30.12.2002

ISLAMAllahs sanfter Revolutionär

Die schiitische Glaubensgemeinschaft der Ismailiten gilt als Avantgarde unter den Muslimen. Karim Aga Khan IV. führt seine 20 Millionen Anhänger wie ein Papst, Wohltäter und Konzernherr in die Neuzeit - an seiner Seite die aus Deutschland stammende Begum. Von Erich Follath
Reißend stürzen die Wasser durch die wild zerklüftete Berglandschaft des Pamir, ein Bild von geradezu biblischer Urgewalt. Seit Menschengedenken sind die Wasser für die Bewohner auf beiden Seiten des Tales aber eine schwer überwindbare Barriere. Der wilde Fluss ist ein Fluch, hindert den Handel und hemmt die Nachbarn, einander zu helfen.
Jetzt spannt sich eine Hängebrücke über den Strom. Nichts Großartiges, nichts Luxuriöses, aber funktional: 135 Meter lang und dreieinhalb Meter breit, an starken Stahlstreben befestigt und mit stabilen Holzplanken ausgelegt. Der Mann, der sie an diesem Novembertag einweiht, der mit zögernden, dann immer festeren Schritten vom Markt der Kleinstadt Chorog aus als Erster hinübergeht, taucht auf der anderen Seite ein in ein Meer von Menschen, die ihn willkommen heißen. Von seiner kurzen Rede ist von weitem nichts zu verstehen. Aber als er geht, erheben sich alle, und der Beifall schwillt an zu einem Tosen, das sogar die Brandung überschallt.
Die Brücke über den Pjandsch ist eines der Lieblingsprojekte des Fürsten Karim Aga Khan IV., 66. Sie verbindet zwei früher bitter verfeindete Staaten: das ex-sowjetische Tadschikistan und das frühere Taliban-Reich Afghanistan. Der Führer der Ismailiten hat für die Zeremonie an der Seite der regionalen Politiker den langen Weg von seinem Schloss Aiglemont bei Paris zurückgelegt. Auf beiden Seiten des Flusses leben "seine Leute", aber eben auch Angehörige anderer islamischer Glaubensgemeinschaften sowie einige wenige Buddhisten und Christen. Der schlichte Steg symbolisiert das Selbstverständnis des Imam, der den Koran als das ewige Wort Gottes anerkennt und keinen Gegensatz darin sieht, den Glauben im Alltag den Erfordernissen der Zeit anzupassen.
"Wenn jemand einem Menschen das Leben rettet, so soll es sein, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben gerettet", zitiert der Aga Khan nach dem Koran, Sure 5, Vers 32, einen Text, fast wortgleich mit dem Talmud, und fügt hinzu: "Das heißt heute: Wir müssen allen, egal welcher Herkunft und welcher Religionszugehörigkeit, die Chance geben, ihre Lebensumstände zu verbessern. Nicht Almosen sind gefragt, sondern Hilfen zur Selbsthilfe."
Das Aga Khan Development Network (AKDN), 1967 von dem Ismailiten-Führer mit Hauptsitz in Genf gegründet, ist mit einem Gesamtvermögen von über 500 Millionen Dollar die weltgrößte private Entwicklungshilfe-Organisation. Unter ihrem Dach fördern einzelne, weitgehend autonome Gruppen mit Experten vor Ort den Bau von Schulen und Krankenhäusern in den ärmsten Regionen Afrikas und Asiens; liefern Saatgut und zeigen den Bauern die besten Bewässerungstechniken für ihre Felder; geben über eigene Banken Kredite an Kleinstunternehmer und beraten sie beim Start in die Geschäftswelt. Zu den AKDN-Aufgaben gehören auch kulturelle Projekte, etwa die Restaurierung von Altstädten und besonderen Bauwerken oder Plätzen - auf Sansibar, im bosnischen Mostar, im pakistanischen Hunza-Tal wie im Darb-alahmar-Distrikt von Kairo.
