27.01.2003

LUFTFAHRTSurfer der Lüfte

Ein deutscher Zahnarzt stellt in Argentinien immer neue Weltrekorde im Segelfliegen auf - und hilft dadurch, gefährliche Turbulenzen besser vorherzusagen.
Der Tag, an dem der Hesse Klaus Ohlmann das Unmögliche schaffte, begann bereits um 3.30 Uhr am Dienstag vergangener Woche. Zusammen mit seinem Co-Piloten Karl Rabeder eilte der 50-jährige Zahnarzt zum nahe gelegenen Flugplatz im argentinischen San Martín de los Andes. Mit einem Motorsegler des Typs "Nimbus 4DM" flogen sie den Anden entgegen. In 1000 Meter Höhe klappten sie das Triebwerk ein.
Als die Männer nach 15 Stunden und 8 Minuten wieder auf ihrem Startflugplatz landeten, hatten sie einen neuen Weltrekord im Streckensegelflug vollbracht: 3008,8 Kilometer legten die Piloten im motorlosen Gleitflug zurück - was etwa dem halben Weg von Hamburg nach New York entspricht.
Mit dem betulichen Kreisen über deutschen Segelflugplätzen hat diese Rekordjagd wenig zu tun. Ohlmann gleicht eher einem Formel-1-Piloten, der mit Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 280 Stundenkilometern stur geradeaus an Gebirgskämmen entlanghämmert und dabei stetig an Höhe gewinnt. "Mit einer Cessna wäre das nicht möglich", sagt der Pilot.
Solche gewaltigen Strecken verdankt er der Windenergie. Ohlmann nutzt Luftmassen, die von den bis zu 7000 Meter hohen Anden nach oben abgelenkt werden, hinter dem Gebirge dann wieder mit hoher Geschwindigkeit herabstürzen und schließlich zwischen Erde und Himmel hin und her schwingen. Auf diese Weise entstehen Wellen aus Luft, die bei bestimmten atmosphärischen Bedingungen bis zu 25 Kilometer in die Höhe reichen.
Wie ein Surfer "reitet" der Wellenflieger auf diesen Windströmungen parallel zum Gebirgskamm auf der Wellenspitze, die ihn mit Geschwindigkeiten von bis zu 15 Metern pro Sekunde emporträgt. Zum Vergleich: Die schnellsten Aufzüge befördern ihre Passagiere gerade einmal mit zwölf Metern pro Sekunde nach oben.
Das aerodynamische Wellenreiten bietet noch einen weiteren Vorteil. Während sich konventionelle Thermikflieger wegen der begrenzten Sonneneinstrahlung höchstens acht bis elf Stunden in der Luft halten können, steht den Windseglern der ganze Tag zur Verfügung.
Erst im vorigen November stellte Ohlmann den bisherigen Rekord für Streckenflieger auf: 2624 Kilometer legte er über den Anden zurück; zwei Jahre zuvor schaffte er 2463 Kilometer. Nur ein halbes Dutzend Menschen weltweit haben überhaupt jemals mehr als 2000 Kilometer im Segelflug zurückgelegt.
Dafür geht Ohlmann auch ein hohes Risiko ein, denn die umgelenkten Luftmassen haben es in sich. So stürmisch wie sie aufwärts jagen, stürzen sie aus etwa zehn bis zwölf Kilometern auch plötzlich wieder in die Tiefe - und können dabei nicht nur den relativ leichten, aber robusten Kunststoffseglern, sondern sogar leistungsstarken Verkehrsflugzeugen gefährlich werden. Einer vierstrahligen DC-8 rissen solche Turbulenzen bei einem Flug über die Rocky Mountains 1992 ein Triebwerk und einen Teil der Tragfläche weg; der Pilot konnte die schwer lädierte Frachtmaschine gerade noch notlanden.
Doch solche Turbulenzen lassen sich umfliegen - falls der Pilot weiß, wo sie sich befinden. Ohlmann geht mit seiner "Nimbus" deshalb nicht nur auf Rekordjagd, sondern kartografiert gleichzeitig, an welchen Stellen solche rauen "Rotoren" umherwirbeln. Mit drei befreundeten Meteorologen und Piloten gründete er 1998 das "Mountain Wave Project" zur Erforschung dieser gefährlichen Turbulenzen.
"Mein Flugzeug gleicht bald einem fliegenden Datenlabor", sagt Ohlmann. Türmen sich die Wellenberge bei entsprechenden Windlagen auf, soll in Zukunft ein Blick auf die Karte reichen, um einen Bogen um die gigantischen Schlaglöcher in der Atmosphäre machen zu können. In den Alpen hat die Gruppe schon 27 Rotoren erfasst und analysiert.
Nötig ist die Forschung über die heimtückischen Windfallen allemal. Jedes Jahr verletzen sich durchschnittlich 58 Passagiere in Verkehrsflugzeugen beim plötzlichen Einflug in die unsichtbaren Turbulenzen; 1997 brach sich eine Frau sogar das Genick. Selbst am Boden sorgen die Gebirgswinde noch für Wirbel: Bei der Landung auf einigen alpennahen Airports wie Zürich, Innsbruck, Graz, Mailand oder Nizza schütteln Rotoren die mehrere Tonnen schweren Jets mitunter heftig durch - vor allem für die Piloten eine unangenehme Überraschung.
Wellenreiter Ohlmann hat an der Raserei am Berg inzwischen so viel Spaß gefunden, dass er seine Zahnarztpraxis in Stockstadt verkauft hat und sein Leben fortan in dem engen Liegecockpit seines Gleiters verbringen möchte. Bequem ist der Arbeitsplatz nicht: Bei minus 20 Grad in 8000 Meter Höhe muss Ohlmann unter der Sauerstoffmaske bis zu 14 Stunden ausharren; oft fliegt er mehrere Tage hintereinander solche Gewalttouren.
"Das ist wie mit einer schönen Frau", sagt der Rekordflieger. "Wenn es richtig läuft, kannst du noch so müde sein und bist doch putzmunter." PER HINRICHS
Von Per Hinrichs

DER SPIEGEL 5/2003
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