Von Hüetlin, Thomas
Von jenem Platz, wo heute die Türme der Macht in die Welt hinaus strahlen, bis zu jenem Ort, wo sich vor eineinhalb Jahrhunderten die Hölle auftat, sind es nur ein paar hundert Meter.
"Five Points" war der Name dieses Viertels auf der Lower East Side Manhattans. Es hieße, das Elend schönzureden, jene Ansammlung von Baracken, die einander stützten wie eine Bande von Betrunkenen, einen Slum zu nennen.
Sogar einem Experten für finsterste Armut, dem Romanautor Charles Dickens, wurde übel, als er einmal eine Inspektionsreise durch die Five Points unternahm. "Wo Hunde heulen könnten", schrieb Dickens, "stehlen sich Frauen, Männer und Jungs in den Schlaf und vertreiben dabei die Ratten von ihren Plätzen."
Was die Five Points unerträglich machte, waren weniger die Baufälligkeit, der Dreck, der Gestank, die Enge und die Ratten - es war die Willkürherrschaft mordender Banden. Dank dieses einzig wirklich blühenden Gewerbes in Lower Manhattan konnte sich dort unten niemand seines Lebens sicher sein. Manchmal kam der Tod schnell wie ein niedersausendes Schlachtermesser; oft schneller, als ein Bier austrinken zu können.
Es gab keine Gesetze in den Five Points. Hier, unter den sozial Schwächsten, zählte allein das Recht des Stärkeren. Die Five Points waren kein Stadtviertel, sondern der damals größte Abfallhaufen des Planeten. So übel stank dieser Ort, dass sich die Historiker förmlich die Nasen zuhalten, wenn sie von den Zuständen im vermeintlichen Land der Freien und Tapferen berichten.
Kaum jemand wollte etwas von dem schmutzigen urbanen Schöpfungsmythos wissen, den der Schriftsteller Herbert Asbury in seinem 1928 geschriebenen Roman über die Five Points festhielt - bis vor 30 Jahren das Hollywood-Wunderkind Martin Scorsese auf den Stoff stieß. 30 Jahre lang wurde gestritten über Budgets und den Sex-Appeal von Schauspielern. In diesen 30 Jahren wurde aus dem Wunderkind ein Grandseigneur mit grauen Schläfen.
So ist schon die Entstehungsgeschichte von "Gangs of New York" großes Kino - weil bei diesem gewaltigen Vorhaben gewaltige Egos drauf und dran waren, sich gegenseitig zu zerstören. Bei Sitzungen zwischen Scorsese und dem Produzenten Harvey Weinstein flogen Handys durch splitternde Fensterscheiben; eine Probevorführung dauerte 3 Stunden und 40 Minuten, und niemand begriff sie; der Film galt als gigantische Ruine - ein Desaster, das 120 Millionen Dollar gekostet hatte.
Ein Abenteuer, für das Scorsese schließlich noch vier Millionen Dollar von seinem Privatkonto räumte, um die Sache überhaupt zu einem Ende zu bringen. "Ich war besessen", sagt der Regisseur, "ich brauche jetzt eine neue Arbeit. Schließlich habe ich eine Frau und eine Tochter. Und beide erwarten, dass ich etwas zu essen auf den Tisch stelle."
Kann sein, dass Scorsese, den sie in den USA den "besten lebenden Regisseur Amerikas" nennen, Recht hat und dass mit dem knapp drei Stunden langen Opus "Gangs of New York" ein großes Geschäft nicht zu machen sein wird. Mit bislang 63 Millionen Dollar Einspielergebnis in den USA schafft es der Film sicher nicht in die "Titanic"-Liga.
Auch die Kritiker, sonst oft die rettende Kavallerie in Scorseses wechselvoller Karriere, halten sich mit Lob zurück. "Der Film ist seltsam und verpfuscht", urteilt der "New Yorker". Das Magazin "Time" beerdigt mit "Gangs" gleich das ganze Genre. "Vielleicht hat jemand vergessen, Martin Scorsese zu sagen, dass der amerikanische epische Film eine tote Form ist."
In der Tat ist Scorseses Saga über die Entstehung des Schmelztiegels Amerika wenig dazu angetan, mehr von jenem süßlich-selbstgerechten Patriotismus zu versprühen, der derzeit im Bush-Amerika den Zeitgeist vernebelt.
In "Gangs of New York" bekriegen sich die Stämme der Einwanderer, kämpfen die vermeintlichen "Natives" - weiße, protestantische Angelsachsen - mit Messern und Metzgerkeilen gegen nur wenig später eingetroffene Iren. Die Anarchie in Lower Manhattan wird nur notdürftig kaschiert von korrupten Politikern, Polizisten und einer Oberklasse, die nur wenige Meilen landaufwärts in Prunkbauten sitzt und dank Rechtlosigkeit und Chaos riesige Vermögen anhäuft.
