13.01.2003

Der Treibstoff des Krieges

George W. Bush scheint zum Waffengang gegen Saddam Hussein entschlossen. Geht es bei dem Sturz des Despoten primär um Massenvernichtungswaffen? Oder ist der Zugriff auf die irakischen Erdölfelder das Hauptmotiv? Die Welt steht vor einem dramatischen Umbruch: Die Jagd nach Energieressourcen schafft neue Allianzen, neue Feinde - und ruft Terroristen auf den Plan.
Jerrold Post ist Experte für die Monster dieser Welt - für die Erben von Hitler, Stalin und Pol Pot. Der Professor für Politische Psychologie und Internationale Beziehungen an der George Washington University in der amerikanischen Hauptstadt erstellt im Auftrag der US-Regierung Psychogramme von Diktatoren. Über den schrecklichen Mobutu Sese Seko in Zaire hat er Gutachten geliefert, über General Noriega in Panama - und natürlich über Saddam Hussein.
Es ist nicht leicht, in die Hirne und Herzen von Gewaltherrschern zu blicken, die Antriebsfeder für ihre Taten zu analysieren, womöglich gar Rückschlüsse auf künftige Verhaltensweisen zu ziehen. Auch wenn Post bei seiner Arbeit über alle Informationen aus Geheimdienstkreisen verfügt, kennt er die Grenzen solcher Ferndiagnosen.
Und doch kommt der Professor in seinen Analysen oft zu verblüffenden Erkenntnissen. Post hat schon 1991 über Saddam Hussein geschrieben: "Er ist kein Psychopath, sondern kalkuliert im Gegenteil sehr kühl. Er ist grausam und skrupellos, ein Überlebenskünstler, der alles für seinen Machterhalt tut. Am gefährlichsten und unberechenbarsten wird es, wenn er für sich keinen Ausweg mehr sieht." Die Expertise hat der Professor in den letzten Jahren ergänzt - an den Grundaussagen ändern musste er nichts.
Nun scheint dem Diktator jeder Ausweg verstellt. Die Uno-Inspektoren krempeln sein Land um, amerikanische Truppen marschieren an den Landesgrenzen auf. "Der Tag der Abrechnung naht", sagt der US-Präsident ernst und entschlossen, fast so, als zitiere ein Priester die Bibel. Saddams Antwort, ebenfalls über TV vermittelt: "Allah wird unsere Gegner in Schande ertränken, diese Freunde des Teufels und der Dunkelheit."
Einige von Bushs eigenen Generälen warnen vor den schwer kalkulierbaren Risiken einer Invasion des Irak. Westliche Verbündete wie Frankreich oder Deutschland machen ihre Vorbehalte deutlich, auch US-freundliche arabische Staaten raten ab. Russland und China, ständige Mitglieder im Weltsicherheitsrat, knüpfen ihr mögliches Stillhalten an kostspielige Bedingungen. Und doch scheint der US-Präsident sich entschlossen zu haben, Saddam aus dem Amt zu jagen - früher oder später.
Sucht Bush junior Rache für den Vater, der in seiner Amtszeit versäumt hat, Saddam zu beseitigen? Geht es primär um Menschenrechte und die Einführung einer Musterdemokratie in Nahost, gefolgt von einer Neuordnung der ganzen Region? Steht bei "Bushs Irak-Obsession" (so der Ex-US-Außenminister Warren Christopher) die Beseitigung der - bisher unauffindbaren - Massenvernichtungswaffen im Vordergrund? Oder ist es letztlich die Jagd auf die dortigen gigantischen Erdölreserven?
Amerikaner scharen sich in Zeiten des Krieges immer loyal um ihren obersten Feldherrn. Doch laut einer Umfrage von CNN in der letzten Woche begreifen viele US-Bürger nicht, weshalb Bush in Bagdad den Regimewechsel um fast jeden Preis herbeibomben will, dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong Il den Weg zur Atommacht aber nicht versperrt.
"Hören wir auf, der Welt Blödsinn zu erzählen", schreibt der Pulitzerpreisträger und "New York Times"-Kolumnist Thomas Friedman. "Ja, es geht ums Öl - das Verhalten von Bushs Team ist anders nicht zu erklären." Es sei "weder illegitim noch unmoralisch", wenn sich die USA einem Gewaltherrscher entgegenstellten, der einen exzessiven Einfluss auf die Ressourcen der industriellen Welt auszuüben drohe. Ähnlich argumentiert der ehemalige CIA-Chef James Woolsey: "Saddam ist ein Sicherheitsproblem auch deshalb, weil er die Weltwirtschaft kurzfristig ruinieren kann. Entweder man betreibt Appeasement mit Folgen wie damals in Hitler-Deutschland, oder man schlägt rechtzeitig zu."
"Kein Blut für Öl" haben Demonstranten immer wieder skandiert. Nun wird es wohl doch fließen - wenngleich angeblich aus moralisch hochwertigen oder realpolitischen Gründen.
Dass es sich bei dem schwarzen Gold um einen ganz besonderen, auch kriegswichtigen Stoff handelt, ist Amerikanern und Irakern schon lange bewusst. Es erklärt die sehr speziellen Beziehungen, die diese beiden Staaten immer verbunden haben - die Partnerschaft, den Verrat, den Hass.
Angeblich wurden schon im antiken Mesopotamien Fackeln mit dem Brennstoff aus flüssigen Kohlenwasserstoffgemischen gezündet. In den Blütezeiten im dritten Jahrtausend vor Christus schufen die Sumerer im Zweistromland eine hochstehende politische Kultur, Schriften entwickelten sich hier, das Zahlungssystem, Arbeitsteilung. Dann blieb die Region lange im Schatten der Weltgeschichte: ein Haufen Sand jenseits der fruchtbaren Täler von Euphrat und Tigris.
Überliefert ist, dass deutsche Ingenieure beim Vermessen der geplanten Bahnlinie Berlin-Bagdad im Jahr 1903 nahe Mossul im heutigen Nordirak auf riesige Ölsickerstellen stießen. Sie benachrichtigten die damals über die Region herrschenden osmanischen Machthaber. Und wurden von denen, was die Ausbeutungsrechte betraf, später über den Tisch gezogen.
Das eigentliche Erdölzeitalter hatte da schon in den USA begonnen: am Morgen des 29. August 1859 in Titusville, Pennsylvania. Und diese Geschichte prägt, wie alle guten Geschichten, ein wahrer Held.
