13.01.2003

Kartell und Kuschelclub

Die einst gefürchtete Opec bereitet sich auf den Irak-Krieg vor - und übt sich in Harmonie.
Wer Opec sagt, denkt an Öl als Waffe, an sonntägliche Fahrverbote fürs Auto, an den Terroranschlag von Carlos und Hans-Joachim Klein in Wien. An die Macht eines Kartells, das es schaffte, Anfang der siebziger Jahre innerhalb von Monaten den Ölpreis auf das Fünffache zu schrauben und die Wirtschaft des Westens danach immer wieder in Angst und Schrecken zu versetzen.
"Bitte sagen Sie das K-Wort nicht! Wir sind kein Kartell, sondern eine Vereinigung zur Sicherung des ungestörten Öl-Flusses", flüstert der Pressesprecher, als er in der Zentrale an der Donau zum Interview mit Generalsekretär Alvaro Silva Calderón bittet. Die Organisation Erdöl exportierender Länder, 1960 gegründet - seit neuestem eine Art Wohlfahrtsverein?
Auf jeden Fall ein Club, der heute weniger Aufmerksamkeit findet als früher. Als sich die Herren Mitte September im japanischen Osaka trafen, nahm die Öffentlichkeit das Ereignis kaum wahr. Auch als es Anfang Dezember in Wien zur 122. Dienstsitzung der Opec-Geschichte kam, kaum Schlagzeilen - trotz der dramatischen Entwicklungen um den Opec-Mitgliedstaat Irak. Womöglich ist das Desinteresse fahrlässig: Immer noch stammen knapp 60 Prozent der Rohölexporte aus Ländern, die der Opec angehören.
Generalsekretär Silva Calderón, 73, ist ein Mann der ersten Stunde. Er ge-
hörte am 14. September 1960 in Bagdad zur Gründungsdelegation der Organisation, die damals aus fünf Staaten - Irak, Iran, Kuweit, Saudi-Arabien und Venezuela - bestand. "Früher war alles noch so schön überschaubar", seufzt er. Silva Calderón ist ein bedächtig formulierender, sehr vorsichtiger, nach allen Seiten Komplimente verteilender Mann. Ein Überlebensprinzip in seiner von Unruhen erschütterten Heimat Venezuela, wo er - noch bis Juli 2002 - als Energieminister gearbeitet hat. "Natürlich bedrücken mich die derzeitigen Vorgänge in Caracas mit all den Opfern und den Streiks", sagt er. "Aber ich bin sicher, bald werden die Ölfelder wieder wie früher arbeiten. Und ein Krieg im Irak muss natürlich unbedingt verhindert werden."
Selbst wenn es zu einem Waffengang komme, müssten die Verbraucher im Westen sich nicht um Energienachschub sorgen, behauptet der Opec-Generalsekretär: "Sollte Bagdad als Öllieferant ausfallen, hätten die anderen Mitglieder genug Reserven, um in die Bresche zu springen. Bei weiterhin vernünftigen Preisen - denn Erdöl ist längst keine Waffe mehr."
Wenn derzeit um die 30 Dollar pro Barrel verlangt würden, lasse sich das vor allem mit einem "Angst-Aufschlag" wegen politischer Unsicherheiten erklären. Generell sei dieser Preis nach Opec-Meinung zu hoch. "Nach unseren Vorstellungen soll er sich in der Größenordnung von 22 bis 28 Dollar bewegen. Wenn er auf die Dauer weit darüber liegt, müssen wir nach unseren Regeln intervenieren."
Doch die Welt läuft nicht mehr nach Opec-Regeln, selbst nicht mehr in Opec-Staaten. Bei der Dezember-Tagung in Wien wurden die offiziell erlaubten Förderquoten der einzelnen Mitglieder erhöht; gleichzeitig wurde ihnen das Versprechen abgenommen, die weit über den erlaubten Mengen liegende tatsächliche Förderung zurückzufahren. Viele werden wohl weiterschummeln wie bisher. Und kaum Einfluss hat die Organisation auf die Produktion der Nicht-Opec-Mitglieder, etwa Russland, Aserbaidschan, Angola - die Länder, um deren Öl sich Washington besonders kümmert.
Bleibt der Irak nach Saddam in der Opec und höhlt die bisher vor allem von Saudi-Arabien bestimmte Organisation von innen aus? Oder wollen die USA mit dem Überfluss-Öl aus Bagdad den ungeliebten Club von außen marginalisieren, vielleicht gar sprengen?
Ausgerechnet bei jener Organisation, die als Opec-Widerpart gegründet wurde, warnt man davor, das Stehvermögen des Kartells zu unterschätzen: Im Pariser Hauptquartier der International Energy Agency (IEA) am Seine-Ufer, 1974 von 14 Erdöl importierenden Staaten ins Leben gerufen, glaubt Vizedirektor William Ramsay an die Überlebensfähigkeit der so oft totgesagten Opec: "Noch sind die Folgen eines möglichen Krieges völlig offen."
Die IEA will deswegen vor allem vorbereitet sein auf die möglichen Preisschwankungen oder Engpässe im Nachschub. Die Energieagentur in der französischen Hauptstadt drängt ihre heute 26 Mitglieder dazu, sich zu schützen. Sicherheit durch Vorrat, heißt die Devise. Die IEA-Mitglieder haben seit dem Golfkrieg von 1991 ihre Reserven aufgestockt, um so weniger abhängig von fremdem Öl zu sein. "Wir wollen sanft, aber effizient auf Notlagen reagieren können", sagt Ramsay.
Doch im Moment versucht die Opec den Amerikanern entgegenzukommen. Vor allem die Saudis geben sich kooperativ bis zur Selbstverleugnung. Um bis zu zwei Millionen Barrel pro Tag wollen sie die Produktion nach oben fahren, um Druck aus dem Markt zu nehmen. Auch über eine Anhebung der Exporte von vier bis sieben Prozent will man nachdenken. Zu den Bremsern gehören Kuweit, Algerien und Libyen, die Ölausfuhren allenfalls um eine Million Fass steigern wollen.
Silva Calderón will die Opec nicht mehr im Gegensatz zu den Regierungen des Westens sehen. "Unsere Aufgabe ist es, die Weltwirtschaft auch im Jahr 2003 mit ausreichenden Mengen bezahlbaren Öls zu versorgen. Stabilität heißt das Zauberwort." CAROLIN EMCKE,
ERICH FOLLATH
* Mit Opec-Präsident Rilwanu Lukman in Wien am 12. Dezember 2002.
Von Carolin Emcke und Erich Follath