Scorsese inszeniert den Zynismus der Herrschenden voller Lakonie. Tote in den Five Points werden wochenlang auf der Straße liegen gelassen; zur Disziplinierung der Massen lassen die Mächtigen gelegentlich vier bis fünf Unschuldige am Galgen aufknüpfen - Politik reduziert sich auf den Grundsatz des Establishments, die eine Hälfte der Armen sei immerhin gut dazu, "die andere Hälfte umzubringen".
Vor Scorseses nüchterner Gesellschaftsikonografie ist nicht einmal das Allerheiligste sicher, die spätestens seit dem 11. September 2001 unantastbare Feuerwehr. Statt Brände zu löschen, prügeln sich die rivalisierenden Einheiten vor den lodernden Häusern, stets auf der Lauer, eine Uhr oder einen Kochtopf mitgehen zu lassen. Jeder, so die Botschaft des Regisseurs, war im Manhattan des 19. Jahrhunderts ein Gauner - auch die Repräsentanten der Macht samt ihren Uniformen.
Der Pursuit of Happiness, das verfassungsmäßig verbriefte Recht des Amerikaners, sein Glück anzustreben, heißt hier vor allem: "Nimm dir das Glück, auch wenn es das Unglück des anderen ist." Die Geburt Amerikas aus der Unmoral.
In diesem düsteren Sittengemälde leuchten allein jene, die den rücksichtslosen Wettbewerb nicht aus tiefer, zynischer Überzeugung betreiben, sondern aus einer Art naivem Existenzialismus - jene kleinen Strolche und großen Ganoven, deren Way of Life und Schicksal Scorseses Interesse Zeit seiner Karriere gegolten hat. Wie in seinen Filmen "Mean Streets" (1973), "Taxi Driver" (1976), "Good Fellas" (1990) und "Casino"(1995) verhilft er den Unterweltlern zu einem grandiosen Auftritt, schenkt er Charakteren, die im normalen Hollywood-Kino nicht zu Helden taugen, Leidenschaft, rauen Straßenwitz und großen lumpenhaften Glamour.
Das Drama um Loyalität, Verrat, Ehre, Zuneigung und Rache entflammt nach einer blutigen Straßenschlacht. Der lang aufgeschossene Anführer der Natives, ein Mann namens Bill the Butcher (Daniel Day-Lewis), ersticht den Chef der irischen Gang, einen Priester namens Vallon (Liam Neeson), wobei Vallons Sohn Amsterdam (Leonardo DiCaprio) von einer fernen Treppe aus tatenlos zusehen muss.
Nach der Schulzeit in einer Besserungsanstalt kehrt Amsterdam in die Five Points zurück - mit dem Ziel, seinen Vater zu rächen. Was immer der Junge gelernt haben mag, auf jeden Fall scheinen die Klassiker der Racheliteratur dabei gewesen zu sein: Er hat nicht vor, den Mörder des Vaters irgendwie um die Ecke zu bringen - er will dessen Hinrichtung inszenieren. "Wenn du einen König umbringst", sagt Amsterdam, "dann erstichst du ihn nicht im Dunkeln. Du tötest ihn so, dass sein ganzer Hofstaat ihm beim Sterben zusehen kann."
Doch so einfach ist das nicht. Je näher Amsterdam Bill kommt, desto faszinierter ist er von ihm, so dass Hass und Bewunderung miteinander ringen. Bill tritt in den schmutzigen Straßen auf wie ein Dandy des Bösen, stolziert in Gehrock und grell karierten Hosen durch Opiumhöhlen, Zirkusbaracken und Hurenhäuser; ein Charismatiker der Gosse, dessen Geschäft der Terror ist, den er mit klingenblitzender Kampffertigkeit und sardonischer Reflektiertheit betreibt.
Politiker und bessere Kreise umwerben Bill. Aber der Krieger, der im Kampf die Zerstörung des Gegners sucht und die eigene in Kauf nimmt, hat nur Verachtung übrig für die Geldsäcke, die ihn zum Handlanger ihres Unterdrückungssystems machen wollen. Bill zieht dem Taktieren in warmen Hinterzimmern die Freiheit der Straße, dem faulen Frieden den immer währenden Krieg vor.
