03.02.2003

TERRORDas Puzzle lag auf dem Tisch

Im Hamburger Terrorprozess mühen sich die deutschen Behörden, so wenig wie möglich über ihr frühzeitiges Wissen um die Attentäter preiszugeben. Aus gutem Grund: Sie müssten eine Geschichte vertaner Chancen erzählen.
Der Verfassungsschützer stellte sich, ganz Geheimdienstsitte, nicht mit seinem richtigen Namen vor. Sein Dienstname: Jürgen Lindweiler, Alter: 48, Beruf: Beamter. Auch sonst gab sich der vom Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) entsandte "instruierte Zeuge" im weltweit ersten Prozess um die Anschläge vom 11. September am vergangenen Mittwoch vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg wortkarg.
Auf die meisten Fragen antwortete der Geheimdienstler monoton: "Darüber habe ich keine Erkenntnisse." Der sichtlich genervte Vorsitzende Richter Albrecht Mentz unterbrach die Verhandlung und forderte den Geheimdienstler auf, telefonisch in Köln nachzufragen. Der kam mit einer fast schon beleidigenden Auskunft zurück: Das Gericht möge weitere Fragen bitte schriftlich beim Verfassungsschutz einreichen.
Der Auftritt des Agenten geriet trotz seiner Schmallippigkeit zur Premiere. Zum ersten Mal musste der Verfassungsschutz - zumindest im Groben - öffentlich einräumen, dass er wesentlich mehr über die Verschwörer des 11. September wusste, als er bislang zugeben mochte.
Kennt man die Details, wird daraus die Geschichte einer verpassten Chance: jener, die Terroranschläge in den USA zu verhindern.
Jetzt steht fest, dass die Verfassungsschützer teilweise von 1996 an reihenweise Telefonate von Unterstützern und Mitgliedern der Hamburger Qaida-Zelle, darunter sogar von Marwan al-Shehhi, der das Flugzeug in den Südturm des World Trade Center lenkte, abgehört hatten - und keine Ahnung davon bekamen, wen sie da belauschten und was sich da zusammenbraute.
Beobachter des amerikanischen Justizministeriums verfolgen jeden Zeugenauftritt deutscher Behörden mit besonderer Aufmerksamkeit. In den USA, wo sich monatelang ein Untersuchungsausschuss des Kongresses mit den groben Versäumnissen von CIA und FBI beschäftigte, möchte man den Deutschen zumindest einen Teil der Verantwortung zuschieben. Die Rolle des Verfassungsschutzes sei heikel genug, stichelte die "New York Times", um "die Frage aufzuwerfen, ob die Deutschen die Chance verpasst haben, die Terrorzelle zu stoppen".
Die Amerikaner wissen schon lange, dass es jenen schmalen, lindgrünen Hefter in den Archiven der deutschen Behörden gibt, in dem der Verfassungsschutz seine Erkenntnisse zu der Hamburger al-Qaida-Szene abgelegt hat. In ihrem Visier war mit Mohammed Haydar Zammar ausgerechnet jener Mann, der später gestand, die Todespiloten für Bin Ladens al-Qaida rekrutiert zu haben. Angesichts seiner 140 Kilogramm nannten die Beamten die Ausspähung ironisch "Operation Zartheit".
Der dicke Zammar wurde damals abgehört - und auch seine neueren Erzählungen sind bekannt. Am vergangenen Freitag entschieden die Richter, Sperrerklärungen von Bundeskanzleramt und Innenministerium nicht akzeptieren zu wollen, mit denen die Bundesregierung verhindern will, ihr vorliegende Aussagen Zammars preiszugeben. In syrischer Haft plaudert Zammar seit Monaten über seine engen Kontakte zu den Hamburger Terroristen, bei denen häufig Lauscher der Geheimdienste mithörten.
Wie etwa am 17. Februar 1999, ein eisiger Aschermittwoch, den die meisten Hamburger zu Hause verbrachten. Die Kinder der Familie Zammar waren schon im Bett, als die Aufnahmegeräte des Verfassungsschutzes um exakt 20.48 Uhr folgendes Telefonat aufzeichneten: Der Vater und die Ehefrau waren in Sorge um den bekennenden Bin-Laden-Verehrer Mohammed Haydar Zammar, der trotz Glatteis und Schneetreiben unterwegs war. Schließlich nannten die ratlosen Verwandten offen jene geheimnisvollen Leute, mit denen Zammar häufig verkehrte und die offenbar mehr über ihn wussten als sie selbst.
Vater Zammar: "Ich rufe die Leute jetzt an. Wie heißen die Leute?"
Frau Zammar: "Ich weiß es nicht. Einer heißt Said. Einer heißt Mohammed Amir."
Vater Zammar: "Einer heißt Omar."
Frau Zammar: "Mounir."