Der ehemalige Eisenbahnschaffner Edwin Drake, wegen seines Uniformrocks "Colonel" genannt, hatte nie eine Schule besucht, aber er besaß die Spürnase eines Entdeckers. Auf der Suche nach Öl durchstieß er mit einer einfachen Dampframme eine Gesteinsschicht nach der anderen - und wurde, als er schon aufgeben und Konkurs anmelden wollte, in 21 Meter Tiefe fündig. Aus dem Boden sickerte die ersehnte klebrige Flüssigkeit. Eine Pumpe förderte bald 5000 Liter täglich.
Zunächst verwendeten die Menschen den Stoff nur als Brennmaterial für Lampen. Doch bald entdeckten Wissenschaftler neue Verwendungsmöglichkeiten für das Erdöl, etwa zum Heizen. Die Erfindung des Otto- und Dieselmotors steigerte die Nachfrage nach dem schwarzen Gold dann ins Unermessliche. Unternehmer mit dubiosem Hintergrund und skrupellosen Geschäftspraktiken machten Millionen, allen voran John D. Rockefeller. Ein regelrechter Ölrausch erfasste die Menschen, neue Industrien entstanden. Am Ölhahn hing, zum Ölhahn drängte es auch die Politik mit aller Macht.
Woodrow Wilson, US-Präsident im Ersten Weltkrieg, prophezeite: "Die Weltgeltung einer Nation wird von ihren Ölschätzen abhängen." 1918 kabelte Frankreichs Premier Georges Clemenceau nach Washington: "Ein Tropfen Öl ist uns einen Tropfen Blut wert." Und nach dem Sieg befand der britische Außenminister Lord Curzon, die Alliierten seien "auf einer Woge von Öl zum Sieg geschwommen".
Bereits 1916 zogen England und Frankreich in einem Geheimabkommen am Reißbrett neue Grenzen zwischen ihren Interessengebieten. Nach dem Ersten Weltkrieg fielen Bagdad und Umgebung in die Hände der britischen Mandatsmacht, es regierte ein Haschemitenkönig von Londons Gnaden. Der Irak entstand in seinen heutigen Grenzen: ein künstliches Gebilde voller rivalisierender Stämme, die nicht viel mehr gemein hatten als die nationale Flagge. Doch die Region schwimmt auf einer riesigen Blase des schwarzen Goldes.
Nach den Funden der deutschen Ingenieure war unter den Großmächten ein regelrechter Run auf die Ressourcen ausgebrochen. 1920 hatten Frankreich und Großbritannien in San Remo ein Abkommen unterzeichnet, das die Aufteilung dieser Felder unter den beiden Staaten regelte. Die Amerikaner bekamen Wind von dem Deal und übten Druck auf die Europäer aus. Die US-Erdölinteressen wurden berücksichtigt. Die Amerikaner machten beim großen Poker im Nahen Osten schließlich sogar das beste Geschäft: Sie sicherten sich Saudi-Arabien, die spätere "Tankstelle der Welt". US-Ölfirmen wurden Mitinhaber der Turkish Petroleum Company, die 1927 bei Kirkuk einen Riesenfund machte. Wie ein Menetekel stieg eine Ölsäule in die Luft und zeigte den Weg zu einem der ertragreichsten Felder aller Zeiten.
1932 wird der Irak als formal unabhängiger Staat in den Völkerbund aufgenommen. Doch in der Monarchie jagt ein Putsch den anderen. Auch als 1958 Offiziere schließlich die Republik ausrufen, bleibt Bagdad ein finsteres Räuberloch, eine Stadt, in der Auftragsmorde nur ein paar Piaster kosten.
Der ideale Platz für jemanden wie Saddam Hussein, dessen Vorname "der Unerschrockene" bedeutet. Eine Tätowierung, drei dunkelblaue Punkte in einer Linie nahe dem Handgelenk, zeigt seine Herkunft. Solche Merkmale sticht man Dorfkindern ein, als Kennzeichen ihrer Stammeszugehörigkeit. Saddams Jugend ist unspektakulär: Der unehelich Geborene schläft auf dem Boden einer Lehmhütte, hütet Ziegen.
Seine Geburtsstadt Tikrit hat allerdings einen berühmten Sohn hervorgebracht - Saladin. Auf ihn und den Babylonierkönig Nebukadnezar beruft sich der Diktator bis heute, wenn er seinen Stammbaum nicht gerade auf den Propheten Mohammed zurückführt: Beiden gelang die Eroberung Jerusalems.
Als 14-Jähriger übt sich Saddam mit seiner ersten Pistole beim Straßenraub, als 19-Jähriger erschießt er, wohl auf Geheiß seines Onkels, einen rivalisierenden Banditen. Saddam lernt schnell die harte und brutale Welt der irakischen Clans mit ihren Loyalitäten kennen. Seine Aufstiegschancen in Bagdad verbinden sich mit der Baath-Bewegung, der zunächst illegalen Partei der arabischen "Wiedergeburt". Er begeistert sich für ihre nationalrevolutionären Ziele, wird zum Verschwörer. Mehrfach entgeht er nur knapp dem Tod, monatelang sitzt er im Gefängnis. Doch als sich 1968 die Baath-Kämpfer endgültig durchsetzen, intrigiert sich Saddam schnell nach oben, wird zum Vize-Parteisekretär und 1971 zur Nummer zwei im Staat.
Er reist nicht viel, einmal in die Sowjetunion, nie in den Westen. Aber er liest: Machiavelli, Stalin, Churchill. Die Welt gleiche für Saddam einem Puzzle, in dem sich alles gegen ihn verschworen habe, berichten später Überläufer. Dieses Rätsel will er mit Misstrauen gegenüber den Absichten der anderen entschlüsseln - um ihnen mit brutaler Gewalt zuvorzukommen. Saddam weiß, was in Bagdad wichtig ist. Deshalb verstaatlicht er, kaum im Zentrum der Macht, 1972 die Ölindustrie.
Nun kann er gestalten, der Reichtum des Landes ist in seiner Reichweite. Saddam holt nach seiner Ernennung zum Staatschef im Jahr 1979 Dutzende aus seinem Tikrit-Clan in Schlüsselpositionen. Er zeigt - im Sinne seines Filmvorbilds Don Corleone aus dem "Paten" -, dass mit ihm nicht zu spaßen ist. In einer Nacht der langen Messer werden 300 von Saddam persönlich als unzuverlässig eingestufte Führungskräfte vor laufenden Videokameras hingerichtet. Es ist eine Lektion, die keiner im Land vergisst.
