienvater von Instinkt und Überzeugung", ließ er zwar 1920 in einem Brief wissen, er liebe seine Kinder, "am innigsten ein kleines Mädchen, das meiner Frau sehr ähnlich ist" (gemeint war die 1918 geborene Tochter Elisabeth) - doch: "Soll nun aber vom Erotischen, vom unbürgerlichen, geistig-sinnlichen Abenteuer die Rede sein, so stellen die Dinge sich doch ein wenig anders dar." Aus seiner Vorliebe, seiner Schwärmerei für junge Männer, machte er kein Geheimnis - für eine pädophile Neigung freilich, eine verborgene Lust auf Kinder, wie Adair sie unterstellt, spricht nichts (abgesehen natürlich von der Zeit, als er selbst noch Schüler war).
"Überhaupt war meine Besorgnis wegen Bloßstellung nur gespielt", schrieb Thomas Mann 1954. Seine homoerotischen Bestrebungen waren allerdings kaum auf konkrete Annäherung gerichtet. "Ich - und einem geliebten Jungen irgendetwas zumuten! Undenkbar!", notierte er im Tagebuch.
Selbst mit dem Apollo von Belvedere hätte er nie "zu Bett gehen mögen", gestand er einem Briefpartner: "Mit Tadzio, ich versichere Sie, hätte ich im Ernste gar nichts anzufangen gewusst." Aber genau hinschauen, das wollte er schon, und so lässt er seinen Aschenbach viele körperliche Details registrieren, "jede Linie und Pose dieses so gehobenen, so frei sich darstellenden Körpers".
Und Adair? Er zitiert aus einem Brief des Moes-Freundes den Satz: "Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, dass ich Dich so grausam malträtiert habe, wie Mann es in seinem Buch beschreibt." Und Adair kann angesichts der Moes-Fotos, auf denen der Knabe weder besonders blond noch besonders schön erscheint, "eine gewisse Ernüchterung nicht leugnen". Ratlos stellt er daraufhin Fragen: "War Thomas Mann kurzsichtig? Machte ihn die Liebe blind? Oder täuschte er sich einfach?"
Eine einfache Frage stellt Adair indes nicht: War Moes überhaupt das Vorbild für Tadzio? Wenn nicht, wäre das ganze Buch weitgehend überflüssig - nicht länger die Biografie einer Mann-Figur, sondern das Porträt eines beliebigen polnischen Barons, der sich als Aristokrat und Dandy gefiel.
Eine Rauferei von Knaben am Strand dürfte schließlich nichts Einzigartiges sein (Thomas Mann selbst hatte schon vor dem Venedig-Aufenthalt in der Erzählung "Wie Jappe und Do Escobar sich prügelten" eine solche Szene aus Travemünde geschildert). Auch war der Lido für reiche ausländische Gäste ein beliebtes Reiseziel: Adlige Familien aus Polen dürfte es im Venedig jener Zeit nicht wenige gegeben haben.
Zum Beispiel die Sprösslinge des Grafengeschlechts Dzieduszycki, von denen einige damals in Wien lebten: Da gab es eine junge Frau, die hatte den Hofrat Adam von Hensel geheiratet und zwei Söhne mit ihm, Marjan und Adam. Die Kinder (es gab auch zwei ältere Schwestern) waren, wie eine Verwandte dem SPIEGEL bestätigte, jedes Jahr auf dem Lido, wo man auch regelmäßig mit einer befreundeten griechischen Familie zusammengetroffen sei - was immerhin die in der Novelle erwähnten "Balkan-Idiome" am Strand erklären könnte.
War also einer dieser Jungen Vorbild für Tadzio, "verschämt aus Liebenswürdigkeit, gefallsüchtig aus adeliger Pflicht"? Kommt der kleine Adam in Betracht? Von ihm, der 1911 etwa 15 Jahre alt war, ist jetzt ein Foto aus jüngeren Tagen aufgetaucht, auf dem er als blonder kecker Knabe zu sehen ist - vor einem Gemälde, das ihn selbst mit Lockenpracht zeigt: Er entspricht dem von Mann beschriebenen Blondschopf deutlicher als Moes. Der erwachsene Adam hat später als Referent in einem Warschauer Ministerium gearbeitet und bis 1975 gelebt.
Auch von seinem Vornamen übrigens gibt es eine Kurzform: Ada s; die Nachkommen erinnern sich, der junge Adam sei Adamciu gerufen worden - das sind zwar mehr als die zwei Silben, die Aschenbach am Strand gehört haben will, aber ganz fern von Tadzio wäre es auch nicht.
Beweise dafür, dass dieser Adam Henzel (wie er sich später schrieb) den leibhaftigen Dichter Thomas Mann jemals getroffen hat, gibt es nicht - genauso wenig wie es sie für die von Wladyslaw Moes behauptete Begegnung gibt. Die Frage des Moes-Biografen Adair freilich, warum der Schriftsteller seiner Figur in der Realität später nie nachgeforscht habe, könnte immerhin eine überraschende Antwort finden.
Vielleicht wusste er, wer dieser Jüngling war. Adams älterer Bruder Marjan nämlich, der sich gelegentlich als Übersetzer betätigte, hatte einige Jahre zuvor an Thomas Mann geschrieben und angefragt, ob er das Theaterstück "Fiorenza" ins Polnische übertragen dürfe. Im März 1906 erteilte der Dichter in einem jetzt aufgetauchten Brief die Erlaubnis: "Würden Sie auch mein geschäftliches Interesse ein wenig wahrnehmen und mir bei dem polnischen Verleger ein Autorenhonorar erwirken?" Traf man sich später in Italien?
Es bleibt Spekulation. Das Geheimnis um den schönen Tadzio, dessen Anblick den alten Aschenbach "mit Zufriedenheit und Lebensfreude" erfüllt, dürfte kaum mehr zu lösen sein. VOLKER HAGE
* Mit Björn Andresen (1971). * Gilbert Adair: "Adzio und Tadzio. Wladyslaw Moes, Thomas Mann, Luchino Visconti: Der Tod in Venedig". Aus dem Englischen von Thomas Schlachter. Edition Epoca, Zürich; 120 Seiten; 17 Euro.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 52/2002
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