06.01.2003

AUSLÄNDERJagd auf Sükrüya

Immer häufiger müssen Polizisten junge Frauen aus der Glaubensgemeinschaft der Jesiden vor ihren eigenen Verwandten schützen - und ihnen bei der Flucht helfen. Denn die Clans setzen archaische Heiratsregeln notfalls mit Gewalt durch.
DIE JESIDEN
gehören zu einer immer wieder verfolgten archaischen Religionsgemeinschaft aus den kurdischen Gebieten im Vorderen Orient. Dort sollen schätzungsweise 150 000 Jesiden leben. Nach Deutschland kamen, als Gastarbeiter oder Flüchtlinge, rund 30 000. Neben dem Glauben an Gott und einen Engel sind den Jesiden besonders ihre strikten gesellschaftlichen Regeln wichtig - vor allem das Kastenwesen und das Verbot, Nicht-Jesiden zu heiraten.
Für einen sentimentalen Abschied von den Eltern hatte das junge Mädchen keine Zeit. Es war kurz nach Mitternacht, und Sükrüya E. zwängte sich durch ein Kellerloch in die Freiheit. Bloß mit T-Shirt und Jeans bekleidet, rannte sie die Straße hinunter in Richtung Celler Innenstadt. Nur weg, nicht umdrehen, laufen, laufen.
Dabei hatte der Abend nicht schlecht begonnen. Zusammen mit seiner Familie war das Mädchen bei einer jesidischen Hochzeit gewesen. Mittendrin hatte Sükrüya sich davongeschlichen und sich heimlich mit ihrem Freund getroffen, einem pakistanischen Muslim. 300 Meter von ihrer Haustür entfernt geschah dann das Unglück: Gerade verabschiedete sie sich vom Geliebten mit einem Kuss, da tauchte einer ihrer sechs Brüder auf. Er packte seine Schwester, zerrte sie mit Gewalt nach Hause. Dort schubste er sie in ein Zimmer im Keller und verriegelte die Tür. "Warte, bis die Eltern heimkommen", sagte er.
Was mit Jesiden-Mädchen geschieht, die sich mit Andersgläubigen einlassen, das wusste Sükrüya: Wenn sie Glück haben, werden sie nur ausgestoßen. Wenn sie Pech haben, werden sie so lange weggesperrt und geschlagen, bis sie kuschen. Und so sah sie nur einen Ausweg: abhauen, ohne Geld, ohne Papiere, ohne Vorstellung davon, wie man sich durchschlägt, als 16-Jährige.
Das war vor fünfeinhalb Jahren, und noch immer ist die Frau mit ihrem pakistanischen Freund auf der Flucht. Sie versteckte sich in verschiedenen Städten Deutschlands, in den Niederlanden, in Belgien - und befindet sich nach Einschätzung der Celler Polizei nach wie vor in Lebensgefahr.
Rund zehn ähnliche Dramen bearbeiten die Beamten allein im Raum Celle pro Jahr. Denn dort leben rund 5000 Jesiden, es ist eine der größten Ansiedlungen dieser verfolgten Religionsgemeinschaft außerhalb des Zentrums im Nordirak. Immer häufiger versuchen junge Frauen, und gelegentlich auch Männer, den strengen Heiratsregeln der Jesiden zu entfliehen. Sie suchen Zuflucht auf dem Polizeirevier oder beim Jugendamt, sie bekommen eine neue Identität, werden in andere Städte gebracht, gelegentlich sogar ins Ausland, etwa nach Spanien.
Denn die jesidischen Clanchefs geben selten auf; sie wollen die Abtrünnigen oft mit Gewalt zurückholen - oder sich einfach rächen. Um den flüchtigen Frauen auf die Spur zu kommen, beauftragen sie schon mal Detektive oder die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK. Die unterhält nach Einschätzung der Polizei einen regelrechten Fahndungsdienst, um die Abtrünnigen aufzuspüren und sich so Rückhalt bei den Clans zu verschaffen.
Was es heißt, von Verwandten verfolgt zu werden, merkte Sükrüya E. bald. Noch in der Nacht ihrer Flucht war sie mit ihrem Freund nach Hamburg gefahren, am Morgen dann weiter nach Flensburg zu einem Bruder des Freundes. Eine Stunde lang habe sie von dort aus mit ihrer Mutter telefoniert und vergebens versucht, die Gründe ihrer Flucht zu erklären, sagt sie. Anschließend sei sie mit ihrem Freund in die Stadt gegangen, um von seinen Ersparnissen eine Jacke zu kaufen, ein Paar Schuhe.
Beides zusammen dauerte schon zu lange: Auf dem Rückweg, erzählt Sükrüya, habe sie mehrere Autos mit Celler Kennzeichen vor dem Haus gesehen: Die Männer ihres Clans hatten entweder herausgefunden, wo der Bruder ihres Freundes lebte - oder sie hatten möglicherweise die Telefonnummer im Display gesehen.
