06.01.2003

LANDWIRTSCHAFT Fleckvieh in Pommerns Prärie

Mecklenburg-Vorpommern ist zum Land der Bio-Rinder geworden. Anders als in der industriellen Mast dürfen Mutterkühe ihre Kälber dort säugen und umsorgen, selbst bei beißender Kälte bleiben die Tiere auf der Weide. Gebändigt werden die wilden Herden vom Westernpferd aus.
Texas am Rande der Uckermark: Vom kunstvoll geprägten Sattel aus treiben vier Reiter eine Rinderherde über die Wiesen des norddeutschen Tieflands.
Fünfzig Kälber, fast schon so groß wie ihre Mütter, sollen im Korral von den 57 Kühen getrennt werden. Die Hoppaah-Rufe der Cowboys und ihre wendigen Westernpferde bringen das massige Fleckvieh auf Trab.
Als Christof Kühnlein, 39, Gutsherr und Veterinär, eine widerspenstige Braune abdrängen will, zeigt die, was ein frei lebendes Rind drauf hat: Im gestreckten Galopp versucht sie zu entkommen. Kühnleins stämmiger Wallach Bob, vor acht Jahren aus den USA eingeflogen, hat nach getaner Arbeit Schweiß im Winterfell.
Die insgesamt 21 Quarter Horses auf Gut Borken, zehn Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, sind speziell ausgebildete Hütepferde - und zwar "die einzigen, die in Deutschland wirklich was zu tun haben", wie Kühnlein sagt. Täglich sind sie auf 3000 Hektar unterwegs, um eine der 45 Rinderherden von der abgegrasten auf die frische Weide umzusiedeln, um die Tiere von der Koppel zur Impfung oder zum Wiegen in den Pferch zu bringen.
Kühnleins 5000 Rinder der Rassen Fleckvieh, Deutsch Angus und Limousin gehören zum größten geschlossenen Bestand deutscher Ökorinder: Die insgesamt 15 000 Fleischrinder der Bio-Erzeugergemeinschaft "Weidehof", die Hälfte davon "Mutterkühe", wurden allesamt in Mecklenburgs Weiten im Freien geboren und aufgezogen. Im Winter ergänzt Bio-Futter aus eigenem Anbau die karge Winterwiese.
Kühnlein, der sich mit fünf anderen Betrieben im Weidehof zusammenge-tan hat, bereitete die BSE-Krise anfangs "schweres Muffensausen". Doch zugleich hat sie neue Marktchancen eröffnet: Großkunde McDonald's ist hinzugekommen. Und als erstes Catering-Unternehmen bundesweit bietet, "nach acht Monaten Abstinenz", auch die Firma Aramark in 500 Kantinen Bio-Rind von Weidehof an. Ohnehin zu den Stammkunden zählt der Babykosthersteller Hipp. "Wir können gar nicht so viel liefern, wie nachgefragt wird", sagt Weidehof-Geschäftsführer Rainer Mitschka. Schon ziehen zwei Betriebe zusätzlich auch 6000 Schweine in Freiheit heran.
Ob auf Gut Borken, im Nationalparkgelände auf der Ostsee-Halbinsel Darß oder am Rande der Rostocker Heide - die Mutterkühe mit ihren Kälbern gehören "in Mecklenburg-Vorpommern mehr und mehr zum Bild der Landschaft", wie der Agrarwissenschaftler Ingo König sagt. Das dünn besiedelte Bundesland, das den Stierkopf im Wappen trägt, ist zum Dorado der artgerechten Rinderhaltung geworden.
Zu "wilden Teufeln, mit denen schwer umzugehen ist", entwickeln sich die ungebändigten Jungrinder, berichtet Jörg Martin von der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft im mecklenburgischen Dummerstorf. Doch für die Tiere sei es die "gesündeste Form der Haltung". Während sie in der industriellen Zucht meist mutterlos in engen Mastständen und Anbindeställen aufwachsen, können sich die Kälber hier richtig austoben. Und auch die Muttertiere hätten "mehr vom Leben", erklärt der Rinderfachmann. Andernorts kämen sie inzwischen als "abgemolkenes Knochengerüst mit Rieseneuter zwischen den Füßen" daher: Nach etwa sechs Jahren ist eine Hochleistungsmilchkuh verschlissen, die Mutterkühe im Herdenverband können es auf 14 bis 15 Jahre bringen.
