DER SPIEGEL



LICHTINDUSTRIE

Good-bye, Mister Edison

Von Kranewitter, Klaus

Winzige Leuchtdioden verdrängen die Glühbirnen: Der Lichtmarkt steckt vor einem ähnlichen Umbruch wie der Kameramarkt nach Einführung der Digitaltechnik.

Auf dem Dach der ehemaligen Solinger Glashütte weht eine schwarzweiße Totenkopfflagge: Von diesem denkmalgeschützten Stützpunkt aus wollen Harald und Rainer Opolka den Weltmarkt erobern, so wie der Freibeuter Klaus Störtebeker im 14. Jahrhundert die Weltmeere unsicher machte.

"Ihr seid ja völlig abgedreht", sagten die Nachbarn, als die Brüder ihre Flagge erstmals hissten. Und so ähnlich sahen das auch die etablierten Hersteller von Lampen und Leuchten.

Zunächst sagten die selbst ernannten Piraten den Produzenten von traditionellen Taschenlampen den Kampf an: Als eine der ersten Firmen schraubte Zweibrüder Optoelectronics keine Birnen mit Wolframfaden mehr in das Gehäuse, sondern stecknadelkopfgroße Leuchtdioden.

Inzwischen verkaufen die Solinger pro Monat 850 000 dieser Taschenlampen. In Deutschland haben sie nach eigenen Angaben die US-Firma Mag Instrument ("Mag-Lite") von der Spitzenposition verdrängt, die bisher ausschließlich traditionelle Lampen produziert. Aber auch die Amerikaner arbeiten fieberhaft, um Lampen der neuen Generation zu entwickeln.

Fachleute zweifeln nicht daran, dass die Licht emittierende Diode (LED) den Lichtmarkt ebenso verändern wird wie die Digitaltechnik den Kameramarkt. Und hier wie da haben manche der etablierten Firmen die neue Technik verschlafen.

Die Erfolgsstory der LED begann eher unscheinbar vor etwa 40 Jahren - als roter Leuchtfleck am Fernseher oder der Stereoanlage. Der zeigte an, ob das Gerät in Betrieb oder ausgeschaltet war.

Lange Zeit gelang es den Forschern nicht, Dioden auch blau oder weiß leuchten zu lassen. Erst 1993 schaffte es die bis dato unbekannte Firma Nichia, die erste blaue LED zu bauen. Ende der neunziger Jahre kamen dann weiße LED auf den Markt. Und heute frohlockt das New Yorker Magazin "Discover": "Good-bye, Mister Edison".

LED sind eine Art Halbleiter. In ihrem Innern kreisen Elektronen um Atome. Sobald Strom hindurchfließt, schleudert er für einen Moment die Elektronen auf ein höheres Energieniveau. Beim Zurückfallen geben sie einen Lichtblitz ab, die Diode leuchtet. Dieses Licht ist kalt: Während bei Glühbirnen 95 Prozent der investierten Energie als Wärme abgestrahlt werden, ist dieses Verhältnis bei LED praktisch umgekehrt.

Herkömmliche Glühbirnen brennen nach etwa 1000 Stunden durch, Leuchtdioden sollen bei geringerem Energieverbrauch 100-mal länger halten - immerhin elf Jahre. "Rein physikalisch" sieht Professor Joachim Wagner vom Fraunhofer Institut für Angewandte Festkörperphysik in Freiburg "für die Entwicklung von LED noch sehr viel Potenzial".

Entsprechend optimistisch sind die Prognosen von Marktforschern und Entwicklern: Trotz Wirtschaftskrise sagt das amerikanische Institut Strategies Unlimited dem Markt für LED in diesem Jahr ein Wachstum von 20 bis 30 Prozent voraus. Bis 2007 soll er ein Volumen von vier Milliarden Dollar erreicht haben. Der Hersteller Nichia rechnet gar mit einer Absatzsteigerung von 50 Prozent pro Jahr - und dies "auf viele Jahre hinaus". Der Verband für die Entwicklung der optoelektronischen Industrie in Washington D.C. hofft, dass bis 2025 der Stromverbrauch für Beleuchtung in den USA durch LED halbiert wird. Schätzungsweise sollen dann mehr als 100 Milliarden Dollar an Energiekosten und mehr als 200 Millionen Tonnen Kohlendioxid gespart werden.

Bevor die zum Teil recht abenteuerlichen Vorhersagen wahr werden können, haben die Ingenieure noch mit einem Problem zu kämpfen: Für ihre Lichtausbeute sind LED zu teuer. "Bei der allgemeinen Raumbeleuchtung ist diese Technik im Moment absolut nicht konkurrenzfähig", sagt Markus Rademacher von Osram. Wer die Leistung einer 20-Euro-Halogenlampe mit Leuchtdioden erreichen will, zahlt gut 200 Euro.

Ob Dioden schon in zwei oder erst in zehn Jahren preiswert genug sind, um auch die Wohnzimmer von Normalverdienern zu erhellen, darüber streiten sich die Fachleute noch. Bis es so weit ist, wird das Licht aus der Diode woanders eingebaut. Über die Hälfte der insgesamt 13 Milliarden LED, die laut Branchenverband World Semiconductor Trade Statistics jährlich verkauft werden, leuchten auf Werbetafeln oder in Autos, und da vor allem nur als Rück- und Bremslichter. Osram arbeitet aber an Frontscheinwerfern auf Basis weißer LED. Ein Drittel der Produktion steckt in den Displays von Handys, Hi-Fi-Anlagen oder Organizern.

Für den Fall, dass sich Mag-Lite beim Entwickeln einer LED-Lampe noch lange Zeit lässt, haben findige Bastler aus Amerika bereits Abhilfe geschaffen: Sie bieten ein Einbau-Set an, mit dem sich alte Mag-Lites auf Diodenbetrieb umrüsten lassen. KLAUS KRANEWITTER


DER SPIEGEL 6/2003
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