13.01.2003

GESCHICHTEPrunkstadt aus Sperrholz

Schneckentürme, Palastschiffe, ein Magnet-Tempel mit schwebender Statue - Archäologen haben das antike Alexandria nachgebaut. Die Modelle erinnern an eine versunkene Wunderwelt.
Anfang Juni 323 vor Christus besuchte Alexander der Große ein Gastmahl in Babylon. Wie gewohnt hatte er mächtig Durst und trank, bis er lallte. Antike Quellen berichten, dass dem Feldherrn extra für dieses Fest ein Kelch aus Bronze geschmiedet wurde, der fünf Liter Wein fasste. Diesen trank der Zecher aus.
Das war zu viel. Tagelang ging''s dem als Gott Verehrten kodderig. In den Abendstunden des 10. Juni fiel er schließlich um. Balsamierer eilten herbei, es war schwülwarm. Doch sie schreckten zurück, ihr Handwerk auszuüben. Acht Tage lag der König im Palast, ohne zu verwesen. Erst dann setzte die Fäulnis ein.
Was war passiert? Erst die moderne Medizin hat die im antiken Schrifttum vielfach beschriebene rätselhafte Symptomatik erklärt. Wahrscheinlich entzündete sich nach dem Gelage die Bauchspeicheldrüse des Makedonen - eine typische Folge unmäßigen Alkoholkonsums, die häufig zum Koma führt. In diesem Dämmerzustand verdurstete der Mann.
Tot mit 32 Jahren! Doch im Geiste des Bildungsbürgertums lebt der Grieche immer noch. Wie im Rausch, nach Ansicht der Historiker häufiger noch im Vollrausch, brannte das Leben des kriegslüsternen Ge-
nius. Bis nach Indien führte er seine Heere. Nun, als Mumie, ging Alexander auf die letzte Reise. In einem Goldsarg gelangte er über Umwege nach Alexandria: in eine Stadt, die er 331 vor Christus selbst gegründet hatte.
Mit Bedacht hatten die Nachfahren den Bestattungsort gewählt. Denn die Metropole im Nildelta war damals kein Ort, sondern eine "Welt", wie ein Zeitgenosse notierte. 600 000 Einwohner lebten, umgeben von einer furiosen Skyline, in der "Perle des Mittelmeers".
Archimedes erfand hier Wurfgeschütz und Pumpe, Euklid schrieb sein berühmtes Geometriebuch. Die Händler im Hafen führten Gewürze aus Arabien ein. Und im Königspalast, hinter Türen aus Schildpatt und Elfenbein, herrschte ein Geschlecht dekadenter Gottkönige - die Ptolemäer.
Seit langem ist die Forschung bemüht, mehr über dieses Kraftzentrum des Hellenismus zu erfahren, das von Erdbeben und Kriegen völlig zerstört wurde. Franzosen suchen vor der Hafenmole die Ruinen des berühmten Leuchtturms. Deutsche Experten fahnden nach dem Alexandergrab. Und draußen im Osthafen taucht seit letztem Herbst wieder der Unterwasser-Archäologe Franck Goddio nach dem Palast der Kleopatra.
Die neueste Großtat aber ist dem Trierer Professor Michael Pfrommer gelungen. Gemeinsam mit Bernd Kammermeier - Besitzer eines Special-Effekt-Studios in Dietzenbach bei Frankfurt, der schon für den Spielfilm "Die unendliche Geschichte" Trickmodelle schuf - hat er aus Sperrholz und Gießharz einen Nachbau der antiken Prunkstadt geschaffen.
3500 Häuser wurden entworfen, die kleinsten sind sieben Millimeter hoch. Das Team hobelte dorische Säulen, dick wie Bleistifte, und Quadersteine, groß wie Zuckerwürfel. Mit Teelichtern und Nebelsalzen, die auf Campingherdplatten verdampften, ahmten sie Sonne, Staub und Wolkendunst nach. Zwischen der Winzarchitektur wuchert echtes Moos.
Bereits am vorletzten Sonntag sahen 350 000 Zuschauer das Ergebnis der Bastelei im Fernsehkanal Arte. In dem Bericht "Mord, Macht und Leidenschaft" dienten die Modelle als Hintergrundkulisse. Auch in Holland, Irland und Polen wird der Film demnächst ausgestrahlt. Das ZDF zeigt im Sommer eine leicht gekürzte Version.
Die TV-Dokumentation verkauft die Zwergenstadt allerdings weit unter Wert. Nur flüchtig schwenkt die Kamera über das antike Liliput. Mehr gewürdigt werden die Modelle nun in einem Buch aus dem Zabern-Verlag. Auf 132 Seiten sind architektonische Attrappen zu sehen, deren Entwurf enorme Schwierigkeiten bereitete*.
Nur wenige Originaltrümmer aus Alexandria haben die Zeiten überdauert. Die Stadt ist wie platt gehauen und überbaut. Dafür sind die Schriftquellen üppig. Lateinische, griechische und arabische Stadtbeschreibungen liegen vor. Pfrommer untersuchte Abbildungen auf Papyri und alten Münzen. Aus all diesen Hinweisen schuf er "Anmutungen", wie er sagt: "Wo die Fakten fehlen, half uns die Wahrscheinlichkeit."
