13.01.2003

AUSTRALIENSadistische Szenen

Jagd auf ein nationales Symbol: Millionen Kängurus werden auf brutale Weise erlegt. Für die Farmer sind sie eine „Pest“.
Possierlich ist das Beuteltier, ein Freund der Kinder und Touristen. Rund 50 Känguru-Arten, allesamt von unschuldigem Wesen, hopsen über den australischen Inselkontinent: Das Brillen-Hasenkänguru koexistiert mit dem Zügelstreif-Nagelkänguru, das Rote Riesenkänguru mit dem Felskänguru.
Repräsentativ sind die dank biegsamer Sehnen und Muskeln an den Hinterbeinen äußerst flotten Hüpfer obendrein. Seit 1912 halten ein Känguru und ein Emu einen in sechs Felder aufgeteilten, mit Hermelinborte verzierten Schild und bilden so, gebettet in Akazienranken, das Staatswappen von Australien.
Beide Tiere, das soll damals den Ausschlag gegeben haben, kennen nur den Vorwärtsgang - wie jeder wackere Australier auch. Kängurus sind zudem schwanzgesteuert. Nur so können sie ihre Balance wahren.
Die friedlichen Säuger, bei denen die Weibchen zwei unterschiedlich alte Junge ("Joeys") gleichzeitig aufziehen können, eins im Beutel, eins bei Fuß, scheiden aber die Nation in Fans und Feinde. Denn ihr Bestand wird auf maximal 58 Millionen beziffert, während nur 19 Millionen Menschen in Australien leben. Und weil die Wappentiere im wirklichen Leben oft mit Weidevieh um Wasser konkurrieren, zumal während einer verheerenden Dürreperiode wie in diesem Sommer, werden sie von vielen Farmern als Schädlinge empfunden, als "Pest", und munter umgenietet.
Auch dem Staat geht Geschäft vor Tierschutz. Fast jedes Jahr erhöht er die Quote jener Tiere, die von der Känguru-Exportindustrie "geerntet" werden darf; voriges Jahr waren es 6,9 Millionen. Dieser Tage wird die nach Bundesstaaten aufgeschlüsselte Menge für 2003 bekannt gegeben, und auch wenn sie wie üblich gar nicht ausgeschöpft wird, so müssen paradoxerweise insgesamt noch wesentlich mehr Kängurus ihr Leben lassen. Illegale Tötungen treiben die Zahlen hoch.
In Queensland vergiften ansonsten ehrbare Viehzüchter Tränken, um die Bestände zu dezimieren. Andernorts tun sich Bauern zusammen, um die allgegenwärtigen Beutelträger nach Einbruch der Dunkelheit ungestört zu erlegen. Tierschützer schätzen, dass zehn Millionen Kängurus jedes Jahr gemeuchelt werden. Und den Lobbyisten wird nicht nur weh ums Herz, wenn sie an das Hübschgesichtwallaby denken, eine zum Abschuss freigegebene kleinwüchsige Art. Vor allem prangern sie die auf dem Land verbreitete Killermentalität an.
Wenn Bauern-Rambos mobilmachen, preschen sie in Geländewagen über die Felder oder durch die Savanne und blenden ihre Opfer mit den Scheinwerfern. Eine Richtlinie fordert zwar, die Beute kurz und schmerzlos per Kopfschuss zu keulen samt dem Nachwuchs, der ohne Mutter nicht überlebensfähig ist. Leichter ist es allerdings, die kugeligen Körper zu treffen, und so werden nicht selten noch lebende Tiere an den Haken genommen und zum Schlachthof gebracht.
"Letzte Nacht, während du schliefst, wurden 20 000 Kängurus getötet", mahnen Vegetarier. Viele Tiere würden "absichtlich überfahren", manche gar sadistisch "gekreuzigt". Australische Tierschützer besitzen Videos mit Szenen wie jener, in der der Sohn eines Jägers einem noch lebenden Joey den Kopf zertrampelt.
In New South Wales, einem Bundesstaat größer als Frankreich und Großbritannien zusammen, kontrollieren nur sechs Staatsdiener die Einhaltung waidmännischer Regeln. Wirtschaftliche Aspekte sind wichtiger, mit Kängurus setzt Australien pro Jahr rund hundert Millionen Euro um, was 4000 Jobs sichert. "Kängurus mögen niedlich sein, aber es geht um Kilos von Fleisch", sagt der Berufsjäger Peter Absalom ungerührt, "ich habe schon mehr als 250 000 abgeschossen."
80 Prozent des Fleisches werden zu Futter oder Dünger verarbeitet, das restliche Fünftel landet in der Küche. Kenner loben den geringen Cholesteringehalt eines Känguru-Steaks; es schmecke etwas zäh und leicht nach Reh. Beliebt ist Känguru-Fleisch besonders auf dem Balkan, in Frankreich und den Benelux-Staaten.
Auch Felle sind begehrt, nicht nur als Souvenirs. Im Jahr 2001 bezog Italiens Lederindustrie 450 000 Känguru-Häute vom fünften Kontinent. Englands Fußballidol David Beckham kickte bei der WM 2002 mit Känguru-Buffern, zur Freude von Tierliebhabern ziemlich erfolglos.
Sechs Känguru-Arten sind mittlerweile ausgestorben, die derzeit bejagten erreichen bei weitem nicht mehr das Durchschnittsalter und -gewicht ihrer Ahnen. Ein Verschwinden der gesamten Familie ist indes nicht zu befürchten, auch wenn die Tiere wegen der Jahrhundertdürre derzeit ungewöhnlich kraftlos sind. Außerdem werden sie noch für die Wissenschaft gebraucht.
Im Gegensatz zu Wiederkäuern nämlich enthalten ihre Flatulenzen kein Methan und fördern somit nicht den Treibhauseffekt. Forscher hoffen, diese natürliche Gasbremse irgendwann Kühen und Schafen einverleiben zu können, zum Segen der Welt. Erst aber müssen sie den Furz des Kängurus enträtseln. RÜDIGER FALKSOHN
Von Rüdiger Falksohn

DER SPIEGEL 3/2003
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