Saddam Hussein orientiert sich außenpolitisch an der Sowjetunion, aber er kennt keine ideologischen Scheuklappen, übernimmt auch westliche Organisations- und Aufbaumuster. Anders als Iran, wo 1979 der fundamentalistische Ajatollah Chomeini an die Macht kommt, ist der Irak kein Gottesstaat. Mädchen haben fast die gleichen Chancen wie Jungen, Alphabetisierungskampagnen machen das Land bald zu einem der fortschrittlichsten des Nahen Ostens. Für Oppositionelle aber, die sich Saddams Allmachtsgelüsten nicht beugen, wird der Irak zur "Republik der Angst", wie der Autor Samir al-Khalil schreibt.
Chomeinis Machtübernahme in Iran, seine aggressiven Reden von einem islamistischen "Revolutionsexport" und die Besetzung der US-Botschaft in Teheran führen in Amerika fast zu panikartigen Reaktionen. Washington ist mit dem Sturz des Schahs neben einem wichtigen strategischen Stützpunkt auch ein riesiges Nachschublager für Erdöl verloren gegangen.
Die USA wie die anderen westlichen Staaten hatten einen schweren Schock erlitten, als die arabischen Staaten 1973 wegen Washingtons bedingungsloser Unterstützung Israels zum ersten Mal den Hahn zudrehten und Erdöl als Waffe einsetzten; innerhalb kurzer Zeit hatte sich der Rohstoffpreis verfünffacht; 1979, infolge der iranischen Revolution, schießt er nochmals in die Höhe und gefährdet die Weltwirtschaft. Bundeskanzler Helmut Schmidt erkennt eher als andere, welche Folgen das haben könnte: "Im Wettrennen um Öl und Gas werden sogar Kriege möglich sein."
Washington setzt im Nahen Osten auf Saddam Hussein - als das im Vergleich zu Chomeini kleinere Übel. Der Iraker mag ja ein Hurensohn sein, "aber er ist unser Hurensohn" (so hatte Franklin D. Roosevelt die Zusammenarbeit mit amerikafreundlichen Diktatoren gerechtfertigt).
Saddam erkennt die Gunst der Stunde. Er sieht das Chaos in Chomeinis Reich, weiß um das Wohlwollen des Westens - und schlägt zu. Unter einem Vorwand greift er im September 1980 den Nachbarn an, im Blickfeld die Provinz Chusistan, die riesigen, lukrativen Ölfelder. Der Diktator verrechnet sich, was die Widerstandskraft der Iraner angeht. Aber er kalkuliert richtig, dass die USA ihm bei seinem Feldzug unter die Arme greifen. Der grausame Stellungskrieg dauert schließlich acht Jahre; auf beiden Seiten sterben fast eine halbe Million Menschen. Der Ausgang ist für Saddam bestenfalls ein Patt - und dass es nicht schlimmer gekommen ist, verdankt er einzig seinen amerikanischen Unterstützern.
US-Militärs haben Bagdads Armee bei der Ausarbeitung ihrer Schlachtpläne unterstützt. Sie haben ihm Waffen geliefert und ihm präzise Satellitenaufnahmen vom Frontverlauf zur Verfügung gestellt. Sie nahmen - nach Recherchen amerikanischer Journalisten - sogar wissentlich in Kauf, dass Saddam Senfgas einsetzte. Tausende Kurden kamen in Halabdscha, Tausende Iraner an der Grenze qualvoll ums Leben.
Einer der Washingtoner Emissäre ist damals Donald Rumsfeld, heute Verteidigungsminister und einer der militantesten Kriegsbefürworter. Er hat im Dezember 1983 mit dem irakischen Diktator persönlich verhandelt und will ihn damals vor dem Einsatz verbotener Waffen gewarnt haben; kürzlich freigegebene Gesprächsprotokolle decken seine Aussagen nicht. Man plauderte eher freundlich miteinander.
Saddam Hussein spürt die Spätfolgen seines Iran-Abenteuers schmerzlich. Durch den Zugriff auf die sprudelnden irakischen Erdöleinnahmen verfügte er früher immer über genug flüssige Mittel, um populäre Großprojekte zu finanzieren und sich innerhalb der Armee Loyalität zu erkaufen. 1989 ist das nicht mehr so. Der Präsident hat Bagdad eine neue U-Bahn versprochen, den Kriegswitwen großzügige Entschädigungen - all das lässt sich nicht finanzieren. Und auf den Kult um seine Person, auf die immer neuen Statuen und Wandbilder, mag er nicht verzichten.
Saddam ist hoch verschuldet, auch weil der Ölpreis dramatisch gefallen ist, zwischenzeitlich unter zehn Dollar. Verantwortlich dafür sind die Saudis und die Kuweiter, die ihm Geld für den Iran-Krieg geliehen haben, jetzt aber den Weltmarkt, wie auch der Irak selbst - weit über die gemeinsam in der Opec ausgehandelten Quoten - mit Öl überschwemmen. Zudem besitzt Saddam Berichte darüber, dass die Kuweiter ihn "anzapfen": Sie bedienen sich am Ölfeld Rumeila, das an der Demarkationslinie liegt.
Der "weise Führer der revolutionären Massen", wie Saddam sich jetzt titulieren lässt, hat die einstige Provinz Kuweit nie als eigenen Staat akzeptiert; das Scheichtum ist ihm, dem Groß-Iraker, von jeher ein Dorn im Auge. Saddam deutet der amerikanischen Botschafterin April Glaspie seine Invasionspläne an. Nach deren achselzuckender Reaktion glaubt der kühle Kalkulierer wieder freie Hand von Washington zu haben. Doch diesmal täuscht er sich.
Die USA lassen ihren Klienten fallen. Kuweit gilt als prowestlicher Staat, seine Ressourcen sind riesig. Und ganz in der Nähe liegen auch große saudi-arabische Ölfelder. US-Präsident George Bush senior tritt vor die Nation und sagt: "Unsere Wirtschaft, unsere Lebensart, unsere Freiheit und die Freiheit befreundeter Staaten auf der ganzen Welt, das alles würde leiden, wenn die Kontrolle über die großen Ölreserven der Welt in die Hände Saddam Husseins fiele."
Im "Desert Storm" schlägt eine von den Amerikanern angeführte, von der Uno abgesegnete Kriegskoalition 1991 die irakischen Armeen vernichtend. Ein in die Enge getriebener Saddam zündet sogar Ölquellen an - aus Rache und ohne jede Rücksicht auf die Natur und seine eigenen Mitbürger.
Bush senior hätte damals den Marsch auf Bagdad befehlen können; sein General Norman Schwarzkopf sprach von "48 Stunden", dann sei die Hauptstadt erobert. Der Präsident begnügt sich mit der Befreiung Kuweits, wohl aus Angst vor hohen US-Verlusten bei einem Chaos in Bagdad, vielleicht auch wegen eines möglichen Auseinanderbrechens des ethnisch und konfessionell so vielfältigen Staates. Ein geschwächter, gefügiger Saddam scheint dem US-Präsidenten das kleinere Übel.