Partner wie die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), mit denen AKDN bei einzelnen Unternehmungen zusammenarbeitet, sind voll des Lobes. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Forbes" preist den Aga Khan als "Venture Capitalist für die Dritte Welt". Auch die kulturellen Initiativen ernten Beifall. Den vom Architekturkenner Aga Khan ausgeschriebenen Preis findet die "New York Times" aufregender als alle anderen Preise der Branche: "Der Aga Khan ist damit die wichtigste Figur in der Welt der Architektur von heute." Zu den Siegerprojekten des mit über 500 000 Dollar höchstdotierten Wettbewerbs seiner Art gehörten zuletzt ein malaysisches Hotel, ein ägyptisches Museum - und ein auf spezielle Erd-Mörtel-Mischungen basierender Hühnerstall aus Indien.
In den vergangenen Monaten hat der Chef der Ismailiten Vier-Augen-Gespräche mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, dem Syrer Baschar al-Assad, dem Pakistaner Pervez Musharraf, dem Tadschiken Emomali Rachmonow und mehrmals mit dem Afghanen Hamid Karzai geführt. In Washington traf er den amerikanischen Außenminister Colin Powell. Wohl kein anderer prominenter Muslim verfügt über einen solchen Zugang zu den Großen der Welt. Selten dringt etwas über die Dialoge nach außen; doch diskutiert werden neben Ismailiten-Fragen meist auch drängende Probleme der großen Politik wie Irak-Krieg, Anti-Terror-Maßnahmen, das Spannungsfeld Zentralasien.
Wäre der Religionsführer, für seine Gläubigen ein direkter Nachfahre des Propheten, interessiert an PR in eigener Sache, man müsste wohl sagen: Der Mann hat ein Image-Problem. Denn Aga Khan - diesen Begriff verbindet die Öffentlichkeit zumeist mit anderen Dingen als islamischer Erneuerung und globaler Wohltätigkeit. War da nicht mal etwas zu lesen über ein Märchenschloss, über Aufwiegen des Körpergewichts in Gold, über glamouröse Bälle und edle Pferde, über Playboy-Allüren und Skandale? Gilt der heutige Führer der Ismailiten nicht als einer der reichsten Männer der Welt und seine frisch angeheiratete deutsche Begum als Star der High Society?
Bunte Blätter wie "Gala" verstärken das Klischee. Kürzlich wählte die Zeitschrift Karim Aga Khan IV. und die Begum als das Paar, das deutsche Veranstalter von Wohltätigkeitsbällen am liebsten als Gäste begrüßen würden - noch vor dem Bundespräsidenten und seiner Frau sowie den Schröders, Gottschalks und Jauchs. Doch im Gegensatz zu der anderen Prominenz machen sich der Ismailiten-Fürst und seine Gattin rar. Man sieht sie allenfalls bei den Pferderennen in Ascot in der Öffentlichkeit.
Auf den Empfängen nach den Rennen wirkt der Aga Khan beinahe schüchtern in seinem Smoking, ein Mann, dessen Körperhaltung verrät, dass er sich - bei aller demonstrierten Aufmerksamkeit - das Ende des öffentlichen Auftritts ersehnt. Die Begum, eine Bürgerstochter aus Frankfurt am Main und geschiedene Prinzessin zu Leiningen, wird von der Gesellschaftspresse hofiert. Sie hat sich längst Aufgaben jenseits des Repräsentierens gesucht. Als Präsidentin von "Focus", der ismailitischen Soforthilfe-Organisation für Erdbeben und andere Naturkatastrophen, organisiert die promovierte Juristin weltweite Großeinsätze und bewegt Millionen Gelder. Die Begum hat zwar, wie sie selbst sagt, "keine religiöse Funktion", vertritt den Aga Khan aber bei zahlreichen Anlässen und hält, wie im Frühjahr in Pakistan vor Tausenden Afghanistan-Flüchtlingen, auch Reden in seinem Auftrag.
Die Glaubensgemeinschaft der Ismailiten ist innerhalb der islamischen Welt eine kleine Minderheit - knapp 20 Millionen unter 1,3 Milliarden. Sie verteilen sich auf rund zwei Dutzend Länder von Zentralasien über Ostafrika bis nach Europa und bis in die USA; sie haben kein Staatsgebiet und bilden in keinem Land der Erde die religiöse Überzahl.