Doch das "Wohlbefinden der Tiere", wendet Martin ein, sei trotz Prämien aus Brüssel und landeseigener Förderung mit einer "äußerst knappen Ökonomie" erkauft: "Wer so wirtschaftet, muss Individualist und Fan sein."
Kühnlein ist einer dieser "Züchter aus Leidenschaft". Vor rund zehn Jahren wagte sich der junge Tierarzt aus fränkischer Kleinbauernfamilie nach Reisen durch Kanada und Neuseeland in Deutschlands fernen Osten. Am Rande der Uckermark, wo See- und Schreiadler brüten, die Kraniche ziehen und der Fischotter jagt, fand er die ideale Landschaft: sandige, trockene Böden und Niedermoorgrünland, durch das einst der alte Fritz Entwässerungsgräben ziehen ließ.
Auf Borken bei Pasewalk, wo damals das Schlepperunwesen blühte, lebte Kühnlein zunächst mit Hund und Flinte im Wohnwagen. Nach anderthalb Jahren Gerangel mit der Bürokratie sprach ihm die Treuhand das ehemals volkseigene Gut (VEG) zu, das er inzwischen mit 35 Mitarbeitern aus der Umgebung bewirtschaftet.
In Anbindehaltung hatten auf dem VEG 10 000 Rinder gestanden, vom Flugzeug aus waren die Futterflächen mit Kunstdünger berieselt worden. Im Lauf von 40 Jahren hatte der heruntergewirtschaftete Betrieb 20 Chefs erlebt. Nach der Wende lag Gut Borken still, Hof und Gutshaus waren bald "eine riesige graue Fläche, kaputt und mit Brennnesseln zugewachsen", berichtet Kühnlein.
In das klassische Pferdeland, wo auch die kleinsten Dörfer ihren Fahrverein und ihr Turnier haben, passten die gesattelten Viehhirten gut hinein. Auf den Weiden von Borken sind drei Männer und zwei Frauen zu Pferde unterwegs, manchmal sogar mit dem Lasso. Die wehrhaften Wiederkäuer vom Moped aus zu treiben - wie in anderen Betrieben üblich - sei gefährlich, sagt Kühnleins Ehefrau Petra. Autos und Trecker werden von den stürmischen Tieren verbeult: "Vor dem Pferd dagegen, das sie überragt, haben die Rinder Respekt."
Die Turnierreiterin, ehemals pharmazeutisch-technische Assistentin in Bad Kissingen, züchtet nun auf Borken den Western-Nachwuchs. Deckhengst Pecos Cash, Sohn eines berühmten amerikanischen Hütehengstes, ist schon hier geboren und "läuft das ganze Jahr mit seinen Stuten zusammen".
Auch beim Decken der Färsen und Kühe geht es natürlich zu: Acht Wochen lang werden die Deckbullen - bis 1100 Kilogramm schwere Kolosse - in die Mutterkuhherden gelassen. Die große DDR-Besamungsstation im nahen Pasewalk konnte in ein Hotel mit rotledernem Foyer umgestylt werden. "Künstliche Besamung", meint Züchter Kühnlein, "ist genetische Verarmung, denn da kommen nur ganz wenige Bullen zum Zug."
Bei der Nachzucht seiner Tiere nutzt Kühnlein den "Straßenkötereffekt": Er kreuzt das französische Limousin, einen wahren Muskelberg von heftigem Temperament, mit dem hornlosen und friedfertigen britannischen Angus, das wie das deutsche Fleckvieh von ausgeprägter Mütterlichkeit ist - eine Eigenschaft, die den reinen Milchkühen in der Massenhaltung längst abhanden gekommen ist.
Wenn er im Kleinbus unterwegs ist zu seinen Herden, hat Kühnlein stets alles Notwendige dabei: Instrumente für einen Kaiserschnitt ebenso wie die Elektrosäge zum Bäumefällen. Mehr als drei, vier Kranke, die etwa an Lungenentzündung oder Klauenproblemen erkrankt sind, gibt es selten zu behandeln. Bei den im Stall angebundenen Rindern hingegen seien "Technopathien" weit verbreitet: "Skelett und Klauen halten das ewige Stehen nicht aus", sagt Kühnlein, und Zugluft aus den Spaltenböden ist schuld an häufigen Infektionen.