Doch der Tyrann vom Tigris zeigt sich alles andere als gefügig. Am 4. November 1992 steht Saddam triumphierend auf dem Balkon des Rathauses der irakischen Stadt Ramadi - es ist der Tag nach Bush seniors Wahlniederlage. "Bis jetzt haben wir uns nur den Rücktritt dieses Herrn gewünscht, jetzt wollen wir auch seinen Kopf auf die Erde rollen sehen", ruft Saddam. Dann zieht er seinen Revolver und schießt über die Menge.
Als Bush senior im April 1993 ins befreite Kuweit reist, entgeht er nur knapp einem Mordanschlag, die CIA glaubt Beweise zu haben, Saddam sei der Auftraggeber des Attentats. Für George W. ist der Diktator seitdem auch ein persönlicher Feind, "der Mann, der meinen Daddy umbringen wollte".
Washington erzwingt in der Uno Sanktionen gegen den Irak. Saddam darf zunächst gar kein Erdöl, später im Rahmen eines "Öl für Lebensmittel"-Programms nur eine bestimmte Menge zu humanitären Zwecken exportieren. Doch das Embargo erweist sich als Denkfehler.
Der Clique um den Diktator gelingt es, über Jordanien und Syrien genügend Schmuggelware außer Landes zu bringen, um weiter in Saus und Braus zu leben. Vermutlich sind die "Hammurabi"-Einheiten der Saddam-treuen Republikanischen Garden stärker und motivierter denn je - sie wissen, sie werden bei einer Niederlage zusammen mit Saddam untergehen. Das Volk aber hungert. Die Kindersterblichkeit bei den Ärmsten steigt erschreckend.
Und Saddam spielt Katz und Maus mit den Kontrolleuren der Uno, die nach der Aktion Wüstensturm seine Massenvernichtungsmittel zerstören sollen. Zwar gelingt es den Experten wohl, den überwältigenden Teil des chemischen, biologischen und atomaren Potenzials unschädlich zu machen (dabei wird eine Straße in einem weitgehend von deutschen Firmen bestückten Chemiewaffenkomplex von den Uno-Inspektoren "Sauerkraut-Boulevard" getauft). Aber als der Diktator die Inspektoren 1998 aus dem Land wirft, ist die Arbeit längst noch nicht beendet.
Kaum ein Experte zweifelt, dass Saddam Hussein danach versucht hat, sein Waffenarsenal aufzufrischen. Aber die Staaten der Region, mit Ausnahme Israels, sehen sich nicht gefährdet. Die Macht
des Despoten scheint ihnen durch die jetzt wieder aufgenommenen Uno-Kontrollen hinreichend eingedämmt.
George W. Bushs häufig strapaziertes Argument, Saddam könne Amerika angreifen und "die US-Wirtschaft verkrüppeln" ist so weit hergeholt, dass es die "New York Times" schlicht "peinlich" nennt. Und der CIA ist es trotz dringender Aufforderung Rumsfelds nicht gelungen, eine Verbindung zwischen dem Qaida-Netzwerk und Saddam festzustellen.
Als der Präsident nach seiner umstrittenen Wahl im Januar 2000 seine Regierungsmannschaft vorstellt, wird sofort eines klar: Dieser Crew muss niemand etwas über die Bedeutung des schwarzen Goldes erzählen. George W. selbst hatte es nach Jahren selbst verschuldeter wirtschaftlicher Pleiten durch die Protektion seines in Ölgeschäften besonders versierten Vaters in die Führungsriege der Explorationsfirma Harken geschafft. Vizepräsident Richard Cheney leitete von 1995 bis 2000 den texanischen Ölzulieferer Halliburton - der verkaufte in dieser Zeit für Millionen-Honorare Ölausrüstungen in den Irak. Und am Kabinettstisch haben noch mehr Big Shots enge Verbindungen mit Big Oil.
Dass der Energienachschub zur Achillesferse der USA werden könnte, gilt in der neuen Regierung schnell als gemeinsame Erkenntnis. Die ohnehin laxen Umweltgesetze werden im Sinn neuer Explorationen im eigenen Land weiter entschärft. Doch das reicht nicht.
Das energiegefräßige Amerika, dessen Erdölverbrauch im vergangenen Jahrzehnt noch einmal um knapp 20 Prozent gestiegen ist, während er in Europa durch Sparmaßnahmen und den Erfolg neuer Energien weniger als halb so schnell wuchs, wird nie ohne Importe in großem Stil auskommen, das ist den Experten klar. Die meisten Felder von Texas und Alaska haben ihre Höchstförderzeit längst hinter sich, die US-Gesamtproduktion befindet sich auf dem Niveau der vierziger Jahre. Und der heutige Bedarf lässt sich auch nicht von den "sicheren" Lieferanten Kanada und Mexiko abdecken; im vergangenen Jahr stammte mehr als ein Drittel der US-Erdöleinfuhren aus dem politisch instabilen Venezuela - und vom Persischen Golf.
"Am Beginn seiner Amtszeit hat George W. Bush ein Komitee einberufen, das unter der Führung des Vizepräsidenten Cheney eine neue Energiepolitik festlegen sollte. Das Komitee beschloss, die Ölimporte aus der umkämpften und ungeliebten Region des Mittleren Ostens, vor allem aus Saudi-Arabien, zu reduzieren, bis zum Jahr 2007 sollten sie gegen null gebracht werden", sagt im SPIEGEL-Interview Scheich Ahmed Saki al-Jamani. Der frühere Erdölminister Saudi-Arabiens ist immer noch der Guru der Branche (siehe Seite 104).
Über Nacht und im wahrsten Sinn des Wortes aus heiterem Himmel kommt am 11. September 2001 der größte Einschnitt in der Nachkriegsgeschichte der Vereinigten Staaten, ein Ereignis, das die Psyche der ganzen Nation verändert: der Terrorangriff auf die Twin Towers und das Pentagon. Seither sind die USA eine verwundete Supermacht - und eine Nation, die sich ihrer Verwundbarkeit bewusst ist. Die Amerikaner scheinen anders als früher bereit, im Ausland militärisch einzugreifen, zur Not auch ohne die Zustimmung der Vereinten Nationen und jenseits völkerrechtlicher Bedenken, wenn sie so nur den Terror in der Heimat stoppen oder vorbeugend US-Interessen dienen können.
