13.01.2003

RÜSTUNGSachen, die bumm machen

Ein US-Iraker, auf Wunsch der deutschen Justiz in Sofia festgenommen, erweist sich als einer der umtriebigsten Einkäufer Saddams.
Der arabische Geschäftsmann Sahib Abd al-Amir al-Haddad, 59, gehört zu den besonders Fixen seiner Branche. In seinen Büros, eines im jordanischen Amman, ein weiteres offenbar direkt in Bagdad, hielt es den gebürtigen Iraker und amerikanischen Staatsbürger nur selten. Ständig bombardierten ihn seine Auftraggeber mit neuen Wünschen. Um sie zu erfüllen, reihte Haddad eine Shoppingtour an die andere.
Damit ist zunächst einmal Schluss. Kurz nachdem Haddad am 25. November gegen 18.30 Uhr mit Turkish Airlines TK 1429 auf dem Flughafen in Sofia landete, winkten ihn die Grenzbeamten nach einem Blick in den Computer aus der Warteschlange. Die deutsche Justiz hatte über Interpol weltweit um die Festnahme Haddads ersucht.
Seitdem sitzt der Mann im Sofioter Zentralgefängnis in Auslieferungshaft, und die Deutschen sind um eine Hoffnung reicher, in Erfahrung zu bringen, auf welchen Wegen sich das irakische Regime in den vergangenen Jahren Hightech für die Wiederaufrüstung verschafft hat. Denn Haddad, davon sind Ermittler und Geheimdienstler in Europa und den USA überzeugt, ist einer von Saddam Husseins wichtigen Helfern bei der Beschaffung von Kriegsmaterial aller Art.
Auf die Spur brachten die Fahnder zwei mutmaßliche deutsche Helfershelfer Haddads: der in Untersuchungshaft sitzende Pforzheimer Diplomingenieur Bernd S., 59, ein Spezialist für Sachen, "die so bumm machen", gegen den vor dem Mannheimer Landgericht der Prozess in dieser Woche beginnt, sowie der Mannheimer Geschäftsmann Gerold R. Dessen Betrieb, die Alriwo GmbH in Mannheim-Neckarau soll die einzige deutsche Firma sein, die neu auf der jüngst von Saddam Hussein an die Uno gelieferten Liste von Firmen steht, die das Land unterstützt haben. Das zumindest spricht für neuen Realitätssinn in Bagdad: Als der SPIEGEL erstmals über den Fall berichtete, wütete der staatliche irakische Nachrichtensender Ina noch, das seien "Lügen und Täuschungskampagnen zionistischer deutscher Beamter".
Im Oktober 2001 war die Connection nach monatelangen Ermittlungen des Kölner Zollkriminalamtes (SPIEGEL 50/2001) aufgeflogen. Bernd S. hatte dann in der Haft ein umfassendes Geständnis abgelegt und besonders über Saddams Handlungsreisenden ausgepackt. "Haddad hat enge und durchschlagende Kontakte zu allen möglichen irakischen Regierungsstellen", staunt der Mannheimer Oberstaatsanwalt Hubert Jobski und betreibt deshalb mit Nachdruck das Auslieferungsverfahren des spektakulären Fangs.
Aber nicht nur die Justiz wird sich für den Mann interessieren. Selbst die Uno-Waffenkontrolleure haben sich bereits erkundigt, ob Haddad in seiner bulgarischen Zelle schon zu reden begonnen hat. Schließlich scheint der Mann ein alter Bekannter zu sein. Die Behörden gehen davon aus, dass der in Sofia verhaftete Sahib Abd al-Amir al-Haddad mit einem früher in den USA lebenden arabischen Kaufmann identisch ist, der schon damals für Saddam anschaffte.
Der betrieb damals eine Handelsfirma im amerikanischen Nashville (Tennessee) und geriet in den Verdacht, rund 60 Tonnen einer Chemikalie in den Irak geliefert zu haben, die für die Produktion des hochgiftigen Sarin-Gases benutzt werden kann. Als die Irakis 1996 gegenüber der Uno die Zulieferer outeten, die ihnen bei der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen geholfen haben sollen, stand die "Al Haddad Trading Company" aus Nashville mit auf der Liste. Dennoch bestritt der Iraker stets alle Vorwürfe.
Riesige Geschäfte, erzählte Bernd S. den deutschen Ermittlern, habe Haddad damals mit dem Irak gemacht, ganze Fabrikanlagen seien geliefert worden. Aber nachdem das Irak-Embargo Anfang der neunziger Jahre wirksam wurde, sei die Firma wenig später hochverschuldet in Konkurs gegangen. Kurz darauf habe Haddad die USA verlassen und seinen Geschäftssitz nach Amman in Jordanien verlegt. 1992 soll er seine große Villa mit Pool, in der er mit seiner Frau und fünf Kindern gelebt hatte, zum Kauf angeboten haben. Von Amman aus agierte der Einkäufer des Diktators unermüdlich weiter, war immer mit einer langen Wunschliste aller möglichen Güter unterwegs - von Schweizer Spezialmaschinen für die Rüstungstechnik bis hin zu ganzen Panzern.
So berichtete Bernd S. den Fahndern, dass er selbst mit Haddad in die Ukraine gereist sei, um Kampfflieger-Eratzteile wie Benzinpumpen, Notbremsen und allerlei Elektronik für die irakische Luftwaffe zu beschaffen.
Kleinere Teile packte der US-Iraker gleich in einen extra gekauften Samsonite-Koffer, zahlte bar und reiste zurück Richtung Naher Osten. Auch in Deutschland, dort studierte er sogar einige Semester, erschien Haddad immer wieder persönlich, wenn die Verhandlungen stockten. Gesundheitsbewusst soll er zwischendurch noch eine Kur in der Edel-Hungerhochburg Oberstaufen absolviert haben.
"Haddad", vermutet der Mannheimer Oberstaatsanwalt Jobski, "ist seit eh und je im Geschäft." Und muss ein Überzeugungstäter sein. Saddam Hussein sei für ihn ein großer Führer erzählte er einer amerikanischen Zeitung schon vor vielen Jahren: "Kuweit ist ein irakisches Land." FELIX KURZ, GEORG MASCOLO
Von Felix Kurz und Georg Mascolo

DER SPIEGEL 3/2003
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RÜSTUNG:
Sachen, die bumm machen

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