13.01.2003

KALININGRAD

Je größer, desto leichter

Von Neef, Christian

Im früheren Nord-Ostpreußen suchen Deutsche nach verschollenem Familiensilber und Kunstgütern - ein russischer Ex-Oberst hilft ihnen dabei.

Das Treffen fand auf neutralem Boden statt, im Hotel Danmark am Kopenhagener Rathausplatz. Es war Herbst, im Tivoli vergnügten sich die letzten Touristen.

Alexandra Gräfin zu Dohna war mit Bruder Friedrich aus dem niedersächsischen Bispingen angereist, im Gepäck ein 300 Seiten starkes Dossier und einen alten Bildband über das "Dohnasche Schloss Schlobitten in Ostpreußen".

Das Material war für einen Herrn bestimmt, der bereits im Restaurant wartete. Stockgerade Haltung und barscher Kommandoton ließen unschwer den gelernten Soldaten erkennen: Er sei, bestätigte der Mittsechziger mit knapper Verbeugung, Awenir Petrowitsch Owsjanow, Oberst a. D. der einstigen Sowjetarmee.

Die Dohnas hatten ihren Konfidenten Wochen zuvor im russischen Kaliningrad aufgespürt, dem früheren Königsberg. Der Ex-Militär gilt als der gewiefteste Schatzsucher im ehemaligen Nord-Ostpreußen - und ist genau der Mann, den die beiden Deutschen dringend brauchen.

Ihre Familie zählte vor dem Krieg zu den mächtigsten Großgrundbesitzern östlich der Elbe. Sie besaß mehrere zehntausend Hektar Land, Dutzende Güter wie Schlösser und hatte über Jahrhunderte auch in Königsberg Spuren hinterlassen: Alexander Friedrich Graf zu Dohna-Schlobitten, einst preußischer Innenminister, war Generallandschaftsdirektor in Königsberg; Friedrich Karl Graf zu Dohna führte gegen Napoleon ein russisch-deutsches Husarenregiment und stieg später in Königsberg zum Generalfeldmarschall auf.

Im Dohnaschen Stammschloss Schlobitten, beliebter Jagdtreffpunkt preußischer Herrscher, hatte die Familie über 300 Jahre hinweg eine wertvolle Kunstsammlung angehäuft: Gemälde und Delfter Fayencen, alte Wirkteppiche und Barockmöbel; selbst eine mit Brillanten besetzte Tabakdose Friedrichs des Großen stand im Schloss.

Alexander Fürst zu Dohna, letzter Erbe von Schlobitten, Vater von Alexandra und Friedrich, schaffte die Schätze 1944 nach Westen. Allerdings vorwiegend in jenen Teil des Reichs, den im Jahr darauf die Sowjets besetzten - nur einige Stücke tauchten in der DDR wieder auf; die meisten Pretiosen verschwanden.

Seinen Kindern hinterließ der Fürst die penibel angelegten Listen des "in Schlobitten verschollenen Schloss-Inventars". In ihnen ist von der "großen Suppenkelle, Fadenmuster, Gestempelt: 800 Aron" über die "Goldene Taschenuhr des Burggrafen Manfred zu Dohna" bis zum "Kupferstich Friedrichs II. nach der Schlacht bei Lobositz" jeder Wertgegenstand aufgeführt. Selbst 57 Jahre nach der Flucht hoffen die Dohnaschen Erben, noch ein paar der Familienstücke in russischen Museumsdepots oder Geheimarchiven aufzustöbern - mit Hilfe von Kunstfahnder Owsjanow.

Den Sohn eines Ziegeleiarbeiters aus der russischen Provinzstadt Kostroma hatte es 1957 als Soldat in die alte Ostpreußen-Metropole verschlagen. Weil er "zutiefst glaubte", was die Moskauer Propaganda verbreitete - dass das Königsberger Schloss ein auszumerzendes "Symbol des preußischen Militarismus" sei -, wirkte er als Sprengpionier eifrig bei dessen Abriss mit. Der geschichtsträchtige Ort wurde so gründlich geschleift, dass selbst Fundamentreste heute nur schwer wiederzufinden sind - im Auftrag des SPIEGEL legen Archäologen derzeit die Keller frei.

Owsjanow studierte an der Kaliningrader Armee-Ingenieursschule, diente später bei den Besatzungstruppen in der DDR, dann ließ er sich auf einer Moskauer Militärakademie zum Fachmann für Festungsbau schulen. 1969 kam er in die frühere Ostpreußen-Metropole zurück - eine inzwischen weitgehend platt gemachte Stadt, an die nur Reste des Doms und zwölf wuchtige Forts des im 19. Jahrhundert aus Angst vor den Russen angelegten Festungsrings erinnerten.