Sükrüya versteckte sich in einem Krankenhaus, später tauchte sie bei Bekannten in einem Asylbewerberheim in Pinneberg unter. Doch auch dort war sie nur wenige Tage sicher. Dann standen erneut finster entschlossene Kurden vor der Tür - ein Mitbewohner hatte das Mädchen wahrscheinlich verraten. In letzter Minute sprang Sükrüya aus dem Fenster, und wieder rannte sie um Leben und Freiheit.
"Es ist kaum zu glauben, dass die Jesiden immer wieder die Spuren finden", wundert sich ein Ermittler. Steckbriefe der Gesuchten würden von kurdischen Kulturvereinen von Stadt zu Stadt weitergegeben. Die PKK könne sich bei solchen Aktionen auf ihre bundesweite Infrastruktur stützen. Für Hinweise gebe es Kopfgeld.
Nicht selten gelingt es den Clans sogar, an geschützte Daten zu kommen - sei es, weil in Behörden Sachbearbeiter sitzen, die sich von tränenreich klagenden Müttern Adressen entlocken lassen, sei es, weil Familienangehörige selbst in Ämtern oder etwa bei Versicherungen arbeiten.
Häufig versuchen Eltern, Verwandte oder religiöse Führer gar, die Abtrünnigen mit Hilfe der Polizei zu finden. Der Trick ist ganz einfach: Sie müssen nur Anzeige wegen Entführung oder Diebstahls erstatten. Manchmal reicht gar eine Vermisstenanzeige, um Akteneinsicht zu bekommen - und so womöglich die neue Adresse der Verschwundenen. Deshalb melden sich viele Flüchtlinge bei der Polizei und teilen mit, dass sie aus freien Stücken weggelaufen sind.
Was sie von ihren Verwandten wegtreibt, die als Gastarbeiter oder als religiös Verfolgte vor allem aus dem Irak und der Türkei nach Deutschland kamen, sind mittelalterlich anmutende Regeln: Jesidinnen müssen jungfräulich heiraten, sie dürfen sich nur in einen anderen Jesiden verlieben - und nur in einen aus ihrer eigenen sozialen Kaste, wovon es drei verschiedene gibt. Weil es so oft schwierig ist, einen passenden Partner zu finden, wird traditionell sehr häufig innerhalb der Großfamilie geheiratet. Auch Sükrüya sollte einen Cousin heiraten, sagt sie.
Und die Sippen halten eisern zusammen. Wenn ausnahmsweise mal eine Anzeige wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung oder Vergewaltigung auf dem Schreibtisch eines deutschen Beamten landet, werden Aussagen häufig später zurückgezogen oder mit Hinweis auf die enge Verwandtschaft verweigert. "Viele Verfahren müssen dann wieder eingestellt werden", sagt der Leiter der Polizeiinspektion Celle, Gerald Schomburg. Und die Celler Staatsanwältin Gertrud Peest kann sich an kein Urteil erinnern - obwohl sie inzwischen Dutzende Fluchtfälle kennt.
So hatte sich vor gut einem Jahr eine verzweifelte Jesidin bei der Polizei gemeldet und um Hilfe gebeten: Ein Verwandter bewache sie rund um die Uhr, und sie habe Angst um ihren Freund, der von mehreren Clanmitgliedern entführt worden sei. Der junge Muslim meldete sich kurze Zeit später über eine Notrufsäule bei der Autobahnpolizei in Nordrhein-Westfalen. Er sei an einem Rastplatz aus einem Auto gesprungen, mit dem ihn mehrere Kurden zum Flughafen Düsseldorf bringen wollten, um ihn in den Nahen Osten auszufliegen.
Ein ziemlich klarer Fall von Freiheitsberaubung, die Staatsanwaltschaft Celle nahm die Ermittlungen auf. Doch wenig später zogen alle Beteiligten ihre Aussagen zurück, auch die junge Frau und ihr Freund. Das Verfahren musste eingestellt werden.
Die Hartnäckigkeit, mit der die Jesiden ihre abtrünnigen Mädchen verfolgen, steht in einem seltsamen Widerspruch zu den Inhalten ihrer Religion, denn die gilt als ausgesprochen friedfertig. Eine Missionierung wie im Islam oder im Christentum gibt es nicht - Jeside wird man nur durch Geburt. Religiöse Eiferer sind selten.
Es gibt keine verbindlichen Schriften, denn die Religion wird vor allem mündlich übertragen. "Auch den meisten Jesiden selbst ist nur relativ wenig über die jesidische Religion bekannt", sagt der Essener Ethnologe Andreas Ackermann. Das gilt insbesondere für die Laien-Kaste der Murids, zu der die meisten Jesiden gehören. Viele Murids kennen weder Gebete, noch nehmen sie an religiösen Zeremonien teil.