"Die Leute" waren in Hamburg zu erreichen, ihre Nummer war bei Familie Zammar im Telefonbuch eingetragen. Frau Zammar suchte sie raus, sie lautete: 76 75 18 30. Der Vater notierte sie. Aber auch der Auswerter des Bundesamts für Verfassungsschutz.
Das Gespräch wurde in der Kölner Behörde ausgewertet. Den Lauschern erschien es banal. Nicht einmal abgetippt wurde es, sondern lediglich in einem knappen, blutrot mit "GEHEIM" gestempelten Vierzeiler zusammengefasst und zu den Akten genommen. Bloß die genannte Nummer überprüften die Beamten. Sie führte den Nachrichtendienst zu einem Bahaji, Said. Der Hamburger Verfassungsschutz, um Beistand gebeten, kabelte nach Köln, dass der Anschluss gemeldet sei für eine Wohnung in Hamburg-Harburg, Marienstraße 54.
Sie waren so früh so nah dran. Oder zu früh?
Am Tag nach dem 11. September 2001 wurden die Originalaufnahmen beim Verfassungsschutz rausgesucht und erneut abgehört. Einmal. Zweimal. Dreimal. Es war ein Alptraum: Irgendetwas war damals fürchterlich schief gegangen.
Als sie das Gespräch im Detail durchgingen, begriffen die Kölner Verfassungsschützer, dass sie das Telefonat direkt in die Terroristen-WG in der Marienstraße geführt hätte, in jenes mittlerweile weltberühmte Drei-Zimmer-Apartment im ersten Obergeschoss eines unscheinbaren Nachkriegsbaus.
Es war die Hamburger Terrorzelle, deren Mitglieder da aufgezählt wurden: "Mohammed Amir", auch Atta genannt, der Anführer. "Omar", das ist wohl Ramzi Binalshibh, der mittlerweile von den Amerikanern festgenommene Cheflogistiker der Anschläge. "Mounir", das ist Motassadeq, der nun in Hamburg als Helfer vor Gericht steht. Und Said Bahaji ist einer der weltweit meistgesuchten Männer - ein "Hamburger Statthalter" der Qaida-Zelle, wie die Bundesanwaltschaft sagt.
Aber wer hat damals, 1999, schon mit al-Qaida gerechnet?
Die Verfassungsschützer hörten die Namen, bekamen quasi das Telefonbuch des Terrorismus frei Haus geliefert, identifizierten sogar Said Bahaji und Mounir al-Motassadeq - aber sie konnten nichts damit anfangen. Sie konnten die auf dem Tisch liegenden Puzzlestücke des spektakulärsten Terroranschlags der Geschichte, dessen Vorbereitung gerade begonnen hatte, nicht zusammensetzen.
Die Kette aus Pannen und Pech riss nicht ab: Immer wieder gab es Situationen, die - bei entsprechender Aufmerksamkeit - die Fahnder zu den Terroristen hätten führen können. Doch mal wurden Reisebewegungen nicht ordentlich gemeldet, mal Anfragen zur Identifizierung von Personen nicht beantwortet. Darüber hinaus hatten die Geheimdienste, deutsche wie amerikanische, in Hamburg nicht die eigentlichen Terroristen, sondern zwei andere Bin-Laden-Anhänger im Visier, die zwar beide vielfältige Kontakte zu dem Terrorkommando pflegten, ihm aber nicht angehörten.
Die Amerikaner konzentrierten sich auf den stets gutbürgerlich-westlich gekleideten syrischen Kaufmann namens Mamoun Darkazanli, den sie verdächtigten, für Bin Laden Gelder zu transferieren. Die Deutschen hielten sich an einen bärtigen Kaftanträger, der in seiner Freizeit gern eigenhändig Bin-Laden-Kriegserklärungen vervielfältigte - "Bruder Haydar", wie Mohammed Haydar Zammar in Hamburg genannt wurde.
Die Überwachung Zammars war ein Vorgang unter vielen, Alltag im Geschäft der Geheimdienste. Schon 1996 erhielt die Kölner Behörde von einem ausländischen Partnerdienst einen Hinweis auf Zammar. Zunächst versuchte der Verfassungsschutz, ihn als V-Mann zu gewinnen. Doch Zammar winkte ab: Er arbeite für den Dschihad, nicht für den Verfassungsschutz. Bereits 1991 sei er in einem Mudschahidin-Lager an Waffen und Sprengstoff ausgebildet worden und habe Bin Laden höchstpersönlich kennen gelernt - sei aber leider für al-Qaida nicht für würdig befunden worden.
Solche missionarischen Eiferer galten zu dieser Zeit nicht als sonderlich gefährlich. Der Verfassungsschutz verließ sich auf die Theorie, dass ausländische Extremisten in Deutschland keine Anschläge begehen oder auch nur vorbereiten. Man spuckt nicht in die Suppe, die man isst, heißt es in einem arabischen Sprichwort. Daran glaubten auch die Sicherheitsbehörden.