In Afghanistan führt Washington einen Blitzkrieg gegen Osama Bin Ladens Truppen und gegen die Taliban, die ihnen logistische Unterstützung gewährt haben. Kabul wird befreit, doch Amerikas Feind Nummer eins kann entkommen, seine Terrororganisation al-Qaida gruppiert sich neu.
Die islamistischen Ideologen haben mit dem irakischen Gewaltherrscher wenig gemein. Und doch ist Saddams Reaktion auf den Anschlag, der rund 3000 Menschen das Leben kostet, eine Provokation, die ihn - unabhängig von anderen amerikanischen Interessen - zu einem Hassobjekt, zum idealen Ziel eines Vernichtungskrieges macht: "So wie eure schönen Wolkenkratzer zerstört wurden, so stürzten unsere Häuser in Palästina und im Irak unter den amerikanisch-zionistischen Waffen zusammen. Fühlt den gleichen Schmerz, den ihr anderen antut und bedenkt: Amerika erntet die Dornen, die ihre Führer in der Welt gesät haben."
In Wahrheit geht es um mehr als Hass. Der Terror vom 11. September 2001 hat der US-Regierung auch besonders eindringlich vor Augen geführt, wie gefährdet der für die Nation so lebenswichtige, preiswerte Energienachschub ist. Neben Osama Bin Laden selbst stammen auch 15 der 19 Attentäter aus Saudi-Arabien. Jahrzehntelang war das Geschäft preiswertes Öl gegen den Kauf milliardenschwerer amerikanischer Waffensysteme fast problemlos gelaufen. Doch jetzt steht die Wüstenmonarchie in einem neuen Licht da: Das Königreich ist nicht mehr das Land, mit dem sich ohne Sorgen Deals machen lassen.
Schon als nach dem "Wüstensturm" von 1991 amerikanische Truppen im Königreich blieben und riesige, permanente Militärbasen aufbauten, hatten sich im Untergrund Widerstandsgruppen gegen die korrupt regierenden Prinzen und ihre ausländischen Beschützer gebildet. Washington verschloss lange vor der aufziehenden Gefahr die Augen. Nach "Nine/Eleven" geht das nicht mehr. Jetzt registrieren die USA, dass in Saudi-Arabien eine aggressiv antiwestliche und islamistische Grundstimmung herrscht - und dass sich die Regierenden durch Millionen-Spenden an radikale "Wohlfahrtsorganisationen" vom Terror eher freikaufen, als ihn aktiv zu bekämpfen.
Nach außen hin wird von der US-Regierung zwar bis heute die Freundschaft zu Riad beschworen, doch hinter den Kulissen glaubt wohl auch Bush nicht mehr, dass die Saudis ein berechenbarer Partner sind. In einer Arbeitsgruppe des Pentagon darf Berater Laurent Murawiec die Monarchie als "Kern des Bösen" bezeichnen: "Wir sollten uns zur Not auch überlegen, saudische Ölfelder zu besetzen." Und schon malen sich Experten apokalyptische Szenarien aus. Robinson West, Chef der Washingtoner Petroleum Finance Corporation, etwa sagt über das weltgrößte Tanker-Terminal Ras Tannura im Osten Saudi-Arabiens: "Um dort die gesamte Produktion auszuschalten, genügt es, ein einziges Flugzeug hineinzustürzen."
Mit ihrem Ausstoß von rund acht Millionen Barrel pro Tag und der Chance, ihn nach Gutdünken um ein Viertel zu erhöhen, halten die Saudis derzeit als einziger Produzent die "swing capacity", einen wichtigen Hebel für den Preis auf dem Ölmarkt - schlimm genug in den Augen der Amerikaner. Ein noch weit größerer Alptraum allerdings wäre ein islamistischer Umsturz in Riad; am Lebensstandard nicht interessierte Steinzeit-Fundamentalisten könnten von einem Tag auf den nächsten die Produktion auf null zurückfahren.
In Washington hat eine fieberhafte Suche nach alternativen Öllieferanten begonnen, jenseits von Aden und dem Persischen Golf. Amerikanische Emissäre schwärmen derzeit aus nach Russland, ans Kaspische Meer, nach Westafrika. Alles wichtige Ergänzungsspieler im "Great Game" um die Ressourcen. Doch der große Preis, der Hauptgewinn - das ist der Irak.
Und das ist das Problem: Im Golfkrieg haben die Amerikaner Saddam Hussein zwar aus Kuweit vertrieben, aber nicht gestürzt. Stattdessen hat die Weltgemeinschaft den Irak mit Sanktionen überzogen, die zur Folge hatten, dass irakisches Öl nur noch tröpfelt. Um der Weltwirtschaft zu helfen, müssten eigentlich die Sanktionen aufgehoben werden, was allerdings Saddam zu neuer Rüstung und neuer Macht verhelfen würde. Die Sanktionen können also erst dann entfallen, wenn Saddam vertrieben ist - Amerikas Kalkül für den Krieg.
Denn kaum irgendwo außerhalb Saudi-Arabiens liegt so viel Öl so knapp unter der Erde, ist es so einfach zu fördern, billiger auf den Markt zu schaffen - und von solcher Qualität. "Kirkuk Light": Fachleute schnalzen bei dieser Bezeichnung genießerisch mit der Zunge wie Weinkenner bei feinsten Bordeaux-Lagen.
Ein kurzer, siegreicher Krieg könnte die Konjunktur ankurbeln, und die Arbeitslosigkeit in den USA würde schneller sinken, als wenn es keinen Waffengang gäbe, ermitteln Ökonomen (darunter Ex-US-Notenbanker Laurence Meyer) im Auftrag des regierungsfreundlichen Washingtoner Center for Strategic and International Studies. Nur einen sehr langen Kampf halten sie für bedenklich. "Im schlimmsten Fall droht aber eine Rezession", fasst die "FAZ" den Bericht zusammen - dass ein Krieg wahrscheinlich Tausende Menschenleben kosten wird, bleibt unerwähnt.
Bush selbst hält sich, wie seine Kabinettskollegen, in Sachen Irak-Öl bedeckt. Doch sein Chef-Wirtschaftsberater Lawrence Lindsey spricht im November Klartext: "Wenn es einen Regimewechsel im Irak gibt, kommen täglich drei bis fünf Millionen Barrel Erdöl zusätzlich auf den Markt. Eine erfolgreiche Durchführung des Krieges würde der Ökonomie gut tun."
Zwei Herren aus einer Familie werden in Washingtoner Regierungskreisen besonders als Hoffnung für eine irakische Zukunft im amerikanischen Sinn gehandelt: die Schalabis.
