06.01.2003

AFFÄRENSpur nach Liechtenstein

Pleitier Kirch kann offenbar noch immer Millionen bewegen: Kurz vor Weihnachten versuchte eine Stiftung aus Vaduz, für ihn einen Großkredit zu tilgen.
Im insolventen Kirch-Konzern ging es in den vergangenen Monaten meist um Geld, das nicht vorhanden war. Immerhin hat der 76-jährige Firmengründer es geschafft, einen Schuldenberg von sieben Milliarden Euro aufzutürmen. Doch das undurchsichtige Reich des Pleitiers steckt noch immer voller Überraschungen. Wieder geht es jetzt um Bares, rund 120 Millionen Dollar. Aber diesmal ist das Geld da - an unerwarteter Stelle allerdings und aus reichlich mysteriöser Quelle.
Hintergrund ist einer der letzten großen Deals des Medienunternehmers: der Kauf der Formel 1, wo Kirch im Jahr 2001 die Mehrheit an der Veranstalterfirma Slec übernahm. Zusätzlich kaufte er sogar das "geistige Eigentum" an dem Boliden-Spektakel - für die Dauer von 100 Jahren.
Das Geld für diesen Zusatzdeal borgte Kirch sich unter anderem bei der Schweizer Bank Credit Suisse, die allein 120 Millionen Euro beisteuerte. Es sind vor allem die Umstände dieser Darlehensvergabe, welche die Münchner Staatsanwaltschaft im Dezember veranlasste, gegen Leo Kirch und seinen Vize Dieter Hahn Ermittlungen wegen des Verdachts auf Untreue und Urkundenfälschung aufzunehmen.
Nun verfügen die Ermittler über neue, brisante Informationen: Am 19. Dezember trudelte in der Ismaninger Kirch-Zentrale ein Fax ein, in dem die Credit Suisse den Eingang von 121,9 Millionen Dollar auf dem Konto der Formel Eins Beteiligungs GmbH (FEB) dokumentiert. Als Zahlungsgrund für die Transaktion, die am 13. Dezember verbucht wurde, vermerkt das Papier: "Ablösung Fester Vorschuss Formel Eins Beteiligungs GmbH". Im Klartext: Mit dem vorweihnachtlichen Geldgeschenk sollte offenkundig das Credit-Suisse-Darlehen getilgt werden.
Für Aufsehen sorgt in München vor allem der Absender der vielen Dollar-Millionen, dem Fax zufolge eine "Faller Stiftung" in Vaduz. Weder im Zusammenhang mit Kirch noch mit dem Formel-1-Kredit ist diese Stiftung bislang jemals aufgetaucht.
Nun schießen in München die Spekulationen ins Kraut: Steckt Kirch selbst hinter der Stiftung? Hat er hier seine Millionen beiseite geschafft? Wer sonst könnte ein Interesse haben, für den Pleitier einen Kredit zu besichern oder abzulösen? Warum ging das Geld nicht direkt an die Credit Suisse? Oder soll die Zahlung über die Stiftung nur davon ablenken, dass Kirchs "Sicherheiten" am Ende bei der Bank selbst liegen, etwa in Form eines dicken Depots?
Beim Liechtensteiner Öffentlichkeits-Registeramt ist lediglich zu erfahren, dass eine Faller Stiftung existiert. Es handelt sich um eine "hinterlegte Stiftung", also die diskreteste Variante. Weder der Gründungstermin ist öffentlich noch der Eigentümer, nicht mal ein Treuhänder.
Schon der Sitz der Stiftung lässt die bayerischen Ermittler, die den Vorgang erst seit kurzem kennen, aber aufhorchen - denn schon einmal, von 1995 bis 1998, hatte die Staatsanwaltschaft München Kirch im Visier. Damals ging es um einen dubiosen Filmdeal, der den Verdacht nahe legte, Kirch habe dem deutschen Fiskus rund 200 Millionen Euro vorenthalten. Auch damals führte eine Spur in das Alpen-Fürstentum, wo sie sich indes schnell verlor: Die Steuerfestung Liechtenstein hielt, die Staatsanwaltschaft konnte Kirch nichts nachweisen und stellte ihre Ermittlungen ein.
Diesmal könnten die Ermittler mehr Glück haben: Schließlich geht es nicht um eine Steuer-, sondern eine Strafsache.
Bei der Credit Suisse hat man mit der Millionen-Überweisung unterdessen wenig Freude. Wer immer hinter der Faller Stiftung steckt, kannte sich schlecht mit dem Insolvenzrecht aus oder wusste nicht, dass auch für die FEB schon ein Insolvenzverfahren lief. Kirch-Sachverwalter Michael Jaffé, der sich "wegen der laufenden Ermittlungen" nicht äußern will, hat dem Versuch der Bank, die eingegangenen Millionen mit ihrem Kredit zu verrechnen, jedenfalls bereits schriftlich widersprochen. MARCEL ROSENBACH
Von Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 2/2003
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