Der brutale Verbrecher Bill hat keine Sympathie für den sich formenden modernen amerikanischen Staat - für eine Institution, die gleiche Rechte für alle propagiert, aber die Söhne der Armen auf den Schlachtfeldern des Bürgerkriegs opfert, während sie den Söhnen der Reichen gestattet, sich für 300 Dollar vom allgemeinen Wehrdienst freizukaufen. Eine Tradition, welche die Privilegierten der USA in veränderter Form in die Neuzeit gerettet haben: So flog George W. Bush Ende der sechziger Jahre für die Air National Guard am Himmel von Texas herum, während junge Männer mit weniger guten Beziehungen im Dschungel von Vietnam starben.
Es ist dieses uramerikanische Misstrauen gegenüber dem Staat, das Bill und Scorsese teilen. Bill aber hasst die Einwanderer; für Scorsese dagegen sind sie das Salz der neuen Erde, das Element, das Amerika erst seinen Zauber verleiht - weil es den verschiedenen Stämmen die Möglichkeit gibt, miteinander zu wachsen und sich selbst neu zu erfinden. Protagonist dieser Hoffnung ist Amsterdam - der leider ein wenig blass bleibt, weil Scorsese den tragischen Schurken im Zweifelsfall mehr liebt als den vermeintlichen Helden.
Dabei war der New Yorker Scorsese als Heranwachsender genau der Gegentyp zum starken Bill. Klein, von Asthma geplagt, saß er die meiste Zeit allein am Fenster des winzigen Apartments seiner Eltern und beobachtete das Treiben auf der Elizabeth Street in Little Italy. Scorseses Großeltern sprachen ausschließlich Italienisch; sein Vater Charlie hatte einen Job als Schneider, die Mutter als Näherin, es gab kaum Bücher im Haus. Das Viertel wurde beherrscht von Priestern und Gangstern.
Marty, wie sie ihn nannten, wollte Priester werden. Aber hingezogen fühlte er sich zu den Gangstern. "Das Leben im organisierten Verbrechen war sehr attraktiv", erzählt Scorsese. In seiner Werteskala stand ein Job in der Mafia weit über dem Amt des Präsidenten der USA. "Weil man tun kann, was man will", sagt Scorsese, "die Möglichkeiten sind schier endlos. Allerdings dauert der Vergnügungszyklus dieser Leute normalerweise acht oder neun Jahre, zehn Jahre höchstens, dann werden sie entweder umgebracht oder müssen ins Gefängnis."
Derart begrenzte Karriereaussichten sorgten dafür, dass Marty viele Nachmittage im Kino verbrachte und sich Anfang der sechziger Jahre als Filmstudent an der New York University wiederfand. Bis dorthin waren es nur ein paar Blocks, und doch war die Universität eine ganze Weltreise von der fast mittelalterlichen Sizilianerwelt der Elizabeth Street entfernt.
Für die Professoren war das konventionelle Hollywood-Kino der Feind; wer als Student Gewalt oder Waffen in seinen Übungsfilmen vorkommen ließ, stand unter Verdacht, die armseligsten Kinoklischees zu bedienen. Scorsese fühlte sich in der Mittelstandswelt der Universität fremd: "Als ich in der Lower East Side aufwuchs, gab es kaum einen Tag, wo jemand nicht mit einer Knarre rumfuchtelte", sagt er. "Das war mir in Fleisch und Blut übergegangen."
Mit "Mean Streets" ("Hexenkessel") fand Scorsese zu seinem Stil. Er zeigt die beiden Ganoven Charlie (Harvey Keitel) und Johnny Boy (Robert De Niro) bei ihren kleinen Hehlereien im Milieu von Little Italy, die Beichten in der Kirche, die vergeudeten Abende in der Stripshow, welche er mit hyperrealen Kamera- und Rockmusiküberblendungen bricht. Scorsese hatte seine Sprache und seine Helden gefunden: Außenseiter, die durch die Großstadt driften; Männer, die unter ihrer Isolation leiden und nach einem Auftritt suchen; Getriebene, die sich nach Frauen sehnen und doch nicht viel mit ihnen anzufangen wissen.
Typen, für die Gewalt eine Normalität darstellt und die irgendwann von ihr verschlungen werden. Figuren wie Travis
Bickle, der Vietnam-Veteran, der als "Taxi Driver" durch Manhattan gleitet. Verlorene und Machtsucher wie der Boxer Jake La Motta in "Wie ein wilder Stier", der Mobster Henry Hill in "Good Fellas" oder der Spielhallenbesitzer Ace Rothstein in "Casino". Wandelnde Pulverfässer, die Scorsese mit Empathie und unerbittlicher Genauigkeit verfolgt - bis sie explodieren.