Nur so ist zu erklären, dass Zammar, als er 1997 in Hamburg umzog und sein Telefon abmeldete, einstweilen aus dem Blickfeld geriet.
Nur wenige Tage nach der Explosion zweier Autobomben vor den US-amerikanischen Botschaften in Tansania und Kenia im August 1998 fiel die CIA in Hamburg ein. Den mit vielen Thesen und wenig Beweisen ausgestatteten Amerikanern reichten die deutschen Bemühungen um Darkazanli bei weitem nicht aus, sie forderten mehr Druck. Die Situation eskalierte derart, dass Staatsschützer die forschen Jungs von der CIA warnten: Spionage auf eigene Faust sei strafbar.
Die Deutschen reagierten auf die Kritik mit einem Sowohl-als-auch. Einerseits lehnte die Generalbundesanwaltschaft ein vom Bundeskriminalamt gewolltes groß angelegtes Ermittlungsverfahren gegen die Deutschland-Filiale von al-Qaida mit Verweis auf die unzureichende Verdachtslage ab (SPIEGEL 44/2001). Solange die Bin-Laden-Getreuen nicht gegen deutsche Paragrafen verstießen, sei nichts zu machen.
Andererseits überwachte der Verfassungsschutz den Kaufmann Darkazanli nun intensiv und stieß dabei auf einen alten Bekannten, der zu diesem Zeitpunkt schon engen Kontakt mit den Todespiloten hielt: Zammar. Zwei weitere Personen, die es später zu traurigem Weltruhm brachten, identifizierte der Verfassungsschutz und schrieb sie zur Grenzfahndung aus, so dass jede Aus- und Einreise umgehend gemeldet wurde: Motassadeq und Bahaji.
Dabei gab es die nächste Panne, als Motassadeq tatsächlich nach Afghanistan reiste, um sich in Terrorcamps Bin Ladens ausbilden zu lassen.
Vielleicht wäre die Geschichte anders verlaufen, wenn ein Polizeiobermeister des Bundesgrenzschutzes am Vormittag des 22. Mai 2000 mehr als nur Dienst nach Vorschrift verrichtet hätte. An jenem Montagmorgen flog der Marokkaner Motassadeq von Hamburg über Istanbul nach Karatschi (Pakistan), dem Schleusungspunkt von al-Qaida. Aber der Beamte meldete lediglich, Motassadeq sei um 11.45 Uhr Richtung Istanbul gereist. In Köln wurde die Depesche folgenlos abgeheftet.
Bahaji war der Einzige aus der Hamburger Zelle, der offenbar nicht reiste - er bereitete den Todespiloten in Deutschland den Weg. Und ohne Reisemeldungen blieb
er für den Verfassungsschutz lediglich eine von vielen Kontaktpersonen Zammars, die nach dem Gesetz gar nicht weitergehend überwacht werden darf. Das Interesse an ihm erlosch.
Die letzte Chance wurde vertan, als es nicht gelang, den Todespiloten Marwan al-Shehhi als engen Kontaktmann Zammars zu identifizieren - was aber den Deutschen nicht anzulasten ist. Zammar wurde häufiger von einem Mann angerufen, der einen in den Vereinigten Arabischen Emiraten zugelassenen Anschluss benutzte. Der Verfassungsschutz erfasste die Gespräche und bat die Emirate um Identifizierung der Nummer und des Anrufers. Aber die Anfrage wurde nicht beantwortet, Marwan al-Shehhi nicht identifiziert.
Deshalb war niemand in der Lage, die Bedeutung zu erkennen, wenn Zammar mit Männern telefonierte, die die Vornamen Marwan und Said trugen - es handelte sich um den Terroristen und seinen Logistiker. Als sich Zammar am Morgen des 21. September 1999 um 8.33 Uhr bei Bahaji meldete, ging zunächst Marwan al-Shehhi ans Telefon.
Marwan: "Vergiss uns nicht in deinem Gebet."
Zammar: "Du auch ... grüß die anderen Brüder ganz herzlich."
Marwan: "Einen Moment, Said will mit dir reden."
Said: "Salam aleikum, Bruder. Es ist schön, deine Stimme zu hören."
Zammar: "Wo bist du, Mensch? Ich habe dich lange nicht gesehen. Ich war bei euch in Harburg und habe die Brüder besucht. Ich habe sogar bei ihnen übernachtet. Dich habe ich aber nicht gesehen."
Mit dem Auftrag "Grüß mir Mohammed Amir und die anderen Brüder" verabschiedete sich Zammar schließlich.
"Wenn wir damals verstanden hätten, dass es um eine feste Gruppe ging, hätten wir anders gehandelt", sagt ein Insider heute. "Es fehlte einfach Glück."
DOMINIK CZIESCHE,
GEORG MASCOLO, HOLGER STARK
* In Hamburg-Harburg.
Von Dominik Cziesche, Georg Mascolo und Holger Stark

DER SPIEGEL 6/2003
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