Doch sie sind, wie der Tübinger Professor und Ismailiten-Experte Heinz Halm sagt, überall "eine Avantgarde des Fortschritts". Dabei gehören zu ihren historischen Vorfahren ausgerechnet auch die Assassinen, jene gewaltbereiten Muslime, in denen manche im Westen Vorbilder für die heutigen Selbstmordattentäter erkennen: eine extremistische Abweichung der schiitischen Bewegung, die freilich nie eine Hauptströmung islamischer Tradition repräsentierte oder gar Konsens unter den Muslimen erreichte.
Worauf gründet der bis heute so enge Zusammenhalt der Gemeinschaft, welchen Preis hat er für die Gläubigen? Wieso könnte den Ismailiten unter Karim Aga Khan IV. das gelingen, was trotz aller Reformansätze der Hauptströmung versagt bleibt - nämlich Islam und Moderne dauerhaft in Einklang zu bringen?
Die Krise des Islam begann vielleicht schon an dem Tag, an dem Mohammed 632 in Medina starb. Zwar wird er im Koran als "Siegel der Propheten" bezeichnet, und er nimmt für sich in Anspruch, Gottes Wort übermittelt zu haben. Aber niemals reklamierte Mohammed, Gottes Sohn zu sein oder gar unsterblich; er betonte seine Rolle als erfolgreicher Feldherr und Geschäftsmann. Auch deshalb empfanden es viele seiner Anhänger als schmerzlich, dass er keine klaren Aussagen über die Führung der Gemeinde nach seinem Tod hinterlassen hatte.
Die Mehrheit der Gläubigen einigte sich auf Abu Bakr als Kalifen (Stellvertreter) und setzte die Ausbreitung des Glaubens mit Überzeugungskraft, Handel und mit dem Schwert äußerst erfolgreich fort; aus ihnen gingen die Sunniten hervor, die heute etwa 90 Prozent der Muslime ausmachen. Eine Minderheit aber verlegte sich auf Ali als rechtmäßigen Nachfolger, den Vetter und Schwiegersohn des Propheten. Aus der Schiat Ali, der Partei Alis, entstanden die Schiiten, die ihn und seine leiblichen Nachkommen als Glaubensführer (Imame) verehren.
Zur wichtigsten Gruppe der Schiiten wurden die "Zwölfer", die eine mit Ali beginnende Reihe von zwölf Imamen anerkennen und heute am stärksten in Iran vertreten sind. Eine schiitische Abspaltung aber glaubte, dass im Jahr 765 Ismail zu Unrecht von der Erbfolge ausgeschlossen wurde, zu Gunsten seines jüngeren Bruders Musa al-Kasim: die Ismailiten. In ihrer Linie steht der heutige Aga Khan, der 49. Imam - im ismailitischen Selbstverständnis ein direkter Nachfahre des Propheten. Er ist mit der Aufgabe betraut, den Islam für seine Gläubigen auszulegen. Und auch damit, einen Nachfolger aus der Familie zu bestimmen.
Von Beginn an wurde die Gemeinschaft angefeindet und war darum auf eine starke Bindung untereinander angewiesen. Die Ismailiten verstanden sich - dennoch oder gerade deshalb - als revolutionäre Elite. Ihre Imame vermittelten häufig im Untergrund ihr Geheimwissen und einen gefühlsbetonten, auf Opferbereitschaft bauenden, "passionierten" Glauben.
Erst Ende des 9. Jahrhunderts eroberten die Ismailiten im Nahen Osten eine politische Machtbasis, die sie dann über Nordafrika ausdehnten. Nach Fatima, der Tochter des Propheten, nannten sich die Herrscher Fatimiden. 969 erstürmten sie das Niltal, gründeten die Stadt Kairo und die Hochschule al-Azhar, bis heute die berühmteste Lehrstätte des Islam. Es folgte die Blütezeit der Ismailiten. Ihr Reich erstreckte sich bis Sizilien und Syrien, umfasste auch Mekka und Medina - damals wohl das geistige und wirtschaftliche Zentrum der Welt.