Das ganz große Publikum konnte er mit derart abgründigen Dramen nie erobern, und auch das Vertrauen der großen Studios in Hollywood nicht.
So musste er ertragen, dass ein Studioboss während der ersten Aufführung von "Mean Streets" nach zehn Minuten aufsprang und schrie: "Machen Sie das Licht an, ich bin nicht interessiert!" Er musste aushalten, dass ein anderer plante, seinen Film "Taxi Driver" in die Autokinos der Südstaaten zu entsorgen. Er drehte nicht durch, als jemand bei seinem Schwarz-Weiß-Meisterwerk "Wie ein wilder Stier" murmelte: "Warum ist das eigentlich alles nicht in Farbe?" Und er lächelt bis heute, wenn ihn jemand fragt, warum der beste lebende Kinoregisseur Amerikas zwar viermal für den Oscar nominiert war und ihn doch noch nie bekommen hat. All that Jazz.
Es gab Zeiten, in denen Scorsese nur mit Valium zu Besprechungen antrat. Oder sich mit weißen Handschuhen auf den Set begab, weil er sich sonst die Fingernägel abgebissen hätte. Manchmal musste seine Wut trotzdem raus. So berichtet Scorseses Frau von einem Telefonat zwischen ihrem Mann und Jonathan Taplin, seinem Produzenten: "Marty riss mir den Hörer aus der Hand und schrie ihn an. Er geriet dermaßen in Rage, dass er das Telefon auf den Boden pfefferte, wo es in Stücke zersprang. Er stürmte aus der Wohnung, fuhr mit dem Aufzug nach unten, lief zur Telefonzelle auf der anderen Straßenseite, warf ein Zehn-Cent-Stück in den Apparat und schrie Taplin weiter an."
Wie den Helden seiner Filme ging es auch dem Filmemacher Scorsese stets um alles oder nichts. Er selbst hat seine Arbeitsweise in den frühen Jahren mal "Kamikaze-Filmmaking" genannt. Stets plagte ihn die Paranoia, dass der Film, an dem er gerade arbeitete, sein letzter sein werde - ganz bestimmt. "Ich hatte immer das Bild vor Augen, wie ich die Nase gerade noch über Wasser halte und die Wellen auf mich zurollen, um mich endgültig absaufen zu lassen", hat er einmal einem Journalisten erzählt.
"Diesmal war es schlimmer", berichtet er nun, "bei ,Gangs of New York'' fühlte es sich so an, als würde ein Zug hinter mir herfahren, ich kam nicht vom Gleis herunter und musste immer schneller laufen."
Das Paradox ist, dass diese Ängste - die er mit fünf Ehefrauen und diversen Psychiatern durchlitt - es ihm ermöglicht haben, nicht nur beruflich zu überleben, sondern auch an den hohen Standards, die er sich gesetzt hat, festzuhalten.
Es ging nicht anders. Denn "Gangs of New York" ist Scorseses Opus magnum, sein mitreißendes Meister- und Lebenswerk, sein Beitrag zu Amerikas Schöpfungsgeschichte, wie er Francis Ford Coppola mit dem "Paten", Michael Cimino mit "Heaven''s Gate" und Sergio Leone mit "Es war einmal in Amerika" gelang.
Doch die Amerikaner mögen den Film nicht wirklich, auch wenn Scorsese den "Golden Globe" dafür bekommen hat. Diese große Oper über Mobster und Banden, über Gewalt und Leidenschaft, über den Kampf jeder gegen jeden erzählt von Amerikas Verdammtsein zur Action - selbst wenn Action Risiko und Tod bedeutet. In "Gangs of New York" schneiden die Sieger den Verlierern Nasen und Ohren ab als Trophäen. "In Vietnam", sagt Scorsese, "bastelten sich die Soldaten Halsketten aus den Ohren ihrer toten Feinde." Es sei schwer, die wölfische Natur des Menschen zu überwinden, meint Scorsese. Ob gerade Flugzeugträger oder Blauhelmtruppen dazu im Stande sind? Er zuckt mit den Schultern.
Und dann erzählt der Mann, der einst Priester werden wollte, eine kleine Geschichte. Als sie sich damals in Little Italy immer furchtbar prügelten mit den Gangs der Puertoricaner, habe sich alles nur um Kampf, Kampf, Kampf gedreht. Aber dann habe sich sein Cousin in eine Puertoricanerin verliebt. Die beiden heirateten. Zuerst gab es Ärger, aber dann entdeckten die anderen, dass es noch mehr hübsche Mädchen gab auf der Feindesseite. "Im Grunde", sagt Scorsese, "waren es die Frauen, die uns zivilisiert haben."
DER SPIEGEL 6/2003
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