DER SPIEGEL 3/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 3/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kartell und Kuschelclub

Video 00:36

Wie im Bond-Film Skipper gelingt 007-Stunt

  • Video "Schusswechsel mitten in Chicago: Autodiebe geraten an Zivilpolizisten" Video 00:37
    Schusswechsel mitten in Chicago: Autodiebe geraten an Zivilpolizisten
  • Video "Toni Kroos: Immer ein bisschen Schadenfreude" Video 01:47
    Toni Kroos: "Immer ein bisschen Schadenfreude"
  • Video "Frauen ans Steuer: Wahrer Fortschritt in Saudi-Arabien?" Video 03:43
    Frauen ans Steuer: Wahrer Fortschritt in Saudi-Arabien?
  • Video "Webvideos der Woche: Das könnte teuer werden...." Video 02:32
    Webvideos der Woche: Das könnte teuer werden....
  • Video "Audio-Aufnahme von weinenden Kindern: Das amerikanische Volk muss das hören" Video 01:19
    Audio-Aufnahme von weinenden Kindern: "Das amerikanische Volk muss das hören"
  • Video "Seine Frau ließ ihn nicht: Mexikaner schleifen Kumpel zur WM (als Pappfigur)" Video 01:32
    Seine Frau ließ ihn nicht: Mexikaner schleifen Kumpel zur WM (als Pappfigur)
  • Video "Geheimdienst bedrängt Moskauer Studenten: Sie wollen, dass wir Angst haben" Video 02:58
    Geheimdienst bedrängt Moskauer Studenten: "Sie wollen, dass wir Angst haben"
  • Video "Russische Hooligans: Dieses brutale Image" Video 02:57
    Russische Hooligans: "Dieses brutale Image"
  • Video "Freigelassene Sexualstraftäter: Tausende Spanierinnen protestieren voller Wut" Video 02:19
    Freigelassene Sexualstraftäter: Tausende Spanierinnen protestieren voller Wut
  • Video "Umfrage zu Strafzöllen auf Harleys: Ich würd's trotzdem kaufen" Video 01:38
    Umfrage zu Strafzöllen auf Harleys: "Ich würd's trotzdem kaufen"
  • Video "Melania Trumps #Jacketgate: Sie verhält sich wie ein Teenager" Video 01:45
    Melania Trumps #Jacketgate: "Sie verhält sich wie ein Teenager"
  • Video "US-Polizeivideo: Mutiger Cop befreit Bären aus Auto" Video 00:34
    US-Polizeivideo: Mutiger Cop befreit Bären aus Auto
  • Video "Fährunglück: Schiff kracht in Pier" Video 00:46
    Fährunglück: Schiff kracht in Pier
  • Video "Ehrgeizige Vision: Norwegen will Inlandsflugverkehr elektrifizieren" Video 01:23
    Ehrgeizige Vision: Norwegen will Inlandsflugverkehr elektrifizieren
  • Video "Wie im Bond-Film: Skipper gelingt 007-Stunt" Video 00:36
    Wie im Bond-Film: Skipper gelingt 007-Stunt