Geschwächt durch zahlreiche Kleinkriege und Epidemien wurden die Fatimiden im 12. Jahrhundert immer weiter zurückgedrängt: Im Jahr 1171 stellte der Kurde Saladin die sunnitische Herrschaft über Ägypten wieder her. Noch im Niedergang hatten sich die Ismailiten wegen Nachfolgequerelen aufgespalten - in Nisariten und Mustaliten. Aus einem Zweig entwickelte sich eine radikale Minderheit, die bereit war, ohne Rücksicht auf das eigene Leben politische Gegner zu meucheln: die Assassinen. Ihre Anschläge richteten sich gelegentlich gegen Kreuzfahrer, die sich die Taten nur durch einen Rauschzustand erklären konnten - "Haschischesser" nannten sie die Ur-Terroristen, daraus wurde "assassin", das französische und englische Wort für Mörder; aber öfter noch traf der tödliche Bann die muslimische Konkurrenz, Fürsten und deren Statthalter.
Die Mongolen eroberten die im heutigen Iran gelegene Assassinen-Hochburg Alamut 1256, kurze Zeit später fiel ihre letzte syrische Festung. Jahrhundertelang überlebten die Ismailiten nur stark geschwächt und in alle Welt zerstreut. Sie schienen als selbständige Kraft innerhalb des Islam am Ende, der seit der Neuzeit auch insgesamt gegenüber einem neuen, aufgeklärten Westen ins Hintertreffen geriet.
Doch die Nisariten hörten nie auf, das Imamat zu pflegen und auf eine Renaissance zu hoffen. Hassan Ali Schah, der 46. Imam, bekam vom persischen Herrscher um 1830 den Ehrentitel "Aga Khan" verliehen: eine erste Hoffnung. Er fiel aber beim späteren Machtkampf um den Thron in Ungnade und musste über die Pässe nach Britisch-Indien fliehen. 1848 ließ er sich in Bombay nieder. Die Glaubensgemeinde begann dort wieder zu prosperieren.
Wenn es eine Figur gibt, die das Ismailitentum in die Neuzeit katapultiert und ihm Geltung in der internationalen Politik verschafft hat, ist es der Großvater des heutigen Imam. Er begriff, dass eine religiöse Minderheit im fremden Land nur durch herausragende Bildung, durch Unternehmergeist und Zusammenhalt reüssieren kann. Die Fortschritte der Ismailiten in einer unfreundlichen Umgebung erinnerten bald an die Erfolge einer anderen Gemeinschaft in der Diaspora: die der Juden.
Sultan Mohammed Schah Aga Khan III. war gerade acht Jahre alt, als er 1885 in sein Amt eingeführt wurde. Er zeigte sich als Jugendlicher bei Reisen nach Europa als wissbegierig und aufgeschlossen, gehörte bald zu den besten Freunden von Schriftstellern wie Somerset Maugham und Politikern wie Mahatma Gandhi und Ali Jinnah. Der Ismailiten-Chef warb für den Ausgleich zwischen Hindus und Muslimen, verschaffte sich Respekt in Ost und West. Er wurde 1937 zum Präsidenten des Völkerbundes gewählt, der Vorläufer-Organisation der Uno.
Aus dem traditionellen Sakat, dem Zehntel ihres Einkommens, das die Ismailiten ihrem Führer überließen, machte Aga Khan III. ein Vermögen - und investierte es in soziale Projekte für seine weltweite Gemeinde. Die Menschen in Europa faszinierte besonders, dass sich der korpulente Imam bei seinen Amtsjubiläen in Gold (zum 50.) und später noch in Diamanten (zum 60.) und Platin (zum 70.) aufwiegen ließ, gestiftet von seinen Anhängern. Doch die von den Maharadschas übernommene Zeremonie hatte für den Sozialreformer stets nur symbolischen Charakter.
An den viel kolportierten Geschichten um den "Lebemann" Aga Khan III. allerdings war etwas dran: Er genoss alle geistigen und sinnlichen Vergnügen. "Ich habe mich nicht einen Moment in meinem Leben gelangweilt", schrieb der begeisterte Historiker, Theaterfan und Pferdezüchter, der viermal verheiratet war. Die letzte, besonders elegante Frau an seiner Seite löste als Trendsetterin bei ihren Auftritten in Bayreuth während der fünfziger Jahre eine geradezu hysterische Bewunderung aus - von der Presse "Begumie" getauft. Die Tochter einer Schneiderin und Miss Frankreich wurde 94 Jahre alt und vorvergangenes Jahr in einem Mausoleum bei Assuan in Ägypten bestattet.