Die Straßenführung war noch das Leichteste - es liegt ein 2000 Jahre alter Grundriss vor. Auch der riesige Leuchtturm, das Wahrzeichen der Metropole, machte kaum Schwierigkeiten. Pfrommers Modell lehnt sich an eine Zeichnung an, die vor
bald 100 Jahren der Forscher Hermann Tiersch erstellte.
Unstrittig ist, dass das Gebäude einen mächtigen Sockel besaß, auf dem sich der konisch zulaufende Turm erhob. Je nach Umrechnung der ägyptischen Elle war der Koloss 140 bis 160 Meter hoch.
Erstmals wagte sich das Team auch an eine Rekonstruktion des merkwürdigen "Paneion": Dieses Bauwerk sah laut Strabon "wie ein Pinienzapfen" aus. Ein "spiraliger Weg" habe zur Spitze geführt, auf der ein Heiligtum des Waldgottes Pan stand, berichtet der griechische Schriftsteller. Pfrommer geht davon aus, dass der im 3. Jahrhundert vor Christus gebaute Schneckenturm mindestens 50 Meter hoch war und Stützmauern aus Ziegel besaß.
Rätselhafter noch wirkt das "Arsinoeion". Der Tempel, längst zu Staub zerfallen und heute unauffindbar, wird bei zwei antiken Autoren erwähnt. Beide erzählen, dass die Götterstatue eiserne Haare besaß und unter einer Kuppel aus magnetischem Erz in der Luft schwebte. "Ein Märchen", dachte Pfrommer zunächst.
Erst die Firma "Vacuumschmelze", Europas größter Anbieter von Permanentmagneten, fand den versteckten Sinn der Berichte. Der Eisenschopf der Statue sollte demnach zur Decke streben, während sie unten am Sockel mit einer Schnur angebunden war. Auf diese Weise wäre die Figur frei im Magnetfeld geflogen, vergleichbar einem angepflockten Fesselballon.
Doch das Projekt scheiterte. "Die Idee klappt nur, wenn die Figur aus sehr leichtem Material, etwa Baumwolle oder Pappmaché, geformt ist", erklärt der Elektrotechniker Markus Clemens von der TU Darmstadt, "sonst plumpst sie zu Boden."
Der Techno-Tempel ist typisch für eine Stadt, in deren Bibliothek 700 000 Schriftrollen lagerten und in der Gelehrte die Grundlagen zur Berechnung von Hyperbeln schufen. Eratosthenes errechnete hier den Umfang der Erde.
Eindruck machten die genialen Formeln kaum. Die Antike glich einem trägen Wiederkäuer. Gegen die Welle aus Engstirnigkeit und Aberglauben kamen die frühen Forscher nicht an. Schon in der Spätantike waren die meisten Erkenntnisse aus Alexandria wieder vergessen.
Auch die Herrscher Alexandrias standen mit der Vernunft auf Kriegsfuß. Ihre Vorväter hatten in Athen die Demokratie erfunden. Sie aber setzten auf Tyrannei und maßloses Geprotze.
Blutschänderisch gezeugte Kinder bestiegen den Thron. Kindesmord gehörte zum Alltag dieser Dynastie. Die Könige feierten ausschweifende Orgien. Die schönsten Stadtpalais von Alexandria - im Modell sind sie "groß wie Zigarettenschachteln" (Kammermeier) - gehörten ihren Kurtisanen.
Am besten gibt die Prunkbarke "Thalamegos" den Geltungsdrang der Monarchen wieder, die durch den Gewürzhandel mit Ceylon, Indien und Arabien hohe Profite erzielten. Um 220 vor Christus ließ Ptolemäus IV. ein rund 115 Meter langes Palastschiff bauen. Der Brummer war steuerunfähig und wurde einmal im Jahr zur Repräsentation nilabwärts mit Tauen ins 1000 Kilometer entfernte Assuan gezogen.
Das Modell von Pfrommer basiert auf einer Beschreibung des Schriftstellers Kallixeinos. Gebaut wurde der Katamaran, der im Original Küchen, Speiseräume und Göttertempel besaß, aus Schaumstoff. Für die korinthischen Säulen auf dem Oberdeck benutzte Kammermeier Holzdübel von Obi.
Selbst an den berühmten "Friedhof der Götter" wagten sich die Modellbauer heran. Unter einem Erdhügel ruhte dort auch der große Alexander. Als einer der letzten öffnete Roms Kaiser Augustus die Gruft und brach der mittlerweile in einen Glassarg umgebetteten Mumie versehentlich die Nase ab.
Wer das Modell aus dem Studio Panasensor betrachtet - bläulich angeleuchtet, als wäre Geisterstunde - könnte wähnen, die Nekropole sei zum Greifen nahe. In Wahrheit bleibt die Lage des Alexandergrabs das größte Rätsel der Weltgeschichte. Unzählige Expeditionen haben den Toten gesucht.
Ohne Erfolg - der legendäre Grieche mit dem Dauerdurst ist bis heute unauffindbar. MATTHIAS SCHULZ
* Oben: im Hintergrund das schneckenförmige "Paneion"; unten: aus dem Team des Unterwasserarchäologen Goddio. * Michael Pfrommer: "Königinnen vom Nil". Verlag Philipp von Zabern, Mainz; 132 Seiten; 25,80 Euro.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 3/2003
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