Da ist einmal Ahmed Schalabi, 58, Vorsitzender des von Washington mit Millionen-Beihilfen gehätschelten Irakischen Nationalkongresses. Der INC gilt als die wichtigste Oppositionsorganisation im Exil und will beim Kampf gegen den Despoten vom Tigris dabei sein; Schalabi strebt den Posten eines Regierungschefs im befreiten Bagdad an. Der aalglatte Banker wirkt eher wie eine Idealbesetzung für einen Mafia-Anwalt in einem Hollywood-Film. Seine Heimat hat er zuletzt als 13-Jähriger gesehen, in den USA die Elite-Universität MIT absolviert. In Jordanien wurde der Geschäftsmann in Abwesenheit wegen Veruntreuung von Bankgeldern zu einer Gefängnisstrafe verurteilt - eine "irakische Intrige", wie er sagt.
Sein Cousin Fadhil Schalabi, 73, arbeitet als Exekutivdirektor des von Scheich Jamani gegründeten Centre for Global Energy Studies in London. Er wirkt mit seinem grauen Strubbelhaar und dem verschmitzten Dauerlächeln wie ein Zauberer in "Harry Potter". Noch in den siebziger Jahren war Fadhil Schalabi irakischer Vize-Energieminister, dann floh er, "von Saddams zunehmend diktatorischem Regierungsstil abgestoßen", aus Bagdad. Der Ölexperte liefert in diesen Tagen die präzisesten Erkenntnisse über den Zustand der irakischen Pipelines. "Im Irak liegen unerschlossene, jungfräuliche Felder im Überfluss", sagt Fadhil Schalabi.
Nach seinen Berechnungen winkt den neuen Herren von Bagdad eine Bonanza: Vervierfachen ließe sich die irakische Ölproduktion noch in diesem Jahrzehnt, die im Boden schlummernden Reserven seien so gigantisch, dass sie mit geschätzten 250 Milliarden Barrel sogar an die nachgewiesenen Ressourcen Saudi-Arabiens heranreichen könnten. Die Pläne von Schalabi & Schalabi liegen angeblich ganz oben auf dem Schreibtisch des Präsidenten - zur ständigen Orientierung.
Mit der Entscheidung für seinen Irak-Chefbeauftragten setzt George W. Bush dann im Dezember ein weiteres Zeichen: Er beruft einen ausgewiesenen Ölfachmann: Zalmay Khalilzad, 51, im afghanischen Masar-i-Scharif geboren. Der Lobbyist hat für den kalifornischen Konzern Unocal 1997 die Chancen einer Öl- und Gaspipeline von Afghanistan nach Pakistan ausgelotet - und traf sich dazu auch mit nach Houston eingeflogenen Vertretern der Taliban-Regierung. Erst als sich das Projekt zerschlug, prangerte Khalilzad das "unmenschliche" Kabuler Regime an und schrieb eine Art Drehbuch für den amerikanischen Kampf gegen Mullah Omar und Co.
Nach der Flucht der Koranschüler arbeitete der Wendige als Afghanistan-Beauftragter Bushs. "Er war unser eigentlicher Regierungschef", sagen Kabinettsmitglieder in Kabul. Khalilzads Kollegen glauben nicht, dass er das Projekt einer Afghanistan-Pipeline aufgegeben hat. Aber jetzt hat die Erschließung viel versprechender Ölfelder im Irak Priorität.
So sehr Bush auf Bagdad, den Sturz Saddams und die irakischen Ressourcen (vielleicht auch auf Massenvernichtungswaffen) fixiert ist: Selbst eine Supermacht, die mehr für ihr Militär ausgibt als die nächsten sieben Staaten weltweit zusammen, muss auf andere Mächte Rücksicht nehmen, will sie ihre Kraft nicht überdehnen. Ohne die USA geht nichts - aber auch mit ihnen und für sie nicht alles. Der US-Präsident hat sich für den schlimmsten Fall zu rüsten: Dass ein in die Enge getriebener Saddam mit seinen letzten Waffen die Katastrophe auslöst, zu deren Verhinderung der Krieg doch angeblich geführt werden soll.
Sollten die Ölquellen der Region brennen, benötigt Washington dringend Energie-Verbündete. In erster Linie Moskau, das gerade einen Meilenstein in der Energiepolitik setzt: Russland ist dabei, Saudi-Arabien als größten Erdölproduzenten der Welt abzulösen.
Wladimir Putin, Chef der abgedankten östlichen Vormacht, spielt ein schwaches Blatt mit erstaunlicher Chuzpe. Zum Beispiel nach dem 11. September 2001. Da begriff der russische Präsident schnell, dass Russland beim "Krieg gegen den Terror" weder ausscheren noch die Errichtung amerikanischer Militärbasen in Zentralasien verhindern konnte. Längst ist der Staat mit einer Wirtschaftsleistung in der Größenordnung Belgiens zur Kooperation mit der Weltmacht USA gezwungen, will er nicht seine Wirtschaft ruinieren. Moskau akzeptiert fast alles, was nicht direkt nach Diktat aussieht. Hauptsache, die Gegenleistung stimmt.
Was Putin bei Bush für die Mithilfe in Afghanistan herausgeschlagen hat, ist unstrittig: Die USA lassen dem russischen Präsidenten freie Hand in Tschetschenien. Er kann gegen Rebellen mit aller Rücksichtslosigkeit vorgehen, ohne sich wie früher mit Kritik oder gar Sanktionsandrohungen abgeben zu müssen. Sein Krieg in der um Unabhängigkeit kämpfenden Kaukasus-Republik zählt als Teil des "weltweiten Krieges gegen den Terror".
Was Putin für die Duldung eines amerikanischen Angriffs auf Bagdad an Kompensation verlangt, worüber hinter den Kulissen gefeilscht wird, ist erst jetzt zu erkennen. Es lässt sich in einem Begriff zusammenfassen, den der Kreml-Herr inzwischen ebenso häufig gebraucht wie sein Kollege in Washington: "Energiepartnerschaft". Dahinter verbirgt sich eine Revolution auf dem Ressourcen-Weltmarkt.
Russland will den USA Erdöl in großem Stil liefern; die Amerikaner sollen dafür bei der Ausbeutung vorhandener Felder und der Erschließung anderer mit Milliarden-Spritzen helfen. Bei der Planung einer neuen Pipeline bewiesen vier führende russische Ölgesellschaften - Lukoil, Jukos, Tjumen Oil und Sibneft - gerade seltene Einigkeit: Sie wollen gemeinsam bis zum Jahr 2007 eine 2500 Kilometer lange Rohrleitung nach Murmansk bauen. Von der Stadt an der Barentssee soll das Erdöl in Riesentankern nach Amerika transportiert werden, ein Weg, kürzer als der vom Golf.