Mit seinen Söhnen Ali und Sadruddin scheint der anspruchsvolle Patriarch nicht immer glücklich gewesen zu sein. In seiner Autobiografie bedauert Aga Khan III. die Unstetigkeit Alis, der seine erste Angetraute - die englische Baronstochter Joan, mit der er zwei Söhne hatte - für den Hollywood-Star Rita Hayworth ("Der Zorn Gottes") verließ. Das Playboy-Image wurde Ali zeitlebens nicht los, obwohl er als Botschafter Pakistans bei der Uno durchaus ernsthafte politische Arbeit leistete. Mit 48 Jahren raste Ali am Steuer seines Sportwagens in den Tod.
Ismailiten im Umfeld des Imam sagen, Ali habe sich von der größten Niederlage seines Lebens nie erholt: Normalerweise hätte ihm als ältestem Sohn die Führerschaft über die Ismailiten zufallen sollen. Doch Aga Khan III. entschloss sich, eine Generation seiner Familie zu überspringen und seinen 20-jährigen Enkel Karim mit dem Amt zu betrauen. Die Testamentseröffnung 1957 war eine Sensation.
Karim, in der Nähe von Genf geboren, ist in der Schweiz, in Kenia, in London und Südfrankreich aufgewachsen. Ein Leben im Luxus: Privatschule, Segelyachten, Skirennen (darunter 1964 die Teilnahme am olympischen Abfahrtslauf für das britische Team) - allerdings ein Leben mit Eltern, die sich getrennt haben. Die Stiefmutter Rita Hayworth sehen die Kinder kaum, den Vater allzu selten. Gemeinsam mit seinem Bruder Amin verbringt Karim die meiste Zeit im Internat. Aga Khan III. aber nimmt sich Zeit für die Enkel. Den Großvater muss besonders der wache Intellekt und die Ernsthaftigkeit Karims überzeugt haben, der an der Harvard-Universität Wirtschaftswissenschaften und später Islamische Geschichte belegt.
Nach seiner Ernennung zum 49. Imam der Ismailiten unternimmt Karim Aga Khan IV. erst einmal eine Weltreise zu den wichtigsten Gemeinden in Afrika und Asien. Dann schließt er 1959 sein Studium ab - und stürzt sich auf die neue Aufgabe. Er begreift sich nicht nur als geistliches Oberhaupt der Religionsgemeinschaft, sondern kümmert sich im Stil eines westlichen Konzernchefs auch um die Finanzen des Imamats und um die karitativen Organisationen.
Die Gläubigen, die es sich leisten können, sollen weiter ihren Zehn-Prozent-Obolus entrichten; als genauso wertvoll aber gilt die Bereitstellung von Know-how für die Gemeinde (etwa als Anwalt oder Berufsberater) oder die Mithilfe in einem der "Jamatkhan"-Zentren. Eine genaue Aufstellung über die eingenommenen Gelder der Ismailiten-Gemeinde gibt es im Imamat allerdings nicht. "Manche monieren das", sagt der Experte Halm. "Sie sind unter den Gläubigen eine verschwindende Minderheit."
Für Spitzenjobs in der Verwaltung der Finanzen wie bei der Betreuung der Entwicklungshilfe-Projekte wirbt der neue Aga Khan im Stil eines Firmenvorstands die besten Leute an, die der Markt hergibt, nicht nur Ismailiten. Das Aufwiegen in Gold schafft er ab.
Dem Imam gelingt es, das Vermögen der Gemeinschaft dramatisch zu mehren. Als Privatunternehmer ist er - von Rückschlägen beim Bau von italienischen Hotels vor allem an der Costa Smeralda in den sechziger Jahren abgesehen - ebenfalls erfolgreich. Einen der reichsten Männer der Welt hat die Presse Karim Aga Khan IV. genannt, aber Zahlen kommentiert der Mitbesitzer der Fluggesellschaft Meridiana und vieler anderer Firmen grundsätzlich nicht. Unbestritten ist, dass er in seinen Ställen bis heute rund 500 Vollblüter stehen hat, die bei großen Rennen nicht selten Preise gewinnen. Unvergessen allerdings auch, dass einmal die IRA eines seiner Lieblingspferde entführt und getötet hat - Vorsicht gegenüber dem Terror ist ein Grund mehr, warum der Ismailiten-Führer sein Privatleben so sorgsam abschirmt.
