06.01.2003

FILMGequält in Gottes Namen

Regisseur Peter Mullan schildert in dem preisgekrönten Werk „Die unbarmherzigen Schwestern“ das Los zwangsinternierter junger Frauen im katholischen Irland.
Einmal, in der wohl beklemmendsten Szene des Films, gelangt eine der Gefangenen ganz unverhofft in die Freiheit: Eine Tür im Klostergemäuer steht offen, zaghaft stiehlt sich die junge Frau nach draußen und blickt auf sanft hügelige, sommerliche Wiesen und Felder.
Dann rast ein Auto heran, der Bauernkerl am Steuer lädt die Frau zum Mitfahren ein - sie aber guckt nur versteinert und schüttelt stumm den Kopf, bis der Fremde das Weite gesucht hat. Die Willenskraft der Gefangenen ist so gründlich zerstört, dass sie vor dem Gedanken zurückschreckt, sich ganz allein in der Welt durchschlagen zu müssen.
"Die unbarmherzigen Schwestern" heißt der Film des Regisseurs Peter Mullan, der bei den Filmfestspielen in Venedig im vergangenen September mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde: ein fast spröde realistisches Werk, in dem die bitteren, erschrockenen und zornigen Gesichter der jungen Hauptdarstellerinnen die Leinwand dominieren; eine Passionsgeschichte aus Irland, in der katholische Menschen sich aus Rechtschaffenheit und Bigotterie schreckliche Dinge antun.
Mullans Film, der nun in die deutschen Kinos kommt, schildert die Schicksale von Mädchen, die in den sechziger Jahren in einem der so genannten Magdalenen-Heime eingesperrt wurden. Da ist Margaret (Anne-Marie Duff), die von ihrem eigenen Cousin vergewaltigt wurde und nach Meinung ihres Vaters damit Schande über die Familie brachte; da ist das Waisenhausmädchen Bernadette (Nora-Jane Noone), das ein bisschen zu kokett mit den Jungs von der Straße flirtete; und da ist Rose (Dorothy Duffy), der ihr unehelich geborenes Kind sofort nach der Geburt weggenommen wurde: Alle drei müssen sie von nun an hinter den Heimmauern in groben braunen Uniformen in der Wäscherei schuften - bewacht, höchst unchristlich angeschnauzt und oft sadistisch gequält von Klosterfrauen aus dem Orden der "Barmherzigen Schwestern".
Die Kraft von Mullans Film entsteht nicht zuletzt daraus, dass er die Willkürakte und Brutalitäten, die seine Heldinnen erleiden müssen, eher beiläufig schildert - als so alltäglich, wie sie es wohl auch in der Realität waren.
Das letzte der im 19. Jahrhundert in vielen Gegenden Irlands gegründeten Magdalenen-Heime wurde erst 1996 in Dublin geschlossen - benannt sind sie nach Maria Magdalena, jener Hure aus dem Lukas-Evangelium, die als reumütige Sünderin schließlich Jesus die Füße waschen durfte.
In den Heimen für Frauen, denen ein unmoralischer Lebenswandel vorgeworfen wurde, landeten zunächst vor allem Prostituierte, bald aber auch Waisen und Mütter unehelicher Kinder. Noch in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, so zeigt auch Mullans Film, reichte es bereits für eine Heimeinweisung, wenn Mädchen von Priestern, Polizisten oder Eltern als renitent oder sittlich gefährdet eingestuft wurden - wobei fast ausnahmslos Irinnen aus besonders armen Familien in den christlichen Zucht-Häusern darben mussten.
Kaum verwunderlich, dass der Film "Die unbarmherzigen Schwestern" in Irland für gewaltiges Aufsehen sorgt. Weit über eine Million Zuschauer - mehr als ein Viertel aller Bewohner des Landes - hatten dort das Werk "The Magdalene Sisters", so der Originaltitel, Ende Dezember bereits gesehen.
Ehemalige Heiminsassinnen fühlen sich ermutigt, über ihre Leiden zu sprechen. "Ungefähr 40-mal habe ich versucht, mich umzubringen", sagt etwa Mary Gadin. Sie wurde 1965 in Dublin aus einer Erziehungsanstalt in ein Magdalenen-Heim überstellt und hat den "Missbrauch, den ich erlitten habe", bis heute nicht verwunden. Die 69 Jahre alte Mary Norris, ebenfalls lange in einem der Heime gepiesackt, befand nach der Vorführung von Mullans Film: "In Wirklichkeit war es noch schlimmer."
Dabei erzählt "Die unbarmherzigen Schwestern" offenbar mit großer historischer Genauigkeit, welche Grausamkeiten in den Heimen üblich waren: Den Mädchen war meist jeglicher Kontakt zur Außenwelt verboten.
Für die Arbeit, bei der sie etwa die Wäsche für Krankenhäuser oder Fabriken reinigten, gab es keinen Lohn, die Verpflegung war miserabel, die Unterbringung spartanisch. Oft wurden den Frauen neue Namen gegeben - oder sie wurden schlicht durchnummeriert und mit ihrer Kennzahl angesprochen.
Wenn eine der Frauen aus den Heimen (die so schöne Namen wie "Zum guten Hirten" trugen) einen Ausbruch wagte und dabei geschnappt wurde, schlugen die Nonnen sie oder schoren ihr eine Glatze.
Viele dieser Gräuel sind in "Die unbarmherzigen Schwestern" zu sehen - und doch zeigt er die Aufseherinnen nicht als hasserfüllte Foltermägde, sondern durchaus als menschliche Wesen, die von einem fanatischen Glauben getrieben werden. Ein Priester, der eines der Mädchen zum Oralsex zwingt, wirkt eher wie ein armer Hanswurst als wie ein Verbrecher.
Mittlerweile haben mehr als 3000 ehemalige Insassen von katholischen Erziehungsanstalten und Magdalenen-Heimen Kirche und Staat auf Entschädigung für die menschenunwürdige Behandlung verklagt, die ihnen widerfuhr.
Im Abspann seines Films - gegen dessen Auszeichnung in Venedig der Vatikan heftig protestierte - erinnert Regisseur Mullan daran, dass Irlands Kirche in all den Jahren, in denen sie die Magdalenen-Heime betrieb, insgesamt rund 30 000 Irinnen Gewalt antat. Natürlich mit den allerbesten Absichten. WOLFGANG HÖBEL,
MICHAEL SONTHEIMER
Von Wolfgang Höbel und Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 2/2003
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