Bei einer wissenschaftlichen Befragung von Jesiden durch die Uni Köln kamen zwei Wissenschaftler im vorvergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass ein Gebot von allen Interviewpartnern als "das wesentlichste" genannt worden sei: Heirate nur innerhalb deines Glaubens und deiner Kaste. Vielen sei gar kein anderes jesidisches Gebot eingefallen.
Ständig kontrollieren die Eltern deshalb ihre Kinder, voller Sorge, sie könnten ihnen entgleiten. Je stärker die junge Generation versucht, sich in Deutschland anzupassen, desto heftiger halten die Alten dagegen. Eine Schulfreundin Sükrüyas etwa musste das Gymnasium verlassen und an eine Hauptschule gehen, nur weil der Heimweg von dort aus kürzer und damit besser zu überwachen war.
Dabei geht es nicht nur um die archaische Moral, es geht auch um Geld: Bis zu 40 000 Euro müssen Familienväter hinblättern, damit ihr Sohn eine jesidische Jungfrau ehelichen kann - obwohl der höchste jesidische Geistliche Mir Tahsin Saied Beg aus dem Irak das Brautgeld jüngst auf 2500 Euro begrenzen wollte, um die für manche Familie ruinöse Preistreiberei zu stoppen.
Früher seien alle Jugendlichen getötet worden, die sich nicht an die Heiratsregeln hielten, schreibt der jesidische Lehramtskandidat Nezir B. in einer wissenschaftlichen Arbeit. In Deutschland fänden sich die Jesiden meist "notgedrungen" damit ab, die Ungehorsamen nur zu verbannen. Doch auch hier im Westen werde die Gewalt kaum verschwinden, diene sie doch dazu, "die Ehre der Familie wiederherzustellen".
Nezir B. selber ist ein besonderer Zeuge für die oft mörderischen Usancen der Sippen: Er sitzt in Bielefeld eine elfjährige Haftstrafe wegen Mordes ab. Im Januar 2001 hatte er als Postbote verkleidet einen anderen Jesiden erschossen, der zuvor seinen Bruder getötet hatte. Ein Gebot der Blutrache.
Wie gewalttätig selbst engste Angehörige werden können, erfuhr Sükrüya E., als ihre Familie sie in Amsterdam aufgespürt hatte. Nach ihrer Flucht aus Deutschland hatte sie sich dort erst mal ein Hotelzimmer gemietet - dummerweise unter ihrem richtigen Namen. Das reichte den kurdischen Spähern offenbar.
Zunächst gestand Sükrüya E. ihrer Mutter, dass sie schwanger sei. Die habe ihr daraufhin so rabiat in den Bauch geschlagen, dass sie ihr Kind verloren habe, sagt sie. Mit blutiger Hose sei es ihr dann doch gelungen zu fliehen. Denn einige pakistanische Bekannte seien ihr und ihrem Freund zu Hilfe gekommen und hätten die Jesiden in die Flucht geschlagen: "Einer meiner Brüder hat mir da tödliche Rache geschworen", sagt Sükrüya.
Danach hat die Jesidin, die als Tochter von Gastarbeitern die deutsche Staatsangehörigkeit hat, mit ihrem Lebensgefährten versucht, sich in Köln eine Existenz aufzubauen. Doch im Sommer erhielt sie überraschend Post vom Einwohnermeldeamt. Ein Anwalt ihrer Mutter habe eine Meldeauskunft beantragt. Sükrüya rief - getarnt über eine britische Satellitentelefonnummer - zu Hause an, um die Situation ein für alle Mal zu klären: "Statt zuzuhören, hat mich mein Vater mit den schlimmsten kurdischen Schimpfwörtern angeschrien."
Bei einem späteren Telefonat sprach sie mit einem ihrer Brüder - der sie um Hilfe anflehte: Er habe eine kroatische Freundin. "Aus Rache an meinen Eltern habe ich ihm geholfen", sagt Sükrüya. Auf seiner Flucht schlüpfte er bei ihr in Köln unter und telefonierte von ihrem Telefon aus mit Verwandten - offenbar ein Fehler.
Durch einen Tipp erhielt die Polizei in Celle alsbald Wind davon, dass Sükrüyas Sippe zu einem Rachefeldzug Richtung Rheinland aufbrechen wolle. "Im letzten Moment konnten wir die Familie aus der Wohnung holen lassen", sagt Polizeichef Schomburg. Nun versucht Sükrüya E., woanders wieder von vorn anzufangen.
Und Schomburg fürchtet, dass er womöglich bald schon noch häufiger junge Frauen wie Sükrüya E. vor ihrer eigenen Sippe schützen muss - sollte es nämlich einen neuen Krieg dort geben, wo die meisten Jesiden leben: im Irak. "Dann werden wieder Tausende Flüchtlinge nach Deutschland strömen, darunter auch viele traditionelle Jesiden."
MICHAEL FRÖHLINGSDORF
Von Michael Fröhlingsdorf

DER SPIEGEL 2/2003
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