Die Queen hat den Aga Khans den Titel "His Highness" verliehen, auch für die Begum lautet die offizielle Ansprache "Hoheit". Ab 1969 war Karim mit dem britischen Ex-Model Sarah Frances verheiratet, aus der Ehe stammen Rahim, heute 31, und Hussein, 28, sowie die Tochter Zahra, 32. Alle arbeiten in unterschiedlichen Funktionen für das ismailitische Netzwerk - für die beiden Söhne ein möglicher Probelauf für den künftigen 50. Imam.
1995 ließ sich der Aga Khan scheiden und fand seine Ex-Frau großzügig ab: Wieder hatten die Klatschkolumnisten einen Feiertag. Doch über sein Liebesleben drang wenig durch, so dass auch die klassischen "Hofberichterstatter" im Mai 1998 von seiner neuen Heirat überrascht werden: Er ehelichte die geschiedene Gabriele Prinzessin zu Leiningen, heute 39, Tochter der Selfmade-Millionärin und langjährigen "Wienerwald"-Besitzerin Renate Thyssen-Henne. Die neue Begum, die den Aga Khan bei ihrer Arbeit als Expertin für Frauenrechtsfragen bei der Unesco in Paris kennen gelernt hatte, trat zum Islam über; sie erhielt den Beinamen Inaara (die Erleuchtung). Seit gut zweieinhalb Jahren hat das Paar einen Sohn: Auch Ali könnte einmal Aga Khan werden.
Mal an der Seite seiner Frau, mal allein fährt der Ismailiten-Führer im Privatjet von Land zu Land, ein Mittler zwischen den Welten, fast überall empfangen wie ein Staatsgast. Die prominenten Ismailiten in den Großstädten - Fabrikanten, Ärzte, Rechtsanwälte - bilden häufig seine erste Anlaufstation. Am wohlsten aber fühlt er sich, so sagt er, "im Feld", bei seinen Entwicklungshelfern. Der Aga Khan ist ebenso geachtet wie gefürchtet für sein phänomenales Personen- und Zahlengedächtnis: Er kennt jedes Projekt und kann Schwachstellen erkennen.
"Woran hapert''s?", ist die meistgestellte Frage, und wehe jemand schlägt da nichts anderes vor als die Erhöhung der Finanzen. Der Aga Khan will Projekte fördern, die sich langfristig selbst tragen: "Wir haben einen langen Atem. Und wir hören auf die Menschen vor Ort, nicht auf Bürokraten, die sich in Glaspalästen etwas ausdenken."
Natürlich läuft auch bei den AKDN-Projekten nicht immer alles rund. Weil die dynamischen Ismailiten in ihrer Umgebung meist eine Avantgarde sind, ziehen sie den Neid anderer auf sich, auch wenn ihre Bildungsorganisationen und Krankenstationen für alle offen stehen. Im pakistani-
schen Chitral wurde vor einigen Jahren ein ismailitisches Zentrum niedergebrannt. Im Hunza-Tal dauerte es lange, bis die misstrauischen Nicht-Ismailiten die ihnen gegebenen Chancen ausnutzten. Und mancher wartet immer noch mit aufgehaltener Hand auf "richtig großes Geld, denn der Aga Khan hat doch Milliarden".
Nirgendwo wird die Problematik der Aga-Khan-Hilfe so deutlich wie in Chorog, der Stadt mit der neuen Brücke. Tadschikistan war schon zu Sowjetzeiten die ärmste Republik. Besonders die Region Berg-Badachschan mit ihrer starken ismailitischen Minderheit galt als Problemfall, wurde aber von Moskau wegen der Grenze zu Afghanistan alimentiert.
