06.01.2003

„Das Kind muss geschützt werden“

Claude Vorilhon über die weltweite Kritik an den Klon-Experimenten der Raëlianer
SPIEGEL: Warum legen Sie keine Beweise für die Existenz des angeblich geklonten Babys Eve vor?
Vorilhon: Sie müssen wissen, dass die Kloning-Firma und die Raëlianer völlig unabhängige Einheiten sind. Sie haben nichts miteinander zu tun. Es gibt keine Verbindung zwischen ihnen.
SPIEGEL: Aber Sie haben die Firma Clonaid selbst gegründet, und Sie lassen sich als Führer Ihres Kults verehren.
Vorilhon: Das stimmt. Ich war einer der Ersten auf der Erde, die über das Klonen geredet haben - gleich nach meiner Erweckung durch die Elohim 1973. Und nachdem das Klonschaf Dolly geboren wurde, habe ich Clonaid gegründet ...
SPIEGEL: ... als Postfachadresse auf den Bahamas.
Vorilhon: Wir haben nach Sponsoren und Wissenschaftlern gesucht, die dem Klonen nicht negativ gegenüberstanden. Doch die Behörden auf den Bahamas haben, aus Angst vor dem internationalen Echo, die Firma verboten. Dann kam Dr. Boisselier zu mir und schlug vor, eine neue Firma zu gründen. Diesmal hat die amerikanische Arzneimittelbehörde die Firma geschlossen. Inzwischen hat sie ein neues Clonaid gegründet, dessen Namen und Standort ich nicht kenne. Ich kenne nicht die Wissenschaftler, nicht die Mutter des Kindes und auch nicht das Baby Eve.
SPIEGEL: Vielleicht gibt es weder das Laboratorium noch die Wissenschaftler, noch das geklonte Baby.
Vorilhon: Ich vertraue Dr. Boisselier. Wie Sie warte ich auf ihre Beweise. Ich erfahre nicht früher als Sie, was sich ereignet hat, und ich erfahre es auch aus dem Fernsehen und den Zeitungen.
SPIEGEL: Ihr Einfluss reicht aber immerhin so weit, dass Sie Dr. Boisselier abgeraten haben, Beweise für Eve vorzulegen.
Vorilhon: Ja, weil ein amerikanischer Anwalt das Baby der Mutter wegnehmen will.
SPIEGEL: Eve soll lediglich medizinisch darauf untersucht werden, ob es sich um ein konventionelles oder geklontes Baby handelt.
Vorilhon: Ich habe Dr. Boisselier geraten, lieber ihre wissenschaftliche Reputation aufs Spiel zu setzen, als das Kind der Mutter wegnehmen zu lassen. Jetzt muss das Kind geschützt werden, das ist wichtiger als alles andere.
SPIEGEL: Ohne Beweise ist der Wirbel um Eve ein Schwindel.
Vorilhon: Aber wir als Religion haben damit nichts zu tun.
SPIEGEL: Ohne Beweise stehen Sie als Scharlatan da.
Vorilhon: Es gibt aber keine Verbindung zwischen Clonaid und mir. In meiner Position genieße ich alle Vorteile, ohne die Unannehmlichkeiten hinnehmen zu müssen.
SPIEGEL: Wir sollen Ihnen glauben, dass Sie Dr. Boisselier nie gefragt haben, ob das geklonte Baby existiert?
Vorilhon: Worüber wir privat reden, unterliegt natürlich meiner Diskretion. Falls das Baby nicht geklont sein sollte, werde ich das sehr bedauern. Und Dr. Boisselier hat viel zu verlieren. Ich hingegen nicht.
SPIEGEL: Dr. Boisselier ist nach Europa gereist und Sie nach Kanada - um sich staatsanwaltlichen Ermittlungen zu entziehen?
Vorilhon: Keineswegs, denn wir haben nicht gegen bestehendes Recht verstoßen. Klonen ist in Amerika nicht generell verboten. Im Übrigen glaube ich, dass Dr. Boisselier nach ihrer Erfahrung mit der US-Arzneimittelbehörde klug genug war, das Baby nicht auf amerikanischem Boden zu klonen.
SPIEGEL: Sie könnten wegen Betrugs rechtlich verfolgt werden.
Vorilhon: Noch einmal, nicht ich.
SPIEGEL: Der ganze Wirbel hat Ihren Kult berühmt gemacht. Insofern hat sich die Aufregung für Sie gelohnt.
Vorilhon: Falls eines Tages herauskommen sollte, dass es das geklonte Baby gar nicht gibt, bleibt es trotzdem für mich ein Ereignis, bei dem ich doch heute schon gewonnen habe.

DER SPIEGEL 2/2003
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