"Wir könnten bald einen fast so hohen Anteil am US-Markt erreichen, wie ihn heute Saudi-Arabien hat", sagt Michail Chodorkowski, Chef des Jukos-Konzerns und durch seinen 36-Prozent-Aktienanteil reichster Mann Russlands. Als Geste des guten Willens hat der Boss der zweitgrößten russischen Ölfirma (Vorbild: John D. Rockefeller) schon mal einen prall gefüllten Tanker in die USA geschickt. Im Oktober kam der Vorstand des US-Multis ChevronTexaco zu Gesprächen mit Russlands Energieminister Igor Jussufow nach Moskau. Dann trafen sich in Houston, Texas, amerikanische wie russische Experten zum Spitzengespräch.
Am Irak-Geschäft hat Jukos keine nennenswerten Anteile - anders als Lukoil, Russlands Marktführer, der sich immer noch zu 7,6 Prozent in Staatsbesitz befindet und trotz größerer Umsätze nicht so hohe Gewinne macht.
Wer die beiden Bosse trifft, bekommt eine Ahnung davon, warum das so ist. Chodorkowski, 39, wirkt smart und aufgeschlossen, ein dynamischer Zar der neuen Zeit. Lukoil-Chef Wagit Alekperow, 52, verkörpert eher das alte Denken; erst seit kurzem sitzen auch im Lukoil-Management westliche Experten. Wie ein Funktionär verschanzt sich der früh ergraute vormalige sowjetische Vize-Ölminister hinter seinem Schreibtisch, taktiert und tariert, als müsste er jedes Wort auf eine Goldwaage legen. Vor allem in Sachen Saddam. Alekperow weiß offensichtlich nicht, ob er über das Irak-Engagement seiner Firma jubeln oder weinen soll.
1997 hat Alekperow in Bagdad mit dem irakischen Staatschef den Vertrag geschlossen: Lukoil bekam als Führer eines Konsortiums die Rechte an der Erschließung von Kurna-West, einem der potenziell reichsten Erdölfelder der Welt. Die Russen verpflichteten sich, sechs Milliarden Dollar zu investieren. Mit voller Arbeitsleistung sollte Kurna nach Expertenschätzungen 20 Milliarden Dollar abwerfen. Doch auch die Russen wissen: Erst nach Aufhebung der Uno-Sanktionen lassen sich im Irak Gewinne realisieren - oder nach einem Machtwechsel in Bagdad.
Vor vier Wochen hat Saddam Hussein das Abkommen mit den Russen völlig überraschend aufgekündigt. Lukoil habe nicht genug investiert, heißt es in Bagdad als offizielle Begründung. Alekperow will klagen und spricht von "irakischer Willkür". Einer der Lukoil-Konsorten in Moskau aber gibt den USA und den russischen Erdölbossen selbst Schuld an dem dramatischen Rausschmiss. Nikolai Tokarew spricht von "Erpressungsversuch". Die Amerikaner hätten verlangt, dass Moskaus Firmen die irakische Opposition finanziell unterstützen, wenn sie denn nach einem Machtwechsel noch Geschäfte im Irak machen wollten. Er habe "im Gegensatz zu anderen" einen solchen Deal abgelehnt.
Ex-Geheimdienstgeneral Tokarew kennt sich aus: Seine staatliche Erdölgesellschaft Sarubeschneft macht seit 1967 im Irak Geschäfte und kann Saddam gut einschätzen - möglich, dass der Diktator jetzt mit all denjenigen Russen abrechnet, die schon auf eine Zeit nach ihm spekulieren.
Wenn Lukoil nicht mehr zum Zug komme, entfalle ja ein Hauptgrund für die russische Unterstützung Saddams, lässt der Kreml streuen. Für Putin geht es auch darum, dass der Irak die acht Milliarden Dollar Schulden bezahlt, die sich durch Waffenkäufe angehäuft haben. Wenn die USA den Russen in einem neuen Irak Ölfelder garantieren (wie es gerade der US-Botschafter in Moskau angedeutet hat) - dann dürfte der hinhaltende Widerstand Moskaus gegen Amerikas Kriegspläne schwinden.
Dass auch George W. Bush Pragmatismus über Prinzipientreue stellt, zeigt sich am Irak-Handel. Gut ein Drittel des Öl-für Lebensmittel-Programms, mit dem die Uno Bagdads Erdölexporte begrenzt, werden von russischen Firmen abgewickelt - und eine Menge dieses schwarzen Goldes landet in den USA. Der "teuflische" Saddam deckt immerhin vier Prozent der amerikanischen Erdölimporte ab. Keinen stört es, keinen empört es.
Und doch steckt Russland in einem Dilemma. Moskau hängt am Öl-Tropf. Fällt der Weltmarktpreis dramatisch, droht schnell eine Wirtschaftskrise. Die Erschließung sibirischer Felder lohnt sich nur so lange, wie das viel billigere irakische Öl nicht gar zu üppig sprudelt. Putin will beim kommenden Boom in Bagdad dabei sein. Aber er muss sich strategisch auch anderweitig engagieren - mit neuen Bohrungen, Pipelines, Milliarden-Deals.
Am besten dort, wo China ins Spiel kommt, dessen Energieverbrauch weltweit am stärksten wächst: in der Region um das Kaspische Meer. Dort war das Spiel mit dem Öl allerdings schon immer ein Spiel mit dem Feuer. Und neuerdings halten die Amerikaner auch diese Weltgegend für ihre Domäne.
In Baku ist es schwer, auch nur einen Augenblick zu vergessen, worum es geht: Beißender Ölgeruch treibt von der Uferpromenade herüber. Wie Köpfe unermüdlicher Maultiere schwingen gleich außerhalb der Stadt die schwarzen Pumpen auf und nieder. Draußen auf dem Wasser schwirren heuschreckengleich Helikopter um Bohrinseln und Türme. Die Branche hat große Tradition: Um 1900 war Baku die Ölhauptstadt der Welt. Die Rothschilds und die Nobels machten hier ein Vermögen und residierten in prächtigen Villen.
Gesprächsthema Nummer eins ist der Irak-Krieg - und der neueste Mega-Deal. Im September war Grundsteinlegung für die Pipeline Baku-Tiflis-Ceyhan, in Anwesenheit der Präsidenten Aserbaidschans, Georgiens und der Türkei - und des amerikanischen Energieministers. Erste Röhren werden gerade gelegt. Die auf über 1700 Kilometer Länge veranschlagte Ölleitung wird mit geschätzten Baukosten von drei Milliarden Dollar die teuerste der Welt. Bakus Experten sind sich weitgehend einig, dass die Pipeline, die bis zum Jahr 2005 fertig sein soll, unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten kaum Sinn macht.
