20.01.2003

GOLFKRISE„Wir fangen mit dem Irak an“

Pentagon-Berater James Woolsey über die amerikanische Abhängigkeit vom Öl und die Bedrohung durch Saddam Hussein
Woolsey, 61, war von 1993 bis 1994 Direktor der CIA und arbeitet heute eng mit den Pentagon-Planern im Büro von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zusammen. Woolsey ist Partner einer Anwaltskanzlei in Washington. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Mr. Woolsey, die Uno-Inspektoren suchen im Irak noch immer nach Massenvernichtungswaffen. Können sie am 27. Januar überhaupt ein Ergebnis vorlegen, das einen Krieg zunächst entbehrlich macht?
Woolsey: Die Inspektoren werden kaum etwas finden, wenn sie nicht endlich die Vollmacht nutzen, die sie nach der Uno-Resolution haben, nämlich Wissenschaftler und deren Familien außer Landes zu bringen. Beim bloßen Herumlaufen im Irak lässt sich schwerlich etwas finden.
SPIEGEL: England und Frankreich argumentieren mittlerweile, dass der 27. Januar nicht der endgültige Stichtag sei und die Inspektoren mehr Zeit benötigten.
Woolsey: Die Uno-Suchtrupps könnten ewig weitersuchen. Ohne frische Informationen von Insidern werden sie die chemischen und biologischen Waffen, die sich leicht verstecken und leicht verlegen lassen, aller Wahrscheinlichkeit nicht aufspüren.
SPIEGEL: Hans Blix führt Beschwerde, dass die Vereinigten Staaten ihm noch immer die Kenntnisse der Geheimdienste vorenthalten. Warum rücken die nichts heraus?
Woolsey: Er hat schon etwas bekommen, aber falls die Erkenntnisse, was oft der Fall ist, zur Identifizierung unserer Quellen führen, wird Saddam sie und ihre Familien töten. Deshalb ist es auch so wichtig, dass die Wissenschaftler und ihre Familien aus dem Irak herausgebracht werden.
SPIEGEL: Tony Blair droht ein Aufstand in der eigenen Partei, und Frankreich zögert, dem Irak einen Bruch der Uno-Resolution 1441 vorzuwerfen - sollten die Vereinigten Staaten allein gegen Saddam vorgehen?
Woolsey: Wir brauchen keine weitere Resolution des Sicherheitsrates. Natürlich wäre es eine Schande, wenn die Briten nicht mitmachen würden, aber letztlich kommt es darauf auch nicht an. Und Frankreich kann ohnehin tun, was es will.
SPIEGEL: Warum eigentlich ist Saddam der Inbegriff des Bösen für Amerikaner wie Sie? Nordkorea verstößt gegen bestehende
Verträge, hat die Atom-Inspektoren des Landes verwiesen, stößt wüste Drohungen aus, um Amerika zu Verhandlungen zu zwingen. Zudem ist Iran augenscheinlich entschlossen, Massenvernichtungswaffen zu bauen. Warum sind die Vereinigten Staaten dennoch auf den Irak fixiert?
Woolsey: Weil wir pragmatisch vorgehen. Das ist keine Übung in cartesianischer Logik, wonach wir alle Länder über einen Kamm scheren, die nach unserer Kenntnis Massenvernichtungswaffen besitzen. Das ist eine Frage der Dringlichkeit.
SPIEGEL: Wo sehen Sie denn die größte Dringlichkeit?
Woolsey: Iran und die verrückten Mullahs, die das Land beherrschen, sind in einer sehr schwachen Position. Ihre Ideologie ist tot, sie sind auf dem absteigenden Ast. Ich will nicht vorhersagen, dass ihre Herrschaft in einem Monat oder einem Jahr zusammenbricht. Aber nichts wäre törichter, als mit militärischer Gewalt gegen sie vorzugehen und damit all die wunderbaren Studenten in die Arme der Mullahs zu treiben.
SPIEGEL: Warum aber ist Nordkorea nur ein diplomatisches Problem für die Regierung Bush?
Woolsey: Nordkorea ist ein ganz anderer Fall. Anders als der Irak hat Nordkorea in den letzten 22 Jahren nicht zwei Kriege vom Zaun gebrochen. Anders als der Irak hat Nordkorea nicht Massenvernichtungswaffen gegen das eigene Volk und seinen Nachbarn eingesetzt. Außerdem ist Nordkorea von zwei Nuklearmächten - Russland und China - und von zwei weiteren starken Mächten - Japan und Südkorea - umgeben, und dazu kommt noch als fünfte Macht Amerika mit starken Streitkräften in Japan und Südkorea. Der Irak ist jedoch eine Diktatur, die wir daran hindern müssen, so weit wie Nordkorea zu kommen, zum Beispiel in den Besitz atomarer Waffen. Es gibt keine Aussicht darauf, dass der Irak sich aus eigenen Kräften reformiert - es ist wie Nazi-Deutschland -, und die Probleme lösen sich nicht, indem man auf den Tod Saddams wartet. Dessen Sohn Udai ist ein Spezialist fürs Vergewaltigen und Ermorden von Frauen, sein Sohn Kussei versteht sich auf Foltermethoden.
SPIEGEL: Sie vergleichen Saddam mit Hitler, eine historische Analogie, die momentan in Washington gern angewandt wird. Ist das nur ein rhetorisches Mittel, um die Dringlichkeit des Falles zu steigern?