Eine Sauerei sei es, die Rinder selbst bei beißender Kälte draußen zu lassen, beschwerte sich in den Anfangszeiten mancher Tierfreund. Es gab sogar Strafanzeigen. Doch der herbeigerufene Amtstierarzt fand alle Rinder wohlauf - sogar noch bei minus 20 Grad. "Wie die Moschusochsen", beobachtete Kühnlein, "gruppieren die sich dann mit dem Arsch in den Wind" - und wechseln sich zum Aufwärmen in der Mitte der Schar ab.
Fast 70 Hektar misst die größte Koppel auf Borken, damit bietet die Weide allein weit mehr Fläche als ein ganzer deutscher Durchschnittshof. Wald und eigens quer gepflanzte Hecken schützen die sandigen Winterweiden, die mit frostfesten Trän- ken und transportablen Raufen für die jetzt zugefütterte Silage aus Bio-Getreide, Weißklee und Wicke ausgerüstet sind. Gedüngt werden die Futterflächen mit den regelmäßig verteilten und untergeeggten Fladen der Herden.
"Die Kühe kennen jeden Pfad, jeden Baum", sagt Kühnlein. Sie erziehen die Jungen, die im Pulk auf dem Stroh ruhen, über die Prärie springen und immer wieder zum Trinken zur Mutter gehen. Weil die Kälber daneben schon im Alter von einer Woche beginnen eisenreiches Grünzeug und Heu zu knabbern, ist ihr Fleisch "nicht wabbelig und weiß wie in der Intensivhaltung, sondern feinfaserig und rosarot", sagt der Züchter.
Bei der Vermarktung ist das eher ein Problem. Denn dass die vornehme Blässe des teuren Kalbfleisches mit Isolation und eisenarmer Zwangsernährung erkauft ist, weiß kaum ein Verbraucher: Die Jungtiere dürfen oft weder bei der Mutter saugen noch Heu oder Gras fressen, sondern werden mit Ersatznahrung aus pflanzlichen und tierischen Fetten gemästet.
In der Herde auf der Koppel geht es nach Alter und Körpermaßen: Leittiere und Mütter erziehen den Nachwuchs, der sich der Hierarchie fügt. So können die Rinder, wie Agrarforscher König sagt, "die Verhaltensformen von Ur-Wiederkäuern ausleben".
Immer haben die Mutterkühe ihren Nachwuchs im Blick: Besucher müssen Distanz wahren. Eindringlinge wie etwa Hunde oder Katzen werden verjagt, einen Fuchs haben die zornigen Mütter schon einmal in den Boden getrampelt. Mitunter wird die Wiederbelebung der alten Instinkte für die Kälber aber auch gefährlich: So kann das urtümliche "Abliegen" die Neugeborenen das Leben kosten, ein angeborenes Verhaltensmuster, das vielen Huftieren eigen ist.
Schon wenige Stunden nach dem ersten Säugen regt sich in den Kälbern der Drang, sich bis zur nächsten Mahlzeit zu verstecken. Während der ersten drei oder vier Tage ihres Lebens suchen sie Deckung nicht in der Herde, sondern in einem Gebüsch oder höherem Gras - ein Trieb, der so stark ist, dass die Jungtiere auf abgegraster Weide sogar durch Elektrozäune schlüpfen, um sich dahinter einen Platz zu suchen, an dem sie sich wie ein Rehkitz bewegungslos an den Boden schmiegen.
Das Abliegen werde als Schutzverhalten gedeutet, sagt König: Die Gefahr, durch Feinde entdeckt zu werden, verringere sich für das vereinzelte Kalb, das sich auf diese Weise verstecken kann. Doch manches Jungtier stürzte so schon in den Graben oder verlor über Nacht den Kontakt zur Mutter.
Damit die Ausreißer nicht tragisch enden, empfiehlt König den Mutterkuhhaltern die Einrichtung einer "Kälberoase": eines buschigen Unterschlupfs innerhalb der abgezäunten Fläche, zu dem, so König, "die Kälber ungehinderten Zutritt haben, fast wie in Freiheit". RENATE NIMTZ-KÖSTER
Von Nimtz-Köster, Renate

DER SPIEGEL 2/2003
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