Nachdem die UdSSR sich aufgelöst hatte und Tadschikistan 1991 unabhängig geworden war, brach mit dem Bürgerkrieg die Wirtschaft völlig zusammen. Die neue Regierung in Duschanbe überließ die Menschen im Pamir sich selbst - besonders als viele mit der Nordallianz des afghanischen Feldherrn Ahmed Schah Massud zu kämpfen begannen. Der Aga Khan schickte jeden Winter Hunderte Lastwagen voller Lebensmittel aus Kirgisien als Soforthilfe in die Katastrophenregion und vergab Kleinkredite an die Bauern. Jetzt ist die Lage in den Dörfern um Chorog einigermaßen stabil. Die Menschen haben mit Unterstützung der Entwicklungshelfer gelernt, widerstandsfähiges Getreide anzubauen, Wintervorräte anzulegen. In über 400 neu gegründeten "Village Organisations" haben die resoluten Frauen das Sagen.
Zum Beispiel in Ruschan, einem Marktflecken hinter Haarnadelkurven. Die Hände in die Hüften gestemmt, ein grünes Tuch über die Haare gezurrt, steht eine Mutter Courage im Gemeindehaus auf und hält eine Philippika gegen die faulen Männer, die das Saatgut zu spät ausgebracht hätten; jetzt müsse man die fremden Helfer um mehr bitten, wo man doch schon Selbstversorger gewesen sei. Betreten blicken die Herren zu Boden.
In der Provinz Berg-Badachschan ist eine neue politische Struktur entstanden - ob Leitung der Schulen, ob Führung der Krankenhäuser, die Aga-Khan-Leute haben alle Aufgaben übernommen, die eigentlich der Staat leisten müsste. Um sich in dieser Position zu behaupten, ist das Ismailiten-Oberhaupt auf den Goodwill der Regierung angewiesen. Auch wenn Präsident Rachmonow noch schärfer gegen die Presse vorgehen, der Drogenhandel noch bedrohlicher florieren sollte, Karim Aga Khan IV. wird sich weiter mit ihm treffen und mit ihm Verträge schließen müssen, will er die Projekte seiner Gemeinde fortführen.
In ihrer "Verfassung" ist festgehalten, die Ismailiten sollten ihre jeweiligen Staaten als loyale Bürger unterstützen. Das kann eine - manchmal unerträgliche - Zumutung sein. Der Aga Khan zeigt sich gegenüber seinen politischen Zwangspartnern, jedenfalls nach außen hin, sehr kompromissbereit. Er hofft auf die positiven Veränderungen, die höhere Bildung und größere Weltoffenheit langfristig wohl bringen: ein sanfter Revolutionär.
Er setzt beispielsweise auf das länderübergreifende Projekt einer vernetzten "Zentralasiatischen Universität", die den Studenten der Bergregionen entlang der alten Seidenstraße in Tadschikistan, Kasachstan und Kirgisien neue Chancen eröffnen soll - mit den Präsidenten dieser Staaten sind Verträge unterschrieben, Usbekistan, Iran sowie China sollen folgen. Chorog wird einer der Uni-Standorte, Naryn (Kirgisien) sowie Tekeli (Kasachstan) sind die anderen. Zum Lehrplan sollen Umweltprobleme, Wirtschaft, Sprachen gehören - aber es wird keinen Fachbereich für Theologie geben. Es soll um Praxis gehen: Der Islam ist ja ein Lebensentwurf, der bedingt, für sich und andere zu sorgen.
Als in Karatschi Anfang Mai vor einem Hotel eine Bombe hochging, kostete das elf Franzosen ihr Leben, die Verletzten wurden in das beste örtliche Krankenhaus gebracht. Als in Mombasa Ende November drei Attentäter eine Ferienanlage in die Luft sprengten, starben 17 Menschen, die Verletzten wurden ins beste örtliche Krankenhaus transportiert. Die Mörder waren in beiden Fällen fanatisierte Muslime. Die Opfer waren Christen, Juden und Muslime.
Die beiden Hospitäler, denen es gelang, einige der Verletzten zu retten, wurden gegründet und geführt von Ismailiten.
* Mit Jockey und eigenem Siegerpferd "Sinndar" beim Prix de l''Arc de Triomphe am 1. Oktober 2000.
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 1/2003
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