Woolsey: Saddam hat sich bis heute mehr zu Schulden kommen lassen als Hitler im Jahre 1936, als er ins demilitarisierte Rheinland einrückte. Und unsere Freunde in Europa haben eine Neigung zur Appeasement-Politik gegenüber Saddam, genauso wie Teile Europas gegenüber Hitler Appeasement walten ließen, als der schon Tausende seiner Landsleute ins Gefängnis gesteckt und gegen den Versailler Vertrag verstoßen hatte.
SPIEGEL: Zurück zur Achse des Bösen: Irak hat Erdöl, Nordkorea nicht. Die Regierung Bush hat schon im Mai 2001 eine Neuausrichtung ihrer Energiepolitik angekündigt. Macht die Abhängigkeit von importiertem Öl Amerika nicht besonders verwundbar?
Woolsey: Öl ist die Lebensader aller Industrienationen. Zwei Drittel der bekannten Ölvorräte liegen am Persischen Golf. Als Saddam 1990 in Kuweit einmarschierte und sich den saudi-arabischen Ölfeldern näherte, war er lediglich einige hundert Kilometer davon entfernt, knapp die Hälfte aller weltweit nachgewiesenen Ölreserven unter seine Kontrolle zu bringen.
SPIEGEL: Also geht es auch diesmal um Öl ...
Woolsey: ... aber nicht nur um Amerikas Abhängigkeit vom Öl, sondern um die der ganzen Welt. Auf kurze Sicht liegt unsere grundlegende Verwundbarkeit darin, dass die Saudis die Fördermenge schnell drosseln oder steigern können, weil sie über die Hälfte der weltweiten "swing capacity", insgesamt vier Millionen Barrel, verfügen. Damit haben die Saudis entscheidenden Einfluss auf den Ölpreis. Wir müssen dem Nahen Osten die Ölwaffe wegnehmen.
SPIEGEL: War es fahrlässig oder kurzsichtig, dass sich die Vereinigten Staaten in weitgehende Abhängigkeit von Saudi-Arabien begeben haben - einem Land, das mittlerweile als unzuverlässig gilt?
Woolsey: Die ehemalige israelische Premierministerin Golda Meïr hat einmal gesagt: Wie kann Israel das auserwählte Volk sein, wo uns doch Gott 40 Jahre in der Wüste herumwandern ließ und uns dann den einzigen Ort im Nahen Osten zuwies, an dem es kein Öl gibt? Unglücklicherweise verfügen nicht Demokratien wie Israel über Öl, sondern autoritäre Regierungen. Daraus folgt, dass die Welt, solange sie abhängig vom Öl ist, irgendwie mit diesen Ländern zurechtkommen muss. Man kann nicht alle Probleme auf einmal lösen. Man braucht eine langfristige Strategie.
SPIEGEL: Und wir sollen daraus den Schluss ziehen, dass der Irak erst der Anfang ist?
Woolsey: Während fast ganz Europa demokratisch ist, bleibt der Nahe Osten der Härtefall für die Verbreitung der Demokratie. Wir fangen jetzt mit dem Irak an, weil Saddam am tückischsten und gefährlichsten ist. Wir können ihn nicht an der Regierung belassen und stattdessen die Region von ihren Rändern her demokratisieren. Man muss im Zentrum des Problems beginnen.
SPIEGEL: Die amerikanische Außenpolitik ist allerdings beileibe nicht unschuldig an den Schwierigkeiten des Nahen Ostens.
Woolsey: Der Nahe Osten ist ein exzellentes Beispiel, um Churchills Satz zu illustrieren, dass die Amerikaner am Ende immer das Richtige tun, aber erst nachdem sie alle falschen Möglichkeiten ausprobiert haben.
SPIEGEL: Wie lässt sich der Satz am Nahen Osten illustrieren?
Woolsey: Wir haben den Nahen Osten lange als unsere Tankstelle betrachtet. Einer der Gründe, weshalb die Demokratie in der arabischen Welt keinen Fortschritt gemacht hat, ist unsere Fixierung aufs Öl.
Das herausragende Beispiel dafür spielte sich 1991 ab, als der damalige Präsident Bush bemerkenswert geschickt eine Koalition gegen den Irak zusammenbrachte, den Krieg gewann und sich dann auf einen Waffenstillstand einließ, der Saddams Republikanische Garde fortbestehen ließ - und dann haben wir uns zurückgelehnt und zugeschaut, wie die kurdischen und schiitischen Rebellen abgeschlachtet wurden. Die Welt und der Nahe Osten verstanden die Botschaft so: Wenn erst einmal die Ölzufuhr gesichert ist, sind uns die Menschen im Nahen Osten egal. Ich glaube, das war die schlechteste außenpolitische Entscheidung der USA im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts.
SPIEGEL: Und Amerika will den Fehler jetzt wieder gutmachen?
Woolsey: Die Entscheidung aus dem Jahr 1991 verfolgt uns wie ein Gespenst. Menschen werden beim Regimewechsel im Irak sterben - viel mehr, als damals gestorben wären, wenn wir nur den Kurden und Schiiten beigestanden hätten oder wenigstens die Republikanische Garde am Angriff gehindert hätten. INTERVIEW: CAROLIN EMCKE,
GERHARD SPÖRL
* Am 14. Januar in Bagdad.
Von Emcke, Carolin, Spörl, Gerhard

DER SPIEGEL 4/2003
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