"Sie ist politisch motiviert und sichert unsere strategischen Interessen", sagt der Mann vom beteiligten US-Konzern Unocal. Er muss zugeben, dass die Röhren vor allem in Georgien durch Gebiete führen, die von Terroristen bedroht sind - ein hohes Risiko für die Betreiber. "Es ist auch eine Pipeline mit wahnsinnigen Überkapazitäten", meint ein italienischer Experte und rechnet vor, dass nach den jüngsten, eher enttäuschenden Bohrungen in der Kaspi-Region die pro Tag geplanten 160 Millionen Liter wohl kaum eingespeist werden.
Die Multis lassen sich von der großen Politik selten etwas sagen - aber immer etwas schenken. Formal führt BP das Konsortium, und der türkische Staat garantiert die Gelder. Doch der wahre Zahlmeister hinter den Kulissen sind die USA. Washington erkauft sich so die Gunst der Politiker in Ankara, deren Kooperation im Irak-Krieg unverzichtbar ist. Und nimmt achselzuckend hin, dass durch den Deal auch die korrupten Regierungen der Kaspi-Region gestärkt werden.
Ökonomisch günstiger wäre eine Pipeline von Baku über iranisches Territorium zum Golf. Eine solche Ölleitung aber will Washington um jeden Preis verhindern. Teheran, Teil der "Achse des Bösen", soll von möglichst vielen Geschäften in der Region ausgeschlossen bleiben.
Auch einige tausend Kilometer südwestlich von Zentralasien engagieren sich die USA - ausgerechnet auf einem Kontinent, den sie nach den Zeiten des Kalten Krieges lange links liegen gelassen haben. Und bei diesem neu erweckten Interesse spielt ebenfalls Erdöl die Hauptrolle. Gleich in mehreren Ländern buhlen die Amerikaner um die Gunst der Herrscher. "Die Welt sieht voller Bewunderung nach Angola", sagt Kevin Murphy vom US-Handelsministerium bei einer Ölkonferenz in der Hauptstadt Luanda. "Angola wird einer unserer führenden Lieferanten werden. Wir suchen die Partnerschaft."
Große französische Firmen wollen auch beim Boom in Angola dabei sein - im Hinterkopf aber haben sie immer das noch Wichtigere: den Irak und ihr dortiges Verhältnis zu den Amerikanern. Lackmustest für Washingtons Absichten ist für die Franzosen die US-Politik in einem von Saddam befreiten Irak - der Ölmulti TotalFinaElf hält Vorrechte am vermutlich höchst ergiebigen Feld Madschnun. Die französischen Manager gehen davon aus, dass ihnen eine neue proamerikanische Regierung in Bagdad die nicht streitig macht. Paris ist besonders auf politischen Goodwill Washingtons angewiesen.
Am ruhigsten ist es, wie so oft, im Auge des Hurrikans. Mina al-Bakr heißt der Offshore-Terminal 20 Kilometer von der Halbinsel Faw entfernt, dem schmalen Küstenstreifen, der den Irak mit dem Persischen Golf verbindet. Etwa 800 000 Barrel, mehr als die Hälfte des offiziellen Exports im Rahmen des Öl-für-Lebensmittel-Programms, laufen über diesen Hafen: Stoff gerade mal für einen einzigen Öltanker jeden Tag.
Es ist nur ein Rinnsal, verglichen mit dem, was das Zweistromland einst produziert hat, was es in Zukunft womöglich einmal liefern könnte. Ein riesiges Netz von Pipelines verbindet Mina al-Bakr mit Pumpstationen im Süden Iraks. Zwei 48-Zoll-Pipelines, das zweitgrößte Kaliber der Industrie, führen 250 Kilometer von Mina al-Bakr landeinwärts nach Subeir, der wichtigsten Pumpstation. Das Betriebsnetz wirkt funktional. "Wer näher hinsieht, der erkennt schnell, wie verrottet alles ist", sagt Mohammed Said, 62, Leiter der Station.
Früher galten Männer wie Said als die Crème de la Crème der irakischen Gesellschaft, als Pioniere einer Schlüsselindustrie. Jetzt sitzt der Ölfunktionär in einem abgewetzten Anzug in seinem freudlosschlichten Büro, die Schwermut in Person. "Es fehlt an allem: Die Pumpen sind defekt, die Ventile korrodieren, die Elektronik ist schadhaft", sagt Said. Jedes Mal, wenn der Hafenmeister um Erhöhung des Drucks in der Pipeline nachsucht, betet Said zu Allah, dass der ganze Laden nicht in die Luft fliegt.
Millionen Kubikmeter Erdgas werden auf irakischen Ölfeldern heute tagtäglich nutzlos in die Atmosphäre geblasen. Es wäre ein leichtes, in Subeir eine riesige Anlage zu bauen, um den kostbaren Stoff aufzufangen und weiterzuverarbeiten, wie das überall auf der Welt geschieht. Das freilich verhindert das Uno-Wirtschaftsembargo. Und so brennt rund um die Uhr ein gigantisches Gasfeuerwerk.
Für Reparaturen, gar einen Neuaufbau fehlt es an Geld, Material, vor allem aber an Optimismus. US-Außenminister Powell hat gerade gesagt, Washington werde Iraks Erdölfelder "beschützen und sicherstellen, dass ihre Erträge künftig dem irakischen Volk zugute kommen". Klingt das nicht wie ein Versprechen, dem man zumindest eine Chance geben muss? "In drei Jahren gehe ich in Pension", sagt Chefingenieur Said achselzuckend. "Wenn ich denn das Inferno der amerikanischen Bomben überleben sollte."
Der Countdown läuft, ohne dass man es im Zentrum der Begierde, den Erdölfeldern des Irak, bemerken könnte. Auf den US-Flugzeugträgern im Golf perfektionieren die Piloten ihre Angriffstaktik. Im neuen amerikanischen Hauptquartier in Katar haben die Schlachtenlenker bereits hinter ihren Computerterminals Platz genommen.
Der ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger hat einmal gesagt: "Erdöl ist zu wichtig, als dass man es den Arabern überlassen könnte."
So denkt wohl auch George W. Bush.
CAROLIN EMCKE, ERICH FOLLATH,
BERNHARD ZAND
* Am 20. Dezember 1983 in Bagdad.
Von Carolin Emcke, Erich Follath und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 3/2003
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