Die Bollwerke, in denen die Deutschen im Krieg Kunstschätze eingelagert hatten, weckten Owsjanows Forscherinstinkt - zu Recht, wie sich später zeigen sollte. Aber auch die geheimen Sondereinheiten, die Moskau regelmäßig zur Suche nach Kulturgütern ans Kurische Haff schickte, griffen bald auf die Hilfe des Militäringenieurs zurück - eine "Truppe dilettantischer KGB-Leute", wie der Oberst heute sagt.

Die Geheimdienstler suchten nur nach russischen Kunstschätzen, welche die Wehrmacht während des Kriegs nach Ostpreußen geschafft hatte. Der eroberte Sprengel galt als Niemandsland; die Sowjets hatten Königsberg 1946 in Kaliningrad umbenannt und die 700 Jahre deutschen Einflusses einfach aus den Geschichtsbüchern getilgt. Wurde deutsches Kulturgut aus den Ruinen gebuddelt, verschwand es in Privatbesitz oder auf Schwarzmärkten - 60 Kisten mit Kunstschätzen aus den Schlosskellern ebenso wie der größte Teil der einmaligen Kollektion des Königsberger Bernsteinmuseums.

Owsjanow gibt sich heute als Dissident. Er habe nie zwischen deutschen und russischen Kunstgütern einen Unterschied gemacht, sondern seit den siebziger Jahren für sich und andere die Geschichte Königsbergs entdeckt. Der Oberst sammelte alte Fotos, legte ein Archiv der Festungsbauwerke an und führte Touristen durch die Reste der deutschen Altstadt.

Dann zerfiel die Sowjetunion. Der Militär mit dem Faible für alles Preußische ließ sich von der Gebietskulturbehörde als "Denkmalspfleger" anheuern und bezog ein Dachstübchen im früheren "Preußischen Eichamt", dessen Gebäude in der Hindenburgstraße die Bombardements der Royal Air Force überstanden hatte. Dort fanden ihn die Nostalgie-Deutschen, die nach Öffnung der Exklave in die alte Heimat strömten - auf der Suche nach ihrer Vergangenheit und dem vergrabenen Familiensilber. Der Hobbyforscher hatte, was ihnen fehlte: Ortskenntnis, Logistik und Erfahrung mit russischen Behörden.

Der erste Klient war ein Arzt aus dem ostdeutschen Hagenow. Die Russen hatten den damals 13-Jährigen 1945 für drei Jahre zur Zwangsarbeit in einen Militärsowchos bei Gumbinnen gesteckt. Owsjanow trieb in einem Polizeiarchiv Dokumente auf, die die Angaben bestätigten - ein Fund, der dem Deutschen daheim zu einer höheren Rente verhalf. Der dankbare Hagenower lädt den Russen seither jährlich zu Besichtigungstouren quer durch Westeuropa ein.

Fast zeitgleich tauchten Deutsche auf, die - ganz privat - das Geheimnis des verschwundenen Bernsteinzimmers lüften wollten, darunter Mitglieder jener DDR-Stasi-Kommission, die jahrzehntelang vergeblich danach gefahndet hatte. Owsjanow grub mit ihnen in einer Königsberger Brauerei, im Schloss Lochstädt bei Pillau und der Ordensburg Balga am Frischen Haff. Jüngster Suchauftrag: ein Versteck in der Provinz, wo drei Berliner den Schatz in einem Stollen verbuddelt glauben.

Mit Spaten, Gummistiefeln, seinem in Deutschland beschafften Metalldetektor und ein paar alten Kameraden macht sich Owsjanow jeden Sonnabend auf den Weg Richtung Heiligenbeil, wo 1945 die 4. Armee kapitulierte. Ehemalige Wehrmachtsoffiziere haben den Russen auf diese Fährte gesetzt. Owsjanow soll die 1945 vergrabenen Stabs-Safes ausbuddeln, samt Kriegskasse, Auszeichnungen und Wertgegenständen. Der Ort ist nahezu unberührt, weil er heute im Niemandsland zwischen Polen und Russland liegt. Owsjanow beschaffte sich über alte Seilschaften die nötigen Sonderausweise - und hat bislang die Lazarettapotheke und einen Panzerschrank der Schreibstube ans Tageslicht geholt.

Auch Militaria-Freaks wie der Bad Bergzaberner Unternehmer Hubert Jülch finden den Weg in die Königsberger Hindenburgstraße. Jülch, der bereits einen der legendären Sowjetpanzer T-34 sein Eigen nennt, fahndet nach weiterem Gerät. Kriegsschrott gibt es genug: Bei der russischen Ostpreußen-Offensive gerieten zahlreiche Panzer in die Moore. Gespenstern gleich tauchen sie bei niedrigem Wasserstand im Frischen Haff vor der Burg Balga wieder auf.

Die Fundstücke auszuführen - für liquide Militaria-Händler sei das "kein Problem", würden nur Zöllner und Grenzbeamte ausreichend geschmiert, sagt Owsjanow: "Je größer, desto leichter. Aus unserem Gebiet bekäme man selbst eine Atombombe hinaus."

Schwieriger haben es Deutsche wie jener Juweliersenkel aus dem ostpreußischen Bladiau, dessen Großvater nach Kriegsende in der Heimat ausharrte. Als die Russen ihn drei Jahre später vertrieben, durfte er wie alle Deportierten keine Wertgegenstände mitnehmen. Arbeitsgerät und Edelsteine versenkte er in einem Versteck.

Mit Owsjanows Hilfe fand der Enkel den geheimen Ort, an die Evakuierung des Familienbesitzes aber wagte er sich bislang nicht. Denn ausführen darf er ihn gemäß einem russischen Gesetz von 1947 nicht. Auch ein angebotener Tausch - Großvaters Juwelen für ein in Deutschland befindliches russisches Gemälde - verfing bei den Sondierungen nicht. Bleibt nur ein Ausweg: gegen ein sattes Salär russische Freiwillige anzuheuern, welche die Hinterlassenschaft über die Grenze schmuggeln. Eine Methode, mit der schon andere Ostpreußen früheres Eigentum heimholten.

Ansprechpartner gibt es genug. Professionelle Schwarzgräber haben die Ostsee-Provinz in Einflusszonen aufgeteilt, sie buddeln vorzugsweise auf ehemals großen Landsitzen oder fürstlichen Gütern - Polizei und Behörden schauen dem Treiben in der rechtlichen Grauzone tatenlos zu. Fundstücke wie jüngst eine Münzsammlung, Gold und ein gräfliches Porzellanservice werden auf der sonntäglichen Sammlerbörse im Kaliningrader "Kulturhaus der Fischer" gehandelt oder sofort über erprobte Kanäle nach Litauen, Russland und Deutschland weitergereicht. Offiziell gilt: Der Gewinn steht - fifty-fifty - den Findern und dem Besitzer von Grund und Boden zu, auf dem der Schatz geortet wird. Da seien "enorme Summen" im Spiel, heißt es unter Insidern.

15 000 Dollar verlangt zum Beispiel ein Moskauer "Sammler", der mehrere tausend Stücke der Prussia-Sammlung in seinen Besitz gebracht hat. Die Kollektion, die einst 240 000 Fundstücke von der Eisen- bis zur Neuzeit zählte, war bis 1944 der Stolz des Prussia-Museums im Südflügel des Königsberger Schlosses - sie galt seitdem als größtenteils verschwunden.

Owsjanow war es, der ihre Reste aufstöberte. Im Fort Nummer drei des Königsberger Festungsrings, jahrzehntelang ein Raketen- und Granatendepot der Sowjetarmee, stieß er 1999 auf einen Steigbügel für ein Wikingerpferd - Experten erkannten das Stück als Teil der Prussia-Sammlung. Nachfolgende Grabungen beförderten 16 000 Exponate des Kulturschatzes aus dem Festungsschutt ans Tageslicht.

Nur: Vor ihm waren bereits Raubgräber vor Ort, wie jene 15 000-Dollar-Offerte beweist. Der Moskauer Sammler, ein Mann mit KGB-Hintergrund, besitze ausgesprochene "Juwelen der Kollektion", bestätigte ein Fachmann, der schon mal einen Blick auf die Stücke werfen durfte. Den wiedergefundenen Prussia-Schatz allerdings müssen die Deutschen abschreiben. Er wird jetzt vom Kaliningrader Gebietsmuseum präsentiert - in einer Sonderschau, die die Hamburger "Zeit"-Stiftung finanzierte.

Der Festungsfund ist Owsjanows bisher größter Coup. Aber der Oberst a. D. hat noch andere Ziele im Visier, so das früher durch seine Kunstsammlung berühmte Schloss Beynuhnen bei Angerapp oder das Gut Wildenhoff des Grafen Schwerin. Dass Fachleute vom Gebietsmuseum dem Hobbyforscher selbst engste Verbindungen zu den Schwarzgräbern nachsagen, ficht Owsjanow nicht an. Aber ihn ärgert, dass deren Suchtrupps inzwischen mit modernstem Suchgerät der schottischen Firma White's Electronics ausgerüstet sind.

Gewinn? Darum gehe es ihm bei der Schatzsuche nicht, beteuert der Oberst. Auch mit den Dohnas habe er nicht über Geld gesprochen.

Aber ab und an gibt es ein paar kleine Aufmerksamkeiten. Ein russischer Freund in Kostroma schenkte ihm jüngst einen ganzen Karton mit alten Königsberg-Utensilien. Die Gabe enthielt mehrere deutsche Vasen, Aschenbecher und feine Porzellanteller aus der berühmten Schloss-Weinstube "Blutgericht". Der Spender war lange Jahre Stadtarchitekt von Kaliningrad. CHRISTIAN NEEF


DER SPIEGEL 3/2003
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